Gesetze der Quantenphysik missachtet 03.09.2026, 20:23 Uhr

Eine Million Atome sollten Neutrinos bündeln, dann rechnete ein Nobelpreisträger nach

Ein Bose-Einstein-Kondensat sollte einen Neutrino-Laser ermöglichen. Wolfgang Ketterle zeigt, warum Quantenphysik den Strahl verhindert.

Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass ein Neutrino-Laser, den Physiker zuvor als mögliche Technologie ins Spiel gebracht hatten, tatsächlich nicht realisierbar ist.

Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass ein Neutrino-Laser, den Physiker zuvor als mögliche Technologie ins Spiel gebracht hatten, tatsächlich nicht realisierbar ist.

Foto: MIT News; iStock, Creative Commons BY-NC-ND 3.0

Eine Million radioaktive Atome, extrem tief gekühlt, sollten innerhalb weniger Minuten zerfallen und dabei einen gebündelten Strahl aus Neutrinos aussenden. Die Idee erschien 2025 in einem renommierten Fachjournal. Nun haben Physiker um Nobelpreisträger Wolfgang Ketterle nachgerechnet. Gleich drei Effekte der Quantenphysik machen dem Neutrino-Laser einen Strich durch die Rechnung.

Ein Laserstrahl aus Neutrinos wäre für die Physik ein ungewöhnliches Werkzeug. Die Elementarteilchen tragen keine elektrische Ladung und wechselwirken nur äußerst selten mit Materie. Genau deshalb sind sie so schwer einzufangen und gezielt zu beeinflussen. Große Anlagen wie das chinesische Neutrino-Observatorium JUNO benötigen Zehntausende Tonnen Detektormaterial, um überhaupt genügend Neutrinos nachweisen zu können.

2025 präsentierten Benjamin Jones und Joseph Formaggio deshalb eine ungewöhnliche Alternative. Statt Neutrinos aufwendig einzufangen, wollten sie deren Entstehung selbst beeinflussen. Ihr Vorschlag: Eine Wolke aus etwa einer Million radioaktiven Rubidium-83-Atomen wird so weit heruntergekühlt, dass ein Bose-Einstein-Kondensat entsteht.

In diesem Zustand verhalten sich die Atome nicht mehr wie eine Ansammlung unabhängiger Teilchen. Quanteneffekte bestimmen das Verhalten der gesamten Atomwolke. Solche ultrakalten Systeme werden inzwischen auch für Anwendungen wie Quantensensoren und eine mögliche Navigation ohne GPS untersucht.

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Jones und Formaggio hofften, einen weiteren Quanteneffekt nutzen zu können: die sogenannte Superradianz. Die Rubidiumatome sollten ihre Neutrinos nicht mehr unabhängig voneinander aussenden, sondern ihre Emission gegenseitig verstärken. Im Idealfall wäre daraus ein stark gebündelter Neutrinostrahl entstanden. Die Berechnung klang spektakulär: Die Halbwertszeit von Rubidium-83 hätte sich von rund 86 Tagen auf nur wenige Minuten verkürzen können.

Mit einem normalen Laser hat die Idee nur bedingt zu tun

Der Begriff Neutrino-Laser ist allerdings etwas irreführend. Bei einem gewöhnlichen Laser sorgt stimulierte Emission dafür, dass immer mehr Photonen mit passenden Eigenschaften erzeugt werden. Beim vorgeschlagenen Neutrino-Laser sollte ein anderer Mechanismus wirken. Die radioaktiven Atome sollten ihre Neutrinos durch kollektive spontane Emission verstärken – eben durch Superradianz.

Normalerweise strahlen N unabhängige Atome zusammen mit einer Rate ab, die proportional zu N wächst. Bei Superradianz kann die maximale Emissionsrate dagegen proportional zu N² steigen. Eine Million Atome könnten dadurch theoretisch einen enormen kollektiven Effekt erzeugen.

Doch Wolfgang Ketterle und seine Kollegen Hanzhen Lin und Yu-Kun Lu vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) fanden gleich mehrere Probleme. Ketterle gehört zu den führenden Forschern auf dem Gebiet ultrakalter Atome und erhielt 2001 gemeinsam mit Eric Cornell und Carl Wieman den Physik-Nobelpreis für Arbeiten zur Bose-Einstein-Kondensation.

Die Ergebnisse erschienen am 2. September 2026 in zwei Arbeiten in Physical Review Letters.

Problem 1: Die Teilchen spielen nicht nach denselben Regeln wie Licht

Beim vorgeschlagenen Experiment zerfällt Rubidium-83 durch Elektroneneinfang zu Krypton-83. Vereinfacht ausgedrückt fängt dabei ein Proton im Atomkern ein Elektron ein, wird zu einem Neutron und gibt ein Neutrino ab.

Elektroneneinfang spielt auch bei anderen Experimenten der Neutrinophysik eine wichtige Rolle. Beim ECHo-Experiment zur Bestimmung der Neutrinomasse wird beispielsweise der Zerfall von Holmium-163 untersucht. Für den Neutrino-Laser steckt im Übergang von Rubidium zu Krypton allerdings bereits das erste fundamentale Problem.

