Endlagerung 06.03.2025, 10:46 Uhr

Atommüll für 100.000 Jahre: Wie verhindern wir das Vergessen?

Wie verhindern wir, dass Atommüll vergessen wird? Forschende aus Schweden setzen auf das Key Information File und die SHIRE-Strategie zur Langzeitsicherung.

Atommüll

Die Lagerung von Atommüll ist an sich schon problematisch, doch wie lässt sich sicherstellen, dass die Menschen in 30.000 oder 40.000 Jahren wissen, wo sich ein Endlager befindet?

Foto: PantherMedia / Satakorn (YAYMicro)

Hochradioaktiver Atommüll stellt eine der größten Herausforderungen der modernen Technik dar. Während die Menschheit Energie aus Kernkraft gewinnt, hinterlässt sie strahlende Überreste, die über Hunderttausende von Jahren gefährlich bleiben. Die sichere Endlagerung ist ein zentraler Bestandteil der nuklearen Entsorgung, doch ein Problem bleibt: Wie können künftige Generationen gewarnt werden? Wie verhindern wir, dass das Wissen über diese tödlichen Hinterlassenschaften in Vergessenheit gerät?

Schweden hat sich für die Tiefenlagerung entschieden und plant, radioaktiven Abfall in einer geologischen Formation nahe Forsmark sicher einzuschließen. Doch Versiegelung allein reicht nicht aus – die Menschheit muss sich über Generationen hinweg an diese Gefahr erinnern. Forschende der Universität Linköping haben dazu eine Strategie entwickelt, die über klassische Archivierung hinausgeht.

Damit soll die Erinnerung gelingen

Die Forschenden haben ein spezielles Dokument entworfen, das zukünftige Generationen über das Endlager informiert: das Key Information File (KIF). Es handelt sich um ein 42-seitiges, längliches Schriftstück mit gelbem Einband, das zentrale Informationen über das Endlager enthält. Ziel ist es, eine verständliche und dauerhafte Botschaft zu hinterlassen, damit das Wissen über den strahlenden Müll nicht verloren geht.

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„Wir versuchen, etwas zu tun, was noch niemand zuvor getan hat“, erklärt Thomas Keating, der das Projekt gemeinsam mit Professorin Anna Storm leitete. Das Dokument gliedert sich in drei Teile:

  • Eine Zusammenfassung, die einen Überblick über das Endlager bietet,
  • Kritische Informationen, die die Risiken und Herausforderungen beschreiben,
  • Handlungsanweisungen für die Zukunft, die festlegen, wie mit dem Wissen umgegangen werden soll.

Dieses Dokument wurde im Auftrag der Gesellschaft für Kernbrennstoff- und Abfallwirtschaft (SKB) erstellt. Auch wenn das Endlager verschlossen sein soll, gibt es keine Garantie dafür, dass es nicht durch Naturkatastrophen, absichtliches Eindringen oder gesellschaftliche Umwälzungen geöffnet wird. Um eine solche Gefahr zu minimieren, muss das Wissen langfristig gesichert werden.

Eine Botschaft für die Zukunft

Die Forschenden haben darauf geachtet, das KIF so zu gestalten, dass es zum erneuten Lesen anregt und weitergegeben wird. Neben einem verständlichen Text wurde es mit anschaulichen Illustrationen versehen, um die Aufmerksamkeit zu steigern. Der Umschlag enthält geheimnisvolle Zeichen – eine verschlüsselte Botschaft, die Neugier wecken soll. Der Gedanke dahinter: Menschen sind von Rätseln fasziniert und beschäftigen sich eher mit Inhalten, die sie entschlüsseln müssen.

Doch es gibt eine große Herausforderung: Sprache verändert sich über Jahrhunderte hinweg. Ebenso können sich kulturelle Interpretationen von Symbolen wandeln. Was heute klar verständlich ist, könnte in der Zukunft unverständlich oder missverständlich sein. Daher enthält das KIF auch die Aufforderung an künftige Generationen, den Inhalt regelmäßig zu aktualisieren und auf neue Medien zu übertragen.

SHIRE – Teilen, Erneuern, Weitergeben

Um das Wissen über den Atommüll lebendig zu halten, haben die Forschenden eine Methode entwickelt: SHIRE – SHare, Imagine, REnew. Diese Strategie basiert auf der Idee, dass Informationen nicht nur gespeichert, sondern aktiv weitergegeben und erneuert werden müssen. Konkret schlägt die Methode vor:

  • Die Informationen als Teil von Schulcurricula zu etablieren,
  • Geschichten, Kunst und kulturelle Ausdrucksformen zu nutzen, um das Thema präsent zu halten,
  • Interaktive Elemente zu verwenden, die Neugier und Weitergabe fördern,
  • Die regelmäßige Aktualisierung und Übersetzung in zeitgemäße Medien sicherzustellen.

Das KIF wurde bereits in wissenschaftlichen Seminaren sowie in Workshops mit Branchenvertreterinnen und -vertretern diskutiert. Auch andere Länder wie Frankreich und die Schweiz arbeiten an vergleichbaren Konzepten. Die Idee ist, das Dokument in regelmäßigen Abständen zu überprüfen – etwa alle zehn Jahre. Doch wer langfristig die Verantwortung für diese Aktualisierungen trägt, bleibt offen.

Die SKB hat die Forschung finanziert, möchte jedoch keine dauerhafte Verpflichtung eingehen. Ein Grund dafür könnte sein, dass das Unternehmen nach Fertigstellung des Endlagers aufgelöst wird. Langfristige Verantwortung für das Wissen über radioaktiven Abfall müsste daher in andere Hände übergehen – möglicherweise in Form einer nationalen oder internationalen Institution.

Eine neue Forschungsdisziplin?

Die langfristige Bewahrung von Wissen über Atommüll ist eine interdisziplinäre Herausforderung. Während sich Ingenieurinnen und Ingenieure mit der Sicherheit von Endlagern beschäftigen, gibt es kaum systematische Forschungen dazu, wie dieses Wissen über Zeiträume von Jahrtausenden erhalten bleiben kann.

„Vielleicht brauchen wir ein ganz neues Forschungsgebiet für diese Art von Gedächtnisstudien“, schlägt Keating vor. Universitäten könnten künftig spezielle Disziplinen entwickeln, die sich mit der Langzeiterinnerung an technische Risiken befassen. Schließlich gibt es zahlreiche Beispiele dafür, dass Wissen verloren geht, wenn sich niemand mehr aktiv darum kümmert.

Langfristige Sicherung des Wissens

Neben der Archivierung im schwedischen Nationalarchiv soll das KIF auch in das internationale Projekt Memory of Mankind integriert werden. Dieses Archiv, das 2012 in Österreich gegründet wurde, verfolgt das Ziel, langfristig bedeutendes Wissen auf haltbaren Keramiktafeln zu speichern. Diese Tafeln werden in einem alten Salzbergwerk in den Alpen eingelagert – ein Ort, der nach heutigem Stand mehrere Jahrtausende überdauern könnte.

„Es wird also auf Keramiktafeln gedruckt und in einem alten Salzbergwerk in einem Berg in Österreich aufbewahrt“, beschreibt Keating das Konzept. Dies soll sicherstellen, dass die Informationen auch dann erhalten bleiben, wenn digitale Speichermedien versagen oder nicht mehr gelesen werden können.

Hier geht es zur Originalmeldung

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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