Nach Zwischenfall im All 08.06.2026, 12:00 Uhr

Die ISS altert sichtbar: Neues Leck wirft Fragen zur Zukunft auf

Ein neues Luftleck auf der ISS sorgt für Unruhe. Muss die alternde Raumstation früher aufgegeben werden? So soll ihr Ende eigentlich ablaufen.

Raumstation ISS

Die ISS kämpft mit Materialermüdung und Luftlecks. Hält die Raumstation noch bis zum geplanten Absturz 2030 durch?

Foto: picture alliance / dpa | NASA

Eigentlich soll die Internationale Raumstation ISS noch bis 2030 betrieben werden. Doch ein neuer Zwischenfall zeigt erneut, wie sehr das größte Außenpostenprojekt der Menschheit inzwischen in die Jahre gekommen ist. Wegen eines Luftlecks im russischen Segment mussten sich Teile der Besatzung zeitweise in ihre Rückkehrkapsel zurückziehen. Die Reparatur gelang offenbar zunächst, doch die Sorge bleibt: Wie lange kann die inzwischen mehr als 25 Jahre alte Raumstation noch sicher betrieben werden?

Dabei geht es längst nicht mehr nur um ein einzelnes technisches Problem. Seit Jahren häufen sich kleinere Defekte, Materialermüdungen und Undichtigkeiten. Die Weltraumagenturen arbeiten bereits an einem kontrollierten Ende der ISS. Nun stellt sich die Frage, ob die alternde Station ihren geplanten Abschied im Jahr 2030 überhaupt noch erreicht.

Luftleck sorgt für Alarm auf der ISS

Der jüngste Zwischenfall spielte sich im russischen Swesda-Modul ab. Dort befindet sich ein Verbindungstunnel, der intern als „PrK“ bezeichnet wird. Genau in diesem Bereich kämpfen die Ingenieurinnen und Ingenieure seit Jahren mit Rissen und kleineren Undichtigkeiten.

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Nachdem Messungen auf einen zunehmenden Luftverlust hingedeutet hatten, ordnete die US-Raumfahrtbehörde Nasa vorsorglich an, dass sich die vier Mitglieder der SpaceX-Crew 12 sowie der US-Astronaut Chris Williams in das angedockte Dragon-Raumschiff begeben sollten. Im Ernstfall hätte die Besatzung die Raumstation sofort verlassen können.

Wenig später entspannte sich die Lage wieder. Die russische Raumfahrtagentur Roskosmos erklärte, der Kabinendruck sei stabil geblieben. Zwei mögliche Leckstellen seien lokalisiert worden. Eine davon konnte unmittelbar mit einer speziellen Dichtungsmasse verschlossen werden, für die zweite liefen weitere Arbeiten.

Für die Astronautinnen und Astronauten bedeutete dies Entwarnung. Sie kehrten auf die Station zurück. Dennoch macht der Vorfall deutlich, wie aufmerksam die Systeme inzwischen überwacht werden müssen.

Ein Problem, das die ISS seit Jahren begleitet

Ganz neu sind solche Lecks nicht. Bereits 2020 mussten mehrere undichte Stellen im russischen Segment aufgespürt werden. Damals griff die Crew sogar zu einem ungewöhnlichen Hilfsmittel: Ein schwebender Teebeutel half dabei, die Luftströmung sichtbar zu machen und das Loch zu lokalisieren.

Auch in den Jahren 2022 und 2023 wurden weitere Risse entdeckt. Der ehemalige Nasa-Wissenschaftsdirektor Thomas Zurbuchen vergleicht die Situation mit einem alten Auto: Verschleiß sei nach über zwei Jahrzehnten im All nicht überraschend. Problematisch sei vielmehr, dass einige Schäden trotz Reparaturen erneut aufträten.