Rubidium-83 verhält sich in dem betrachteten Zustand als Boson. Viele Bosonen können denselben Quantenzustand besetzen – eine Voraussetzung dafür, dass sich im Kondensat ein kollektiver Zustand aufbauen kann. Das erzeugte Krypton-83 verhält sich dagegen als Fermion. Für identische Fermionen gilt das Pauli-Prinzip: Sie dürfen nicht denselben Quantenzustand besetzen.

Ketterles Team spielte die Rechnung zunächst mit einem hypothetischen Krypton durch, das sich ebenfalls wie ein Boson verhält. Dann funktioniert der grundlegende Mechanismus tatsächlich: Die Emissionsrate kann mit N² anwachsen.

Setzt man jedoch die tatsächliche Fermionenstatistik des Kryptons ein, verschwindet diese Verstärkung. Nach dem ersten Zerfall kann sich die benötigte Kette gemeinsamer Quantenzustände nicht weiterentwickeln. Die maximale Rate wächst nur noch proportional zur Zahl der Atome – genau wie bei unabhängigen Emittern.

Damit wäre der vorgeschlagene Superradianz-Effekt bereits erledigt. Doch selbst wenn man dieses Problem künstlich aus der Rechnung entfernt, funktioniert der Neutrino-Laser noch immer nicht.

Problem 2: Die Wellenlänge der Neutrinos ist viel zu klein

Superradianz setzt voraus, dass viele Atome in denselben Strahlungsmodus emittieren. Bei Licht lässt sich das beispielsweise mit einem Resonator erreichen. Der zwingt Photonen dazu, sich bevorzugt in bestimmten Moden auszubreiten. Für Neutrinos gibt es keinen vergleichbaren Resonator. Die Forscher müssten deshalb allein die Geometrie des Bose-Einstein-Kondensats nutzen, um einen gemeinsamen Emissionsmodus zu erzeugen.

Hier kommt die Wellenlänge ins Spiel. Neutrinos aus einem radioaktiven Zerfall besitzen Energien im Bereich von Megaelektronenvolt. Ihre Wellenlänge liegt dadurch lediglich in der Größenordnung von Pikometern. Das ist extrem klein gegenüber einem Bose-Einstein-Kondensat mit Abmessungen von mehreren Mikrometern.

Die Folge wäre ein außerordentlich schmaler Emissionskegel. Nur ein winziger Teil der Atome könnte in denselben Modus koppeln. Die APS-Analyse beschreibt das über die sogenannte Kooperativität C. Für das vorgeschlagene System liegt sie lediglich bei ungefähr 10-12. Selbst bei einer Million Atomen ergibt sich damit

N × C ≈ 10-6.

Für Superradianz müsste dieser Wert dagegen deutlich größer als 1 sein. Der Abstand beträgt also viele Größenordnungen.

Problem 3: Das Kryptonatom ist sofort weg

Die hohe Energie des Neutrinos verursacht noch ein weiteres Problem. Nach der Impulserhaltung erhält das beim Zerfall entstehende Kryptonatom einen kräftigen Rückstoß. Ketterles Team kommt auf Geschwindigkeiten von einigen tausend Metern pro Sekunde. Für ein ultrakaltes Bose-Einstein-Kondensat ist das enorm. Das Kryptonatom durchquert die winzige Atomwolke in weniger als einer Mikrosekunde und verlässt sie.

Damit geht die für Superradianz notwendige Kohärenz verloren, noch bevor sich eine kollektive Emission entwickeln kann. Vereinfacht gesagt enthält die Bewegung des Kryptonatoms Informationen darüber, welches Atom das Neutrino ausgesendet hat. Die verschiedenen möglichen Emissionswege sind damit nicht mehr ununterscheidbar – eine zentrale Voraussetzung für den kollektiven Effekt fällt weg.

In ihrer zweiten Arbeit untersuchten Lin, Lu und Ketterle allgemein, ob Bose-Einstein-Kondensate radioaktive Zerfälle auf diese Weise verstärken könnten. Ihr Ergebnis fällt ernüchternd aus: Für die untersuchten Vorschläge liegt der erreichbare Verstärkungsfaktor bei höchstens etwa 10-16.

Nobelpreisträger: Jeder Einwand hätte ausgereicht

Ketterle beschreibt die beiden Arbeiten als zwei aufeinanderfolgende Treffer gegen die ursprüngliche Idee. Jeder einzelne hätte ausgereicht, um den Vorschlag zu Fall zu bringen.

Bemerkenswert ist, dass Joseph Formaggio, einer der beiden Urheber des Neutrino-Lasers, die Kritik nicht zurückweist. Er bezeichnete die neuen Resultate gegenüber dem MIT als überzeugende und konstruktive Herausforderung. Neue Ideen müssten von anderen Forschenden kritisch geprüft werden, genau so funktioniere Wissenschaft.

Quellen

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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