IAA Transportation 2026 21.09.2026, 13:00 Uhr

Chinas E-Lkw greifen Europas Hersteller an

Elektroantrieb, Megawattladen und automatisiertes Fahren bestimmten die Nutzfahrzeugmesse in Hannover. Doch eine Entwicklung stach heraus: Chinesische Hersteller drängen mit schweren Lkw nach Europa. Einige bauen bereits hier – und die ersten Kunden bestellen.

BYD ETT 44

China drängt in den europäischen Fernverkehr: BYD zeigte auf der IAA Transportation 2026 den elektrischen ETT 44. Seine 651-kWh-Batterie soll bis zu 600 km Reichweite ermöglichen.

Foto: BYD

Die IAA Transportation 2026 ist vorbei – und zumindest einen Rekord kann sich Hannover ins Messebuch schreiben. 1589 Aussteller aus 46 Ländern kamen vom 15. bis 20. September zur Nutzfahrzeugmesse. So viele Länder waren noch nie vertreten. Mehr als 140.000 Besucher zählten die Veranstalter, darunter über 113.000 Fachbesucher. 40 % der Fachbesucher kamen aus dem Ausland, ebenfalls ein Rekord. Mehr als 150 Weltpremieren und Neuheiten wurden gezeigt.

E-Trucks allerorten

Technisch dominierte die Elektrifizierung. Batterieelektrische Fernverkehrs-Lkw sind endgültig vom Versuchsfahrzeug zum Serienprodukt geworden. Mercedes-Benz zeigte unter anderem den eActros 400 Lowliner, MAN seine neue eTGX-Generation mit bis zu 720 km Reichweite. Volvo hat die Serienproduktion des FH Aero Electric Extended Range mit bis zu 700 km gestartet. Tesla brachte den Semi in europäischer Ausführung nach Hannover.

Das Megawatt Charging System (MCS) gehörte zu den zentralen Messethemen. Mercedes-Benz, MAN und Scania demonstrierten an derselben Ladesäule Ladeleistungen bis in den Megawattbereich. Parallel rückte automatisiertes Fahren näher an den praktischen Einsatz. Insgesamt standen 84 Fahrzeuge von 17 Ausstellern für Testfahrten bereit – 40 % mehr als 2024 und ebenfalls ein Rekord.

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Aber noch etwas war kaum zu übersehen: China.

Fast ein Dutzend chinesische E-Lkw-Marken

Unter den internationalen Ausstellern waren Unternehmen aus China neben Firmen aus der Türkei und Italien besonders stark vertreten. Allein bei schweren Elektro-Lkw waren auf der Messe fast ein Dutzend chinesischer bzw. chinesisch geprägter Marken zu sehen: BYD, Sany, Sinotruk, FAW Trucks, Foton, Dongfeng, Farizon, DeepWay, Skyworth, SuperPanther und weitere. Dazu kommen Zulieferer wie der Batteriekonzern CATL.

Noch jedenfalls sind nicht alle ernsthafte Konkurrenten für Daimler Truck, Volvo, Traton oder DAF. Bei mehreren Herstellern fehlen bislang europäische Typgenehmigungen, Vertriebsorganisationen oder flächendeckender Service. Andere sind erheblich weiter. Das zeigte die IAA deutlicher als vor zwei Jahren: Es geht nicht mehr nur darum, spektakuläre Elektro-Lkw auf einen Messestand zu stellen. Montagewerke, Ersatzteillager, Vertrieb und Werkstattpartner entstehen bereits.

Sany hat schon deutsche Kunden

Die elektrische Sattelzugmaschine Sany e263S fährt bereits auf europäischen Straßen. Ihr Lithium-Eisenphosphat-Akku (LFP) speichert 636 kWh. Sany nennt bis zu 500 km Reichweite. Die elektrische Achse leistet in der Spitze 730 kW, die Zugmaschine wiegt leer 10,9 t. Das Gewicht ist wichtig. Bei einem Elektro-Lkw entscheidet jedes zusätzliche Kilogramm Batterie darüber, wie viel Nutzlast übrig bleibt.

