Flugzeug des Präsidenten 23.01.2026, 21:21 Uhr

Air Force One: Ein kleiner Defekt und große Fragen an die Technik

Ein kleines elektrisches Signal dreht die Air Force One um. Warum selbst minimale Zweifel reichen. Und was das über Alterung und Sicherheit verrät.

Die VC-25A über den Wolken

Die VC-25A über den Wolken: Die Air Force One gilt als eines der technisch komplexesten Flugzeuge der Welt – selbst kleinste elektrische Auffälligkeiten führen hier zum Abbruch.

Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com | Ssgt. Nicolas Erwin/Us Air

Es war kein Notfall. Kein Rauch, keine Evakuierung, keine dramatischen Funksprüche. Und doch war der Moment heikel. Am späten Abend des 20. Januar 2026 meldete die Besatzung der Air Force One eine elektrische Auffälligkeit. Die Crew tat, was in der Luftfahrt als goldener Standard gilt: abbrechen, umdrehen, analysieren.

Die Maschine kehrte zur Joint Base Andrews zurück. Präsident Donald Trump wechselte anschließend auf eine kleinere Boeing 757, die ebenfalls das Rufzeichen Air Force One trug, und setzte die Reise in Richtung Schweiz fort. In Zürich ging es per Helikopter weiter nach Davos. Der Terminplan hielt. Politisch kein Drama. Technisch ein Warnsignal.

Denn wenn selbst dieses Flugzeug vorsorglich umkehrt, lohnt sich der Blick auf das System dahinter.

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Was bedeutet ein „elektrisches Problem“ auf der Air Force One?

Was genau ausgefallen ist, wurde nicht öffentlich gemacht. Das ist bei der Air Force One üblich. Der Begriff „elektrisches Problem“ ist bewusst unscharf. Er kann einen einzelnen Stromkreis betreffen, eine Unregelmäßigkeit in der Energieverteilung oder eine Abweichung in einem redundanten System.

Technisch besteht das Bordnetz aus mehreren unabhängigen Stromquellen: triebwerksgetriebene Generatoren, eine Hilfsturbine (APU), getrennte AC- und DC-Busse sowie klar priorisierte Lastpfade. Kritische Systeme – Navigation, Kommunikation, Selbstschutz – hängen an sogenannten Essential- und Standby-Bussen. Nicht jedes Warnsignal bedeutet einen Funktionsverlust. Aber jedes unerklärliche Signal ist ein Entscheidungspunkt.

In einem Linienflugzeug wäre ein solcher Vorfall meist eine Wartungsnotiz. In einer fliegenden Kommandozentrale ist er ein Abbruchgrund.

Air Force One (VC-25A): Die wichtigsten Daten auf einen Blick

  • Bezeichnung: VC-25A (zwei Flugzeuge im Einsatz)
  • Basisflugzeug: Boeing 747-200B
  • Seit im Dienst: 1990
  • Rufzeichen „Air Force One“: gilt für jedes Luftfahrzeug der US Air Force, sobald der US-Präsident an Bord ist
  • Rolle: Präsidententransport + fliegende Kommunikations- und Arbeitsplattform (keine „Doomsday“-Rolle; diese liegt bei anderen Mustern)
  • Schlüsseltechnik (Prinzip): maximale Ausfallsicherheit durch Redundanz und priorisierte Bordstromnetze (Essential/Standby-Lasten)
  • Autarkie (Auswahl): Luftbetankung möglich; robuste Bordenergie (nicht vollständig „kraftwerksautark“)
  • Navigation: weiterhin präzise auch bei gestörten Satellitensignalen (u. a. Trägheitsnavigation/Funkverfahren)
  • Kommunikation: geschützte Satellitenverbindungen, getrennte Netze und Sicherheitsarchitektur
  • Warum elektrische Auffälligkeiten heikel sind: hohe Systemdichte, viele Schnittstellen aus Nachrüstungen, Alterung von Kabeln/Steckverbindungen/Abschirmung
  • Nachfolge: VC-25B auf Basis der Boeing 747-8 (Indienststellung nach derzeitiger Planung frühestens ab 2028)

Kontext: Ein „elektrisches Problem“ kann von einem einzelnen Stromkreis bis zu Auffälligkeiten in der Energieverteilung reichen. Bei Regierungsflugzeugen gilt: Unklare Warnsignale werden nicht „ausdiskutiert“, sondern konservativ behandelt.

 

Eine Plattform aus einer anderen Zeit – technisch hochgerüstet

Die aktuelle Air Force One, die VC-25A, basiert auf der Boeing 747-200B. Die Grundkonstruktion stammt aus den 1970er-Jahren. Damals dachte niemand an heutige Kommunikationslasten, elektromagnetische Härtung oder digitale Redundanzkonzepte.

All das wurde später integriert. Über Jahrzehnte hinweg. Das Ergebnis ist ein extrem leistungsfähiges, aber dicht gepacktes System. Elektrische Leitungen verlaufen parallel zu Datenbussen, Abschirmungen schützen vor elektromagnetischen Störungen, Schnittstellen verbinden alte Architektur mit moderner Avionik. Jede Modernisierung erhöhte die Fähigkeiten – und die Komplexität.

