
Die Avicii Arena in Stockholm ist 86 m hoch und hat einen Durchmesser von 110 m. Bei der Modernisierung erhielt die riesige Kugel ein zusätzliches Stahl-Seil-Tragwerk mit 452 beweglichen Akustikpaneelen. Die vorhandene Gebäudehülle blieb erhalten. Jetzt ist die außergewöhnliche Konstruktion für einen internationalen Ingenieurpreis nominiert.
Wer nach Stockholm kommt, kann die Avicii Arena kaum übersehen. Die riesige weiße Kugel gehört seit 1989 zum Stadtbild der schwedischen Hauptstadt. Doch was von außen spektakulär aussieht, bereitete den Betreibern im Inneren zunehmend Schwierigkeiten. Die besondere Form erschwerte es, bei Konzerten und Sportveranstaltungen die jeweils gewünschten akustischen Bedingungen herzustellen. Auch moderne Bühnenproduktionen stellten höhere Anforderungen an Beleuchtung, Beschallung und die Befestigung der Veranstaltungstechnik.
Ein Neubau war nicht das Ziel. Die markante Kugel sollte erhalten bleiben. Stattdessen entstand im Inneren ein zusätzliches Tragwerk aus Stahlringen, Stäben und Seilen. Daran hängen heute 452 bewegliche Akustikpaneele, die sich innerhalb von zehn Minuten an unterschiedliche Nutzungen anpassen lassen.
Für die Konstruktion ist das deutsche Ingenieurbüro schlaich bergermann partner (sbp) verantwortlich. Der Umbau gehört zu den 34 Projekten, die für die Structural Awards 2026 der britischen Institution of Structural Engineers nominiert wurden. Am 6. November werden die Gewinner bekannt gegeben.
Inhaltsverzeichnis
Warum die Kugelform zum Problem wurde
Die Avicii Arena, früher als Ericsson Globe bekannt, wird für Eishockey, Konzerte und andere Großveranstaltungen genutzt. Bei Konzerten bietet sie nach Angaben des Herstellers Taiyo Kogyo Platz für bis zu 16.000 Menschen, bei Eishockeyspielen für rund 13.850.
Allerdings stellt die kugelförmige Halle besondere Anforderungen an die Raumakustik. Ihre gekrümmten Oberflächen reflektieren den Schall. Wie lange dieser im Raum nachhallt, hängt unter anderem von der Geometrie, den Oberflächen und der Einrichtung ab.
Für unterschiedliche Veranstaltungen sind deshalb verschiedene akustische Bedingungen gefragt. Bei Konzerten soll Musik möglichst klar beim Publikum ankommen. Bei Sportveranstaltungen spielt dagegen auch die Atmosphäre im großen Hallenraum eine Rolle.
Früher waren dafür teilweise aufwendige temporäre Einbauten erforderlich. Die Modernisierung sollte eine dauerhafte und flexiblere Lösung schaffen. Gleichzeitig mussten zusätzliche Aufhängemöglichkeiten für die Veranstaltungstechnik entstehen.
Die Schwierigkeit: Die vorhandene Kugelkonstruktion ließ sich nicht beliebig belasten. Die Ingenieure mussten zunächst herausfinden, welche Kräfte das bestehende Tragwerk aufnehmen konnte und wo sich die neue Konstruktion daran anschließen ließ.
Ein neues Tragwerk innerhalb der bestehenden Kugel
Die Planer entwickelten eine zusätzliche Stahl-Seil-Konstruktion, die sich unterhalb der ursprünglichen Kuppel aufspannt. Sie trägt das bewegliche Akustiksystem und dient zugleich als Tragebene für Licht- und Veranstaltungstechnik. Das neue Dach ist also keine zweite wetterfeste Gebäudehülle. Es handelt sich um eine innenliegende Akustikebene, die von einer eigenen Tragstruktur gehalten wird.
Das System besteht aus mehreren Bauteilen, die eng zusammenarbeiten:
- Äußerer Druckring: Ein großer Stahlring nimmt Kräfte aus der neuen Konstruktion auf und bildet einen wesentlichen Teil des tragenden Systems.
- Radialstäbe: Sie verbinden die ringförmigen Tragwerksteile und übertragen Kräfte zwischen ihnen.
- Innerer Ring: Der gewellte Stahlring ist Bestandteil der Tragkonstruktion. An ihm hängen außerdem neue Gondelbereiche für Zuschauer.
- Seilnetz: Die vorgespannte Konstruktion trägt die beweglichen Akustikelemente und weitere Veranstaltungstechnik.
Die Lasten werden über die neuen Stahlbauteile gezielt in die vorhandenen radialen Tragwerksrippen geleitet. Dadurch konnte der Umfang zusätzlicher Verstärkungen am Bestand begrenzt werden.
