Australische Buschfeuer als Inspiration 08.07.2026, 21:00 Uhr

Geoengineering gegen El Niño: Forschende prüfen riskanten Klima-Eingriff

Kann Geoengineering El Niño abschwächen? Studie untersucht Marine Cloud Brightening, Chancen, Risiken und mögliche Folgen für Klima und Wetter weltweit.

El Niño am 8. Juni 2026

El Niño am 8. Juni 2026: Die Darstellung der Meeresoberflächenhöhe zeigt, wie sich warme Wassermassen im Pazifik ausbreiten und das Klimaphänomen verstärken können.

Foto: Nasa / Public Domain

Ein El Niño lässt sich nicht einfach abschalten. Doch eine neue Modellstudie geht einer heiklen Frage nach: Könnte gezieltes Geoengineering die Folgen eines sehr starken El Niño zumindest abschwächen?

Forschende der Scripps Institution of Oceanography an der University of California San Diego haben dafür eine Technik untersucht, die seit Jahren kontrovers diskutiert wird: Marine Cloud Brightening. Dabei sollen Meereswolken durch zusätzliche Aerosolpartikel aufgehellt werden. Hellere Wolken reflektieren mehr Sonnenstrahlung zurück ins All. In der Theorie könnte das bestimmte Meeresregionen abkühlen und dadurch großräumige Wetter- und Klimamuster beeinflussen.

Der Anlass ist brisant. Nach Angaben der US-Klimabehörde NOAA herrschen seit Juni 2026 wieder El-Niño-Bedingungen im tropischen Pazifik. Die Behörde erwartet eine Verstärkung bis in den Winter 2026/27 hinein und nennt eine 63-%-Wahrscheinlichkeit für ein sehr starkes Ereignis im Zeitraum November bis Januar. Die Weltorganisation für Meteorologie weist allerdings darauf hin, dass „Super-El-Niño“ kein standardisierter Fachbegriff ist. Gemeint ist damit in der Regel ein besonders stark ausgeprägter El Niño.

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Warum El Niño so folgenreich ist

El Niño ist die warme Phase der El Niño-Southern Oscillation, kurz ENSO. Dabei erwärmt sich das Oberflächenwasser im zentralen und östlichen äquatorialen Pazifik. Das verändert Luftdruck, Windmuster und Niederschläge in vielen Regionen der Welt.

Die Folgen sind nicht überall gleich. El Niño kann in einigen Regionen Starkregen und Überschwemmungen wahrscheinlicher machen, in anderen Dürren, Hitzewellen oder Ernteausfälle. Auch Meeresökosysteme, Fischerei, Energieversorgung und Infrastruktur können betroffen sein.

Genau hier setzt die neue Studie an. Die Forschenden fragen nicht, ob Geoengineering die menschengemachte Erderwärmung dauerhaft bremsen könnte. Sie betrachten einen engeren Fall: einen zeitlich begrenzten Eingriff gegen ein natürliches, aber zerstörerisches Klimaphänomen.

Der Hinweis kam aus Australien

Ein reales Freilandexperiment mit absichtlich veränderten Wolken wäre riskant. Deshalb nutzte das Team um Kate Ricke und Jessica Wan einen unfreiwilligen natürlichen Vergleichsfall: die verheerenden Buschfeuer in Australien 2019 und 2020.

Bei diesen Bränden gelangten große Mengen Rauchpartikel in die Atmosphäre. Ein Teil davon wurde über den südöstlichen Pazifik getragen. Dort wirkten die Partikel ähnlich wie die Aerosole, die beim Marine Cloud Brightening diskutiert werden. Sie beeinflussten Wolken, machten sie reflektierender und verringerten damit die Sonneneinstrahlung auf die Meeresoberfläche.

Frühere Studien hatten bereits gezeigt, dass der Rauch der australischen Buschfeuer mit einer Abkühlungsreaktion im tropischen Pazifik und La-Niña-ähnlichen Mustern zusammenhing. Eine 2025 veröffentlichte Arbeit in „npj Climate and Atmospheric Science“ untersuchte diesen Zusammenhang im Kontext der mehrjährigen La Niña nach den Bränden.

Für die neue Studie war das entscheidend. Die Buschfeuer lieferten keinen Beweis dafür, dass gezieltes Geoengineering sicher oder kontrollierbar wäre. Sie zeigten aber, dass Aerosole in einer bestimmten Pazifikregion großräumige Klimamuster messbar beeinflussen können.

Was die Forschenden simuliert haben

Die Forschenden modellierten, was passiert wäre, wenn während früherer starker El-Niño-Ereignisse gezielt Marine Cloud Brightening eingesetzt worden wäre. Im Fokus standen die Ereignisse von 1997/98 und 2015/16. Beide gehören zu den stärksten El-Niño-Phasen der jüngeren Klimageschichte.

In den Simulationen wurden Aerosole über bestimmten Bereichen des Pazifiks eingebracht, um dort Wolken aufzuhellen. Besonders interessant war der südöstliche Pazifik, weil dort bereits der Rauch der australischen Feuer deutliche Effekte gezeigt hatte.

