E-Lkw wechseln Batterie in 5 Minuten: Todesstoß für den Wasserstoff-Truck?
Batteriewechsel für E-Lkw im Praxistest: TU Berlin zeigt, dass der Tausch in wenigen Minuten möglich ist. Ist das der Todesstoß für den Wasserstoff-Lkw?
Batteriewechsel in nur 5 Minuten: Die TU Berlin hat gezeigt, dass es klappt.
Foto: Sebastian Boehlke/Projektkonsortium_eHaul
Der elektrische Schwerlastverkehr gilt als einer der härtesten Brocken der Verkehrswende. Große Batterien, lange Standzeiten beim Laden und ein stockender Netzausbau bremsen den Hochlauf. Ein Forschungsprojekt aus Deutschland setzt genau hier an – mit einem Ansatz, der aus Asien bekannt ist, in Europa aber Neuland war: dem vollautomatisierten Batteriewechsel für E-Lkw.
Zwei Jahre Realbetrieb
Am Ende einer zweijährigen Erprobungsphase zieht das Projekt „eHaul“ der Technische Universität Berlin ein klares Fazit: Der automatisierte Batteriewechsel bei schweren E-Nutzfahrzeugen funktioniert im Alltag. Nicht als Demonstrator, sondern im laufenden Logistikbetrieb. Die Wechselstation stand in Lübbenau im Spreewald und wurde gemeinsam mit zwei Speditionen betrieben.
„Wir haben eigentlich etwas gemacht, was in der Industrie nicht üblich ist. Dort wird ein Prototyp erstmal im Labor dauerbelastet, um seine Praxistauglichkeit zu testen. Wir sind gleich damit in die Praxis gegangen“, sagt Prof. Dr. Stefanie Marker, Hochschuldozentin für Mobile Energiespeicher an der TU Berlin.
Der entscheidende Punkt: Der Batteriewechsel dauerte im Betrieb nur wenige Minuten. Damit rückt eine Option in Reichweite, die ein zentrales Problem elektrischer Lkw entschärft – lange Ladezeiten mit extrem hohen Anschlussleistungen.

Wechselstation für Batterie-Lkw.
Foto: Sebastian Boehlke/Projektkonsortium_eHaul
Todesstoß für Wasserstoff-LKW?
Der automatisierte Batteriewechsel verschärft den Druck auf Brennstoffzellen-Lkw mit Wasserstoffantrieb. Denn das zentrale Argument für schwere H2-Fahrzeuge war bisher eine schnelle Betankung (5-10 Minuten) bei gleichzeitig hoher Reichweite. Da das Aufladen mit Batterien deutlich länger dauere, seien BEV-Lkw für den Fernverkehr, wo jede Minute zählt, ungeeignet. Doch wenn die Wechselzeit jetzt auf unter fünf Minuten sinkt, bleibt vom wichtigstem Vorzug wenig übrig.
Wasserstoff-Lkw stehen schon heute unter Druck: Laut einer vom Branchenportal Ecomomento.de zitierten Dataforce-Erhebung wurden in den ersten sieben Monaten 2024 europaweit gerade einmal 27 Brennstoffzellen-Lkw zugelassen. Dem stehen 2.575 batterieelektrische Fahrzeuge gegenüber.
Eine Studie der RWTH Aachen aus dem Jahr 2025 zeigt zudem, dass die Betriebskosten von Wasserstoff-Lkw bei aktuellen H2-Preisen von durchschnittlich 13,50 €/kg rund 45 % über denen vergleichbarer Batterie-Lkw liegen. Hinzu kommt die dünne Infrastruktur: Laut H2.Live existierten im Januar 2026 nur 127 Wasserstofftankstellen mit 350 bar Betankungsmöglichkeit in ganz Europa. Die meisten H2-Lkw nutzen 350 bar; aber bei den 700 bar Stationen sieht es nicht viel besser aus: Hier sind aktuell 152 in Betrieb.
Bleibt für den Brennstoffzellen-Lkw mehr als eine Nische? Die Studie der RWTH Aachen sieht nur noch bei Strecken ein Potenzial, die jenseits von 700 km Reichweite liegen. Allerdings ist die Tankstelleninfrastruktur umso dünner, je weiter man sich von den Ballungszentren in Mitteleuropa entfernt. Von daher könnte der Batterie-Lkw mit Schnellwechsel-Technologie langfristig die Nase vorne haben.
