Zum E-Paper
Drohende Baustoff-Krise? 07.09.2026, 12:30 Uhr

Kohleausstieg trifft den Trockenbau: Woher kommt künftig der Gips?

Gips ist aus dem modernen Bauen kaum wegzudenken. Doch ausgerechnet der Kohleausstieg bringt seine Rohstoffversorgung unter Druck. Eine wichtige Gipsquelle verschwindet, während Recycling noch nicht genügend Material liefert.

Ein Steinbruch, in dem Gips abgebaut wird.

Gipsabbau im heimischen Steinbruch: Die Flächen werden bereits während und nach der Gewinnung zu neuen Lebensräumen entwickelt.

Foto: Saint-Gobain Rigips

Gips ist auf Baustellen allgegenwärtig und fällt trotzdem kaum auf. Als Gipsplatte in der Trockenbauwand, als Putz, Estrich oder Bestandteil von Brandschutzkonstruktionen gehört er zu den etablierten Baustoffen. Doch eine wichtige Quelle für Gips fällt künftig weg: die Kohleverstromung.

Darauf macht der Bundesverband der Gipsindustrie anlässlich des gestrigen Tags des Gipses aufmerksam. Nach Angaben des Verbands verarbeitet die deutsche Gipsindustrie jährlich rund 6 Mio. t verschiedener Gipsrohstoffe. Dazu gehören Naturgips, REA-Gips und Recyclinggips.

REA-Gips fällt mit dem Kohleausstieg weg

Ein erheblicher Teil des bisher eingesetzten Gipses stammt aus Rauchgasentschwefelungsanlagen von Kohlekraftwerken. Der dabei entstehende REA-Gips wird als Rohstoff in der Gipsindustrie eingesetzt. Nach Angaben des Bundesverbands deckt er derzeit etwa die Hälfte des deutschen Gipsbedarfs.

Wie groß die Bedeutung dieser Quelle ist, zeigt eine Studie der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). Sie warnt vor einer drohenden Lücke in der deutschen Gipsversorgung. 2023 wurden demnach rund 3,4 Mio. t REA-Gips in Kohlekraftwerken erzeugt. Gleichzeitig wurden etwa 4,7 Mio. t Gips- und Anhydritstein gewonnen.

Versorgungslücke wächst bis 2045

Nach dem Kohleverstromungsbeendigungsgesetz soll das letzte Kraftwerk spätestens Ende 2038 vom Netz gehen. Eine 2025 im Auftrag des Bundesverbands erstellte Rohstoffstudie des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung hat die Folgen verschiedener Ausstiegsjahre untersucht. Demnach könnte das REA-Gips-Angebot von rund 2,9 Mio. t im Jahr 2030 auf nur noch 0,2 Mio. t im Jahr 2045 sinken. Ein späterer Ausstieg würde das Problem langfristig kaum verändern.

Lesen Sie auch: Neue Studie zu Trockenbauelementen

Für die Bauwirtschaft bedeutet das, dass andere Gipsquellen an Bedeutung gewinnen müssen. Eine Möglichkeit ist der verstärkte Abbau von Naturgips.

Naturgips könnte den Engpass verhindern

Deutschland verfügt über entsprechende Vorkommen. Ihre Nutzung ist allerdings nicht allein eine Frage der vorhandenen Lagerstätten. Gipsabbau konkurriert mit anderen Flächennutzungen und muss unter anderem Belange des Natur- und Landschaftsschutzes berücksichtigen.

Die BGR weist darauf hin, dass deshalb nicht alle geologisch vorhandenen Vorkommen tatsächlich wirtschaftlich und rechtlich genutzt werden können. Hinzu kommen langwierige Genehmigungsverfahren für neue Abbauvorhaben.

