Klimaforschung 10.01.2025, 11:15 Uhr

Copernicus-Bericht: Klimaerwärmung 2024 übersteigt 1,5 Grad

2024 ist klimatologisch ein Jahr der Extreme, meldet der EU-Klimawandeldienst Copernicus. Das erste, das die 1,5-°C-Grenze reißt.

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2024 ist klimatologisch ein Jahr der Extreme, meldet der EU-Klimawandeldienst Copernicus. Das erste, das die 1,5-°C-Grenze reißt, eine Rekordluftfeuchtigkeit und der großflächigste Hitzestress.

Foto: PantherMedia / stadtratte

Laut den neuesten Auswertungen des EU-Satellitendienstes Copernicus war es weltweit das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Erstmals wurde durchgehend die 1,5-°C-Grenze überschritten, im Schnitt waren es sogar 1,6 °C über dem vorindustriellen Niveau, weitere Rekordwerte (seit Beginn der Messungen) in den Klimadaten 2024 kommen hinzu. „Alle international zusammengestellten globalen Temperaturdaten zeigen, dass 2024 das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1850 war“, so Carlo Buontempo, Direktor des Copernicus Climate Change Service, ECMWF.

Was Copernicus vor einem Jahr zum Klimajahr 2023 berichtete, finden Sie hier:

In diesem Jahr haben die an der globalen Klimaüberwachung beteiligten Organisationen gemeinsame Anstrengungen unternommen, um die Veröffentlichung ihrer Daten zu koordinieren und die außergewöhnlichen Bedingungen des Jahres 2024 herauszustellen. Dazu gehören neben Copernicus das Europäische Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage (ECMWF), die Nasa, die Nationale Ozean- und Atmosphärenbehörde der USA (NOAA), UK Met Office, Berkeley Earth und die Weltorganisation für Meteorologie (WMO). Die Erderwärmung scheint sich danach keine Pause zu lassen. Was sagen diese Daten aber genau aus? Hier finden Sie die wichtigsten Fakten und eine Analyse der Auswirkungen auf die Klimapolitik.

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Wie warm war das Jahr 2024 laut den Klimadaten im Vergleich zu früheren Jahren?

2024 war global gesehen das wärmste Jahr, das jemals gemessen wurde. Der Copernicus Climate Change Service (C3S) bestätigt, dass 2024 das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen ist und das erste Jahr, in dem die globale Durchschnittstemperatur 1,5 °C über dem vorindustriellen Niveau liegt. Verglichen mit dem Zeitraum 1850 bis 1900 hat die geschätzte Mitteltemperatur um 1,6 °C zugelegt. Jedes der letzten zehn Jahre (2015 bis 2024) gehört zu den zehn wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen. Dass ein Ende der immer neuen und höheren Rekorde bei Treibhausgasemissionen und Temperaturen nicht abzusehen ist, war schon zur Jahresmitte des letzten Jahres klar.

Exakt lag die globale Durchschnittstemperatur laut den Klimadaten 2024 bei 15,10 °C. Das waren 0,12 °C mehr als 2023, dem bisher wärmsten Jahr, und um 0,72 °C über dem Durchschnitt von 1991 bis 2020. 2024 war auch in Deutschland und Europa das bisher wärmste Jahr. Den bisher heißesten Tag mit einer globalen Temperatur von 17,16 °C gab es am 22. Juli 2024. Der Zweijahresdurchschnitt (2023 und 2024) habe 1,54 °C über dem vorindustriellen Niveau gelegen, so Copernicus.

Im Jahr 2024 erreichte die Fläche der Erde, die von mindestens „schwerem Hitzestress“ betroffen war, am 10. Juli einen neuen Jahresrekord, als rund 44 % der Erde von „schwerem“ bis „extremem Hitzestress“ betroffen waren. Dies seien 5 % mehr der Erdoberfläche als der durchschnittliche jährliche Höchststand, so Copernicus. Bereits im Sommer 2024 wurden in mehreren Regionen, darunter Südeuropa und Nordamerika, Temperaturen von über 50 °C gemessen – ein bislang beispielloses Phänomen.

Was die Forschung zu den Klimadaten 2024 sagt

„Ich habe Anfang 2024 nicht damit gerechnet, dass 2024 noch deutlich wärmer als 2023 ausfallen wird und dass die 1,5-°C-Marke deutlich überschritten wird“, gab sich Andreas Fink, Professor für Meteorologie am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), erstaunt. Erklärungen würden aktuell diskutiert: eine Abnahme niedriger, reflektierender Wolken über dem Nordatlantik zum Beispiel. „Aber eine schlüssige Erklärung fehlt bisher. Insofern überrascht das Ausmaß der Erwärmung im vergangenen Jahr viele Klimaforscher.“

Laut Thorsten Mauritsen, Dozent im Forschungsbereich Global Atmospheric Dynamics an der schwedischen Stockholm University, bestätigten sich aber in den Daten die Prognosen der Wissenschaft, dies sei im 2021 veröffentlichten IPCC-Bericht prognostiziert worden. „In diesem Bericht stellten die Autoren fest, dass bis 2030 die Wahrscheinlichkeit etwa 50 % beträgt, dass einzelne Jahre die 1,5-°C-Marke überschreiten, dass dies aber erstmals einige Jahre früher der Fall sein wird.“

„Dass jetzt – sechs Jahre vorher – ein einzelnes Jahr darüber liegt, passt also ins Bild“, so Jochem Marotzke, Direktor der Forschungsabteilung Ozean im Erdsystem am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. „Die Welt nähert sich dem 1,5-°C-Wert, auch im langjährigen Mittel, da muss es eigentlich passieren, dass vorher ein einzelnes Jahr darüber liegt.“

Welche Klimadaten 2024 sonst noch wichtig sind

Nach Daten des Klimasatelliten ERA5 erreichte die Gesamtmenge an Wasserdampf in der Atmosphäre im Jahr 2024 ein Rekordniveau, das rund 5 % über dem Durchschnitt von 1991 bis 2020 lag und damit mehr als 1 % höher als in den Jahren 2016 und 2023, den Jahren mit den bisher höchsten und zweithöchsten Werten. Diese reichliche Feuchtigkeit verstärkte das Potenzial für extreme Niederschlagsereignisse.

