
In einer gewöhnlichen Müllverbrennungsanlage besteht das Rauchgas nur zu etwa 8 bis 15 % aus CO₂. Der Rest sind andere Gase und Wasserdampf. Wer das Kohlendioxid auffangen will, muss deshalb große Mengen Rauchgas reinigen. Das kostet Energie und erfordert entsprechend große Anlagen.
Das japanische Unternehmen Kanadevia verfolgt einen anderen Ansatz. Es will den CO₂-Anteil im Rauchgas auf 30 bis 60 % erhöhen. Dazu verändert es die Verbrennung selbst. Auf dem Gelände der Müllverbrennungsanlage Shinagawa in Tokio wurde dafür eine Pilotanlage errichtet. Sie soll ab November 2026 unter realen Bedingungen erprobt werden.
Die Anlage kann täglich 2 t Abfall verarbeiten. Zum Vergleich: Große kommunale Müllverbrennungsanlagen kommen auf mehrere Hundert Tonnen pro Tag. In Tokio geht es zunächst darum, die neue Technik zu testen.
Inhaltsverzeichnis
Warum Stickstoff bei der Müllverbrennung stört
Müll braucht Sauerstoff, um zu verbrennen. In herkömmlichen Anlagen stammt dieser aus der Umgebungsluft. Sie besteht allerdings nur zu etwa 21 % aus Sauerstoff. Rund 78 % sind Stickstoff.
Dieser Stickstoff wird für die Verbrennung nicht benötigt, strömt aber durch den Ofen und die nachgeschaltete Rauchgasreinigung. Dabei verdünnt er das entstehende CO₂.
Kanadevia will den Stickstoff deshalb weitgehend aus dem Verbrennungsprozess heraushalten. Statt gewöhnlicher Luft erhält der Ofen Sauerstoff, der mit einem Teil des bereits entstandenen Rauchgases vermischt wird.
Das zurückgeführte Rauchgas erfüllt eine wichtige Aufgabe. Würde man den Abfall mit reinem Sauerstoff verbrennen, könnten die Temperaturen stark ansteigen. Die Rauchgasrückführung hilft, die Temperatur zu begrenzen und den Verbrennungsprozess zu steuern. Gleichzeitig gelangt wesentlich weniger Stickstoff in den Ofen. Dadurch steigt der CO₂-Anteil im Abgas.
Die Technik gehört zur Familie der sogenannten Oxyfuel-Verfahren. Auch die Zementindustrie arbeitet daran. Im baden-württembergischen Mergelstetten wurde im Juli 2026 eine Forschungsanlage eingeweiht, deren Ofen mit reinem Sauerstoff betrieben wird. Sie verfolgt ein ähnliches Ziel: CO₂ bereits im Abgas möglichst stark zu konzentrieren.
Höhere CO₂-Konzentration soll die Abscheidung erleichtern
Der Unterschied zwischen herkömmlicher und neuer Müllverbrennung ist erheblich. Während konventionelle Anlagen nach Angaben von Kanadevia eine CO₂-Konzentration von etwa 8 bis 15 % erreichen, soll das neue Verfahren auf 30 bis 60 % kommen.
Damit müsste die nachgeschaltete Abscheidetechnik deutlich weniger Rauchgas verarbeiten, um dieselbe CO₂-Menge aufzufangen. Kanadevia erwartet dadurch einen geringeren Platzbedarf für die Anlagen zur CO₂-Abscheidung.
Das könnte besonders bei bestehenden Müllverbrennungsanlagen interessant sein. Dort ist zusätzlicher Platz für neue Anlagentechnik häufig begrenzt.
Allerdings hat das Verfahren auch seinen Preis. Der Sauerstoff muss zunächst aus der Umgebungsluft gewonnen werden. Dafür wird Energie benötigt. Außerdem erfordern die Rauchgasrückführung und die anschließende CO₂-Abscheidung zusätzliche Technik.
Ob das gesamte Verfahren tatsächlich weniger Energie verbraucht als eine herkömmliche Müllverbrennung mit nachgeschalteter CO₂-Abscheidung, ist deshalb noch nicht nachgewiesen.
