Strom wird knapp: Wie lange sendet Voyager 1 noch Daten?
Voyager 1 sendet seit 1977 Daten aus dem All. Doch der Strom wird knapp – wie lange hält die älteste Raumsonde der Menschheit noch durch?
Die Reise von Voyager 1 begann im Jahr 1977 – wir schauen uns an, was sie seitdem erlebt hat.
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Foto: NASA/JPL-Caltech
Das Wichtigste in Kürze
- Start: 1977, ursprünglich auf wenige Jahre ausgelegt
- Aktuelle Entfernung: rund 25 Milliarden Kilometer
- Signal-Laufzeit: über 22 Stunden
- Energiequelle verliert jährlich Leistung
- Stand 2026: nur noch zwei aktive Messinstrumente
- Realistisches Kommunikationsende: Anfang der 2030er Jahre
Die Stille im interstellaren Raum ist absolut. Dennoch sendet ein kleines Objekt aus Aluminium und Titan seit fast 50 Jahren beharrlich Daten aus dieser Leere. Voyager 1 ist der am weitesten entfernte Außenposten der Menschheit. Ende April 2026 befindet sich das System rund 25 Milliarden Kilometer von der Erde entfernt. Das entspricht etwa 167 Astronomischen Einheiten (AE). Doch die physikalischen Grenzen der Hardware rücken unaufhaltsam näher. Die NASA musste im April 2026 erneut eine kritische Entscheidung treffen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten.
Inhaltsverzeichnis
- Energiemangel in der Tiefe des Alls
- 25 Milliarden Kilometer: Die Herausforderung der Funkstrecke
- Die Energiequelle: Zerfall gegen die Kälte
- Das „Big Bang“-Programm: Ein riskanter Rettungsplan
- Reparaturen über Lichtjahre hinweg
- Die goldene Schallplatte: Ein analoges Gedächtnis
- Das letzte Bild: Pale Blue Dot
- Wie geht es weiter?
- Wie lange hält Voyager 1 noch durch?
- Wo befindet sich Voyager 1 gerade?
Energiemangel in der Tiefe des Alls
Die Nachricht aus dem Jet Propulsion Laboratory (JPL) der NASA verdeutlicht den kritischen Zustand. Ende Februar 2026 führte Voyager 1 ein routinemäßiges Rollmanöver aus. Die Sonde dreht sich dabei um die eigene Achse, um die Sensoren zu kalibrieren. Nach diesem Vorgang registrierten die Ingenieurinnen und Ingenieure einen unerwartet starken Spannungsabfall. Die thermoelektrischen Radioisotopengeneratoren (RTGs) an Bord liefern nicht mehr genug Strom, um alle Systeme stabil zu versorgen.
Um eine Notabschaltung durch das autonome Bordmanagement zu verhindern, deaktivierte das Team am 17. April 2026 ein weiteres Instrument. Es traf das „Low-Energy Charged Particles Experiment“ (LECP). Dieses System lieferte über Jahrzehnte wichtige Erkenntnisse über geladene Teilchen. Kareem Badaruddin, Leiter der Voyager-Mission am JPL, kommentierte den Schritt nüchtern: „Niemand mag es, ein wissenschaftliches Instrument abzuschalten, aber es war die beste Option.“
Aktuell verbleiben nur noch zwei aktive Messgeräte: das Magnetometer und das Plasmawellen-System. Beide liefern weiterhin Daten aus einer Region, die kein anderes menschengemachtes Objekt je erreicht hat.