Wie wichtig diese Lastabtragung ist, erklärt sbp-Geschäftsführer Knut Stockhusen in einem Bericht des britischen Architekturmagazins RIBA Journal. Die Konstruktion habe so gestaltet werden müssen, dass vor allem vertikale Lasten in das vorhandene Gebäude eingeleitet werden. Der äußere Druckring nimmt dabei die horizontalen Kraftanteile aus dem Seilnetz und den angrenzenden Bauteilen auf.

Warum das Seilnetz eine Sattelform besitzt
Eine Besonderheit liegt in der Geometrie des Seilnetzes. Es bildet keine ebene Fläche, sondern ist gegensinnig gekrümmt. Fachleute sprechen von einem hyperbolischen Paraboloid. Anschaulich lässt sich die Form mit einem Sattel vergleichen: In einer Richtung steigt die Fläche an, während sie sich in der anderen nach unten krümmt.
Diese Form ist für die Tragwirkung wichtig. Die vorgespannten Seile können Zugkräfte aufnehmen und durch ihre gegenläufige Anordnung dazu beitragen, die Konstruktion unter Belastung zu stabilisieren. Ein Seil allein wäre dafür nicht ausreichend. Es kann Zugkräfte übertragen, aber keine Druckkräfte aufnehmen. Erst zusammen mit den Stahlringen, Stäben und den erforderlichen Verankerungen entsteht ein tragfähiges System.
Nach Angaben des RIBA Journal wurden für das Seilnetz paarweise angeordnete, vorgespannte Stahlseile mit einem Durchmesser von 45 mm eingesetzt. Das Ingenieurbüro optimierte die Geometrie mithilfe numerischer Berechnungen. Ziel war eine möglichst leichte Konstruktion, die gleichzeitig die erforderlichen Lasten aufnehmen kann.
Ein bekanntes Beispiel für die Tragwirkung vorgespannter Seilkonstruktionen ist das Zeltdach des Münchner Olympiastadions. Dort bilden Stahlseile und Masten ein weit gespanntes Dachtragwerk. In Stockholm liegt die Herausforderung dagegen darin, eine solche leichte Konstruktion in ein bereits vorhandenes Gebäude einzufügen.
2400 m Seile im Inneren der Arena
Die Abmessungen zeigen, welchen Umfang die zusätzliche Konstruktion erreicht.
| Bauteil | Abmessung |
| Durchmesser der Kugel | 110 m |
| Gebäudehöhe | 86 m |
| Länge des äußeren Druckrings | 310 m |
| Länge des inneren Rings | 280 m |
| Gesamtlänge der Radialstäbe | 550 m |
| Gesamtlänge der Seile im Innennetz | 2400 m |
| Bruttogrundfläche der Gondelbereiche | 1600 m² |
Die Angaben stammen von schlaich bergermann partner. Bei den Ringmaßen handelt es sich um die Längen der ringförmigen Bauteile, nicht um deren Durchmesser. Der Hersteller Taiyo Kogyo nennt für seinen Lieferumfang insgesamt 4409 m Seile. Die Zahlen beziehen sich auf unterschiedlich abgegrenzte Systeme und sollten deshalb nicht gleichgesetzt werden.
452 Paneele verändern die Akustik in zehn Minuten
Die auffälligste Neuerung im Inneren ist das bewegliche Akustikdach. Es besteht aus 452 einzelnen Paneelen, die unterhalb der Kuppel an der Stahl-Seil-Konstruktion befestigt sind. Jedes Element misst 3,84 m × 2,26 m und ist rund 100 mm dick. Die Paneele bestehen aus PVC-beschichteten Membranen mit schallabsorbierendem Polyestermaterial. Zusammen bilden sie ein Deckensystem mit einer vom Hersteller angegebenen Fläche von rund 3900 m².
Elektrisch angetriebene Kettenmechanismen bewegen die Elemente zwischen unterschiedlichen Positionen. Dadurch lässt sich die Akustik an die jeweilige Veranstaltung anpassen. Der Hersteller Taiyo Kogyo gibt an, dass sich das System innerhalb von zehn Minuten zwischen den vorgesehenen Konfigurationen umstellen lässt.
Dabei verändert sich unter anderem die Nachhallzeit. Sie beschreibt, wie lange Schall nach dem Verstummen einer Schallquelle im Raum abklingt. Eine längere Nachhallzeit kann Sprache undeutlicher machen und bei verstärkter Musik störend wirken.
Die Paneele beeinflussen, wie viel Schall im Raum absorbiert und reflektiert wird. Für Konzerte lassen sie sich anders positionieren als für Sportveranstaltungen. Werden sie nicht benötigt, können sie in eine Parkposition bewegt werden. Dann bleibt der Blick in die ursprüngliche Kuppel erhalten.

