Urban Mining 10.09.2010, 19:48 Uhr

Mülldeponien wandeln sich zu Goldgruben

Der sorgfältige Blick auf vom Menschen geschaffene Rohstofflager in Deutschland lohnt sich. Denn Urban Mining weist den Weg aus der zunehmenden Rohstoffverknappung und verspricht profitable Geschäfte. So werden stillgelegte Deponien zu einem nachhaltigen Wertstoffreservoir der Zukunft.

Bis zum Frühjahr 2012 wird die Hausmülldeponie in Reiskirchen zu einem bundesweit bedeutenden Untersuchungsgegenstand. Wissenschaftler vom Institut für Landschaftsökologie und Ressourcenmanagement der Universität Gießen wollen dort in einer Machbarkeitsstudie aufzeigen, inwieweit sich hier eine Rückgewinnung von Sekundärrohstoffen lohnt.

„Die Ressourcenpotenziale in den deutschen Deponien können eine weitere Versorgung mit wertvollen Werkstoffen gewährleisten“, ist sich Institutsleiter Prof. Stefan Gäth bereits jetzt sicher. Bestätigung erhält der Wissenschaftler unter anderem von Rainer Cosson, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung Deutscher Stahlrecycling- und Entsorgungsunternehmen (BDSV), Düsseldorf. „Die Rohstofflager der Zukunft sind unsere stillgelegten Deponien. Angesichts der sich abzeichnenden Engpässe bei der Rohstoffversorgung der europäischen Industrie dürfen verwertbare Abfälle nicht länger ungenutzt in Ablagerungen schlummern“, fordert der Recyclingexperte.

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Nach ersten Praxisuntersuchungen können die Gießener Forscher für die Deponie in Reiskirchen inzwischen ziemlich genau die Zusammensetzung und den Wert der dort deponierten Materialien beziffern. Nach ihren Schätzungen lagern dort über 35 000 t Metalle, rund 70 000 t Papier, Pappe und Karton, etwa ebenso viel Kunststoff und noch mehr Glas. Alleine den Metallwert veranschlagen die Wissenschaftler auf bis zu 30 Mio. €. Der Wert des verheizbaren Materials wird auf mindestens 30 Mio. € geschätzt.

Wann aber die ersten Bagger zum Abbau der deponierten Wertstoffe anrollen, will Gäth heute noch nicht vorhersagen. „Ich denke, dass das Thema angesichts der immer knapper werdenden Rohstoffvorräte in spätestens 25 Jahren hoch spannend sein wird“, erklärte der Institutsleiter gegenüber den VDI nachrichten. „Momentan halte ich es aber für ganz wichtig, dass unsere Hausmülldeponien nicht – wie vielerorts geplant – endgültig versiegelt werden. Stattdessen sollten wir uns für die Zukunft alle Optionen offen halten. Dafür benötigen wir von der Umweltpolitik eine Depotverordnung, die regelt, welche Rohstoffe wie, wann und unter welchen Randbedingungen zu bergen sind“, ergänzt der Forscher. Zudem biete sich hier ein großes Potenzial für die Entwicklung neuer Technologien für die umweltgerechte Aufbereitung von Deponierohstoffen. Gäth: „Dieses Know-how könnte zu einem späteren Zeitpunkt, wenn auch in anderen Ländern über „urban mining“ nachgedacht wird, zu einem weltweiten Exportschlager werden.“

Noch effizienter, als Wertstoffe aus der Deponie auszugraben, ist ihre direkte Wiederverwertung. Auch in diesem Fall sprechen die Experten von „urban mining“, etwa bei der Verwertung gebrauchter Elektronikgeräte. Laut einer Studie des Umweltbundesamtes fallen allein in Deutschland jährlich 600 000 t Elektroschrott an. „In den vergangenen drei Jahren wurden weltweit jährlich mehr als 1 Mrd. Handys verkauft und im Jahr 2008 ging der milliardste Computer über den Ladentisch. Diese modernen IT-Geräte enthalten bis zu 65 verschiedene chemische Elemente, davon allein ungefähr 30 Metalle“, erläutert Cornelia Heydenreich, Referentin für Unternehmensverantwortung bei Germanwatch, Bonn, und ergänzt: „Recycling ist hier besonders sinnvoll, vor allem wenn die technischen Voraussetzungen eine entsprechende Ausbeute und gleichzeitig ein umweltschonendes Verfahren bieten.“ Moderne Recyclinganlagen könnten beispielsweise heutzutage aus Computerplatinen mehr als 95 % der Edelmetalle wie Gold und Platin ausschmelzen und auch über 90 % vieler weiterer Metalle zurückgewinnen. „Je mehr Computer und Handys nicht zu Hause verstauben oder in Afrika landen, sondern an Spezialrecyclingfirmen weitergegeben werden, umso mehr der Metalle können zurückgewonnen werden“, sagt die Umweltexpertin.

Selbst wenn in einem Handy oder einem Computer nur wenige Milligramm Gold oder Palladium verbaut würden, so enthalten nach Angaben der Spezialrecyclingfirma Umicore, Hanau-Wolfgang, doch alle 2007 weltweit hergestellten Computer und Handys insgesamt 85 t Gold und 31 t Palladium. Heydenreich: „Ein Recycling dieser Metalle spart nicht nur Kosten und Energie, sondern verringert auch die negativen ökologischen Folgen des Rohstoffabbaus.“

Beeindruckende Zahlen veröffentlichte jüngst auch die Messe München. Danach verbraucht die IT-Industrie bereits 15 % der globalen Kobalt-Jahresproduktion, 13 % des geförderten Palladiums und 3 % der jährlich abgebauten Gold- und Silbervorkommen. Allein in Computern landeten im Jahr 2008 Gold, Silber, Kupfer, Palladium und Kobalt im Wert von gut 2,7 Mrd. €. Der an ihrem Ende entstehende Elektroschrott hat es in sich: 1 t Computer-Leitplatten etwa enthält nach Angaben der Münchner Messe 250 g Gold. Zum Vergleich: 1 t Erzgestein einer sehr ergiebigen Goldmine enthält gerade einmal 5 g des Edelmetalls. Die Rückgewinnung des eingesetzten Goldes – sowie der anderen verbauten Rohstoffe – sei damit ein wichtiger Schritt hin zu einem nachhaltigeren Umgang mit Materialien, die auf der Erde nur begrenzt vorhanden sind und leiste darüber hinaus einen wichtigen Beitrag, konjunkturbelastende Preisschwankungen auf dem Weltmarkt abzufedern. R. MÜLLER-WONDORF

 

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