Sany besitzt bereits ein Ersatzteillager in Deutschland und setzt beim Service unter anderem auf Putzmeister und das Werkstattnetz Alltrucks. Deutschland gehört zu den ersten Zielmärkten. Damit versucht der Hersteller genau jene Schwäche zu beseitigen, die für chinesische Neueinsteiger zum Problem werden könnte: Ein technisch guter Lkw hilft einem Spediteur wenig, wenn er nach einem Defekt tagelang auf ein Ersatzteil wartet.

BYD kommt mit 651-kWh-Batterie

Noch offensiver tritt BYD auf. Der chinesische Konzern zeigte in Hannover den ETT 44 für den europäischen Fernverkehr. Die Daten sind durchaus eine Ansage: 651-kWh-Blade-Batterie, bis zu 600 km Reichweite und maximal 750 kW. Vor allem beim Laden will BYD vorlegen. Mit bis zu 1,5 MW Ladeleistung sollen sich innerhalb von 20 min bis zu 400 km zusätzliche Reichweite in den Akku laden lassen.

Entscheidend ist aber eine andere Ankündigung: BYD will seinen schweren Lkw in Europa auf den Markt bringen und perspektivisch auch hier produzieren. Der Hersteller beschränkt sich zudem nicht auf das Fahrzeug. Ladeinfrastruktur, Energiespeicher, Finanzierung und Service sollen Teil eines Gesamtpakets für Flottenkunden werden.

Chinesische Lkw „made in Austria“

SuperPanther produziert bereits seinen elektrischen eTopas 600 gemeinsam mit Steyr Automotive in Österreich. Der Lkw verbindet chinesische Entwicklung und Batterietechnik mit europäischer Fertigung und Komponenten europäischer Zulieferer.

Der eTopas 600 besitzt einen 621-kWh-LFP-Akku von CATL und soll rund 500 km schaffen. Zwei CCS-Anschlüsse können parallel genutzt werden; von 20 % auf 80 % soll der Akku unter optimalen Bedingungen in weniger als 38 min laden. Und aus dem Messeprojekt wird offenbar Geschäft. SuperPanther teilte nach der IAA mit, während der Messe mehrere Dutzend Bestellungen für den eTopas 600 erhalten zu haben. Der größte Auftrag komme vom österreichischen Logistikunternehmen Gartner. Die Angaben stammen vom Hersteller.

Auch ein weiterer chinesischer Hersteller – Sinotruk – lässt Lkw bei Steyr Automotive montieren. Zunächst kommen teilweise vormontierte Baugruppen aus China. Bei steigenden Stückzahlen soll die lokale Wertschöpfung wachsen. Europa wird damit nicht mehr nur Exportmarkt für fertige China-Lkw.

FAW will 2027 starten

FAW Trucks geht einen ähnlichen Weg. Der chinesische Staatskonzern zeigte unter seiner Exportmarke Cortron mehrere schwere Lkw. Technisch interessant ist der elektrische CS925 EV: 800-V-Architektur, 676-kWh-Batterie und zwei Elektromotoren mit zusammen 680 kW. FAW nennt rund 600 km Reichweite; voll beladen sollen noch mehr als 550 km möglich sein. Von 20 % auf 80 % soll der Akku in rund 30 min laden. Erste Cortron-Lkw sollen 2027 in Europa auf die Straße kommen.

Auch andere Hersteller nutzen Hannover als Sprungbrett. Foton zeigte Elektro-Lkw mit Ladeleistungen jenseits von 1 MW. Pony.ai präsentierte gemeinsam mit GAC einen batterieelektrischen Level-4-Robotruck und lotet ebenfalls einen Markteintritt in Europa aus.

Was können die Chinesen besser?

Bei Batteriegröße, Reichweite und Motorleistung lässt sich auf dem Papier kaum noch ein grundsätzlicher technischer Rückstand gegenüber europäischen Herstellern erkennen. Teilweise versprechen die chinesischen Anbieter sogar höhere Ladeleistungen.