Ergänzung zum Schnellladen – nicht dessen Ersatz
Doch auch mit einem automatisierten Batteriewechselsystem bleibt das Schnellladen wichtig. Allerdings stößt es gerade bei Lkw an Grenzen. Leistungen im MW-Bereich sind nicht überall verfügbar. Der Netzausbau kommt langsamer voran als der politische Wunsch nach elektrischen Flotten.
Der Batteriewechsel umgeht dieses Problem teilweise, weil die Energie zeitlich entkoppelt bereitgestellt wird. Geladen wird im Hintergrund, gewechselt wird bei Bedarf. Marker erläutert: Der Batteriewechsel sei eine „relevante Ergänzung zum Schnellladen“.
Warum die Testphase verlängert wurde
Der ursprünglich auf ein Jahr ausgelegte Feldversuch lief so stabil, dass er um ein weiteres Jahr verlängert wurde. Ziel war es, mehr Daten zu sammeln und Schwachstellen zu identifizieren. Verschleißpunkte, Software-Schnittstellen, Kommunikation zwischen Fahrzeug und Station – all das zeigte sich erst im Dauerbetrieb.
„Wir haben sehr viel gelernt“, sagt Marker. Das Wissen floss direkt in das Nachfolgeprojekt „UniSwapHD“. Der Weiterbetrieb der ersten Station wurde danach bewusst beendet. Der Fokus liegt nun auf Skalierung und Marktreife. Teile der Anlage werden weiter genutzt, unter anderem bei der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung.
Wechsel von unten statt von der Seite
Die nächste Generation der Technik entsteht bei der E▪HAUL GmbH, einer Ausgründung der TU Berlin. Präsentiert werden soll das neue System 2026.
Ein zentraler Konstruktionswechsel: Künftig sollen die Batterien von unten getauscht werden. Das verspricht mehr Kompatibilität mit unterschiedlichen Fahrzeugtypen, weniger mechanische Komplexität und höhere Zuverlässigkeit. Gleichzeitig steigt der Automatisierungsgrad.
Das Ziel ist klar definiert: ein Batteriewechsel in unter fünf Minuten. Die Fahrerinnen und Fahrer sollen währenddessen im Fahrzeug sitzen bleiben können.
Wirtschaftlichkeit hängt an Details
Die Testphase zeigte, dass nicht nur die Mechanik entscheidend ist. Auch Software, Lagerlogistik und das Management der Ladezyklen spielen eine Rolle. Volle Batterien lassen sich parallel laden und entladen. Zusätzliche Kapazitäten können bereitgestellt werden, ohne dass der Netzanschluss mitwachsen muss.
Das senkt Betriebskosten – vorausgesetzt, die Stationen werden ausreichend ausgelastet. Genau hier liegt die offene Frage: Ohne ein dichtes Netz lohnt sich das System nicht. Ohne System kein Netz.
Normierung als Schlüssel
Ein entscheidender Hebel ist die Standardisierung. Im Projekt UniSwapHD arbeiten Industrie- und Logistikvertreter*innen an einer gemeinsamen Basis für Wechselbatterien. Ergebnis soll die DIN SPEC 91533 sein, die voraussichtlich im ersten Quartal 2026 erscheint.
„Solche Normungsverfahren sind für die deutsche und europäische Industrie sehr wichtig“, sagt Dr.-Ing. Jens Jerratsch, Geschäftsführer der E▪HAUL GmbH. Der Blick nach China zeigt, warum: Dort existieren Batteriewechselsysteme bereits flächendeckend. Rund ein Drittel der seit 2023 neu zugelassenen E-Lkw nutzt dieses Prinzip.
Klimawirkung mit Hebel
Schwere Nutzfahrzeuge machen weniger als 3 % des Fahrzeugbestands aus, verursachen aber rund ein Drittel der Treibhausgasemissionen des Verkehrssektors in Deutschland. Genau deshalb ist der Hebel groß.
„Der Batteriewechsel ist die Methode, um klimafreundliche E-Lkw schnell in großer Zahl auf die Straße zu bringen“, sagt Marker. Ob sich das Konzept in Europa durchsetzt, hängt nun weniger von der Technik ab, sondern von Investitionen, Normen und politischem Willen.
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