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Bau

Ackerbau in 20 m Höhe: Wie ein Einkaufszentrum zur urbanen Farm wurde

31. Juli 2026

Einkaufszentrum „Les Arcades“ in Noisy-le-Grand
So sah das Dach des Einkaufszentrums „Les Arcades“ in Noisy-le-Grand vor der Umnutzung zur Farm aus. Inzwischen ist die erste Ernte eingefahren. Foto: Ma Salade à Toit
Ein Einkaufszentrum bei Paris wird zur Dachfarm. So funktionieren Tragwerk, Umkehrdach, Substrat und Entwässerung auf 5000 m².
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Wo früher ein gewöhnliches Flachdach lag, wachsen heute Salate, Kräuter, Obst und Gemüse: Auf dem Einkaufszentrum „Les Arcades“ in Noisy-le-Grand bei Paris entstand eine 5000 m² große urbane Farm. Das Projekt verbindet klassischen Gemüseanbau mit einem Gewächshaus, Wirtschaftsgebäuden, Gastronomie und öffentlich zugänglichen Flächen.

Bevor dort allerdings die ersten Pflanzen gesetzt werden konnten, musste der komplette Dachaufbau erneuert werden. Ingenieure und Planer standen dabei vor einer keineswegs alltäglichen bauphysikalischen und statischen Herausforderung: Ein bestehendes Einkaufszentrum sollte künftig nicht mehr nur Schnee und Abdichtungen tragen, sondern auch erhebliche Lasten aus Erde, Nutzpflanzen, Regen- und Bewässerungswasser, Arbeitsgeräten, Gebäuden und Besuchern sicher in die Tragstruktur einleiten.

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Die ersten Erzeugnisse werden bereits verkauft. Der vollständig ausgebaute Gastronomie- und Besucherbereich soll nach Angaben der Stadt im September 2026 öffnen. Ein ähnliches Projekt gibt es gerade in Berlin, dort soll es dann am Ende sogar 15.000 m² Ackerfläche mitten in der Stadt geben.

5000 m² Dachfläche werden zur landwirtschaftlichen Nutzfläche

Die urbane Farm „Ma Salade à Toit“ befindet sich auf der Dachplatte des Einkaufszentrums im Stadtteil Mont d’Est. Die veranschlagte Fläche von 5000 m² besteht jedoch keineswegs ausschließlich aus Reinkultur-Gemüsebeeten: Zum Gesamtkonzept gehören eine 800 m² große Gewächshauskonstruktion, ein Betriebsgebäude für die Gebäudetechnik sowie ein Pavillon für Gastronomie, Workshops und Veranstaltungen.

Als Bauherren nennt das ausführende Architekturbüro ORRSO die Stadt Noisy-le-Grand und den späteren Betreiber Ma Salade à Toit. Zum interdisziplinären Planungsteam gehören außerdem Cultures en Ville (Konzeption der urbanen Landwirtschaft), SECC (Tragwerksplanung) sowie AI Environnement (Technische Gebäudeausrüstung, TGA). Das Architekturbüro beziffert das Gesamtbudget für Dachsanierung und Farm auf rund 3 Mio. €.

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Der alte Dachaufbau musste vollständig weichen

Die Maßnahme begann mit dem kompletten Rückbau der vorhandenen Dachkonstruktion. Sämtliche Aufbauten sowie die alte Abdichtung wurden bis auf die nackte, tragende Stahlbetondecke abgetragen.

Besonders die Logistik erwies sich als Nadelöhr: Das Dach liegt etwa 20 m über GOK (Geländeoberkante), eingebettet in eine dichte urbane Bebauung und flankiert von stark befahrenen Verkehrsachsen. Das zurückgebaute Material konnte nach Angaben des beteiligten Dämmstoffherstellers lediglich über eine einzige zentrale Dachöffnung abtransportiert werden. Allein die Entkernung und Räumung nahm rund drei Monate in Anspruch.

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Auf der freigelegten Betondecke wurde anschließend eine neue Abdichtung aus Asphalt hergestellt. Sie bildet das Fundament für einen Dachaufbau, der dauerhaft hoher Feuchtigkeit, erheblichen Erdlasten und einer deutlich intensiveren Nutzung standhalten muss.

