Anzeige

Der Orionnebel galt als gut verstanden, jetzt zeigen Radiokarten ein anderes Bild

09. Juli 2026

Radioemission von neutralen Wasserstoffatomen in Richtung des Orionnebels
Radioemission von neutralen Wasserstoffatomen in Richtung des Orionnebels. Die roten Farben zeigen die 21-cm-Emission von Wasserstoff, die erstmals mit diesem Detailgrad aufgelöst wurde. Foto: Juan D. Soler, Universität Wien auf Basis von Daten des NRAO’s Jansky VLA und NASA’s Wide-field Infrared Survey Explorer (WISE)
Neue Radiokarten zeigen verborgene Strukturen im Orionnebel. Der Befund stellt einfache Modelle der Sternentstehung infrage.
Anzeige
Anzeige


Der Orionnebel gehört zu den bestuntersuchten Sternentstehungsgebieten der Milchstraße. Er ist hell genug, um schon mit kleinen Teleskopen sichtbar zu sein, und nah genug, damit Astronominnen und Astronomen einzelne Strukturen im Detail analysieren können. Gerade deshalb überrascht ein neuer Befund: In dieser scheinbar vertrauten Region waren wichtige Gasstrukturen bislang nur unvollständig erfasst.

Ein internationales Forschungsteam unter Leitung von Juan Diego Soler von der Universität Wien hat die bislang schärfsten Karten des neutralen atomaren Wasserstoffs im erweiterten Orionnebel erstellt. Dafür kombinierten die Forschenden Daten des Karl G. Jansky Very Large Array in den USA mit Beobachtungen des Five-hundred-meter Aperture Spherical Radio Telescope, kurz FAST, in China.

Anzeige
Anzeige

Die neuen Radiodaten liefern mehr als ein schärferes Bild. Sie verändern, wie die Gasstruktur um den Orionnebel gelesen werden muss. Statt einer einzelnen expandierenden Blase zeigen sich mehrere Schalen, Hohlräume und langgestreckte Strukturen. Der Nebel wirkt dadurch weniger wie das Ergebnis eines einzigen Ereignisses. Er erscheint eher als Region, die über längere Zeit durch mehrere Phasen stellaren Feedbacks geformt wurde.

Inhaltsverzeichnis

Radiowellen machen verborgenes Gas sichtbar

Der Orionnebel, auch Messier 42 genannt, liegt im Sternbild Orion. Er gilt als wichtiges Labor für die Entstehung massereicher Sterne. In optischen Aufnahmen dominieren leuchtendes Gas, Staub und junge Sterne. Diese Bilder zeigen jedoch nur einen Teil der physikalischen Struktur.

Für die neue Untersuchung konzentrierte sich das Team auf neutralen atomaren Wasserstoff. In der Astronomie wird er als HI bezeichnet. Diese Gasphase sendet eine charakteristische Radiostrahlung mit einer Wellenlänge von 21 cm aus. Das Signal entsteht durch einen Übergang im Wasserstoffatom und erlaubt es, atomares Gas im interstellaren Medium zu kartieren.

Anzeige
Anzeige

Genau hier liegt der Wert der neuen Arbeit. Die Forschenden haben nicht einfach ein bekanntes Objekt erneut aufgenommen. Sie haben eine Gasphase vermessen, die optisch kaum sichtbar ist, für die Dynamik der Region aber eine wichtige Rolle spielt.

Warum zwei Radioteleskope nötig waren

Die hohe Aussagekraft der Karten entsteht durch die Kombination zweier Messprinzipien. Das Very Large Array in New Mexico besteht aus 27 Antennen mit je 25 m Durchmesser. Zusammengeschaltet arbeiten sie als Interferometer. Dadurch lassen sich feine Strukturen mit hoher Winkelauflösung erfassen.

Anzeige
Anzeige

Interferometer haben jedoch eine Grenze. Sehr ausgedehnte diffuse Emission kann in den Daten teilweise fehlen, weil dafür besonders kurze Basislinien nötig sind. Diese großräumige Komponente ergänzt FAST. Das chinesische 500-m-Radioteleskop ist das größte Single-Dish-Radioteleskop der Welt und eignet sich besonders gut, um schwache, ausgedehnte Radiosignale zu erfassen.

Erst zusammen ergeben beide Datensätze ein vollständigeres Bild. Das VLA zeigt die feinen Details. FAST liefert den großflächigen Zusammenhang. Für den Orionnebel entsteht dadurch eine Karte, die sowohl kleine Strukturen als auch die größere Schalenform nachzeichnet.