Die Technik der 1970er: Robustheit schlägt Rechenleistung
Für moderne IT-Fachkräfte wirkt das Innenleben von Voyager 1 wie ein Museumsstück. Die Sonde nutzt drei redundante Computersysteme. Das „Computer Command System“ (CCS) steuert die Abläufe. Das „Flight Data Subsystem“ (FDS) bereitet die Daten für den Funk vor. Die „Attitude and Articulation Control“ (AACS) ist für die Ausrichtung verantwortlich.
Die Rechenleistung ist minimal. Der Speicher des FDS besteht aus lediglich 8.192 Wörtern zu je 16 Bit. Als Massenspeicher dient ein digitales Achtspur-Magnetbandlaufwerk. Dennoch ermöglicht diese Architektur eine Flexibilität, die heutige hochintegrierte Systeme oft vermissen lassen. Die NASA-Teams programmieren die Software in Assembler-Code um, um defekte Speicherbereiche zu umgehen. Ein solcher Eingriff rettete die Kommunikation im Jahr 2024, nachdem ein einzelner Chip im FDS-System ausgefallen war.
25 Milliarden Kilometer: Die Herausforderung der Funkstrecke
Die Kommunikation mit Voyager 1 erfordert eine enorme Präzision. Ein Funksignal benötigt bei Lichtgeschwindigkeit etwa 23 Stunden für den einfachen Weg. Eine vollständige Befehlskette inklusive Bestätigung dauert somit fast zwei Tage (46 Stunden Round-Trip Light Time).
Das Signal erreicht die Erde mit einer extrem geringen Leistung. Das Deep Space Network (DSN) nutzt 70-Meter-Antennen in Kalifornien, Spanien und Australien, um diese Wellen im Rauschen des Universums zu isolieren. Die Datenrate beträgt nur noch 160 Bit pro Sekunde (bps). Zum Vergleich: Ein herkömmlicher DSL-Anschluss ist Millionen Mal schneller. Dennoch reicht diese Rate aus, um die Zustandsdaten (Telemetrie) und die Messwerte der verbleibenden Instrumente zu übertragen.

Meilensteine einer außergewöhnlichen Route
Die Reise begann am 5. September 1977 in Cape Canaveral. Ursprünglich war die Mission nur auf vier Jahre ausgelegt. Voyager 1 nutzte eine seltene Planetenkonstellation, um mittels „Gravity Assist“ (Swing-by-Manövern) an Geschwindigkeit zu gewinnen.
- Jupiter (1979): Die Entdeckung von aktivem Vulkanismus auf dem Mond Io war eine Überraschung für die Astronomie. Voyager 1 flog in 18.500 Kilometern Entfernung an Io vorbei und lieferte Bilder von Schwefelfontänen, die hunderte Kilometer in den Weltraum ragten.
- Saturn (1980): Hier stand die Atmosphäre des Mondes Titan im Fokus. Die Sonde stellte fest, dass Titan eine dichte Stickstoffatmosphäre besitzt, ähnlich der frühen Erde. Zudem wurden die komplexen Strukturen der Saturnringe analysiert.
- Interstellarer Raum (2012): Am 25. August 2012 registrierten die Sensoren einen drastischen Rückgang der Sonnenwind-Teilchen und einen Anstieg der kosmischen Strahlung. Die Sonde hatte die Heliopause durchquert.
Die Energiequelle: Zerfall gegen die Kälte
Das Herzstück der Energieversorgung sind die drei RTGs. Diese enthalten Plutonium-238-Dioxid. Der natürliche radioaktive Zerfall erzeugt Wärme, die über Thermoelemente in Strom umgewandelt wird.
Beim Start lieferten diese Batterien etwa 470 Watt. Da die Halbwertszeit von Plutonium-238 bei rund 88 Jahren liegt und auch die Thermoelemente degradieren, sinkt die Leistung kontinuierlich. Pro Jahr verliert die Sonde etwa 4 Watt an Kapazität. Aktuell stehen nur noch knapp 250 Watt zur Verfügung. Das entspricht einem Verlust von etwa 46 %. Da die Heizungen der Instrumente einen Großteil dieser Energie verbrauchen, müssen die Ingenieurinnen und Ingenieure ständig abwägen: Welches Bauteil darf einfrieren, ohne das Gesamtsystem zu gefährden?

Das „Big Bang“-Programm: Ein riskanter Rettungsplan
Um die Mission bis in die 2030er-Jahre zu führen, hat die NASA den „Big Bang“-Plan entwickelt. Dabei handelt es sich um eine tiefgreifende Änderung des Energiemanagements. Das Team will eine Gruppe von Verbrauchern gleichzeitig umkonfigurieren oder deaktivieren, die bisher als unantastbar galten.
Das Programm wird im Mai und Juni 2026 zunächst an Voyager 2 getestet. Diese Sonde befindet sich in einer etwas besseren energetischen Verfassung. Verlaufen diese Tests positiv, wird das Verfahren im Juli 2026 auf Voyager 1 angewendet. Ziel ist es, genug Strom einzusparen, um das im April abgeschaltete LECP-Instrument eventuell wieder zu reaktivieren. Ein kleiner Motor des LECP bleibt vorsorglich aktiv, um den Sensor weiterhin ausrichten zu können. Er verbraucht lediglich 0,5 Watt.
Reparaturen über Lichtjahre hinweg
In den letzten Jahren zeigten sich verstärkt Abnutzungserscheinungen an den Triebwerken. Voyager 1 nutzt kleine Düsen, um die Antenne auf die Erde auszurichten. Da die primären Düsen verstopft sind, wechselte die NASA mehrfach auf Reserve-Sätze.
Ein kritischer Moment war die Reaktivierung der Rollkontrolldüsen im März 2025. Diese waren seit 21 Jahren nicht mehr in Betrieb gewesen. Hätte die Zündung versagt oder die Lage der Sonde zu stark verändert, wäre der Kontakt dauerhaft abgebrochen. Die Fachleute mussten das Manöver exakt timen, bevor eine wichtige Antenne des DSN in Australien für Wartungsarbeiten abgeschaltet wurde. Solche Operationen erfordern präzise Berechnungen der Treibstoffleitungen, die über Jahrzehnte der Kälte ausgesetzt waren.