Das ist aus technischer Sicht nachvollziehbar. Die ISS befindet sich permanent in einer extremen Umgebung. Rund alle 90 Minuten umrundet sie die Erde und wechselt dabei zwischen intensiver Sonneneinstrahlung und der Kälte des Erdschattens. Die Außenhülle wird dabei ständig thermischen Spannungen ausgesetzt. Hinzu kommen Vibrationen durch Andockmanöver und Bahnkorrekturen sowie der permanente Beschuss durch Mikrometeoriten und kleinste Weltraumpartikel. Die Folge sind Materialermüdung und Mikrorisse, die sich im Laufe der Jahre vergrößern können.

Wie gefährlich ist ein Luftleck wirklich?

Nach Angaben von Roskosmos bestand für die aktuelle Besatzung zu keinem Zeitpunkt akute Gefahr. Auch Nasa und ESA überwachen den Zustand der Station permanent.

Dennoch sind Lecks grundsätzlich ernst zu nehmen. In einer Raumstation herrscht im Inneren Überdruck, während außerhalb nahezu vollständiges Vakuum existiert. Selbst kleine Öffnungen führen deshalb kontinuierlich zum Verlust von Atemluft.

Im günstigsten Fall lässt sich eine Undichtigkeit schnell abdichten. Schwieriger wird es, wenn sich Risse ausbreiten oder mehrere Leckstellen gleichzeitig auftreten. Dann könnte der Druckverlust irgendwann so groß werden, dass ein längerer Aufenthalt unmöglich wird.

Für solche Fälle verfügt die ISS allerdings über ein bewährtes Sicherheitskonzept. An der Station sind stets genügend Rückkehrkapseln angedockt, um die gesamte Besatzung zur Erde zurückzubringen. Aktuell übernehmen diese Aufgabe unter anderem die Dragon-Raumschiffe von SpaceX sowie russische Sojus-Kapseln.

Gerade deshalb wurde die Crew beim jüngsten Zwischenfall vorsorglich angewiesen, sich in das Dragon-Raumschiff zu begeben. Es handelte sich weniger um eine Evakuierung als um eine Sicherheitsmaßnahme für den Fall einer plötzlichen Verschlechterung.

Kommt das Ende der ISS nun früher?

Offiziell gibt es derzeit keine Hinweise darauf, dass die internationalen Partner den Betrieb vorzeitig einstellen wollen. Die USA, Europa, Kanada und Japan haben ihre Finanzierung bis 2030 zugesagt. Russland plant derzeit ebenfalls, seine Beteiligung mindestens bis zum Ende der Dekade fortzusetzen.

Gleichzeitig zeigt der aktuelle Vorfall, warum die Diskussion über die Zukunft der ISS immer intensiver wird. Die Station ist mittlerweile das älteste dauerhaft bemannte Bauwerk im All. Viele ihrer Module stammen noch aus den späten 1990er-Jahren.

Manche Expertinnen und Experten halten deshalb eine Verlängerung über 2030 hinaus für zunehmend unwahrscheinlich. Denn jeder zusätzliche Betriebsmonat erhöht den Wartungsaufwand und die technischen Risiken.

Parallel arbeiten Nasa und Industrie bereits an Nachfolgeprojekten. Mehrere private Raumstationen befinden sich in Entwicklung. Sie sollen in den kommenden Jahren schrittweise die Aufgaben der ISS übernehmen.

So soll der Absturz der ISS ablaufen

Mehrfach war die Internationale Raumstation ISS totgesagt – und nicht erst seit Beginn des Ukrainekriegs. Die Station ist in die Jahre gekommen, ihr Unterhalt verschlingt Milliarden. Russische und US-amerikanische Teams teilen sich nicht mehr so gerne Labors und Suppe. Doch im Weltraum sind die Beteiligten auf die Station und aufeinander angewiesen. So umkreist die ISS noch immer die Erde; seit mittlerweile mehr als einem Vierteljahrhundert sind ständig Crews an Bord.

Nun aber scheint das Ende tatsächlich näher zu rücken. Die Weltraumagenturen Nasa (USA), Jaxa (Japan), CSA (Kanada) und ESA (Europa) haben die Finanzierung bis 2030 zugesagt. Parallel läuft bereits die Entwicklung des sogenannten US Deorbit Vehicle (USDV), das von SpaceX gebaut wird und die Raumstation am Ende ihrer Lebensdauer kontrolliert aus dem Orbit entfernen soll.

