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Wenn der Arzt fehlt, kommt die Box: Medizinische Kabinen erobern Europa

15. November 2025

Toilettenhäuschen mit Telemedizin-Funktion
Toilettenhäuschen mit Telemedizin-Funktion an der Aachener Uniklinik. Foto: Uniklinik RWTH Aachen
Herzcheck, Blutdruck, EKG – vollautomatisch in einer Kabine. Frankfurt testet die erste Telemedizin-Box, in Frankreich sind es schon viel mehr.
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Medizinische Kabinen in Gestalt umgebauter Dixi-Klos sind die neue Antwort auf den Ärztemangel. Herzcheck und Blutdruckmessung gibt es hier vollautomatisch. In Frankfurt steht die erste Kabine dieser Art in Deutschland.  In Frankreich sind es schon viel mehr.

Inhaltsverzeichnis

Der Frankfurter „Cube“

Es ist das wohl kleinste Behandlungszimmer der Welt im Eingangsbereich der Herzklinik des Universitätsklinikums Frankfurt. Seit April dieses Jahres untersucht die Kabine willige Besucher vollautomatisch. Drinnen stecken sie den Arm entsprechend der Anweisungen in eine Röhre. Über eine umliegende Manschette wird der Blutdruck gemessen. Anschließend kommen beide Hände auf eine Sensorplatte.

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Ein Elektrokardiogramm wird aufgezeichnet. Bei Herzrhythmusstörungen würde die Kabine den Besucher vor einem Risiko warnen. Auch Gewicht und Körperfett detektieren Geräte in der autonomen Untersuchungskabine. Am Ende erhält der Besucher ein Risikoprofil – ganz altmodisch auf Papier. Wenn einer der Werte aus dem normalen Rahmen fällt, meldet sich das angebundene Herzzentrum später beim Patienten und bittet ihn zur Visite.

„Cube“ hat die Universitätsklinik Frankfurt die telemedizinische Kabine getauft. Mehr Prävention und künftig eine Entlastung des Personals erhofft sie sich von der neuen Technik.

Diese stammt von einem finnischen Anbieter, wurde aber vom Team der Universitätsmedizin Frankfurt um den Kardiologen David Leistner weiterentwickelt. Die Kabine erinnert an ein Toilettenhäuschen – und zwei Mitbewerber verwenden auch tatsächlich entsprechende portable Klos, um darin telemedizinisches Gerät einzubauen. Aber bei dem Cube handele es sich um eine etwas größere Kabine, berichtet Maria Zisiopoulou aus dem Frankfurter Behandlungsteam.

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Drei Hersteller, eine Idee

Das Universitätsklinikum Frankfurt ist aber nicht die einzige Einrichtung, die eine Kabine gegen den Arztmangel anpreist. Die Uniklinik der RWTH Aachen hat eine ebensolche Box entwickelt. Sie werkelt probeweise bei verschiedenen Festivals. Im Nachbarland Frankreich unterhält das Start-up box médicale 13 Kabinen im ganzen Land. Bis Februar 2026 soll die Zahl auf 100 anwachsen, lässt Unternehmenschef Sébastien Touchais wissen.

„Wenn die Menschen beim Arzt anrufen und keinen Termin bekommen, gehen sie in die Box“, sagt er. „Das ist allemal besser als nichts.“ In Frankreich sind die Folgen des Ärztemangels seit Langem drastischer zu spüren als in Deutschland. Die Lebenserwartung in den sogenannten medizinischen Wüsten des Landes – so heißen die Gegenden ohne Ärzte – ist um ein Jahr niedriger als im Landesdurchschnitt.

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Mehr Patienten, weniger Ärzte

Finnland stellt sich auf ähnliche Verhältnisse ein. Es hat eine der am schnellsten alternden Bevölkerungen weltweit. „Auf immer mehr ältere Patienten kommen immer weniger Ärzte“, beklagt Oberarzt Andreas Follmann von der Universitätsklinik der RWTH Aachen das Grundproblem.

Allen dreien – Follmann, box médicale und dem Universitätsklinikum Frankfurt – fiel unabhängig voneinander dieselbe Lösung ein: eine Telemedizinkabine. „Wir wollten erst eine Telefonzelle nehmen. Aber Toilettenhäuschen sind mit 500 € unschlagbar günstig“, erzählt Follmann. „Sie sind breit verfügbar und vor allem gibt es eine Logistik, sie überall schnell aufzustellen.“ Per Helikopter, Boot oder Lkw könnten sie beispielsweise in wenigen Stunden in Katastrophengebieten ihren Dienst aufnehmen.

Retterinnen in der Not

In dem öffentlich geförderten deutschen Forschungsprojekt denken Follmann und seine Partner vor allem an die Notfallhilfe: Sie haben die Flutkatastrophe im Ahrtal vor Augen, als Ärzte und Krankenhäuser für die Menschen nicht erreichbar waren. Über die Box könnten chronisch Kranke und auch Notfälle immer eine Erstversorgung bekommen.

