Bewerbung: Alles besser mit KI?
Wie sinnvoll ist KI bei der Bewerbung? Heiko Mell erklärt, warum Authentizität im Lebenslauf und im Vorstellungsgespräch entscheidend bleibt.
KI unterstützt Bewerbende bei der Erstellung von Lebenslauf und Anschreiben, ersetzt im Bewerbungsprozess jedoch nicht den persönlichen Eindruck im Vorstellungsgespräch.
Foto: Smarterpix/sarachnarat@gmail.com
KI ist in aller Munde und ich habe ChatGPT erstmals für Bewerbungen eingesetzt. Man kann die Stellenbeschreibungen eingeben, seinen Lebenslauf prüfen und sich automatisch Anschreiben und Optimierungsvorschläge erzeugen lassen. Darüber hinaus bietet das System eine Interview-Vorbereitung.
Bei der kann man z. B. seine aktuelle Situation schildern und bekommt mögliche Fragestellungen für das Interview quasi als Testfall geliefert. Inwieweit ist das im Metier bekannt und wie nutzen Bewerbungsempfänger diese Technik? Kann ich damit rechnen, dass auch Bewerbungsempfänger sich mit KI Fragen für Interviews erstellen lassen? Oder zählt in diesem Umfeld immer noch der persönliche Eindruck?
Die KI antwortet immer nur auf meinen Input, der durch meine aktuelle persönliche Situation geprägt ist. Könnte man damit die Vorbereitung auf ein Interview auch in eine komplett falsche Richtung trimmen? Ich habe manchmal den Eindruck, dass die KI mich größer erscheinen lässt als ich tatsächlich bin – der „Automat“ kann halt erheblich schöner formulieren als der Ingenieur. Man könnte die KI sogar im Interview mitlaufen lassen und den Bewerber quasi direkt analysieren lassen.
Lesen Sie auch: KI im Recruiting: Warum Maschinen Bewerbungen oft ungerecht bewerten
Verbreitung und Entwicklung von KI im Bewerbungsprozess
Antwort: Nichts trifft mehr zu als die Einleitung Ihrer Zuschrift („… in aller Munde“). Niemand kann mit hinreichender Sicherheit vorhersagen, wie sich dieses Thema in den nächsten Jahren entwickelt, jeder Versuch einer Prognose kann ziemlich ins Auge gehen. Selbst wenn jemand per Umfrage eine Bestandsaufnahme bei allen Bewerbern und Bewerbungsempfängern zustande brächte, könnte die rasante Entwicklung schon wieder eine neue Dimension eröffnet haben, bevor die Umfrageresultate veröffentlicht worden sind.
Was wir hier tun können: Wir bleiben dran, werten Erfahrungen unserer Leser aus – und warten auf den Tag, an dem es auf Ihre Fragen zumindest eine vorläufige Antwort geben wird. Ein von Veränderungsdynamik geprägtes Thema wird dies jedoch bleiben. Ich weise aus diesem gegebenen Anlass besonders gern auf zwei Basis-Aspekte hin, die mir sehr wichtig sind:
- Die künstliche Intelligenz in der jetzigen Form ist dadurch gekennzeichnet, dass sie keine schöpferische Komponente enthält. Sie wertet bei ihrer Antwort eine gewaltige Datenmenge von bereits bestehenden, bekannten und veröffentlichten Lösungen zu den ihr gestellten Fragen aus – und gestaltet daraus eine Antwort. Man könnte das Ergebnis eine Art „Durchschnitt des Vorhandenen“ nennen – wobei ich den Schöpfern gern unterstelle, dass die KI sich an den besseren, brillanteren vorhandenen Lösungen orientiert. Woraus sich wiederum die Frage ergibt, wer diese Prädikate vergibt und auf welcher Grundlage solche Entscheidungen getroffen werden. Dabei ist es immer möglich, dass die KI gerade bei Formulierungsvorschlägen über das Ziel hinausschießt oder daneben trifft.
Notwendigkeit der kritischen Prüfung
Also darf niemand den Vorschlag der KI z. B. für ein Anschreiben oder einen Lebenslauf unkritisch übernehmen, sondern man muss das unterbreitete Konzept Satz für Satz genau prüfen und stets mit der Notwendigkeit von wesentlichen Korrekturen rechnen.
Lesen Sie auch: Wenn das Anschreiben mehr über ChatGPT verrät als über den Bewerber
Bevor einer der bereits existierenden fanatischen Anhänger der KI dies als „Majestätsbeleidigung“ zurückweist: Sie dürfen die KI ruhig für nahezu unfehlbar halten (was sie absolut nicht ist) – aber dann geben Sie wenigstens zu, dass Fehler im durch den Menschen definierten Auftrag, in seinen Vorgaben stecken könnten (und natürlich auch stecken). In jedem Fall heißt die Konsequenz zwingend: Die KI liefert hier nur Vorschläge, der kundige, möglichst mit natürlicher Intelligenz ausgestattete Mensch muss korrigierend eingreifen. Die KI kann ihm die Verantwortung für das, was da geschrieben steht, nicht abnehmen.
Grenzen der KI und Rolle des Nutzers
Fazit: Im hier angesprochenen Themenbereich liefert die KI auf der Basis bereits vorhandener Vorlagen und nach der mehr oder minder klugen und richtig formulierten Vorgabe des Menschen Entwürfe – die es zu optimieren gilt. Durch eben diesen Menschen.