Die Konstruktion trägt auch Zuschauerbereiche
Das zusätzliche Tragwerk übernimmt noch weitere Aufgaben. An dem gewellten Innenring hängen hölzerne Gondelbereiche, die zusätzliche Zuschauerplätze schaffen. Nach Angaben von sbp umfassen diese Bereiche rund 1600 m² Bruttogrundfläche. Anders als die beweglichen Akustikpaneele sind die Gondeln dauerhaft mit der Konstruktion verbunden. Ihr Eigengewicht und die vorgesehenen Nutzlasten mussten daher bei der Tragwerksplanung berücksichtigt werden.
Hinzu kommt ein sogenanntes Rigging-System. Es stellt Befestigungsmöglichkeiten für Scheinwerfer, Lautsprecher und andere Veranstaltungstechnik bereit. Ein begehbares Netz oberhalb des Zuschauerraums erleichtert den Zugang für technische Arbeiten.
Wie unterschiedlich solche Tragwerke ausfallen können, zeigt die geplante Munich Arena mit ihrem Dach für mehr als 200 t Veranstaltungstechnik. Während dort ein neues Hallendach mit rund 100 m stützenfreier Spannweite entsteht, mussten die Ingenieure in Stockholm die zusätzlichen Lasten in eine bereits bestehende Konstruktion einleiten.
Wie baut man ein Dach in eine fertige Kugel?
Der Umbau stellte hohe Anforderungen an die Planung. Das bestehende Tragwerk konnte nicht einfach wie bei einem Neubau an die gewünschte Dachkonstruktion angepasst werden. Die Ingenieure untersuchten deshalb zunächst die vorhandene Konstruktion. Sie werteten alte Ausführungszeichnungen, Archivunterlagen und Fotografien aus und erstellten ein dreidimensionales Modell des Gebäudes. Ergänzend ermöglichten präzise Vermessungen eine genauere Beurteilung des Bestands.
Dabei zeigte sich, dass die ursprüngliche Konstruktion bereits sehr effizient ausgelegt war. Größere ungenutzte Tragreserven standen nicht ohne Weiteres zur Verfügung. Das zusätzliche Dach musste deshalb möglichst leicht ausfallen.
Auch die Montage war anspruchsvoll. Die neuen Stahlbauteile mussten innerhalb der bestehenden Kugel eingebaut und miteinander verbunden werden. Besonders die Anschlusspunkte waren entscheidend, da hier erhebliche Kräfte zwischen den neuen und vorhandenen Tragwerkselementen übertragen werden. Die Institution of Structural Engineers hebt in ihrer Projektbewertung die sorgfältige Planung der Bauabfolge und die präzise Installation hervor. Auch Wartung und ein möglicher späterer Rückbau wurden berücksichtigt.
Schwedischer Stahlbaupreis für den außergewöhnlichen Umbau
Die Modernisierung dauerte von Januar 2024 bis Januar 2025. Am 1. Februar 2025 wurde die Arena mit einem Konzert der schwedischen Band Kite wiedereröffnet. An dem Projekt waren neben schlaich bergermann partner die Architekturbüros HOK und C.F. Møller Architects beteiligt. Taiyo Europe aus Sauerlach übernahm die Planung und Ausführung des beweglichen Akustiksystems einschließlich Seilkonstruktion und Wartungszugängen. Hauptauftragnehmer war NCC Building Sweden.
Bereits am 25. November 2025 erhielt das Projekt den schwedischen Stahlbaupreis. Die Jury würdigte insbesondere die materialeffiziente Seilnetzkonstruktion, die aufwendigen Verbindungen und die Präzision der Ausführung.
In ihrer damals veröffentlichten Begründung schrieb die Jury: „Es ist eine Stahlkonstruktion von Weltklasse und eine würdige Gewinnerin des diesjährigen Stahlbaupreises.“ Nun könnte eine weitere Auszeichnung folgen. Die Avicii Arena steht auf der Shortlist der Structural Awards 2026. Die Gewinner werden am 6. November in London bekannt gegeben.
Quellen
- Institution of Structural Engineers: Avicii Arena – Konstruktion, Lastabtragung und Jurybewertung 2026.
- schlaich bergermann partner: Avicii Arena 2.0 – technische Maße, neue Tragwerkskonstruktion und Gondelbereiche.
- schlaich bergermann partner: Tragwerkskonzept – Bestandsuntersuchung, Innenring, Radialstäbe und Akustiksystem.
- RIBA Journal: Avicii Arena – technische Aussagen von Knut Stockhusen zur Bestandsstatik und Kraftübertragung.
- Taiyo Kogyo, 5. Juni 2025 – Abmessungen, Materialien und Antrieb der 452 Akustikpaneele.
- Schwedisches Stahlbauinstitut, 25. November 2025 – Auszeichnung und unverändertes Originalzitat der Jury.
- IStructE: Structural Awards 2026 – Preisverleihung am 6. November 2026.



























