Packesel im Orbit: Europa testet den Space Rider
Europa entwickelt derzeit ein Raumschiff namens Space Rider. Dabei handelt es sich um einen kleinen Gleiter, der zwar keine Menschen an Bord haben, aber wiederverwendbar sein soll.
Falltest eines Space-Rider-Modells. Mit dem Raumgleiter will die ESA Fracht im Orbit transportieren.
Foto: Thales Alenia Space
In der zivilen Raumfahrt gibt es derzeit nur ein einziges Transportmittel, das Nutzlasten ins All und wieder zurück auf die Erde bringen kann: Die Dragon-Kapseln der US-Raumfahrtfirma SpaceX haben mit diesen Fähigkeiten derzeit ein Monopol. Aber Europa ist den Amerikanern auf den Fersen.
Europas künftige Raumfähre erreicht nicht annähernd die Ausmaße der früheren Spaceshuttles – sie ist viel kleiner. Aber so wie die US-Shuttle-Flotte verfügt sie über eine Ladebucht für Experimente.
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„Der Space Rider wird eine Plattform in einer Erdumlaufbahn von 400 km Höhe“, sagt Angelo Denaro, Chefingenieur bei der italienischen Raumfahrtfirma Thales Alenia Space, die den Space Rider im Auftrag der europäischen Weltraumagentur ESA entwickelt hat und derzeit testet. Diese Plattform werde es Universitäten, Forschungsinstituten und Raumfahrtagenturen ermöglichen, Experimente in der Schwerelosigkeit durchzuführen. “Dabei kann es sich um biologische Versuche handeln oder um die Beobachtung der Erde und des Weltraums“, so Denaro weiter.
Europas Raumgleiter ist nur 8 m lang. Seine Ladebucht bietet etwas mehr als 1 m3 Platz für Versuche. Im Gegensatz zu den vier Raumfähren der US-Raumfahrtbehörde Nasa, die gleichzeitig im Einsatz waren, wird es nur jeweils einen einzigen Space Rider geben, der aber wiederverwendbar ist. Er soll mindestens sechsmal starten. Danach übernimmt ein anderes Modell der Baureihe.
Falltests per Hubschrauber
Die bescheidenen Maße des Space Rider machen sogenannte Drop Tests einfacher, Falltests, bei denen die Flugeigenschaften getestet werden. In den kommenden Wochen wird die ESA auf dem italienischen Truppenübungsplatz Salto di Quirra im Osten der Mittelmeerinsel Sardinien mit einem Modell der künftigen Raumfähre in Originalgröße Landungen durchspielen. Gebaut hat es das rumänische Institut für Luft- und Raumfahrtforschung (INCAS), das es Ende vorigen Jahres an das Italian Aerospace Research Centre (Cira) in Capua übergeben hat. Das 1:1-Modell sieht so aus wie der fertige Space Rider – schwarz und weiß -, wiegt so viel wie die endgültige Ausführung und hat identische Flugeigenschaften.
Dieses von Rumänien zugelieferte Descent and Landing Test Module (DLRM) haben Ingenieure in Italien in den vergangenen Monaten mit Flugsoftware ausgerüstet und mit Hardware für die Landung, allen voran mit dem Bremsfallschirm und dem Fahrwerk. Dieses muss jedoch mit einem Rad am Bug auskommen. Hinten wird der Space Rider nach dem Aufsetzen auf festem Boden auf zwei Kufen „ausrollen“.
Ob das alles so funktioniert, sollen die beiden Abwurftests in diesem Frühjahr zeigen. Dazu wird das Modell an einem Seil unter einem Transporthelikopter mit Tandemrotoren von Boeing befestigt. Ein Hubschrauber der Marke CH-47 Chinook ist stark genug, um den rund 3 t schweren Gleiter 3 km in die Höhe zu tragen und dann fallen zu lassen. Sobald sich das Versuchsvehikel vom Seil gelöst hat, soll der Bremsfallschirm ausfahren, der – gepaart mit den aerodynamischen Flugeigenschaften des Gleiters – dafür sorgt, dass er fast vertikal aufsetzt und noch ein paar Meter über den Boden rutscht.
Bis zu zwei Monate im All
Sollten die Drop Tests die gewünschten Ergebnisse liefern, könnte für Europas Raumfahrt spätestens ab 2028 ein neues Zeitalter beginnen: Seit der Idee des europäischen Raumgleiters Hermes in den 1990er-Jahren diskutiert Europas Raumfahrtindustrie die Wiederverwendbarkeit, hat aber nie etwas Entsprechendes auf die Beine gestellt. Der Space Rider könnte das ändern.
Dabei wird die Länge jedes Einsatzes bestimmt von den Nutzlasten, die er an Bord trägt. Eine Mission könnte Tage, Wochen oder maximal zwei Monate dauern. Dafür ist das Raumschiff mit Sonnensegeln ausgerüstet, die es mit Energie versorgen. Es ist also nicht auf Bordbatterien angewiesen.
Derzeit laufen die Vorbereitungen für den Jungfernflug des Space Rider. Die Ladebucht füllt sich zusehends: Rund 100 Anträge für Nutzlasten und Experimente sind bei der europäischen Weltraumagentur ESA bereits eingegangen. 80 % der Versuchsvorschläge kommen von Firmen, kleinen und mittleren Unternehmen sowie von Start-ups. Nur 20 % stammen von Instituten. Bislang haben die Unternehmen vor allem Interesse an Tests in den Gebieten Physiologie, Medizin, Erdbeobachtung und Pharmazie. Beim Jungfernflug sollen zunächst 18 Versuche zu einem vergünstigten Einsteigerpreis mitfliegen.
Landung in Italien?
Ins All gelangen werden all diese Versuche von Europas Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guyana aus. Von dort soll eine europäische Trägerrakete vom Typ Vega C das Raumschiff als Nutzlast in den Orbit hieven. Zum europäischen Weltraumbahnhof in Südamerika wird der Space Rider auch zurückkehren. Bei künftigen Missionen soll er auch auf Santa Maria landen, einer Azoren-Insel im Atlantischen Ozean, ungefähr 1000 km westlich der iberischen Halbinsel. Denn wo viel Wasser ist, besteht wenig Gefahr für die Anwohner.
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Und weil dieses Projekt vor allem von Italien vorangetrieben wurde, möchte dieses ESA-Mitgliedsland, dass der Space Rider auch mal in Italien landet. Zwar ist Italien dicht besiedelt. Aber ein Landeort irgendwo an der Westküste scheint möglich. Dafür kämen verschiedene Gegenden infrage, von Süden bis hinauf in den Norden. Denn der Space Rider würde Italien von Westen her über das Mittelmeer anfliegen. Sollten diese Flughäfen in Italien alle Sicherheitsanforderungen erfüllen, wäre dies das erste Mal, dass in Europa ein Raumschiff landet.
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