Da ich gern einmal ein wenig provoziere: Wenn der auftraggebende Mensch so „gut“ im Fach sein muss, dass er den KI-Entwurf einer sorgfältigen Kontrolle aller Argumente, Begründungen und Sachaussagen unterziehen kann – könnte er dann nicht den Text gleich selbst schreiben? Denn wer das Eine gut genug kann, der müsste auch das andere beherrschen. Und schlimmer: Wer das Andere (das selbständige Formulieren eines Lebenslaufes, z. B.) nicht beherrscht, der wird auch das Eine (die Endbearbeitung des KI-Entwurfs) nicht besonders gut hinbekommen. Aber das ist nur eine kleine Anmerkung von mir, ich will niemandem sein Lieblingsspielzeug wegnehmen. Aber noch viel gewichtiger ist der folgende Punkt.
Ziel und Zweck von Bewerbungen
- Verlieren wir doch bitte die Kernfrage nicht aus den Augen: Was sind eigentlich der Sinn und der Zweck der schriftlichen Bewerbung sowie des anschließenden Vorstellungsprozesses? Lassen Sie mich damit beginnen, was nicht gewollt ist: Es geht nicht darum, dem Bewerbungsempfänger 30 oder 75 auf „gehobenem deutschen Durchschnittsniveau“ gehaltene, sprachlich einwandfrei formulierte Zuschriften zu präsentieren, damit er eventuell Freude daran hat.
Und es geht für den Bewerber absolut nicht darum, diese spezielle Position, auf die seine Bemühungen zielen, unbedingt zu erreichen. Sondern es geht für ihn darum, eine Position zu erringen, zu der er passt und deren Anforderungen er gewachsen ist. Und die also seinen Original-Fähigkeiten und seinen tatsächlichen Wünschen und Erwartungen möglichst weitgehend entspricht. Zumindest ist dies die Zielsetzung im anzustrebenden Normalfall „Bewerbung aus ungekündigter, absolut unbelasteter Stellung ohne Zeitdruck“.
Authentizität im Auswahlprozess
Um diesem Anspruch gerecht zu werden, ist es auch im Interesse des Bewerbers, wenn der Bewerbungsempfänger ihn so kennenlernt und beurteilen kann, wie er tatsächlich ist. Dass er sich also weitgehend natürlich gibt und unverfälscht darstellt – und nicht ein durch und durch „künstliches“ Bild abliefert, von mit KI-gestalteten Unterlagen bis zum mit KI trainiertem Verhalten im Vorstellungsgespräch. Denn nur bei der Vermittlung „echter“ Eindrücke kann er hoffen, im neuen Job halbwegs glücklich und zufrieden zu werden.
Das ist ebenso im Sinne des suchenden Unternehmens. Die Aufgabe für Bewerber heißt also nicht „Wer von den 30 oder 75 Kandidaten hat KI am geschicktesten eingesetzt und so die meisten ‚Punkte‘ im Hinblick auf eine Einstellung gesammelt?“ Ganz einfach gesagt, heißt für das suchende Unternehmen die Frage: „Wer von den Kandidaten ist mit seiner wirklichen Fachqualifikation und seiner tatsächlichen Persönlichkeit für uns in dieser Position die beste Lösung?“ Dazu muss das Unternehmen wissen, wie der Kandidat ist – und nicht, wie gut er mit ChatGPT umgehen kann.
Lesen Sie auch: So kann KI Ihre Bewerbungschancen im Jobmarkt ruinieren
Mögliche Zukunftsszenarien
Der Profi auf der Seite des Bewerbungsempfängers hat im Normalfalle sein Standard-Vorgehen und seine Standard-Maßstäbe, die er unter Berücksichtigung der individuellen Anforderungen der jeweiligen Zielposition etwas variiert. Es ist denkbar, dass auch er sich einen Katalog denkbarer Fragen durch die KI vorlegen lässt – in ein paar Jahren wissen wir, welches Vorgehen sich als Standard durchgesetzt hat.
Die – aus meiner Sicht – immerhin mögliche Horrorvision zum denkbaren Ende einer solchen Entwicklung: Der Bewerber tippt nur noch seine Fakten und Daten in ein KI-Schema ein – und der Bewerbungsempfänger lässt diese Daten seinerseits von einem KI-System überprüfen, das er mit speziellen positionsspezifischen Vorgaben gefüttert hat. Und dann schaut er sich nur noch diejenigen Kandidaten an, die ihm ein – wie sie es nennen – „Automat“ vorgelegt hat.
Warum der Mensch entscheidend bleibt
Wünschen Sie sich das nicht! Diese Empfehlung gilt für beide Seiten. Die Lebensläufe und Werdegänge von Menschen sind so vielfältig, enthalten sehr oft so viele individuelle Abweichungen von Standards, dass sie unbedingt von Menschen beurteilt und gewichtet werden sollten.
Oder als Warnung: Nur wenige Lebensläufe einerseits und die in Vorstellungsgesprächen gezeigten Verhaltensweisen und Persönlichkeitsmerkmale andererseits entsprechen „theoretischen“ Vorgaben. Sie enthalten Abweichungen, die unbedingt von einem Träger natürliche Intelligenz beurteilt werden sollten. Und: Am Grundprinzip einer Stellenbesetzung ändert sich nichts: Von 30 oder 75 Interessenten bekommt nach wie vor nur einer die Position. Die anderen gehen leer aus. Und auch: Wenn alle Bewerber KI perfekt einsetzen, hat keiner einen wirklichen Vorteil.
Lesen Sie auch: Bewerbungsfoto mit KI erstellen: Ja oder nein?
Ein Beitrag von:




