13.11.2014, 17:19 Uhr | 0 |

Problemlösung im All Alexander Gerst: „Bei 5 G hört der Spaß auf“

Auch für unsere Redakteurin Gudrun von Schoenebeck war das Gespräch mit Alexander Gerst eine elektrisierende Premiere: Wann kann man schon einen Astronauten direkt nach seinem Aufenthalt auf der ISS fragen, wie er seinen gefährlichen Außeneinsatz erlebt hat und wozu Rasierschaum auf der ISS noch zu gebrauchen ist. Ingenieur.de hat Gerst gut zugehört.

Großer Medienandrang im Astronautenzentrum Köln
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Großer Medienandrang im Astronautenzentrum Köln: Astronaut Alexander Gerst berichtete von seinem halbjährigen Aufenthalt auf der ISS. Rechts im Bild Staatssekretärin Brigitte Zypries und DLR-Chef Prof. Johann-Dietrich Wörner, links Thomas Reiter, Astronaut und ESA-Direktor für Bemannte Raumfahrt und Missionen.

Foto: DLR

Wenn man Alexander Gerst reden hört, fällt die Vorstellung schwer, dass diesen jungen Mann je irgendetwas aus der Ruhe bringen könnte. Seit drei Tagen ist der 38-Jährige zurück von seinem knapp sechsmonatigen Aufenthalt auf der ISS und wird seither fast rund um die Uhr medizinisch untersucht. Topfit ist er, gut gelaunt und ein Sympathieträger, der obendrein auch noch mit Twitter und Facebook umgehen kann. Offenbar hat das Komitee, das Gerst vor fünf Jahren unter mehr als 8000 Bewerbern auswählte, den Richtigen erwischt.

„Oben war alles einfacher, als ich gedacht habe“

Heute gab Gerst im Europäischen Astronautenzentrum EAC in Köln, auf dem Gelände des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, seine erste große Pressekonferenz nach seiner Rückkehr aus dem All.

Er komme gerade vom Laufband, erzählt Gerst, und werde in den kommenden drei Wochen weiterhin medizinisch ausführlich untersucht. Einerseits um seinen Gesundheitszustand zu beobachten, aber vor allem um die Auswirkungen der Schwerelosigkeit auf den Körper zu erforschen.

Gerst, im Erstberuf Vulkanologe, ist offenbar außergewöhnlich fit von der Reise zurückgekommen. Eine Erklärung dafür habe er selbst nicht, sagt er, wahrscheinlich habe die extrem gute Vorbereitung auf der Erde den wichtigsten Anteil daran gehabt. „Es war dann oben eigentlich alles viel einfacher, als ich gedacht hatte.“

Immerhin fünf Jahre lang hatten die Vorbereitungen gedauert, zuerst im EAC in Köln, später auch in Houston, Moskau, Tokio und Montreal. Die ISS lernte Gerst dabei in einem Modell in Originalgröße in- und auswendig kennen, er absolvierte Überlebenstrainings unter Extrembedingungen, wurde für medizinische Notfälle gerüstet und lernte Russisch.

„Bei 5 G dachte ich, jetzt ist es aber langsam gut“

„Das Training auf der Erde ist besonders hart, damit es nachher leichter wird“, sagt Gerst und bezieht das auch auf seinen Außenbordeinsatz an der ISS. „Ich war komplett in meiner Komfortzone da draußen und habe es nicht als bedrohlich empfunden.“ Nur bei der Rückkehr zur Erde habe es einen Moment gegeben, an dem er gedacht habe „jetzt ist es aber gut“.

Gerst: „Das war beim Eintritt in die Erdatmosphäre, als wir mit der Sojus-Kapsel immer schneller wurden, draußen sprühte es Funken und wir beobachteten das Instrument, dass die G-Kräfte anzeigt. Die Nadel ging bis zu 5 G hoch, das heißt, dass ich mit meinem fünffachen Körpergewicht, etwa 450 Kilogramm, in den Sitz gedrückt wurde. Da merkt man, wie einem die Luft ausgeht und die Kehle zugedrückt wird.“

An Bord der ISS habe er sich dagegen sehr wohl gefühlt und streng nach Programm gearbeitet. Auch die Experimente, für die er zuständig war, hätten alle funktioniert. Einmal hätten sie gebangt, als ein Bolzen des Elektromagnetischen Levitators EML klemmte. „Das Problem haben wir dann zusammen mit der Bodenkontrolle, einem Sägeblatt und Rasierschaum gelöst“, freut sich Gerst.

In dem High-Tech-Ofen werden metallische Legierungsproben behälterfrei geschmolzen und erstarrt. Die Experimente sollen dabei helfen, metallurgische Produktionsprozesse auf der Erde effizienter zu gestalten. Nun laufe der EML, der ein wichtiges Experiment sei, einwandfrei.

„Manchmal habe ich mich ins Internet eingewählt, um Kommentare zu lesen“

Dass die Öffentlichkeit, vor allem in den Sozialen Medien, regen Anteil an der Mission Blue Dot genommen hat, ist ebenfalls ein Verdienst des deutschen Astronauten. Regelmäßig twitterte er und postete Fotos aus dem Innern der ISS, aber auch viele Blicke aus 400 Kilometern Höhe auf die Erde.

Seine Tweets und Posts habe er zwischendurch per Mail an die Erde geschickt, sagt Gerst. „Manchmal habe ich mich auch selbst ins Internet eingewählt, um die Kommentare zu lesen, aber die Internetverbindung dort oben ist nicht besonders stabil.“

„Ich habe einfach meine Emotionen weitergeleitet an die Menschen, die noch ein bisschen Kind geblieben sind, so wie ich.“ Junge Leute habe er inspirieren wollen, um ihnen zu zeigen, was man alles in technischen Berufen leisten könne. „Es muss ja nicht jeder Astronaut werden. Das Bodenpersonal macht sowieso die wichtigere Arbeit.“

„Wir sollten unseren Heimatplaneten als Geschenk sehen, wir haben nur einen“

Der Blick von oben habe ihm auch gezeigt, sagt Gerst, wie unlogisch das Verhalten der Menschen eigentlich sei. „Wenn man von oben hinunterschaut auf den kleinen blauen Planeten mit seiner dünnen Schutzhülle und dem unendlichen Schwarz drumherum, wird klar, dass wir unseren Heimatplaneten viel mehr als Geschenk erkennen sollten, denn wir haben nur einen“, so der Astronaut. „Ich will nicht als Moralapostel dastehen und politische Botschaften habe ich auch keine, aber die Perspektive von außen ist manchmal wichtig.“ 

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Von Gudrun von Schoenebeck
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