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Bau

Das große Stapeln: Wie Europas größtes Modulbauprojekt funktioniert

08. Juni 2026

Wohnbauprojekt Weiße Taube
Das Wohnbauprojekt „Weiße Taube“ in Berlin-Lichtenberg. Hier entstehen aus über 3000 vorgefertigten Wohnmodulen rund 1500 Wohnungen. Foto: picture alliance/dpa | Jens Kalaene
Stahl-Beton-Hybridmodule, hohe Vorfertigung und digitale Planung: Warum Europas größtes Modulbauprojekt mehr Fabrik als Baustelle ist.
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Auf einer gewöhnlichen Baustelle endet der Rohbau mit einem Richtfest. An der Berliner Landsberger Allee heißt es dagegen Stapelfest. Dort wird kein Dachstuhl errichtet. Stattdessen hebt ein Großkran das letzte von rund 3000 vorgefertigten Wohnmodulen millimetergenau an seinen Platz.

Mit diesem letzten Hub ist ein Meilenstein erreicht. Gemeinsam mit Daiwa House Modular Europe errichtet die Gewobag in Berlin-Lichtenberg eines der größten modularen Wohnungsbauprojekte Europas. Bis 2026/27 entstehen auf dem ehemaligen Gelände der Gärtnerei „Weiße Taube“ insgesamt 1548 Wohnungen für mehr als 3000 Menschen.

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Die eigentliche Besonderheit des Projekts ist jedoch nicht seine Größe. Sie liegt in der Art, wie gebaut wird. Denn die wichtigste Baustelle befindet sich gar nicht in Berlin.

Inhaltsverzeichnis

Die Wohnung entsteht in der Fabrik

Wer an klassischen Wohnungsbau denkt, hat Maurer, Betonmischer und Gerüste vor Augen. Das Berliner Projekt funktioniert anders.

Die Module entstehen im Werk von Daiwa House Modular Europe in Fürstenwalde. Dort werden Stahlrahmen gefertigt, Betonböden eingebaut und Wände vormontiert. Fenster sind bereits eingesetzt, große Teile der technischen Gebäudeausrüstung installiert. Die Wohnungen verlassen das Werk mit einem sehr hohen Vorfertigungsgrad.

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Erst anschließend beginnt das, was auf der Baustelle sichtbar wird: der Zusammenbau. Per Schwertransport gelangen die Module nach Berlin. Dort hebt sie ein Mobilkran nacheinander auf das Gebäude. Innerhalb weniger Minuten wird aus einem einzelnen Raummodul ein weiterer Baustein des Quartiers. Die Baustelle wird damit zur Montagelinie.

Europas größtes Modulbauprojekt auf einen Blick

Standort: Landsberger Allee 341–343, Berlin-Lichtenberg

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Bauherr: Gewobag

Modulhersteller: Daiwa House Modular Europe

Wohnungen: 1548

Davon gefördert: 1316 Wohnungen

Module: rund 3000 (Daiwa nennt 3.289)

Bewohner*innen: über 3000

Bauweise: Stahl-Beton-Hybridmodule mit hohem Vorfertigungsgrad

Energiestandard: KfW-55 / KfW-55-NH

Besonderheiten: Kita, Gewerbe, Gastronomie, Tiefgarage und öffentliche Parkanlage

Geplante Fertigstellung: 2026/27

Stahl, Beton und digitale Planung

Die Konstruktion unterscheidet sich deutlich vom Bild einfacher Wohncontainer, das viele Menschen mit Modulbau verbinden.

Daiwa House setzt auf sogenannte Stahl-Beton-Hybridmodule. Das Tragwerk besteht aus einem Stahlrahmen, der die Lasten über die Modulecken abträgt. Betonböden sorgen für Steifigkeit, Schallschutz und Brandschutz. Die Außenwände werden in Leichtbauweise ausgeführt.

Diese Bauweise verbindet die Vorteile industrieller Fertigung mit den Anforderungen des mehrgeschossigen Wohnungsbaus.

Gleichzeitig steigen die Anforderungen an die Präzision. Je höher der Vorfertigungsgrad, desto kleiner werden die zulässigen Toleranzen. Schon wenige Millimeter können darüber entscheiden, ob Leitungen, Installationsschächte oder Verbindungselemente auf der Baustelle exakt zusammenpassen.

Deshalb gilt modulares Bauen längst nicht mehr nur als bautechnische Herausforderung. Es ist vor allem eine Frage von Fertigungsqualität und digitaler Planung.

Wenn die Lieferkette wichtiger wird als die Baustelle

Bei einem Projekt mit rund 3000 Modulen gewinnt ein Bereich an Bedeutung, der bisher eher aus der Industrie bekannt ist: die Logistik.

Jedes Modul muss zum richtigen Zeitpunkt auf der Baustelle eintreffen. Zu frühe Lieferungen blockieren Flächen, verspätete Transporte bringen den Bauablauf durcheinander. Während auf einer konventionellen Baustelle viele Gewerke nacheinander arbeiten, laufen hier zahlreiche Prozesse parallel.

