Studie: Europas Schrott könnte bis zu 56 % der Rohstoffe ersetzen
Europas Müll enthält Millionen Tonnen wertvoller Rohstoffe. Eine neue Studie zeigt das gewaltige Potenzial der „urbanen Mine“.
Lithium, Kobalt, Seltene Erden: Europas Schrott könnte bis zum Jahr 2050 Millionen Tonnen Rohstoffe liefern.
Foto: Smarterpix / zorandim
Europa sucht weltweit nach Lithium, Kobalt und Seltenen Erden. Dabei lagert ein wachsender Teil dieser Rohstoffe längst vor der eigenen Haustür – in alten Batterien, Elektroschrott, Industrieabfällen und stillgelegten Windkraftanlagen. Eine neue EU-Studie zeigt nun erstmals detailliert, wie groß dieses Potenzial tatsächlich ist. Die Zahlen fallen deutlich aus: Bis 2050 könnte Europa jährlich mehrere Millionen Tonnen kritischer Rohstoffe aus Abfällen zurückgewinnen und damit einen spürbaren Teil seiner Importabhängigkeit reduzieren.
Hinter der Untersuchung steht das EU-Projekt FutuRaM („Future Availability of Secondary Raw Materials“). Forschende analysierten dabei erstmals systematisch die sogenannte urbane Mine Europas. Gemeint sind ausrangierte Produkte, Industrieabfälle oder alte Infrastrukturen, in denen wertvolle Rohstoffe stecken.
Die Analyse umfasste 42 kritische Rohstoffe in sieben zentralen Abfallströmen:
- Elektro- und Elektronik-Altgeräte
- Altbatterien
- Altfahrzeuge
- Bau- und Abbruchabfälle
- industrielle Schlacken und Aschen
- Bergbauabfälle
- stillgelegte Windkraftanlagen
Millionen Tonnen wertvoller Rohstoffe
Die Zahlen zeigen, wie stark Europas Rohstoffbedarf in den kommenden Jahrzehnten steigen dürfte. Bereits 2022 wurden laut Studie rund 5,2 Mio. Tonnen kritischer Rohstoffe in Produkten auf den europäischen Markt gebracht. Gleichzeitig landeten etwa 2,1 Mio. Tonnen in Abfallströmen. Tatsächlich zurückgewonnen wurden jedoch nur 1,4 Mio. Tonnen. Die Lücke zwischen Verbrauch und Recycling ist damit weiterhin groß.
Bis 2050 könnte sich die Lage allerdings deutlich verändern. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Europa künftig jährlich zwischen 4,1 und 5,7 Mio. Tonnen kritischer Rohstoffe aus Abfällen zurückgewinnen könnte. In einem Szenario mit stärkerer Kreislaufwirtschaft ließen sich damit theoretisch bis zu 56 % der benötigten Primärrohstoffe ersetzen – vorausgesetzt, Qualität und Aufbereitung reichen für industrielle Anwendungen aus.
Das hätte mehrere Folgen zugleich:
- geringere Abhängigkeit von Rohstoffimporten
- stabilere Lieferketten
- niedrigere Umweltbelastung
- höhere Versorgungssicherheit für Energiewende und Digitalisierung
Europa hängt an globalen Lieferketten
Besonders relevant ist das für Europas Industriepolitik. Viele kritische Rohstoffe stammen heute aus wenigen Förderländern oder werden dort verarbeitet. Laut Bericht ist Europa unter anderem bei Seltenen Erden, Lithium und Kobalt stark von Lieferketten abhängig, die eng mit China verknüpft sind. Weitere wichtige Lieferländer sind die Demokratische Republik Kongo, Australien, Südafrika oder die Türkei.
Das macht Rohstoffe zunehmend zu einem geopolitischen Thema. Handelskonflikte, Exportbeschränkungen oder politische Instabilität können Lieferketten schnell unter Druck setzen. Genau deshalb gewinnt Recycling strategisch an Bedeutung.
„Europas Abfallströme enthalten bereits riesige Mengen kritischer Rohstoffe“, erklärt Kees Baldé vom United Nations Institute for Training and Research – SCYCLE. „Die Erschließung dieser ‚städtischen Mine‘ wird entscheidend sein, um die Versorgungssicherheit zu stärken, die Energiewende zu unterstützen und die Umweltbelastung zu verringern.“
Alte Batterien werden zum Rohstofflager
Besonders stark wächst das Potenzial bei Altbatterien. Der Grund liegt in der schnellen Elektrifizierung des Verkehrs und dem Ausbau stationärer Energiespeicher. Millionen Batterien aus Elektroautos werden in den kommenden Jahrzehnten das Ende ihres Lebenszyklus erreichen. Damit wächst auch die Menge rückgewinnbarer Rohstoffe.
Die Studie nennt dafür konkrete Zahlen:
- Lithium: von heute unter 1000 Tonnen auf bis zu 30.000 bis 52.000 Tonnen jährlich
- Kobalt: von rund 1000 auf bis zu 25.000 bis 40.000 Tonnen
- Nickel: von etwa 4000 auf bis zu 103.000 bis 171.000 Tonnen pro Jahr
Auch bei Aluminium und Kupfer rechnen die Forschenden mit deutlichen Zuwächsen. Die Aluminium-Rückgewinnung könnte bis 2050 auf bis zu 3,5 Mio. Tonnen jährlich steigen. Bei Kupfer sieht die Studie Werte von bis zu 1,4 Mio. Tonnen pro Jahr.