Die goldene Schallplatte: Ein analoges Gedächtnis
Falls die Elektronik versagt, bleibt Voyager 1 ein Botschafter. Die „Golden Record“, eine 30 cm große, vergoldete Kupferschallplatte, ist an der Außenseite befestigt. Sie enthält analoge Informationen über die Menschheit:
- 90 Minuten Musik (u. a. Bach, Beethoven, Chuck Berry).
- Grußbotschaften in 55 Sprachen.
- 120 Bilder von Menschen, Tieren und technischer Infrastruktur.
- Naturgeräusche wie Wind, Donner und Herzschläge.
Die Platte ist so konstruiert, dass sie Milliarden von Jahren im interstellaren Raum überstehen kann. Sie ist das einzige Teil der Sonde, das keine Energie benötigt, um seine Funktion zu erfüllen.
Das letzte Bild: Pale Blue Dot
1990 blickte Voyager 1 auf Befehl von Carl Sagan ein letztes Mal zurück. Aus einer Entfernung von 6,4 Milliarden Kilometern entstand das Foto „Pale Blue Dot“. Die Erde ist darauf nur als winziger, blassblauer Punkt in einem Sonnenstrahl zu sehen.
Dieses Bild verdeutlicht die Isolation unseres Planeten im Kosmos. Kurz darauf wurde das Kamerasystem abgeschaltet, um Energie für die restliche Reise zu sparen. Seitdem reist die Sonde „blind“, aber mit funktionierenden Teilchendetektoren und Magnetometern.iger Lichtpunkt im Sonnenstrahl. Der „Pale Blue Dot“ wurde zu einem Symbol für die Fragilität des Lebens im Universum.

Wie geht es weiter?
Die kommenden Monate sind entscheidend. Der Erfolg des „Big Bang“-Programms wird darüber bestimmen, ob wir bis 2030 oder sogar 2035 Daten empfangen können. Ohne neue Energiesparmaßnahmen wird die Leistung der RTGs bald unter das Niveau fallen, das für den Betrieb der kritischen Kommunikationssysteme erforderlich ist.
Sobald der Strom nicht mehr für die Lagekontrolle ausreicht, wird Voyager 1 langsam von der Erde wegdriften. Die Antenne wird den Kontakt verlieren. In etwa 40.000 Jahren wird die Sonde den Stern Gliese 445 passieren. Mit einer Geschwindigkeit von rund 17 km/s relativ zur Sonne wird sie ihre Reise durch die Milchstraße fortsetzen.
Wie lange hält Voyager 1 noch durch?
Ein abruptes Ende ist unwahrscheinlich. Der Kontakt wird schrittweise schlechter.
Die entscheidenden Faktoren:
- kontinuierlicher Energieverlust
- steigender Aufwand für Kommunikation
- notwendige Abschaltungen
Das wahrscheinlichste Szenario:
Voyager 1 sendet noch einige Jahre Daten – dann verstummt sie.
Nicht wegen eines Defekts, sondern weil die Energie nicht mehr reicht.
Wo befindet sich Voyager 1 gerade?
Mit jeder Sekunde entfernt sich die Voyager 1 etwa 17 km weiter von der Erde. Im April 2026 waren es etwa 25,4 Milliarden km. Wer es genau wissen will, die Nasa hat dafür extra eine Seite eingerichtet, auf der die Entfernung stets mitgezählt wird. Dort finden Sie außerdem die aktuellen Daten von Voyager 2.
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