„Man kann diese Boxen auch bei den Katastrophenstützpunkten etwa der lokalen Feuerwehr aufstellen, damit die Leute erst einmal rudimentär versorgt sind“, führt Follmann aus. Auf dem Dach seiner Telemedizinkabine ist eigens ein Solarpanel für die autarke Stromversorgung und eine Satellitenantenne angebracht, damit die medizinischen Daten auch dann noch übertragen werden, wenn das Mobilfunknetz zusammengebrochen ist.

Wichtig ist Follmann, dass sein Prototyp einer Telemedizinkabine zwar vollautomatisch Blutdruck und Fieber misst, aber das alles parallel von einem Arzt betreut wird. Der Doktor schaltet sich über einen Bildschirm dazu. Genauso hält es das Start-up box médicale in Frankreich.

Ärztliche Unterstützung aus der Ferne

Anders der Cube in Frankfurt: Er arbeitet ganz autonom. Die Daten vom EKG bis zum Blutzuckergehalt in der Haut werden vollautomatisch ausgewertet und erst später, zeitversetzt, von Ärzten beurteilt.

Follmann hält die ärztliche Begleitung für nötig: „Wir haben in der Kabine ein Stethoskop, das über ein Mikrofon die Atemgeräusche aufzeichnet, wenn man es an bestimmte Punkte auf der Brust hält. Das funktioniert zuverlässiger mit einem Arzt, der einen anleitet. Und auch, wenn man die Kamera in den Gehörgang einführen soll, ist das für Laien schwer. Aber der Arzt kann online helfen.“

Für die telemedizinische Versorgung hat box médicale zwei Kooperationspartner engagiert, die zusammen über fast 2000 angestellte Ärzte verfügen, so Touchais: „Der nächste freie Arzt übernimmt, wie bei einer Taxifahrt.“

Sind wirklich so viele Ärzte per Telemedizin verfügbar, wo doch Mangel im Land herrscht? Bisher sei es so, dass die Leute ihre Gesundheitskarte einlesen lassen und höchstens 15 min warten, versichert Touchais. Aber er räumt ein: Man werde sehen, wie sich die Gesundheitsversorgung per Box entwickle, wenn das System weiterwächst.

Interesse wächst rasant

Rund zehn Anfragen aus Deutschland habe box médicale erhalten, so Touchais. Die Anbieter seien interessiert, die Kabinenlösung auch hierzulande auszurollen. „Wir müssen erst eine Fabrik zur rascheren Fertigung der Kabinen in Frankreich bauen und ein Lager für die medizinischen Materialien, die in den Kabinen vorrätig sind. Das ist derzeit unsere oberste Priorität. Aber die Vermarktungszeit für unsere Idee ist jetzt. Deshalb müssen wir schneller sein, in einem halben bis einem Jahr. Sonst machen es andere“, urteilt Touchais.

Keine Frage, das Modell in Frankfurt ist seine Konkurrenz. Denn es funktioniert ganz ohne Beisein eines Arztes und ist damit womöglich noch flexibler. In Finnland setzen Arbeitgeber und Berufskrankenversicherer es ein, wobei nicht offiziell bekannt ist, in welcher Zahl. Eine Kabine befindet sich bereits am Standort eines Kernkraftwerks auf der Insel Olkiluoto an der Westküste Finnlands. Es gehe um die Früherkennung etwa von Herzleiden und Diabetes, heißt es. Denn Ersteres sind die tödlichsten Leiden, und Diabetes eine der teuersten Erkrankungen. Deshalb misst die Kabine auch den Blutzucker in der Haut – die Standardmessung im Blut geht indes nicht. Sie würde medizinisches Personal zum Abnehmen einer Blutprobe erfordern.

Blutentnahme in der Kabine?

Eine Station befindet sich bereits am Standort eines Kernkraftwerks auf der Insel Olkiluoto an der Westküste Finnlands. „Wir konzentrieren uns auf die Früherkennung von Herzkrankheiten und Diabetes“, sagt Kostamo. Denn Ersteres seien die tödlichsten Leiden, und Diabetes sei die teuerste Erkrankung. Deshalb misst die Kabine auch den Blutzucker in der Haut – die Standardmessung im Blut geht indes nicht. Sie würde medizinisches Personal zum Abnehmen einer Blutprobe erfordern.

Wobei der Boom der Kabinen berührungslosen Messungen einen Schub verleihen dürfte: „Wir haben überlegt, ob wir in unserer Kabine auch eine Blutprobe nehmen: Es gibt nämlich frei verkäufliche Pflaster, in denen sich feine Nadeln befinden. Sobald man sie auf die Haut drückt, nimmt das Pflaster selbst etwas Blut auf. Die Probe könnte eine Drohne ins Labor fliegen“, skizziert Follmann. Doch das futuristische Szenario hätte das Budget gesprengt.



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