Viele wertvolle Rohstoffe gehen verloren
Doch die Analyse zeigt auch ein Problem: Europa verliert weiterhin große Mengen wertvoller Rohstoffe, obwohl viele davon bereits im Wirtschaftskreislauf vorhanden sind.
Gerade bei Elektronikschrott entstehen massive Verluste. Obwohl Europa im internationalen Vergleich über gut ausgebaute Recyclingsysteme verfügt, landet ein erheblicher Teil alter Geräte außerhalb offizieller Sammel- und Verwertungswege. Dadurch verschwanden allein 2022 rund 500 Kilotonnen kritischer Rohstoffe aus dem Kreislauf.
Batterien und Altfahrzeuge als Problemkinder
Auch Batterien und Altfahrzeuge bereiten Probleme. Viele werden exportiert oder unsachgemäß entsorgt. Dadurch gehen weitere Rohstoffe verloren. Laut Studie summierten sich diese Verluste 2022 auf mehr als 200 Kilotonnen. Besonders kritisch ist die Situation bei Seltenen Erden. Viele dieser Stoffe werden bislang kaum zurückgewonnen. Für 22 kritische Rohstoffe lag die Recyclingmenge 2022 sogar unter einer Tonne pro Jahr in der gesamten EU27+4.
Das betrifft unter anderem Materialien wie Neodym oder Dysprosium. Sie werden für Permanentmagnete in Windkraftanlagen oder Elektromotoren benötigt.
Die Forschenden halten jedoch deutliche Verbesserungen für möglich. Bei passenden politischen Entscheidungen könnten bis 2050 etwa 17 kritische Rohstoffe Rückgewinnungsquoten von über 80 % erreichen.
Recycling wird zur Klimafrage
Recycling entwickelt sich dabei nicht nur zur Rohstoffstrategie, sondern zunehmend auch zur Klimafrage. Die Aufbereitung von Sekundärrohstoffen verursacht zwar selbst Emissionen. Der Abbau neuer Rohstoffe belastet Umwelt und Klima jedoch oft deutlich stärker. Genau daraus ergibt sich laut Studie ein klarer Nettoeffekt zugunsten des Recyclings.
Nach Berechnungen der Forschenden verursachte die Rückgewinnung sekundärer Rohstoffe zuletzt rund 38 Mio. Tonnen direkte Emissionen. Gleichzeitig konnten aber etwa 77 Mio. Tonnen CO₂-Äquivalente vermieden werden, weil weniger Primärrohstoffe gefördert und verarbeitet werden mussten. Bis 2050 könnten die vermiedenen Emissionen laut Studie sogar auf 81 bis 273 Mio. Tonnen CO₂-Äquivalent pro Jahr steigen.
Neue Plattform soll Europas Rohstoffströme sichtbar machen
Ein Kernstück des Projekts ist die sogenannte Urban Mine Platform. Dabei handelt es sich um ein digitales Analysewerkzeug, das die Verfügbarkeit kritischer Rohstoffe in europäischen Abfallströmen visualisiert.
Die Plattform verfolgt Materialströme von Produkten über einzelne Bauteile bis hin zu chemischen Elementen. Das soll Behörden, Unternehmen und Investoren helfen, Recyclingpotenziale besser einzuschätzen.
Zusätzlich entwickelten die Forschenden ein neues Bewertungssystem namens „SARA4UNFC“. Es basiert auf einem internationalen Klassifizierungsmodell aus dem Rohstoff- und Energiesektor. Damit soll sich künftig besser beurteilen lassen, welche Recyclingprojekte technisch machbar, wirtschaftlich sinnvoll und ökologisch vertretbar sind.
„Durch die Anwendung des UNFC-Rahmenwerks auf das Recycling geben wir politischen Entscheidungsträgern und Investoren eine gemeinsame Sprache zur Bewertung von Sekundärrohstoffen an die Hand“, erklärt Soraya Heuss-Aßbichler von der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Europas Müll könnte strategisch wichtig werden
Die Studie macht deutlich: Europas Rohstoffproblem lässt sich nicht allein mit neuen Minen lösen. Ein wachsender Teil der benötigten Materialien befindet sich bereits im Wirtschaftskreislauf. Alte Smartphones, Batterien, Elektromotoren oder Windkraftanlagen könnten künftig zu wichtigen Rohstoffquellen werden.
Ob daraus tatsächlich ein stabiler Rohstoffkreislauf entsteht, hängt allerdings von politischen Entscheidungen, Investitionen und funktionierenden Sammelsystemen ab. Genau dort sieht die Studie derzeit noch die größten Schwachstellen Europas.
Pascal Leroy vom WEEE Forum fordert deshalb ein Umdenken: „Angesichts dieser aussagekräftigen Ergebnisse müssen wir unsere Denkweise ändern und ‚sekundäre‘ Quellen für kritische Rohstoffe als die neue Primärquelle betrachten.“
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