Das Ergebnis: In den Modellrechnungen schwächte gezieltes Marine Cloud Brightening die simulierten El-Niño-Ereignisse ab. Entscheidend war der Zeitpunkt. Je früher der Eingriff während der Entwicklung eines El Niño erfolgte, desto stärker fiel der berechnete Effekt aus. Ein später Eingriff, kurz vor dem Höhepunkt des Ereignisses, brachte deutlich weniger.

Laut Science News simulierte das Team auch sehr hohe Partikelkonzentrationen, um den möglichen Effekt klar sichtbar zu machen. Das ist wichtig für die Einordnung: Es handelt sich nicht um einen unmittelbar umsetzbaren Einsatzplan, sondern um eine Modellstudie, die die physikalische Möglichkeit prüft.

Das Klimaphänomen El Niño im Pazifik. Foto: picture alliance/dpa/dpa Grafik | dpa-infografik GmbH

Was Marine Cloud Brightening technisch bedeuten würde

Marine Cloud Brightening beruht auf einem vergleichsweise einfachen physikalischen Prinzip. Kleine Partikel dienen in Wolken als Kondensationskeime. Mehr geeignete Partikel können dazu führen, dass sich mehr, aber kleinere Tröpfchen bilden. Dadurch wird die Wolke heller und reflektiert mehr Sonnenlicht.

In der Praxis wäre der Eingriff aber alles andere als einfach. Man müsste Aerosole in großer Menge, kontrolliert und über der richtigen Meeresregion ausbringen. Häufig wird dafür Meersalz diskutiert. Technisch denkbar wären Schiffe oder andere Plattformen, die feine Salzpartikel in die Atmosphäre sprühen.

Das klingt handhabbar, ist es aber nicht. Die entscheidenden Fragen liegen nicht nur in der Aerosoltechnik. Sie betreffen Wolkenphysik, Ozean-Atmosphäre-Kopplung, Modellunsicherheiten, regionale Nebenwirkungen und internationale Entscheidungsprozesse.

Der größte Vorteil wäre zugleich das größte Risiko

Der Reiz des Ansatzes liegt in seiner zeitlichen Begrenzung. Klassisches solares Geoengineering wird meist als langfristiger Eingriff gegen die globale Erwärmung diskutiert. Das hätte ein massives Problem: Wird ein solcher Eingriff über Jahre oder Jahrzehnte begonnen und später abrupt beendet, könnte die unterdrückte Erwärmung schnell nachholen.

Die neue Studie betrachtet dagegen einen gezielten Eingriff gegen natürliche Klimavariabilität. Ein starker El Niño dauert typischerweise Monate, nicht Jahrzehnte. Die Forschenden argumentieren deshalb, dass ein zeitlich begrenzter Einsatz möglicherweise weniger gesellschaftliche und technische Risiken hätte als ein dauerhaftes Geoengineering-Programm.

Das ist die interessante Seite der Studie. Sie verschiebt die Debatte von der Frage „Können wir das Klima dauerhaft umbauen?“ zu „Kann ein gezielter Eingriff ein konkretes Extremereignis abschwächen?“

Trotzdem bleibt der Ansatz riskant. Ein abgeschwächter El Niño wäre nicht automatisch für alle Regionen vorteilhaft. El Niño und La Niña verteilen Niederschläge, Dürren und Temperaturabweichungen regional sehr unterschiedlich. Wer in einer Region Schaden vermeidet, kann in einer anderen Region neue Risiken erzeugen.

Kritiker warnen vor unkontrollierten Folgen

Die Studie ist deshalb kein Freibrief für Geoengineering. Auch die beteiligten Forschenden betonen, dass deutlich mehr Forschung nötig wäre. Andere Fachleute warnen, dass Eingriffe in die Wolkenbildung unerwartete Effekte auslösen könnten. Science News verweist etwa auf frühere Modellarbeiten, in denen Marine Cloud Brightening im östlichen Pazifik eine übermäßig starke La-Niña-Reaktion auslösen konnte.

Das ist der Kern des Problems: Die Atmosphäre reagiert nicht lokal. Wer die Strahlungsbilanz über einer Meeresregion verändert, beeinflusst Druckfelder, Winde, Meeresoberflächentemperaturen und Niederschlagsmuster. Genau diese Fernwirkungen machen den Ansatz überhaupt interessant. Sie machen ihn aber auch politisch und technisch gefährlich.

Hinzu kommt die Governance-Frage. Wer dürfte entscheiden, ob ein solcher Eingriff durchgeführt wird? Wer bewertet Nutzen und Schaden? Wer haftet, wenn eine Region weniger Überschwemmungen erlebt, eine andere aber mehr Dürre? Diese Fragen sind bislang ungelöst.

Keine Lösung gegen den Klimawandel

Wichtig ist auch: Marine Cloud Brightening würde die Ursache der globalen Erwärmung nicht beseitigen. Es entfernt kein CO₂ aus der Atmosphäre. Es ersetzt keine Emissionsminderung. Und es löst nicht das Problem der langfristigen Ozeanerwärmung.

Die Studie zeigt vielmehr, dass es physikalisch denkbar sein könnte, ein starkes ENSO-Ereignis gezielt zu beeinflussen. Mehr nicht. Zwischen einer vielversprechenden Simulation und einem verantwortbaren realen Einsatz liegt ein großer Abstand.

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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