Porträt zum Gewinn der Grashof-Denkmünze 2025 19.05.2025, 12:30 Uhr

Siegfried Russwurm erhält höchste VDI-Auszeichnung

Auf dem Deutschen Ingenieurtag 2025 erhielt Siegfried Russwurm die Grashof-Denkmünze für sein Lebenswerk.

VDI-Direktor Adrian Willig (li.) und VDI-Präsisent Lutz Eckstein (re.) überreichen die Grashof-Denkmünze des Verein Deutscher Ingenieure an Siegfried Russwurm. Foto: Julian Huke Photography // www.julianhuke.com

VDI-Direktor Adrian Willig (li.) und VDI-Präsisent Lutz Eckstein (re.) überreichen die Grashof-Denkmünze des Verein Deutscher Ingenieure an Siegfried Russwurm.

Foto: Julian Huke Photography // www.julianhuke.com

Porträt zum Gewinn der Grashof-Denkmünze 2025

Zum Ende seiner Amtszeit als BDI-Präsident hat Siegfried Russwurm 2024 den Umgang von Bundeskanzler Olaf Scholz mit der Wirtschaftskrise kritisiert. Er sprach unter anderem von „verlorenen Jahren“ der Regierungskoalition. Im Januar 2025 hat Peter Leibinger Russwurm abgelöst. BDI-Hauptgeschäftsführerin Tanja Gönner charakterisierte ihn zum Abschied mit den Worten: „Geradlinig, bestens informiert, zugewandt und mit hohem Wirkungsgrad.“

Seit 15. Mai 2025 ist er Träger der höchsten VDI-Auszeichnung. Neben der promovierten Umweltbiotechnologin Sabine Kunst von der Joachim-Herz-Stftung erhielt er die Grashof-Denkmünze für sein Lebenswerk. VDI-Präsident Lutz Eckstein sagt über ihn: „Sie haben schon früher als viele andere die Chancen der Digitalisierung und der aufkommenden KI-Technologien erkannt und insbesondere für die industrielle Anwendung stets nach passenden Lösungen gesucht und oft gefunden.“ Sein außergewöhnliches Engagement zeige sich nicht nur in seinen Führungsrollen, sondern auch in seinem Einsatz für Wissenschaft und Forschung.

Russwurms ungewöhnlicher Start als BDI-Präsident

Rückblende: Marktgraitz ist aktuell (Januar 2021 bis Dezember 2024) eine wichtige Außenstelle des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), der seinen Hauptsitz in Berlin hat.

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Denn Oberfranken ist die Heimat des ehemaligen Siemens-Vorstands Siegfried Russwurm. Seit 1. Januar 2021 ist er Präsident des Industrieverbands und arbeitet oft im Homeoffice. „Aus den persönlichen Kennenlernterminen mit Politikern und den Vertretern anderer Verbände wurden virtuelle Vorstellungsrunden. Inhaltlich gab es keine Schonfrist“, lautet seine Bilanz nach den ersten Wochen im Amt.

Vom ersten Tag an gilt für ihn die Devise: „Ärmel hochkrempeln, Corona kennt keine Verschnaufpause.“ Gerade jetzt leiste die deutsche Industrie einen großen Beitrag zur wirtschaftlichen Dynamik und zur gesellschaftlichen Stabilität. „Ich mache mir allerdings auch Sorgen darüber, dass beim aktuellen Fokus auf kurzfristiges Krisenmanagement der Blick über den Coronatellerrand hinaus zu kurz kommt.“

Siegfried Russwurm, seinerzeit BDI-Präsident, auf der Hannover Messe 2024.

Foto: M.Ciupek

Heimat von Sigfried Russwurm ist Oberfranken

Russwurm ist froh, dass Oberfranken zwar ländlich geprägt, aber dennoch kein digitales Niemandsland ist. „Die Verbindung ist so gut, dass die Leitung auch für Videokonferenzen mit vielen Teilnehmern stabil ausreicht“, berichtet er. Dabei ist eine lückenlose Breitbandversorgung gerade im ländlichen Raum für ihn kein Selbstläufer. „Beim Schließen der immer noch Tausenden grauen und weißen Flecken muss es definitiv schneller vorangehen“, fordert er.