Extreme Lastwechsel: Die Statik einer Dachfarm

Bei einer klassischen, extensiven Dachbegrünung genügen in der Regel wenige Zentimeter Substrat und leichte, trockenheitsverträgliche Sediment-Pflanzen. Auf einer ertragsorientierten Gemüsefarm fällt der Schichtaufbau konstruktionsbedingt wesentlich mächtiger aus.

Das Tragwerk muss hierbei eine Vielzahl permanenter und veränderlicher Lasten aufnehmen:

  • Dachabdichtung, Wärmedämmung und Schutzlagen
  • Trockenes sowie vollständig wassergesättigtes Substrat
  • Biomasse (Pflanzen) und installierte Bewässerungssysteme
  • Gewächshaus, Betriebsgebäude und Gastronomiepavillon
  • Verkehrswege, Arbeitsgeräte und gelagerte Materialien
  • Personenlasten (Beschäftigte und Besucher)
  • Wind-, Schnee- und stauende Niederschlagswasserlasten

Kritisch für die Dimensionierung ist vor allem der maximale Wassergehalt des Substrats: Nach ausgedehnten Starkregenereignissen oder intensiver Bewässerung steigt das Eigengewicht drastisch an. Für die Tragwerksplanung ist daher keineswegs der trockene Zustand maßgebend, sondern der ungünstigste Belastungsfall im laufenden Betrieb.

Das Ingenieurbüro SECC zeichnet für die Tragwerksplanung verantwortlich. Welche charakteristischen Lasten konkret angesetzt wurden und ob die bestehende Stahlbetonkonstruktion verstärkt werden musste, geht aus den öffentlich verfügbaren Projektunterlagen bislang nicht hervor. Auch Daten zur Bestandsdecke, den Stützenrastern sowie zur Lastabtragung in die Fundamente wurden nicht publiziert.

Wärmeschutz von oben: Konstruktion als Umkehrdach

Konstruktiv wurde das Flachdach als sogenanntes Umkehrdach ausgeführt. Dabei liegt die Wärmedämmung nicht – wie sonst üblich – unterhalb, sondern oberhalb der abdichtenden Schicht. Zum Einsatz kamen 150 mm starke Dämmplatten Jackodur Evo 300 aus extrudiertem Polystyrol-Hartschaum (XPS) mit einer bemessungsrelevanten Wärmeleitfähigkeit von .

Die XPS-Platten schirmen die darunterliegende Abdichtung gegen extreme Temperaturschwankungen und mechanische Beschädigungen ab. Gleichzeitig müssen sie eine hohe Druckfestigkeit aufweisen und dauerhaft wasserabweisend sein, um unter Einwirkung von Feuchtigkeit und Dauerlast nicht unzulässig zu verformen.

Über den Dämmplatten wurde ein diffusionsoffenes, wasserableitendes Dachvlies aus Polypropylen verlegt. Es schützt die XPS-Schicht vor Verschmutzungen, leitet überschüssiges Wasser ab und stabilisiert die Lage des Aufbaus.

Aus den öffentlich zugänglichen Projektdaten lässt sich folgender vereinfachter Schichtaufbau von unten nach oben ableiten:

Schicht Material / Funktion
Tragkonstruktion Bestehende Stahlbetondecke
Abdichtung Neue Asphaltabdichtung
Wärmedämmung 150 mm XPS-Hartschaumplatten
Trennlage Diffusionsoffenes, wasserableitendes Dachvlies (PP)
Basissubstrat ca. 40 cm Leichtsubstrat
Kulturschicht Organische Oberschicht für Nutzpflanzen

Rezyklate im Beet: Muschelschalen und Ziegelbruch

Auf das Dachvlies wurde zunächst eine etwa 40 cm starke Schicht Leichtsubstrat aufgebracht, gefolgt von einer weiteren, stark organischen Kulturschicht.