Was die neuen Radiokarten zeigen

  • Gasphase: neutraler atomarer Wasserstoff, kurz HI
  • Signal: 21-cm-Radiostrahlung
  • Instrumente: Very Large Array in den USA und FAST in China
  • Befund: expandierende Schalen, Hohlräume und langgestreckte Gasstrukturen
  • Besonderheit: Hinweise auf mehr als eine Feedback-Episode
  • Folge: einfache Modelle einer einzelnen expandierenden Blase reichen wahrscheinlich nicht aus

Die Masse der Schale fällt geringer aus

Ein wichtiger Befund der Studie betrifft die Masse der Schale um den Orionnebel. Frühere Arbeiten kamen für diese Struktur auf eine Größenordnung von etwa 1000 Sonnenmassen. Die neuen HI-Daten zeichnen nun ein anderes Bild: Die atomare Komponente scheint nahezu zehnmal leichter zu sein.

Die neue Masseabschätzung hat Folgen für die Frage, wie stark junge Sterne ihre Umgebung tatsächlich formen. Die Masse bestimmt, wie viel Energie und Impuls junge Sterne in ihre Umgebung abgegeben haben müssen, um solche Strukturen zu formen. Fällt sie geringer aus als bisher angenommen, verändert sich auch die Einschätzung, wie stark Sternwinde und Strahlung tatsächlich auf das umliegende Gas wirken.

Juan Diego Soler erklärt: „Masse zu messen ist grundlegend, denn sie sagt uns etwas über die Effizienz dieser neu entstandenen Sterne, die ihre Umgebung mit Wind und Strahlung formen.“

Der Befund braucht allerdings eine saubere Einordnung. Die neuen Karten zeigen neutralen atomaren Wasserstoff – nicht die gesamte Gasmasse der Region. Molekularer Wasserstoff, ionisiertes Gas und Staub bleiben damit nicht verschwunden, sondern werden mit anderen Messmethoden erfasst. Die Studie macht frühere Arbeiten deshalb nicht pauschal falsch. Sie zeigt aber klar: Die Massenbilanz der Orion-Schale ist komplizierter als bisher angenommen – und einfache Zahlen greifen hier zu kurz.

Mehrere Hohlräume statt einer einfachen Blase

Bislang wurde die großräumige Struktur um den Orionnebel häufig als expandierende Blase beschrieben. Dieses Bild ist nicht grundsätzlich falsch, aber offenbar zu einfach. Die neuen Karten zeigen eine deutlich komplexere Geometrie.

Neben der Hauptschale erkennt das Team Hinweise auf eine zweite expandierende Hohlstruktur. Außerdem zeigt sich eine langgestreckte Auswölbung aus atomarem Gas, die etwa vier Lichtjahre aus der Blase herausragt. Solche Formen passen nur schwer zu einem einzigen gleichmäßigen Expansionsereignis.

Wahrscheinlicher ist ein Zusammenspiel mehrerer Prozesse. Dazu gehören die intensive UV-Strahlung junger massereicher Sterne, Sternwinde, ionisiertes Gas, frühere Ausflüsse junger Sterne und Dichteunterschiede in der ursprünglichen Molekülwolke.

Der Orionnebel erscheint damit weniger als einfache Blase, sondern als überlagerte Struktur aus mehreren Gasphasen und mehreren Feedback-Ereignissen.

Simulationen geraten unter Druck

Für Simulationen ist das anspruchsvoll. Modelle zur Sternentstehung müssen nicht nur berechnen, wie Gaswolken kollabieren und Sterne bilden. Sie müssen auch zeigen, wie junge Sterne ihre Umgebung anschließend verändern. Dazu zählen Strahlung, Wärme, Schockfronten, Magnetfelder und die Kopplung zwischen ionisiertem, atomarem und molekularem Gas.

Daniel Seifried von der Universität zu Köln, Co-Autor der Studie, verweist genau auf diese Herausforderung. „Um die Sternentstehung zu verstehen, arbeiten wir an physikbasierten Simulationen, die Ergebnisse liefern sollen, die den Beobachtungen ähneln. Diese Beobachtungen stellen die theoretischen Modelle und numerischen Simulationen, mit denen wir nachvollziehen wollen, wie massereiche Sterne ihr direktes Umfeld beeinflussen, in Frage.“

Der Punkt ist nicht, dass bestehende Modelle damit widerlegt wären. Die neuen Daten zeigen vielmehr, wo einfache Annahmen an Grenzen stoßen. Wenn Simulationen schon im nahen Orionnebel wichtige Strukturen nicht reproduzieren, bleibt ihre Aussagekraft für weiter entfernte Sternentstehungsgebiete begrenzt.

Warum der Befund über Orion hinaus wichtig ist

Der Orionnebel ist für die Forschung besonders wertvoll, weil er zwei Eigenschaften vereint: Er liegt vergleichsweise nah und ist zugleich ein aktives Sternentstehungsgebiet. Astronominnen und Astronomen können dort Strukturen untersuchen, die in weiter entfernten Regionen kaum aufzulösen wären. Gleichzeitig entstehen im Orion massereiche Sterne, deren Strahlung und Winde das umliegende Gas stark verändern.