Die ISS ist das mit Abstand ehrgeizigste Weltraumprojekt der Menschheitsgeschichte. Inklusive aller Strukturen, der Crew und der Bordgitarre wiegt sie rund 450 t. Sie ist 109 m lang und 73 m breit. Nie zuvor ist ein derart großes Objekt kontrolliert zum Absturz gebracht worden. „Das wird das komplexeste Absturzmanöver der Geschichte“, sagte der ISS-Experte Volker Schmid vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR).

Wird die ISS vollständig verglühen?

Nein. Dafür ist die Struktur schlicht zu groß. Nach den aktuellen Planungen soll die Station in einen abgelegenen Bereich des Pazifiks gelenkt werden. Diese Region gilt seit Jahrzehnten als Friedhofszone für ausgediente Raumfahrzeuge. Bereits 2001 wurde dort die russische Raumstation MIR kontrolliert versenkt.

Wie läuft das Manöver ab?

Details zur Technik des SpaceX-Fahrzeugs wurden bislang nur teilweise veröffentlicht. Das Vehikel wird an der ISS andocken und während des gesamten Manövers fest mit der Station verbunden bleiben.

Heute bewegt sich die ISS mit etwa 27.600 km/h auf einer Bahnhöhe von rund 420 km um die Erde. Durch gezielte Bremsmanöver wird daraus eine elliptische Umlaufbahn erzeugt, deren tiefster Punkt weit in die Atmosphäre hineinragt. Dort beginnt die Atmosphäre, die riesige Struktur abzubremsen.

Unterhalb von etwa 100 km Höhe werden die ersten Effekte spürbar. Zwischen 60 und 80 km wirken die größten aerodynamischen Kräfte. Solarpaneele und Tragstrukturen reißen ab, anschließend zerfällt die Station Stück für Stück.

Was schließlich den Pazifik erreicht, ähnelt der heutigen ISS kaum noch. Statt einer Raumstation wird ein Feld aus Metallfragmenten auf die Wasseroberfläche treffen.

Lesen Sie dazu auch: Point Nemo: Hier soll auch die ISS enden

Unterstützt Russland das De-Orbiting?

Nach den bisherigen Planungen lautet die Antwort: ja. Mindestens ein russisches Progress-Raumschiff soll die Manöver unterstützen. Trotz aller politischen Spannungen gilt die Zusammenarbeit beim Ende der ISS als wahrscheinlich.

Frank De Winne, ehemaliger Astronaut und Leiter des Europäischen Astronautenzentrums, zeigte sich diesbezüglich optimistisch. Er gehe davon aus, dass Russland sich an den De-Orbit-Manövern beteiligen werde.

Was kommt nach der ISS?

Die Nasa verfolgt eine sogenannte „No-Gap-Strategie“. Es soll möglichst keinen Zeitpunkt geben, an dem keine westliche Raumstation mehr im Erdorbit verfügbar ist.

Dafür setzt die Behörde zunehmend auf kommerzielle Anbieter. Unternehmen wie Axiom Space, Vast oder Blue Origin entwickeln bereits eigene Stationen oder Module, die langfristig wissenschaftliche Experimente und private Missionen ermöglichen sollen.

Parallel betreibt China bereits erfolgreich seine Raumstation Tiangong. Auch Russland denkt über eigene Konzepte nach.

Bis diese Nachfolger einsatzbereit sind, bleibt die ISS jedoch unverzichtbar. Gerade deshalb sorgt jedes neue Luftleck für Aufmerksamkeit. Der aktuelle Zwischenfall zeigt, dass die alternde Station zwar weiterhin funktioniert – ihre letzten Jahre dürften die anspruchsvollsten ihrer gesamten Geschichte werden.

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

  • Iestyn Hartbrich

    Iestyn Hartbrich ist Ingenieur und Journalist mit den Schwerpunkten Werkstoffe, Stahlindustrie, Raumfahrt und Luftfahrt.

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