Im Labor wurden bereits über 90 % des CO₂ abgeschieden
Kanadevia hat die Technik bereits im Labormaßstab untersucht. Nach Angaben des Unternehmens wurden dabei mehr als 90 % des CO₂ aus dem entsprechend aufbereiteten Rauchgas zurückgewonnen. Die Reinheit des abgeschiedenen Kohlendioxids lag bei über 95 %.
Diese beiden Werte beschreiben unterschiedliche Eigenschaften: Die Abscheiderate gibt an, welcher Anteil des CO₂ aufgefangen wird. Die Reinheit beschreibt, wie viel CO₂ das gewonnene Gasgemisch enthält.
Nun soll die Pilotanlage zeigen, ob sich die Laborergebnisse auf einen kontinuierlichen Verbrennungsprozess übertragen lassen. Eine besondere Herausforderung ist dabei die wechselnde Zusammensetzung des Abfalls. Kunststoffe, Papier, organische Bestandteile und andere Materialien besitzen unterschiedliche Eigenschaften und Heizwerte.
Kanadevia strebt eine dauerhaft stabile CO₂-Abscheiderate von mehr als 90 % an. Konkrete Betriebsdaten der neuen Anlage liegen bislang nicht vor.
Was passiert mit dem aufgefangenen CO₂?
Das abgeschiedene Kohlendioxid könnte verflüssigt und anschließend transportiert oder als Rohstoff verwendet werden. Kanadevia nennt unter anderem die Methanisierung. Dabei reagiert CO₂ mit Wasserstoff zu Methan, das als synthetischer Brennstoff genutzt werden kann.
Allerdings wird bei dessen späterer Verbrennung erneut CO₂ freigesetzt. Eine dauerhafte Entfernung des Kohlendioxids aus der Atmosphäre ist das also nicht.
Anders wäre es bei einer dauerhaften Speicherung. Dabei bleibt das abgeschiedene CO₂ langfristig von der Atmosphäre getrennt.
Für die Klimabilanz spielt außerdem die Zusammensetzung des Abfalls eine Rolle. Während Papier oder Holz biogenen Kohlenstoff enthalten, stammt der Kohlenstoff in vielen Kunststoffen aus fossilen Rohstoffen. Eine hohe CO₂-Abscheiderate macht die Müllverbrennung deshalb nicht automatisch klimaneutral.
Mehrere industrielle Verfahren zur Weiterverarbeitung von CO₂ befinden sich bereits in der Entwicklung. So untersucht beispielsweise das Karlsruher Institut für Technologie, wie sich abgeschiedenes CO₂ in festen Kohlenstoff umwandeln lässt.
Praxistest läuft bis März 2028
Die neue Versuchsanlage wurde am 5. Oktober 2026 offiziell eingeweiht. Das geht aus einer Mitteilung der japanischen Forschungs- und Förderagentur NEDO hervor. Kanadevia plant den Demonstrationsbetrieb von November 2026 bis März 2028. Das übergeordnete Entwicklungsprojekt läuft bis zum japanischen Geschäftsjahr 2030.
Nach eigenen Angaben beansprucht Kanadevia für die Demonstrationsanlage eine Weltpremiere im Bereich der energetischen Abfallverwertung. Die zugrunde liegende Sauerstoffverbrennung ist allerdings bereits aus anderen Industriezweigen bekannt.
Quellen und weiterführende Informationen
- Kanadevia, 21. Oktober 2026 – Originalmitteilung mit Funktionsprinzip, Laborergebnissen, Anlagenkapazität und Demonstrationszeitraum.
- Kanadevia und Clean Authority of TOKYO, 5. Oktober 2026 (PDF) – Gemeinsame Mitteilung zur Fertigstellung und Einweihung der Pilotanlage.
- NEDO, 7. Oktober 2026 – Bericht der japanischen Förderagentur über die fertiggestellte Versuchsanlage und das Entwicklungsprogramm.
