Das speziell für diese Dachfarm entwickelte Substrat nutzt im Sinne der Zirkulärwirtschaft verschiedene Rezyklate und Abfallstoffe. Laut Hersteller enthält das Gemisch unter anderem:

  • Schalen von Austern und Muscheln
  • Kaffeesatz
  • Gebrochenen Ziegelbruch
  • Holzfasern und Rindenmulch

Die Mischung dient der mineralischen Versorgung der Pflanzen und sorgt zeitgleich für eine hohe Porenvolumen-Struktur zur Wasserableitung. Wesentlicher Faktor: Das Substrat muss eine deutlich geringere Rohdichte aufweisen als klassischer Mutterboden, da jedes zusätzliche Kilo die statischen Reserven des Tragwerks belastet.

Wie hoch der Gesamtaufbau inklusive der organischen Oberschicht exakt ausfällt, lassen die Projektbeschreibungen offen. Belastbare Kennwerte zur Trockenrohdichte, zum Gewicht bei maximaler Wassersättigung oder zum langfristigen Setzungsverhalten des Substrats wurden bislang nicht veröffentlicht.

Knackpunkt Abdichtung: Leckagesuche im Blindflug

Der entscheidende Vorteil des Umkehrdaches – der Schutz der Abdichtung unter den XPS-Platten – wird im Schadensfall zum größten Nachteil. Sollte es zu einer Undichtigkeit kommen, ist der direkte Zugang blockiert: Über der Dachhaut liegen Dämmung, Vlies, meterdicke Substratschichten, Bewässerungssysteme und Bepflanzung.

Umso höhere Anforderungen werden an die Ausführung der Details, Anschlüsse und Durchdringungen gestellt. Zudem muss der Aufbau eine dauerhafte Wurzelfestigkeit aufweisen. Ob die aufgebrachte Asphaltabdichtung selbst nach FLL-Richtlinien wurzelfest eingestellt ist oder eine zusätzliche Wurzelschutzbahn verlegt wurde, lässt sich den vorliegenden Dokumenten nicht entnehmen.

Diese Ausführungsdetails entscheiden maßgeblich über die Lebensdauer und Wartungsfreundlichkeit des Bauwerks. Eine Leckortung unter mehreren tausend Quadratmetern nassen Substrats stellt Ingenieure vor weitaus komplexere Aufgaben als die Reparatur eines frei zugänglichen Industriedaches.

Hydraulische Anforderung: Entwässerung und Retentionsvolumen

Ein ertragreicher Gemüseanbau erfordert eine kontinuierliche Wasserzufuhr. Fällt jedoch Starkregen an, muss das Entwässerungssystem in der Lage sein, große Wassermengen verzögerungsfrei und kontrolliert abzuleiten.

Das Substrat wirkt dabei zunächst als Retentionsraum und speichert einen Teil des Niederschlags. Bei vollständiger Sättigung strömt das überschüssige Wasser durch die Porenräume zum Dachvlies und wird über die darunter liegende Ebene den Dachabläufen zugeführt. Schlämmstoffe, Wurzelwerk oder organische Reststoffe dürfen diese Entwässerungswege keinesfalls verstopfen.

Zu einem normgerechten Entwässerungskonzept gehören neben der Hauptentwässerung ausreichend dimensionierte Notentwässerungen. Die öffentlich verfügbaren Quellen machen allerdings keine Angaben zu Bemessungsregen, Gefälleausbildung, Speicherkapazitäten (Retention) oder der Anzahl und Positionierung der Gullys. Auch Details zur Bewässerungstechnik und einer eventuellen Grauwasser- oder Regenwassernutzung fehlen. Quantitative Aussagen zur Entlastung des städtischen Kanalnetzes lassen sich derzeit somit nicht verifizieren.

Berlin plant dreimal so viel Anbaufläche

Während in Noisy-le-Grand ein vorhandenes Einkaufszentrumdach nachträglich umgebaut wurde, entsteht in Berlin ein noch größeres Projekt unter anderen Voraussetzungen. Im Gewerbequartier GoWest in Berlin-Schmargendorf sollen im Endausbau rund 15.000 m² Dachfläche professionell landwirtschaftlich genutzt werden. Nach Angaben der Projektentwickler wäre dies die größte Dachgärtnerei Deutschlands.

