Wie Stellantis seine aktuelle Strategie neu ausrichtet
Der Multi-Marken-Konzern Stellantis hat seine Strategie deutlich verändert. Statt auf kompromisslose Elektrifizierung setzt der Autobauer nun auf mehr Flexibilität: Elektro, Hybrid, Verbrenner – alles bleibt möglich. Ein Blick auf die Hintergründe.
Warum Stellantis den E-Fahrplan bremst: Marktanteile, Umsatzdruck und eine neue Strategie unter Konzernchef Filosa.
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Lange galt bei Stellantis: Nur der Elektroantrieb ist der Weg in die Zukunft. Nun hat der Vorstand den Kurs korrigiert. Unter dem neuen Konzernchef Antonio Filosa wurde der Fahrplan neu definiert. Die Elektrifizierungsstrategie bleibt zwar relevant, wird aber zeitlich gestreckt und von einer Technologieoffenheit für die nächsten Jahre flankiert. Kundinnen und Kunden sollen in vielen Segmenten länger als geplant zwischen Elektro-, Hybrid- und Verbrenner-Technologien wählen können. Das soll vor allem Märkte mit geringer E-Akzeptanz stützen.
Der Strategiewechsel ist ein direktes Ergebnis veränderten Kundenverhaltens und regulatorischer Unsicherheiten. In Europa sind es vor allem hohe Strompreise und der eher schleppende Ausbau der Ladeinfrastruktur, die den Absatz von Elektroautos bremsen. Darauf reagiert Stellantis, und zwar sowohl in Bezug auf die Produktionsprozesse als auch bei der Modellpolitik.
Inhaltsverzeichnis
- Stellantis – Marktanteile und Umsatz
- Der neue Fahrplan des Stellantis-Konzerns
- Was sich bei Stellantis konkret ändern soll
- Wie die Fahrzeugarchitektur STLA Stellantis helfen soll
- Markenstrategie im Umbau
- Welche Rolle spielt der Leapmotor bei der neuen Strategie von Stellantis?
- Stellantis Markenvielfalt: Vorteil oder Nachteil?
- Welche Stellantis-Marken könnten auf dem Prüfstand stehen?
- Chancen und Perspektiven der neuen Strategie
Stellantis – Marktanteile und Umsatz
Im Juli veröffentliche Stellantis Zahlen zum ersten Halbjahr 2025. Demnach erreichte der Konzern einen Marktanteil von 17 Prozent auf dem europäischen Markt für leichte Nutzfahrzeuge in Europa (EU30).
Besonders in Frankreich, Italien, Spanien und Portugal ist Stellantis ein starker Player. Auch für das dritte Quartal meldete Stellantis positive Zahlen. Zwar beziehen sich die geschätzten 1,3 Millionen Fahrzeuge auf Lieferungen an Händler und nicht an Endkundinnen und -kunden, doch die Zahl zeigt eine Steigerung der Produktion im Vergleich zum Vorjahr.
Also alles gut? Keineswegs. Denn der Umsatz ging im gleichen Zeitraum um 13 Prozent zurück. Unter anderem die US-Zölle stellten ein Problem dar. Im Herbst mussten einige Werke sogar zwischenzeitlich die Produktion herunterfahren. Inzwischen haben sich die Umsätze offenbar erholt und der Konzern veröffentlicht positive Prognosen. Doch die Berg- und Talfahrt zeigt, dass Stellantis derzeit kein Garant für Wachstum ist. Das möchte Filosa ändern.
Der neue Fahrplan des Stellantis-Konzerns
Filosas Vorgänger Carlos Tavares hatte vor allem auf Kostensenkungen und Preiserhöhungen bei den Fahrzeugen gesetzt. Das Ziel, mit dieser Strategie höhere Gewinnspannen zu erzielen, ging jedoch nicht auf. Kundinnen und Kunden reagierten empfindlich auf die höheren Preise und kehrten dem Konzern den Rückend.