Während in Berlin Fundamente entstehen, werden in Fürstenwalde bereits Wohnungen gebaut. Nach der Anlieferung werden die Module per Kran versetzt und miteinander verbunden. Anschließend koppeln Monteure die Leitungen für Wasser, Strom und Heizung. Aus hunderten einzelner Raumelemente wächst Stück für Stück ein Gebäude.

Internationale Studien sehen in diesem Prinzip einen grundlegenden Wandel der Bauindustrie. Gebäude werden nicht mehr ausschließlich vor Ort errichtet, sondern aus industriell gefertigten Komponenten zusammengesetzt.

Warum das Projekt mehr Fabrik als Baustelle ist

• Wohnungen entstehen weitgehend im Werk in Fürstenwalde.

• Stahl-Beton-Hybridmodule werden per Schwertransport angeliefert.

• Fenster und große Teile der Haustechnik sind bereits integriert.

• Auf der Baustelle werden die Module nur noch montiert und verbunden.

• Produktion und Fundamentarbeiten laufen parallel.

• Ziel ist eine kürzere Bauzeit bei hoher Fertigungsqualität.

Hohe Vorfertigung spart Zeit

Nach Unternehmensangaben erreichen die Module einen Vorfertigungsgrad von bis zu 90 %. Fenster, Innenwände sowie große Teile der Haustechnik sind bereits integriert, wenn die Elemente das Werk verlassen.

Nicht alles wird allerdings in der Fabrik fertiggestellt. Fassadenelemente und Balkone werden teilweise erst auf der Baustelle montiert. Das erleichtert Transport und Montage erheblich.

Bundesbauministerin Verena Hubertz sieht darin einen wichtigen Baustein für die Zukunft des Wohnungsbaus: „Modulare und serielle Bauweisen werden dabei zum Treiber einer neuen Bauindustrie: Durch industrielle Vorfertigung entstehen standardisierte, skalierbare Prozesse, die Material effizienter nutzen, Bauzeiten deutlich verkürzen und eine hohe Qualität sichern.“

Mehr als nur Wohnungen

Das Quartier an der Landsberger Allee umfasst deutlich mehr als Wohnraum. Neben den 1548 Wohnungen entstehen eine Kindertagesstätte, Flächen für Nahversorgung, Dienstleistungen und Gastronomie, rund 340 Tiefgaragenstellplätze sowie eine öffentliche Parkanlage mit etwa 6900 Quadratmetern.

Auch energetisch orientiert sich das Projekt an aktuellen Standards. Die Gebäude werden nach KfW-55 beziehungsweise KfW-55-NH errichtet. Begrünte Dächer und Photovoltaikanlagen gehören ebenfalls zum Konzept.

Ein Schwerpunkt liegt auf bezahlbarem Wohnraum. 1316 Wohnungen werden mietpreis- und belegungsgebunden sein. Rund 85 % entstehen mit Mitteln der sozialen Wohnraumförderung. Ein Finanzierungsmix aus Landesmitteln, KfW-Förderung und Mitteln der Europäischen Investitionsbank ermöglicht Kaltmieten zwischen 7,00 und 11,50 Euro pro Quadratmeter.

Entsteht hier eine neue Bauindustrie?

Modulares Bauen wird den klassischen Wohnungsbau nicht vollständig ersetzen. Individuelle Gebäude und komplexe Grundstücke erfordern weiterhin maßgeschneiderte Lösungen.

Dennoch wächst der Druck auf die Branche. Fachkräftemangel, steigende Baukosten und lange Bauzeiten zwingen Unternehmen dazu, effizientere Verfahren zu entwickeln.

Für Berlins Regierenden Bürgermeister Kai Wegner zeigt das Projekt, welches Potenzial darin steckt: „Modulares Bauen ermöglicht ganz neue Projekte in Berlin. Die Wohnungsbaugesellschaft Gewobag entwickelt in Lichtenberg ein neues Stadtviertel mit mehr als 1500 Wohnungen und zeigt damit, welche enormen Potenziale modulares Bauen hat.“

Auch Manabu Hirabayashi, CEO von Daiwa House Europe, sieht das Projekt als mehr als einen einzelnen Auftrag. „Heute setzen wir nicht nur das letzte Modul – wir senden ein klares Zeichen des Vertrauens in die Zukunft des Wohnens in Deutschland.“

Das eigentliche Experiment beginnt erst jetzt

Das Quartier an der Landsberger Allee soll 1548 Wohnungen schaffen. Sein eigentlicher Wert könnte jedoch ein anderer sein.

Das Projekt zeigt, dass Gebäude nicht zwangsläufig Stein für Stein auf einer Baustelle wachsen müssen. Ein großer Teil der Arbeit kann in eine Fabrik verlagert werden. Dort entstehen unter kontrollierten Bedingungen standardisierte Bauelemente, die später auf der Baustelle nur noch zusammengesetzt werden.

Noch ist das kein Fließbandbau wie in der Automobilindustrie. Doch die Richtung ist klar. Der Wohnungsbau übernimmt zunehmend Methoden aus der industriellen Fertigung.

Das Stapelfest in Berlin könnte deshalb rückblickend weniger als Abschluss eines Bauabschnitts in Erinnerung bleiben – sondern als Symbol für den Beginn einer neuen Art des Bauens.



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