Unter anderem die extremen Temperaturen und hohe Luftfeuchtigkeit führten in Folge zu erhöhtem Hitzestress. In weiten Teilen der nördlichen Hemisphäre gab es im Jahr 2024 mehr Tage mit mindestens „starker Hitzebelastung“ als im Durchschnitt, und in einigen Gebieten gab es mehr Tage mit „extremer Hitzebelastung“ als im Durchschnitt.

Europa und Nordamerika erlebten laut den Klimadaten 2024 von Copernicus eine Vielzahl von Extremereignissen wie Hitzewellen, Waldbrände und Überschwemmungen. In Afrika und Südasien litten Millionen von Menschen unter anhaltenden Dürreperioden, während der Anstieg des Meeresspiegels in den Küstenregionen von Bangladesch und den Malediven zu massiven Landverlusten führte.

Wie beeinflussen die Klimadaten politische Entscheidungen?

Die Daten von Copernicus spielen eine zentrale Rolle in internationalen Klimaverhandlungen. Auf der COP-29-Konferenz waren die Ergebnisse von 2024, die damals in einer ersten Prognose vorgestellt wurden, ein Weckruf für viele Regierungen. „Wir stehen nun kurz davor, die im Pariser Abkommen festgelegte Grenze von 1,5 °C zu überschreiten, und der Durchschnitt der letzten beiden Jahre liegt bereits über diesem Wert“, kommentierte Samantha Burgess, Strategic Lead for Climate, ECMWF.

Laurence Rouil, Direktor von CAMS beim ECMWF, betont, wie wichtig die Datenerhebung für derartige Verhandlungen sei: „Dieser Bericht zeigt den entscheidenden Wert unserer Überwachungsaktivitäten.“ 2024 hätten die globalen Kohlendioxidkonzentrationen um 2,9 ppm und die Methankonzentrationen um 3 ppb höher als 2023 gelegen. „Dieser Anstieg hat die jährliche Schätzung der atmosphärischen Konzentration von Kohlendioxid auf 422 ppm und von Methan auf 1897 ppb erhöht. Unsere Daten zeigen eindeutig einen stetigen globalen Anstieg der Treibhausgasemissionen, die nach wie vor die Hauptursache für den Klimawandel sind.“

Bereits erste politische Reaktionen zeigen Wirkung: Die EU plant, ihre CO2-Emissionen bis 2030 um 60 % zu senken. Auch China und die USA haben ambitionierte Klimaziele für die kommenden Jahre angekündigt. „Mit Wissenschaft, Innovation und Vorzeigeprogrammen im Bereich der Erdbeobachtung wie Copernicus können wir fundierte Entscheidungen zur Eindämmung des Klimawandels und zur Anpassung an ihn treffen“, so Mauro Facchini, Leiter der Erdbeobachtung bei der Generaldirektion Verteidigungsindustrie und Weltraum der Europäischen Kommission.

Lässt sich das 1,5-°C-Ziel des Pariser Weltklimaabkommens noch erreichen?

„Erst nach dem Ausstieg aus der Nutzung fossiler Brennstoffe können wir mit einer Stabilisierung der globalen Temperaturen rechnen“, meint Mauritsen. Es gebe zwar Ideen, wie wir Kohlendioxid künstlich aus der Atmosphäre entfernen könnten, aber „ich halte es für höchst unrealistisch, dass wir solche Systeme so weit ausbauen können, dass die globale Erwärmung in absehbarer Zeit unter 1,5 °C sinkt. Ich denke, wir Wissenschaftler sollten einfach sagen, wie es ist: Wir haben das 1,5-°C-Ziel verfehlt, und es gibt wirklich kein Zurück mehr.“

Jochem Marotzke meint, es sehe „nicht gut aus für die Perspektive, dass die Welt später wieder unter 1,5 °C fallen könnte durch die Kombination von drastischer Emissionsminderung und Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre“. Sprich: CCS-Technologien sind kein Allheilmittel für eine verfehlte Klimapolitik und die Reduzierung der Nutzung fossiler Energieträger. „Diese Kombination ist im notwendigen Umfang nicht realistisch zu erwarten.“

Auch KIT-Experte Fink hält das „1,5-°C-Ziel für nicht mehr haltbar“. Er weist darauf hin, dass sich die Staatengemeinschaft unökonomisch verhält, wenn sie keine Anstrengung zu Verringerung der Treibhausgase unternimmt: „Es muss immer wieder betont werden, dass die Kosten eines eskalierenden Klimawandels deutlich höher sein werden als die Transformation zu einer dekarbonisierten Wirtschaft. Ganz zu schweigen von den Folgen von potenziellen Massenmigrationen aus tropischen Regionen, welche durch die Erderwärmung aus der sogenannten Klimanische geraten.“

Ein Beitrag von:

  • Stephan W. Eder

    Stephan W. Eder ist Technik- und Wissenschaftsjournalist mit den Schwerpunkten Energie, Klima und Quantentechnologien. Grundlage hierfür ist sein Studium als Physiker und eine anschließende Fortbildung zum Umweltjournalisten.

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