Filosa will nun die Fahrzeugverkäufe wieder ankurbeln. Nach seinem Verständnis kann das vor allem durch eine große Bandbreite gelingen, also indem der Konzern Fahrzeuge in verschiedenen Varianten anbietet: Diesel, Benzin, Plug-in-Hybride, batterieelektrische Modelle. Diese Anpassung erfordert allerdings tiefgreifende strukturelle Änderungen innerhalb der Markenfamilie.
Was sich bei Stellantis konkret ändern soll
Stellantis bleibt der Elektrifizierung verpflichtet, aber mit Augenmaß. Das ursprüngliche Versprechen, 2030 sollen 100 Prozent der Pkw-Verkäufe in Europa elektrisch sein, in den USA 50 Prozent, nahm der Konzern erst einmal zurück. Hybridoptionen bleiben länger erhalten. Aktuelles Beispiel: Für den Fiat 500e gibt es nun eine zusätzliche Benziner-Variante, auch wenn für den niedlichen Kleinwagen ursprünglich nur ein Elektroantrieb angedacht war.
Auf dem US-Markt sind einst absatzstarke Modelle wie der Jeep Cherokee sowie der „Hemi“, ein leistungsstarker Achtzylinder, wieder eingeführt worden. Drüber hinaus setzt Stellantis auch auf die Strategie, mit günstigeren Modellen innerhalb der Fahrzeugpalette wieder Marktanteile erobern zu können. Besonders für preissensitive Zielgruppen wie bei Opel soll der Einstiegspreis für Elektromobilität deutlich sinken.
Wie die Fahrzeugarchitektur STLA Stellantis helfen soll
Herzstück der neuen Strategie ist die modulare Plattformarchitektur STLA. Stellantis hatte diese Fahrzeugplattform entwickelt, die als Grundlage für viele Fahrzeugmodelle dient. Aufgrund einer extrem hohen Flexibilität lassen sich unter anderem Limousinen und SUVs damit realisieren. Möglich ist das, weil sich verschiedene Parameter eines Fahrzeugs anpassen lassen, um einerseits Leistungsziele und andererseits die Wünsche von Kundinnen und Kunden zu erfüllen.
Zu den Parametern zählen unter anderem Radstand, Breite, Höhe, Bodenfreiheit und Antriebsarten. Es sind also Verbrenner, Elektroautos sowie Hybridversionen möglich. Diese Struktur senkt Entwicklungskosten und beschleunigt Modellanpassungen. Besonders in Zeiten volatiler Märkte verschafft diese Plattform dem Konzern viel Handlungsfreiheit.
Markenstrategie im Umbau
Insgesamt sind Veränderungen bei den Stellantis-Marken hinsichtlich der jeweiligen Modellpalette zu beobachten. Für Opel bleibt der Corsa das Leitmodell – künftig elektrisch und bezahlbar. Eine Benziner-Variante solle es so lange geben, wie die Märkte diese erwarten.
Bei Peugeot setzt man mit dem neuen 208 auf technische Innovationen wie das „Hypersquare“-Lenkrad, das eine Mischung aus Formel-1-Lenkrad und Spielekonsole sein soll. Dank Steer-by-wire-Technik gibt es dann keine mechanische Verbindung zwischen Rädern und Lenkrad mehr.
DS erweitert die Modellpalette mit einem neuen SUV-Flaggschiff sowie dem No 4 mit Dieselmotor, während Alfa Romeo seine elektrischen Giulia- und Stelvio-Nachfolger bis 2027 verschiebt.
Lancia wird als Traditionsmarke neu positioniert und mit dem Modell Gamma ab 2026 in das D-Segment (Mittelklasse und obere Mittelklasse) zurückkehren.
Welche Rolle spielt der Leapmotor bei der neuen Strategie von Stellantis?