Redundanz ist kein Freifahrtschein

Die VC-25A ist auf Ausfallsicherheit ausgelegt. Mehrere Generatoren, getrennte Strompfade, doppelte und dreifache Absicherung. Doch ein Grundsatz bleibt: Redundanz ersetzt keine Klarheit.

Wenn Sensoren, Schutzlogiken oder Monitoring-Systeme ein Verhalten melden, das nicht eindeutig erklärbar ist, wird nicht diskutiert. Dann wird abgebrochen. Gerade bei älteren Plattformen ist diese Vorsicht entscheidend. Kabel altern. Steckverbindungen verändern ihren Widerstand. Abschirmungen verlieren über thermische Zyklen an Wirkung. Das geschieht nicht abrupt, sondern schleichend. Der Abbruch war deshalb kein Zeichen technischer Schwäche, sondern professioneller Systemführung.

Air Force One

Die kleinere Air Force One beim Abflug aus Zürich nach dem Weltwirtschaftsforum in Davos.

Foto: picture alliance/KEYSTONE | CLAUDIO THOMA

Warum die Air Force One anders bewertet wird als jedes andere Flugzeug

Die Air Force One ist kein Transportmittel im klassischen Sinn. Sie ist Teil der staatlichen Führungsstruktur der USA. An Bord laufen gesicherte Kommunikationssysteme, getrennte Netze und militärisch eingebundene Befehlswege. Das Flugzeug muss funktionieren, auch wenn zivile Infrastruktur ausfällt oder gestört wird.

Wichtig ist dabei die Abgrenzung: Die Air Force One ist nicht das fliegende Kommandozentrum für den nuklearen Ernstfall. Diese Rolle übernimmt die E-4B Nightwatch. Dennoch gelten für die VC-25A deutlich strengere Maßstäbe als für zivile oder selbst andere militärische Flugzeuge.

Ein technischer Zweifel wiegt hier schwerer als Reichweite, Zeitplan oder politischer Druck.

Technik mit klarer Philosophie: Unabhängigkeit

Die VC-25A folgt einem klaren Leitgedanken: maximale operative Unabhängigkeit.

  • Sie kann in der Luft betankt werden und ihre Einsatzzeit erheblich verlängern.
  • Sie verfügt über robuste Bordenergie, ist aber nicht vollständig energieautark im Sinne eines Kraftwerks.
  • Sie navigiert auch ohne Satellitensignale präzise, etwa über Trägheitsnavigationssysteme und Funknavaids.
  • Sie kommuniziert über geschützte Satellitenverbindungen und voneinander getrennte Netze.

Diese Fähigkeiten machen das Flugzeug einzigartig. Sie machen es aber auch wartungsintensiv. Und sie altern mit der Hardware.

Donald Trump spricht mit Journalisten an Bord der „Air Force One“

Donald Trump spricht mit Journalisten an Bord der „Air Force One“ nach dem Weltwirtschaftsforum in Davos.

Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Evan Vucci

Alterung ist kein Makel, sondern Physik

Die beiden VC-25A sind seit 1990 im Einsatz. In der zivilen Luftfahrt wäre ein solches Alter für ein hochvernetztes Großraumflugzeug außergewöhnlich. Die US Air Force investiert erheblich in Wartung, Ersatzteilfertigung und Systempflege. Doch Wartung kann Lebensdauer strecken, nicht unbegrenzt verlängern.

Gerade elektrische Systeme leiden unter Obsoleszenz. Bauteile verschwinden vom Markt. Dokumentation muss angepasst, Zertifizierung neu bewertet werden. Jeder zusätzliche Adapter, jede Übergangslösung erhöht die Zahl der potenziellen Fehlerstellen. Der Vorfall auf dem Weg nach Davos passt genau in dieses Muster.

Warum der Umstieg auf die 757 möglich war

Dass der Präsident die Reise mit einer Boeing 757 fortsetzen konnte, zeigt die Flexibilität des Systems. „Air Force One“ ist kein bestimmtes Flugzeug, sondern ein Rufzeichen. Jede geeignete Maschine kann es tragen, solange der Präsident an Bord ist.

Die 757 ist technisch deutlich einfacher aufgebaut. Keine Luftbetankung, geringere Reichweite, eingeschränkte geschützte Kommunikation. Für einen klar umrissenen Termin wie Davos reicht das. Für globale Krisenszenarien nicht. Der Umstieg war pragmatisch – aber keine Alternative zur VC-25A.

Der eigentliche Hintergrund: eine verspätete Ablösung

Der Zwischenfall fällt in eine Phase, in der die Nachfolge der VC-25A längst hätte abgeschlossen sein sollen. Die neuen VC-25B auf Basis der Boeing 747-8 verzögern sich erheblich. Der Umbau ist technisch anspruchsvoll, die Integration der Systeme komplex. Aktuell wird mit einer Indienststellung frühestens ab 2028 gerechnet.

Bis dahin müssen die alten Maschinen länger durchhalten als geplant. Jeder Zwischenfall bekommt dadurch ein anderes Gewicht. Nicht als Alarmzeichen, sondern als Erinnerung daran, dass auch hochgerüstete Technik nicht zeitlos ist.

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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