Die Flächen verteilen sich auf mehrere Neubauten. Obst und Gemüse sollen im Quartier verkauft oder in den dort geplanten Gastronomiebetrieben verarbeitet werden. Ergänzend sind aufgeständerte Photovoltaikanlagen vorgesehen, unter denen weiterhin Pflanzen angebaut werden können.

Von Beginn an mitgeplant

Anders als beim Einkaufszentrum in Frankreich konnte die Dachnutzung in Berlin von Beginn an in die Gebäudeplanung einfließen. Der veröffentlichte Aufbau ist entsprechend mächtig: Auf einer Konstruktion aus wasserundurchlässigem Beton liegt ein Umkehrdach mit 300 mm XPS-Dämmung. Darüber folgen rund 700 mm Substrat und intensive Begrünung. Insgesamt erreicht der Dachaufbau damit etwa 1 m.

Die Dämmarbeiten auf zwei Baufeldern zeigen, wie komplex solche Flächen trotz der Neubauplanung werden. Rund 210 Stahlstützen und zahlreiche technische Einbauten mussten in die Dämmebene integriert werden. Bislang wurden nach Herstellerangaben etwa 8.000 m² XPS verlegt.

Die Dächer sind zugleich Teil des Regenwasserkonzepts. Sie sollen Niederschläge speichern und verzögert abgeben. Große Zisternen in den Untergeschossen ergänzen das System und sollen unter anderem Wasser für die Dachlandwirtschaft bereitstellen.

GoWest zeigt damit den planerischen Vorteil eines Neubaus: Tragwerk, Retention, Photovoltaik und Landwirtschaft lassen sich aufeinander abstimmen, bevor gebaut wird. In Noisy-le-Grand setzte dagegen die vorhandene Konstruktion die Grenzen. Dort mussten sich Substrathöhe, Gebäude und Nutzung an die Tragreserven eines bereits bestehenden Einkaufszentrums anpassen. Das Berliner Quartier soll bis 2028 fertiggestellt werden.

In Frankreich gab es bereits die erste Ernte

Zurück nach Frankreich: Nach Angaben der Stadt Noisy-le-Grand konnte im Juni 2026 der Verkauf der ersten Erzeugnisse starten. Auch Take-away-Mahlzeiten und ein Click-and-Collect-Service wurden bereits in Betrieb genommen. Die weiteren Gebäude sowie der Publikumsbereich befanden sich zu diesem Zeitpunkt noch in der Fertigstellung.

Ziel der Betreiber ist ein jährlicher Ertrag von rund 9 t Obst und Gemüse. Parallel dazu sollen 52.000 Mahlzeiten zubereitet und neun Arbeitsplätze geschaffen werden. Das geplante Restaurant wird über 40 Innensitzplätze verfügen; bei Veranstaltungen bietet das Areal Platz für bis zu 90 Personen.

Hinsichtlich der Finanzen beziffert die Stadt die Erschließung und Standortvorbereitung auf 2,8 Mio. €, während das Architekturbüro ORRSO für Dachsanierung und Farm ein Budget von 3 Mio. € angibt. Ob beide Beträge identische Gewerke abdecken oder sich teilweise überschneiden, geht aus den vorliegenden Quellen nicht eindeutig hervor.

Das Tragwerk entscheidet vor der ersten Pflanzung

Die Projekte in Noisy-le-Grand und Berlin zeigen zwei unterschiedliche Wege zur urbanen Landwirtschaft auf Gebäuden. Beim GoWest-Quartier können Tragwerk, Retentionsdächer und Anbauflächen bereits im Neubau aufeinander abgestimmt werden. Auf dem Einkaufszentrum bei Paris musste sich die Planung dagegen an eine vorhandene Konstruktion anpassen.

Gerade bei Bestandsgebäuden reicht es deshalb nicht, freie Dachflächen und gewünschte Erntemengen zu betrachten. Entscheidend sind die Tragreserven, der Zustand der Abdichtung und ein dauerhaft kontrollierbares Bewässerungs- und Entwässerungssystem. Erst wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, kann aus einem Flachdach eine landwirtschaftliche Produktionsfläche werden.

Quellen zu den Urban-Farming-Projekten



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