Ein ebenfalls zentraler Baustein der neuen Stellantis-Strategie ist die Kooperation mit Leapmotor. Das chinesische Unternehmen und Stellantis haben das Joint Venture Leap Motor International gegründet, das sich zu 51 Prozent im Besitz von Stellantis befindet. Die Gründung hatte noch der frühere Stellantis Chef Carlos Tavares eingefädelt. Er wollte damit die ursprüngliche Idee der durchgängigen Elektrifizierung der Modellpalette schneller vorantreiben.
Stellantis übernimmt die Distribution in Europa und kann so preislich attraktive Elektromodelle anbieten. Indem Stellantis Leapmotor den europäischen Markt öffnet, kann der Konzern hier möglicherweise konkret von der Elektromobilität profitieren. Denn Leapmotor richtet sich mit E-Autos zu erschwinglichen Preisen vor allen an jüngere Menschen und solche, die in die Elektromobilität einsteigen möchten.
Erste Zahlen belegen den Erfolg der Partnerschaft: Mehr als 1.000 Einheiten verkauft Leapmotor derzeit jeden Monat in Deutschland, Tendenz steigend. Das Einstiegsmodell T03 startet bei unter 19.000 Euro. 2026 soll das Werk in Saragossa die Produktion aufnehmen. Damit umgehen die Partner Einfuhrzölle in die EU. Leapmotor könnte so zum Schlüsselpartner beim Zugang zu kostengünstiger Elektromobilität werden.
Stellantis Markenvielfalt: Vorteil oder Nachteil?
Zum Stellantis-Konzern gehören 14 Marken: Abarth, Alfa Romeo, Chrysler, Citroën, Dodge, DS, Fiat, Jeep, Lancia, Maserati, Opel, Peugeot, Ram und Vauxhall. Diese Markenvielfalt ermöglicht eine strategische Mischung aus Volumen-, Premium- und Nischenmarken.
Während Jeep und Ram vor allem in Nordamerika stark vertreten sind, werden Peugeot, Opel und Fiat besonders auf dem europäischen Markt verkauft. DS, Alfa Romeo und Maserati stellen sich dem Wettbewerb im Premiumsegment. So kann Stellantis regional unterschiedlich agieren und verschiedene Kundengruppen ansprechen.
Fachleute aus der Automobilindustrie vermuten, dass Antonio Filosa als neuer Konzernlenker ganz im Gegensatz zu seinem Vorgänger, die Marken auf den Prüfstand stellen will. Für den früheren Stellantis-CEO Carlos Tavares gab es keinen Grund, sich von einer der 14 Marken zu trennen. Doch es ist nicht zu übersehen, dass die Marken nicht alle gleichermaßen gut performen. Das sorgte in der Vergangenheit bereits für Gerüchte über einen möglichen Verkauf – zum Beispiel von Maserati.
Welche Stellantis-Marken könnten auf dem Prüfstand stehen?
Blickt man auf die Zahlen, stechen vor allem DS Automobiles, Lancia zusammen mit Chrysler sowie Maserati als Gruppe mit Dodge und Ram negativ hervor. Diese Marken verloren Marktanteile. Eine konkrete Äußerung des aktuellen Konzernlenkers gab es dazu allerdings noch nicht.
Die Tatsache, dass Stellantis über Marken verfügt, die sich im selben Marktumfeld bewegen, deuten aber daraufhin, dass eine Bereinigung durchaus eine Lösung für die Zukunft sein könnte. Gerüchte besagen, dass Filosa die Marken unter dem Aspekt ihrer langfristigen Lebensfähigkeit analysiert.
Chancen und Perspektiven der neuen Strategie
Die neue Stellantis-Strategie deckt sich mit den Vorschlägen der neuen Bundesregierung, dass man den Fahrzeugmarkt insgesamt technologieoffen gestalten müsse. Kundinnen und Kunden sollen weiterhin den für sie passenden Antrieb wählen können.
Im Vergleich zur konsequenten Elektrifizierung ist das ohne Frage die konservativere Strategie. Ob sich dieser Weg langfristig auszahlt, wird sich zeigen.
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