Umwelt 08.02.2002, 17:32 Uhr

Asbestalarm in Manhattan

Das World Trade Center hat beim Einsturz möglicherweise mehr Asbest freigesetzt, als die US-Umweltbehörde zugeben will.

Mit den gewaltigen Staubwolken, die beim Einsturz des World Trade Centers den Himmel über New York verdunkelten, ist vielleicht mehr Asbest in Manhattan verteilt worden, als die US-Umweltbehörde eingestehen will. „Wir sind sehr erleichtert, dass es anscheinend keine nennenswerte Asbestbelastung in der Luft von Manhattan gibt“, hatte die Leiterin der „Environmental Protection Agency“ (EPA) Christie Whitman zwei Tage nach dem Anschlag gesagt. Eine langjährige Mitarbeiterin der EPA, Dr. Cate Jenkins, stellt das in Frage.

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„Die EPA hat mit Methoden gearbeitet, die nicht sensitiv genug sind, um die tatsächliche Asbestkonzentration festzustellen“, kritisiert die Chemikerin. Private Institute hätten in Wohnungen Asbestwerte gemessen, die um das 555-fache über dem Wert von 400 Fasern/m3 lagen, der in den USA als Gesundheitsrisiko gilt – die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, liegt bei 1:10 000.

Nach dem 11. September habe die EPA rasch billige und schnelle Analysetechniken gesucht, erklärt Jenkins, „deshalb hat die Behörde auf ungenaue Methoden zurückgegriffen“. So sei nur ab einer Nachweisgrenze von 20 000 Asbestfasern/m3 gemessen worden.

Eine weitere Schwachstelle der EPA-Kontrollen: Die Behörden haben nur den Staub getestet, der auf Möbeln und Böden lag. Um die Asbestbelastung unter Wohnbedingungen zu messen, werden üblicherweise Luftproben genommen. „Dazu muss die Luft im Raum verwirbelt werden“, sagt Dr. Rolf Packroff, Chemiker von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin.

In ihrer ersten Risikoabschätzung für Süd-Manhattan rechnet Cate Jenkins vor, dass die Fasern für mindestens jeden 1000., möglicherweise sogar für jeden 10. Bewohner tödlich sein könnten. Ihre Berechnungen nennt sie allerdings „sehr unsicher“, da von unabhängigen Instituten nur wenige Messungen gemacht wurden. Packroff teilt die Ansicht: „Solche Berechnungen sind fundiertes Raten.“

Keiner weiß zudem, wie viel Asbest in den Twin Towers eigentlich verbaut wurde. Die Stadt New York hatte – als die Türme entstanden – Asbest offenbar verboten. Und so war nach Angaben des Bauingenieurs Arthur Langer von der Universität New York nur das Tragwerk des Südturms bis zum 40. Stock mit Asbest geschützt worden.

Asbest kommt in der Natur in feinsten Fasern vor. Nur die langen und dünnen Fasern nisten sich in der Lunge ein, wo sie nach Jahrzehnten Krebs, bösartige Geschwulste oder eine tödliche Asbestose hervorrufen können. Wie viele der feinsten Teilchen immer noch in der Luft Manhattans schweben, wird sich selbst mit sensitiveren Techniken nur schwer feststellen lassen, da die Verteilung der Fasern sehr unterschiedlich ist. „In solchen Fällen versucht man vergeblich, aussagekräftige Werte zu bekommen“, erklärt Packroff. „In Deutschland wird mittlerweile meist ohne Messungen saniert, wenn Gefahr besteht, dass Asbest in gefährlichen Mengen frei wird.“

Viele Menschen sind gleich nach dem Unglück in ihre Wohnungen und Büros zurückgekehrt. „Die bisherigen Aufräumarbeiten sind nutzlos“, sagt Jenkins. Viele Mieter hätten ihre Wohnung ohne jede Sachkenntnis geputzt und dabei den Asbeststaub aufgewirbelt.

Jenkins fordert daher, Süd-Manhattan zu einer „Superfund-Site“ der EPA zu erklären. Dabei handelt es sich um einen Status, den die Umweltbehörde an besonders kontaminierte Gebiete vergibt. „Die Regierung muss dann die Sanierungsarbeiten bezahlen und überwachen“, so Jenkins. Immerhin hat die EPA ihre eigenen Räumlichkeiten in Manhattan professionell reinigen lassen. Die Nachbarhäuser hatte sie zuvor für unbelastet erklärt.

ELKE BODDERAS

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