Für seine Amtszeit hat er sich viel vorgenommen. „Ich möchte meine ganze Kraft als BDI-Präsident dafür einsetzen, dass die deutsche Industrie die heftige Rezession durch die Coronapandemie rasch überwindet und ihre weltweite Spitzenstellung stärkt.“ Er sagt: „Wir müssen Innovation als riesengroße Chance begreifen, unsere Zukunft zu gestalten.“ Dabei setzt er auf Europa und die gemeinsamen Werte. Diese müsse Deutschland zusammen mit seinen Partnern verteidigen und als Erfolgsmodell exportieren.

Der BDI-Präsident findet es schade, dass die Hannover Messe Mitte April 2021 zum zweiten Mal nacheinander nur virtuell stattfinden kann. „Das ist besser als nichts und dennoch bedauerlich, vor allem für Deutschland als weltweites Messeland Nummer eins.“ Es brauche dringend Öffnungsperspektiven auch für diese Branche. Internationale Messeplätze, die mit Deutschland im Wettbewerb stünden, hätten den Neustart teilweise bereits erfolgreich vollzogen.

Austausch mit Menschen liefert Russwurm das „Big Picture“

Für ihn ist ein enger Austausch mit Unternehmensvertretern das A und O. In 30 Jahren internationaler Geschäftsverantwortung habe er weltweit viele interessante Menschen kennengelernt – als Kunden, als Lieferanten, als Partner. „Mir hilft das Gespräch mit ihnen heute, den Blick für das ‚Big Picture‘ zu bewahren und auch die globale Perspektive – aus Deutschland hinaus in die Welt, aber auch aus der Welt auf Deutschland – nicht aus dem Auge zu verlieren“, sagt er.

Nach seinem Studium in der Fertigungstechnik an der Hochschule Erlangen hatte Russwurm 1992 zunächst in der Medizintechnik von Siemens als Projektleiter begonnen und sich dann überleitende Positionen in den Bereichen Automation & Drives sowie Medical Systems bis in den Zentralvorstand des Konzerns hochgearbeitet. Dort trug er zuletzt bis März 2017 die konzernweite Verantwortung für alle Industriethemen. Nur der Vorstandsvorsitz blieb ihm versagt.

Podiumsdiskussion der Plattform Industrie 4.0 auf der Hannover Messe: Damals diskutierten v.l.n.r. Eberhard Veit (Festo), Reinhard Clemens (Deutsche Telekom). Siegfried Russwurm (Siemens) und Fraunhofer-Chef Reimund Neugebauer.

Foto: M. Ciupek

Eng verbunden ist der Maschinenbauingenieur auch mit der Plattform Industrie 4.0, wo er Mitte der 2010er-Jahre noch den Lenkungskreis leitete. Sein Mitstreiter Eberhard Veit, seinerzeit Vorstandssprecher beim Automatisierungsspezialisten Festo in Esslingen, erinnert sich an eine Podiumsdiskussion auf der Hannover Messe 2011. Auf die Frage, ob er in einfachen Worten erklären kann, was passiert, wenn man dem neuen Trend Industrie 4.0 nicht folgt, antwortete Russwurm laut Veit: „Stellen Sie sich vor, Sie stehen auf den Gleisen und ein Zug nähert sich, wo wollen Sie dann sein? Doch lieber im Zug, also steigen Sie ein in die Digitalisierung und Industrie 4.0.“

Obwohl er gerne in großen Dimensionen denkt, hat der Topmanager nie den Bezug zur Praxis verloren. „Ganz wichtig ist es für mich als BDI-Präsidenten, die tägliche Realität der einzelnen Unternehmen und Unternehmer zu verstehen, um deren Interessen gegenüber der Politik zu vertreten“, sagt er heute.

Ein Beitrag von:

  • Martin Ciupek

    Martin Ciupek ist Ingenieur und Technikjournalist mit den Schwerpunkten Maschinenbau, Robotik und Automatisierungstechnik.

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