Aber die Europäer stehen nicht still. MAN und Scania nennen für ihre neuesten Fernverkehrs-E-Lkw bis zu 720 km Reichweite, Volvo bis zu 700 km. Mercedes-Benz, MAN und Scania demonstrierten in Hannover das Laden im Megawattbereich.

Der Wettbewerb entscheidet sich deshalb nicht daran, ob ein chinesischer Lkw auf dem Datenblatt 50 km weiter fährt. Ein möglicher Vorteil liegt tiefer: China besitzt bereits einen erheblich weiter entwickelten Markt für elektrische schwere Nutzfahrzeuge. Hersteller und Batterieproduzenten sammeln dort Stückzahlen und Betriebserfahrung, während der europäische E-Lkw-Markt noch vergleichsweise klein ist.

43.000 € Kostenvorteil?

Transport & Environment (T&E) hat unmittelbar vor der IAA die Gesamtbetriebskosten neuer Anbieter mit europäischen Elektro-Lkw verglichen. Für einen chinesischen E-Lkw errechnet die Organisation unter bestimmten Annahmen bis zu 12 % niedrigere Total Cost of Ownership (TCO, Gesamtbetriebskosten). Über fünf Jahre könnten das rund 43.000 € sein. Gerade im Transportgewerbe wäre das erheblich. Allerdings handelt es sich um eine Modellrechnung – nicht um die Bilanz einer europäischen Flotte nach fünf Jahren Alltagseinsatz. Genau dort liegt die offene Frage.

Wo Europas Hersteller noch vorne liegen

Ein guter Lkw besteht nicht nur aus Batterie, E-Achse und Datenblatt. Speditionen müssen ihre Fahrzeuge jahrelang mit hoher Laufleistung einsetzen. Werkstattnetz, Ersatzteilversorgung, Finanzierung, Wiederverkaufswert und Ausfallzeiten können wichtiger sein als zusätzliche Kilometer Normreichweite.

Hier besitzen Daimler Truck, MAN, Scania, Volvo, Renault Trucks und DAF einen erheblichen Vorsprung. Ihre Servicenetze sind über Jahrzehnte gewachsen. Flottenbetreiber kennen Zuverlässigkeit und Restwerte ihrer Fahrzeuge. Genau diese Infrastruktur müssen viele chinesische Hersteller erst aufbauen. Einige der in Hannover gezeigten Fahrzeuge können noch gar nicht bestellt werden; teilweise ist auch die europäische Homologation noch nicht abgeschlossen. Der Auftritt auf einer Messe ist eben leichter als der Aufbau eines funktionierenden europäischen Lkw-Geschäfts.

Ein Viertel des E-Lkw-Marktes?

Unterschätzen sollte Europas Nutzfahrzeugindustrie die neuen Wettbewerber trotzdem nicht. T&E hält auf Grundlage der von neuen Anbietern formulierten Produktions- und Exportziele einen Marktanteil neuer Hersteller aus China und den USA von etwa einem Viertel am europäischen Markt für schwere Elektro-Lkw bis 2030 für möglich. Die zugrunde liegende Analyse kommt auf eine Spanne von 24 % bis 31 %. Das ist keine klassische Marktprognose, sondern eine Hochrechnung auf Basis der angekündigten Ziele der Neueinsteiger.

Vor zwei Jahren konnte man viele chinesische Lkw auf der IAA noch als interessante Exoten betrachten. 2026 stehen erste Fahrzeuge auf europäischen Straßen, andere laufen in Österreich vom Band. Ersatzteillager und Servicenetze entstehen, erste Aufträge werden gemeldet und BYD bereitet den europäischen Markt vor.

Ein Beitrag von:

  • Peter Kellerhoff

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: Automobil, Nutzfahrzeuge, Schiff, Bahn, Verkehr, Mobilität, E-Mobilität, Software, Cloud, Internet, KI

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