Verbrenner-Aus: Brüssel macht einen Rückzieher, die Jobs sind trotzdem weg
03. November 2026

Aus Angst um weiteren Arbeitsplatzverlust in der Automobilindustrie votierte der federführende Umweltausschuss (ENVI) im Europäischen Parlament (EP) am Dienstag (3. November) für Technologieoffenheit bis 2035. Damit ist das Verbrenner-Aus erst einmal vom Tisch. Im Dezember steht die finale Abstimmung im Plenum sowie die Bestätigung durch die Mitgliedstaaten an. Die Mehrheit im Plenum gilt als sicher, die Verhandlungen mit den Mitgliedstaaten folgen 2027.
Unverständnis und Wut herrschen derweil bei der Schaeffler-Belegschaft im fränkischen Herzogenaurach. Für die Beschäftigten des Autozulieferers kommt die Kehrtwende in Brüssel zu spät. Die Ankündigung des Vorstands am Dienstagvormittag, von den knapp 32.000 Arbeitsplätzen in Deutschland 2660 und europaweit insgesamt 3460 Stellen bis 2028 zu streichen, trifft den Industriestandort Deutschland im Mark. Schaeffler begründet das ausgerechnet mit der schwachen Nachfrage nach Verbrenner-Fahrzeugen.
Inhaltsverzeichnis
Welche Weichen das EU-Parlament jetzt stellt
Bei den ersten Abstimmungen Ende Oktober hatte sich die Mehrheit der Abgeordneten im Industrie- und im Verkehrsausschuss für die Lockerung des Verbots ausgesprochen. Beide Ausschüsse stimmten einem Vorschlag zu, den Unterhändler der konservativen EVP, der sozialdemokratischen S&D und der liberalen Fraktion Renew Europe ausgehandelt hatten.
Danach soll der CO₂-Ausstoß von Neuwagen in der EU bis 2035 um 95 % gegenüber 2021 zurückgehen statt um 100 %. Verbauen die Hersteller klimafreundlich hergestellten Stahl aus Europa, dürfen weitere 7,5 Prozentpunkte CO₂ ausgestoßen werden, ohne dass Strafzahlungen fällig werden.
Berlin und Paris wollen noch weniger
Der zwischen dem französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron und Bundeskanzler Friedrich Merz beim jüngsten EU-Gipfel verabredete Vorstoß ging sogar weiter: Autohersteller sollten die durchschnittlichen CO₂-Emissionen ab 2035 im Vergleich zum Basisjahr 2021 nur um 90 % reduzieren müssen, ohne die verbleibenden 10 % zu kompensieren. Im Rat dürfte das die deutsch-französische Verhandlungslinie bleiben.

Kritik an dem gemeinsamen Vorgehen
Die Abkehr vom Verbrenner-Aus dürfe jetzt nicht dazu führen, dass die Industrie das Tempo bei der E-Mobilität drossele, sagte der Autoexperte Stefan Bratzel im ZDF-Morgenmagazin.
Auch von den Grünen und von Umweltverbänden kommen Kritik und Enttäuschung über das Abschwächen der klimapolitischen Ziele. Der industriepolitische Sprecher der Grünen im Europaparlament, Michael Bloss, geißelt die Senkung der CO₂-Minderungsziele für Pkw und Lieferwagen als Marktverzerrung: „Das Aufweichen des Verbrenner-Aus ab 2035 lässt die europäische Automobilindustrie technologisch gegenüber der chinesischen Konkurrenz ins Hintertreffen geraten.“
VDA kritisiert Forderung nach Einsatz von nicht verfügbarem grünem Stahl
Aber auch der Verband der Deutschen Automobilindustrie (VDA) meldet Bedenken an. VDA-Präsidentin Hildegard Müller bezeichnet die geplante Minderung der CO₂-Flottenemissionen um 87,5 % bis 90 % ab 2035 als mit so vielen Hürden versehen, dass sie in der Praxis wirkungslos bleibe.
„Hersteller müssen den verbleibenden CO₂-Ausstoß über den Einsatz von grünem Stahl oder E-Fuels ausgleichen, deren Verfügbarkeit und Marktreife nicht in der Hand der Autoindustrie liegen“, geißelt Müller die Vorgaben als unausgegoren.
CDU-Europaparlamentarier Gieseke setzt auf Wettbewerb statt Verbote
Zufrieden zeigte sich hingegen Jens Gieseke, CDU-Europaabgeordneter, verkehrspolitischer Sprecher der EVP-Fraktion und Berichterstatter für die Stellungnahme des Verkehrsausschusses, schon nach den Ausschussvoten im Oktober: „Die EVP hält Wort. Mit den heutigen Abstimmungen hat das Aus für das Verbrennerverbot die parlamentarischen Hürden genommen. Das ist ein starkes Signal für unsere europäische Automobilindustrie und die hunderttausenden Beschäftigten, deren Arbeitsplätze von ihrer Zukunft abhängen.“
CDU/CSU setzten auf Wettbewerb statt Verbote, auf Innovation statt Ideologie und auf Zukunft statt Stillstand. „Wir schreiben der Industrie nicht vor, welche Technologie sie einsetzen muss, sondern schaffen echte Technologieoffenheit“, so Gieseke in Brüssel.
Schaeffler: Fünf Standorte vor dem Aus, neue Geschäfte mit Robotern und Drohnen
Bei dem Zulieferer Schaeffler trifft es nach Unternehmensangaben das Werk in Dortmund, den Standort im rheinland-pfälzischen Morbach, die Aktivitäten in Berlin und den Standort im hessischen Schwalbach, dazu das Werk Herstal in der belgischen Provinz Lüttich. Den Werkzeugbau in Höchstadt will der Konzern einstellen, den Sondermaschinenbau in Erlangen und Schweinfurt anpassen; weitere Einschnitte sind in Herzogenaurach, Bühl, Nürnberg und Regensburg geplant.
Das Programm soll ab 2030 jährlich 300 Mio. € einsparen, der Einmalaufwand liegt bei rund 480 Mio. €. Als Gründe nennt Schaeffler neben der schwachen Nachfrage nach Verbrenner-Fahrzeugen die überdurchschnittlich hohen Personalkosten pro Kopf in Deutschland und zu viele Führungsebenen. Um unabhängiger vom Autogeschäft zu werden, setzt der Konzern auf humanoide Robotik, unter anderem mit einer im Oktober eröffneten Fabrik im chinesischen Taicang, sowie auf Verteidigungstechnik, etwa in einer Kooperation mit dem Drohnenbauer Helsing.
Einen Gewinneinbruch fürchtet Schaeffler nicht: Der Umsatz lag nach neun Monaten mit 17,5 Mrd. € währungsbereinigt nahezu auf Vorjahresniveau, die Jahresprognose bleibt bestehen.

