Damit wird der Nebel zu einem wichtigen Testfeld. Wer verstehen will, wie massive Sterne entstehen und wie sie ihre Geburtswolken formen, muss im Orion genau hinsehen.

Die neue Studie zeigt nun, dass selbst ein so gut untersuchtes Objekt noch Überraschungen bereithält. Das gilt nicht nur für die Astrophysik, sondern auch für die Beobachtungstechnik. Ein einzelnes Instrument zeigt oft nur einen Teil des Bildes. Erst die Kombination verschiedener Radioteleskope macht sichtbar, wie fein die Gasstruktur im Orionnebel tatsächlich gegliedert ist.

„Diese Studie ist ein spannender Beweis dafür, wie leistungsfähig Radioteleskope der neuesten Generation sind, um neue Puzzleteile zur Entstehung von Sternen aufzudecken“, sagt Mitautorin Claire Murray vom Space Telescope Science Institute in Baltimore.

Soler sieht darin erst den Anfang. „Orion ist nur der Anfang. Unsere neu entwickelten Methoden zeigen, wie zukünftige Interferometer die verborgene Struktur und Dynamik des interstellaren Mediums aufdecken werden – selbst in Regionen, die Astronom*innen bereits als gut verstanden glaubten.“

Hier geht es zur Originalpublikation



Ein Beitrag von:

Anzeige
Anzeige

Top Stellenanzeigen

Junior Projektingenieur Papierverarbeitung (m/w/d)
Fripa Papierfabrik Albert Friedrich KG

03.10.2026
Miltenberg
Teamleiter (m/w/d) Vertrieb und Kalkulation TGA
LIST AG

03.10.2026
Düsseldorf
Ingenieur:in Explosionsschutz als Fachleiter:in
TÜV NORD CERT GmbH

03.10.2026
Essen
Bauüberwacher (m/w/d) Straßenverkehrsanlagen
Bundesagentur für Arbeit - Vössing Ingenieurgesellschaft mbH

03.10.2026
Stuttgart
Bauingenieur/-in (m/w/d)
Bundesagentur für Arbeit - Landeshauptstadt Stuttgart

03.10.2026
Stuttgart
Technische/r Projektmitarbeiter/in (m/w/d) – Bauwesen / Projektkoordination
Bundesagentur für Arbeit - Dr. Kerner GmbH & Co. KG

03.10.2026
Stuttgart
Junior Bauüberwacher:in Oberbau / Konstruktiver Ingenieurbau (w/m/d)
DB InfraGO AG

03.10.2026
Köln
Senior Ingenieur:in Leit- und Sicherungstechnik im Großprojekt Rhein-Ruhr-Express (w/m/d)
DB InfraGO AG

03.10.2026
Duisburg
Junior Bauingenieur:in als Bezirksleiter:in Fahrbahn (w/m/d)
DB InfraGO AG

03.10.2026
Aachen, Bonn, Köln, Troisdorf
Projektleiter (m/w/d) Industriebau
MEGGLE GmbH & Co. KG

03.10.2026
Wasserburg
Projektingenieur Elektrotechnik (w/m/d)
Infraserv GmbH & Co. Höchst KG

03.10.2026
Frankfurt am Main
Teamleiter (m/w/d) Vertrieb und Kalkulation TGA
LIST Ingenieure GmbH & Co. KG

04.10.2026
Bielefeld
Senior Projektingenieur (m/w/d) – EMSR-Technik – Projektmanagement
REUTERS INGENIEUR GmbH

04.10.2026
Hofheim
Technische*r Angestellte*r (Techniker*in oder Ingenieur*in) Werkstofftechnik, Physiktechnik, Maschinenbau
Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP)

04.10.2026
Garching
Ingenieurin (m/w/d) / Techniker (m/w/d) der Mess- und Regelungstechnik für Gebäudeautomation
Gebäudemanagement Schleswig-Holstein (GMSH)

04.10.2026
Eutin, Lübeck
Leitung Entwicklung (w/m/d) Mechatronische Systeme / Industrielle Sicherheits- und Automatisierungstechnik
Bernstein AG

04.10.2026
Porta Westfalica
Planungsingenieur (w/m/d) und Projektsteuerung – Verkehrsinfrastruktur und Gleisplanung
Ruhrbahn GmbH

04.10.2026
Essen
Gruppenleiter:in Automatisierungstechnik
TraveNetz GmbH

04.10.2026
Lübeck
Bauleiter (m/w/d) Rohrsanierung / Kanalsanierung
Max Bögl Bauservice GmbH & Co. KG

04.10.2026
München, Neumarkt in der Oberpfalz, Nürnberg, Regensburg
Vertriebsingenieur / Projektingenieur (m/w/d) im Außendienst – Südbayern
DEPRAG SCHULZ GMBH u. CO. KG

04.10.2026
verschiedene Einsatzorte

Weitere Artikel



Anzeige
Anzeige