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555 TWh Wasserstoff: Warum der Hochlauf trotz riesigem Bedarf

26. Juni 2026

Gelbe Industrierohrleitung mit der Aufschrift „Wasserstoff" und Gefahrgut-Kennzeichnung, verschraubter Flansch, im Hintergrund Anlagentechnik einer Gießerei.
Gelb markierte Wasserstoffleitung in der Gießerei der HMT Höfer Metall Technik in Hettstedt: Hier werden täglich bis zu 45 Tonnen Aluminiumbolzen umgeschmolzen. Der energieintensive Herdofen soll künftig auch mit grünem Wasserstoff statt Erdgas befeuert werden – erste Versuche stehen kurz bevor. Foto: picture alliance/dpa | Hendrik Schmidt
Der Nationale Wasserstoffrat beziffert den künftigen H₂-Bedarf auf bis zu 555 TWh. Warum der Hochlauf bislang trotzdem ausbleibt.
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Bis zu 555 TWh Wasserstoff und Derivate könnte Deutschland in den späten 2040er-Jahren brauchen – das sind bis zu 16,65 Mio. Der Nationale Wasserstoffrat (NWR) führt diese Zahl als Orientierungswert. Sie markiert, was nötig wäre, nicht, was kommt.

Denn das Gremium, das die Bundesregierung seit 2020 in Wasserstofffragen berät, schraubt seine Erwartung nicht nach oben. Im Gegenteil: Von einem Wasserstoffhochlauf, heißt es im neuen Grundlagenpapier, könne „derzeit kaum“ die Rede sein. Der hohe Bedarf existiert also auf dem Papier, aber der Start verschiebt sich immer weiter.

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Inhaltsverzeichnis

Was der Wasserstoffrat jetzt erwartet

Der NWR rechnet je nach Szenario mit einem Gesamtbedarf von 275 bis 555 TWh in den späten 2040er-Jahren, umgerechnet rund 8,25 bis 16,65 Mio. t. Den größten Hunger haben die Stahl- und Chemieindustrie. Jeweils 20 bis 25 % entfallen auf die Strom- und Fernwärmeerzeugung sowie auf die Mobilität, dort vor allem auf Schwerlast-, Schiffs- und Luftverkehr.

Zum Vergleich: Aktuell verbraucht Deutschland laut dem NWR rund 55 TWh Wasserstoff pro Jahr. Dieser ist fast ausschließlich „grau“, also aus Erdgas gewonnen und damit klimaschädlich. Genutzt wird er vor allem für die Chemie und in Raffinerien. Die für das oberste Szenario in den späten 2040ern skizzierten 555 TWh wären also etwa das Zehnfache des heutigen Bedarfs. Ein absoluter Verbrauchsrekord und zugleich eine komplette Umstellung von grau auf grün. Die Zahl bedeutet also eine doppelte Herausforderung: laut dem NWR dürfte viel mehr Wasserstoff gebraucht werden als heute, und davon möglichst keiner mehr fossil.

Natürlich handelt es sich bei den genannten Bedarfen um Abschätzungen, keine Bestellungen. Der NWR verknüpft, wie er selbst betont, plausible Annahmen über reale Entwicklungen mit dem Fernziel der Klimaneutralität – die Werte für die späten 2040er nennt er „eher normativen Charakters“. Es ist zudem die dritte Fassung der Bedarfsschätzung nach 2023 und 2024, und sie fällt in Teilen nüchterner aus. Für die Chemie liegt der erwartete Bedarf für 2045 inzwischen bei 107 bis 243 TWh; je nach Szenario rund 14 bis 28 % niedriger als noch 2024.

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Warum vom Hochlauf kaum die Rede sein kann

Der Befund des Rates in Bezug auf die Gegenwart ist ungewöhnlich deutlich. Von einem Wasserstoffhochlauf könne man „derzeit kaum sprechen“. Mit anderen Worten: Er findet faktisch nicht statt.

Auch mögliche Gründe benennt das Papier. Einschnitte bei den öffentlichen Haushalten ziehen Kürzungen bei der Technologieförderung nach sich, und der regulatorische Rahmen fehlt und verzögert sich weiter. Beides zusammen verhindert Investitionen in nennenswertem Umfang, und ohne Investitionen bleiben die Angebotsmengen knapp, was die Kosten treibt und reihenweise Projekte zum Stillstand oder zur Aufgabe zwingt. Ein Teufelskreis, an dessen Anfang die fehlende politische Verlässlichkeit steht.

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Hinzu kommen laut NWR die zugespitzte geopolitische Lage und, damit verbunden, die Unsicherheit der US-Politik und neue Schwerpunktsetzungen in Brüssel und Berlin. Die Nachfrage bleibe langfristig hoch, betont der Rat – aber sie komme später in Gang als gedacht. Und auch das nur unter einer Bedingung: „Für alle Sektoren gilt, dass ein klares politisches Bekenntnis und die rechtlich-regulatorischen Bedingungen noch geschaffen oder zumindest verbessert werden müssen“, so NWR-Mitglied Kirsten Westphal. Ohne verlässlichen Rahmen bleibt der Bedarf eine Rechnung auf dem Papier.

Was auf dem Spiel steht

Die Aktualisierung markiert das Ende der ersten Amtszeit des Rates. Zum 1. Juli wird das Gremium neu aufgestellt; die inhaltliche Arbeit soll der dann berufene Rat fortsetzen. Die jetzige Abschätzung ist damit eine Art Übergabe oder Auftrag an die Politik, die Voraussetzungen zu schaffen, die der alte Rat anmahnt.

Für die Industrie steht dabei viel auf dem Spiel. Die Stahlbranche kann zum zentralen Nachfrageanker werden: Bei der wasserstoffbasierten Eisenerz-Direktreduktion lassen sich je Tonne eingesetztem Wasserstoff rund 28 t CO₂ einsparen, der potenzielle Bedarf liegt bei bis zu 400.000 t pro Jahr. Doch Stahl wie Chemie planen ihre Dekarbonisierung entlang genau dieser Annahmen. Verschiebt sich der Hochlauf weiter, verschieben sich auch ihre Investitionen. Und das hätte Folgen für die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts.

Die vollständige Bedarfsabschätzung lesen Sie hier.



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