Ein Gips-Stein auf einer Wiese.
Aktuell gibt es keinen Baustoff, der die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von Gips technisch, wirtschaftlich und ökologisch vollständig ersetzen kann. Foto: Saint-Gobain Rigips

Der Bundesverband verweist auf Rekultivierungs- und Renaturierungsmaßnahmen, mit denen Abbauflächen schrittweise wiederhergestellt werden sollen. Trotzdem bleibt der Naturgipsabbau ein Konfliktfeld. Gleichzeitig lässt sich der Bedarf kurzfristig weder allein mit Naturgips noch mit Recycling decken.

Recyclinggips gewinnt an Bedeutung

Gips lässt sich grundsätzlich wieder in den Produktionskreislauf zurückführen. Aus gebrauchten Gipsprodukten kann Recyclinggips gewonnen und für die Herstellung neuer Gipsbaustoffe eingesetzt werden.

Nach Angaben des Umweltbundesamtes (UBA) fielen 2022 rund 640.000 t Bauabfälle auf Gipsbasis an. Rund 380.000 t wurden anderweitig verwertet, etwa 260.000 t und damit 40,6 % landeten auf Deponien. Das UBA sieht beim hochwertigen Recycling von Gips noch erhebliches Potenzial.

Lesen Sie auch: Kommt Bauschutt-Recycling mit Hilfe von KI endlich in die Gänge?

Entscheidend ist dabei bereits der Rückbau. Für eine hochwertige Wiederverwertung müssen gipshaltige Baustoffe möglichst sauber von anderen Materialien getrennt werden. Gips im gemischten Bauschutt kann problematisch sein, weil die enthaltenen Sulfate die Eigenschaften anderer Recyclingbaustoffe beeinflussen können.

Eine getrennte Erfassung beim Rückbau erleichtert deshalb die spätere Aufbereitung. Aus dem Abbruchmaterial kann so ein Sekundärrohstoff für neue Gipsprodukte werden.

Noch reicht das Recycling nicht

Der Bundesverband beziffert das Recyclingaufkommen für 2024 auf rund 128.500 t Recyclinggips aus etwa 578.600 t statistisch erfassten Gipsabfällen. Das entspricht 22,18 %. Das wirtschaftlich nutzbare Recyclingpotenzial schätzt der Verband auf 300.000 bis 400.000 t.

Die Zahlen des UBA und des Verbands sind nicht unmittelbar vergleichbar, da sie unterschiedliche Zeiträume und Abfallmengen erfassen. Beide zeigen aber, dass ein erheblicher Teil des Gipses bislang nicht wieder als Rohstoff in den Produktionskreislauf gelangt.

Eine Gips-Recyclinganlage.
Blick in eine Gips-Recyclinganlage. Die Mengen steigen, aber die Potenziale werden nicht ausgeschöpft. Foto: Bundesverband der Gipsindustrie e.V./Dr. H.-J. Kersten

Kurzfristig kann Recycling die wegfallenden REA-Gips-Mengen ohnehin nicht ersetzen. Dafür stehen bislang schlicht nicht genügend Rückbaumengen zur Verfügung. Der große Trockenbau-Boom setzte in Deutschland erst ab den 1980er-Jahren ein. Entsprechend dürfte das Recyclingpotenzial mit zunehmendem Rückbau weiter wachsen.

Gips bleibt ein wichtiger Baustoff

Am Bedarf nach Gips ändert das nichts. Im Trockenbau ermöglichen Gipsplatten leichte Konstruktionen und kurze Bauzeiten. Auch beim Brandschutz spielt das Material eine wichtige Rolle. Das im Gips gebundene Kristallwasser wird bei hohen Temperaturen freigesetzt und entzieht dem Bauteil Wärme.

Für die Gipsindustrie bedeutet der Kohleausstieg dennoch einen tiefgreifenden Wandel. Naturgips wird auf absehbare Zeit wichtig bleiben, während Recycling mit zunehmendem Rückbau an Bedeutung gewinnen dürfte. Ob damit die wegfallenden REA-Gips-Mengen vollständig ausgeglichen werden können, ist offen.

Quellen