Strom zu teuer, Chemie in der Krise: Rekordverlust bei Wacker
Der deutsche Chemiespezialist Wacker meldet 800 Mio. € Miese: schlechte Geschäfte, teures Sparprogramm, hohe Wertberichtigungen. Hohe Energiepreise tun ihr Übriges.
Wacker Chemie in der Krise: Hohe Energiekosten und Sonderabschreibungen belasten das Ergebnis massiv.
Foto: picture alliance/dpa | Matthias Balk
Der deutsche Chemiespezialist Wacker Chemie AG rutschte 2025 mit einem Rekordverlust von minus 800 Mio. € tief in die roten Zahlen. Wenn dieses Jahresergebnis „im Rahmen der Erwartungen“ ist, wie das Unternehmen am heutigen Mittwoch (28. 1. 2026) mitteilte, dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen. So gibt es aus den letzten Jahren strukturelle Gründe: Schwache Nachfrage, ungünstige Wechselkurse, sinkende Verkaufspreise setzten dem Konzern ebenso zu wie Sonderabschreibungen auf Beteiligung und Rückstellung für das laufende Kostensenkungsprogramm.
Allgegenwärtige Begleitmusik aber sind die hohen Energiepreise. Die deutsche Chemieindustrie generell leidet am Standort Deutschland nachweislich seit Langem darunter. Wacker-CEO Christian Hartel sagte zum aktuellen Jahresabschluss: „Damit die Chemiebranche am Standort Deutschland weiterhin eine Zukunft hat, muss aber auch die Politik handeln und die richtigen Rahmenbedingungen schaffen. Wir brauchen vor allem international wettbewerbsfähige Energiepreise und einen konsequenten Bürokratieabbau.“
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Wo Wacker heute steht
Am bekanntesten dürfte Wacker durch seine Tätigkeit im Bereich Halbleiter-Silizium sein – eine rare Ausnahme in Europa. „In unseren Chemiebereichen fokussieren wir uns auf Spezialitäten, im Polysilicon-Geschäft auf den Halbleitermarkt und in unserer Life-Science-Sparte Biosolutions auf innovative Biotech-Anwendungen“, so Hartel. Polysilizium und Life-Science sind aber nur exemplarisch. Viele Produkte der Sparte Polymers sind außerhalb der Zielmärkte eher unbekannt. Lackharze für Tintenstrahl-Druckfarben gehören ebenso zum Wacker-Portfolio wie Zuschläge zu Dichtschlämmen, um Risse im Untergrund sicher zu überbrücken.
Finanziell lief es 2025 gar nicht gut. Hier die vorläufigen Zahlen laut Konzernbericht:
- Umsatz: 5,49 Mrd. €, 2024 waren es 5,72 Mrd. € (-4%).
- Ebitda: 430 Mio. €, 2024 noch 744 Mio. €, ein Minus von 42 %. Vor Sonderaufwendungen lautet für 2025 das Ebitda 530 Mio. €.
- Ebit: -180 Mio. € (2024: 271 Mio. €). Die Abschreibungen betrugen rund 605 Mio. €, 2024 waren es noch 473 Mio. €.
- Jahresergebnis: -800 Mio. €, im Vorjahr fuhr man noch mit 261 Mio. € einen Gewinn ein. Das Ganze nach Wertberichtigungen in Höhe von rund 600 Mio. €.
Als Reaktion auf die allgemeine Geschäftsentwicklung hat Wacker nach eigenen Angaben daher ein Projekt gestartet, um die Kosten im Produktionsumfeld und in der Verwaltung um jährlich über 300 Mio. € zu senken. Weltweit sollen mehr als 1500 Stellen entfallen– vor allem in Deutschland.
Gelitten haben darunter auch die Investitionen. Sie gingen um rund 30 % von 666 Mio. € (2024) auf nur noch 465 Mio. € im letzten Jahr zurück.
Warum Wacker heute in einer Schieflage ist
Die Wacker AG muss eine ganze Handvoll von Einflüssen bewältigen:
- schwache Nachfrage: Sie führt laut Mitteilung zu „geringerer Auslastung in allen Geschäftsbereichen“.
- Hinzu kommen niedrige Preise und ungünstige Wechselkurse, die Umsatz und Ergebnis belasten
- Sonderabschreibungen: Besonders gravierend waren Sonderabschreibungen auf die Beteiligung am Halbleiterwafer-Hersteller Siltronic (310 Mio. €) sowie auf den 2023 übernommenen Auftragsfertiger ADL Biopharma (90 Mio. €). 195 Mio. € betreffen aktive latente Steuern in Deutschland, deren Werthaltigkeit nicht mehr gegeben ist.
- Rückstellung für das laufende Kostensenkungsprogramm Pace: Hierfür schrieb Wacker rund 100 Mio. € im 4. Quartal in die Bücher.
Und dann sind da noch die Energiekosten „die im internationalen Vergleich weiterhin nicht wettbewerbsfähig sind“. Sie hätten sich „zusätzlich negativ ausgewirkt“, schreibt das Unternehmen. Eine Dauerbelastung mit Ansage. Bereits vor zwei Jahren sagte CEO Hartel dem Münchner Merkur: „Für unsere Wettbewerbsfähigkeit ist das eine große Bürde. Wir verbrauchen 0,8 % des deutschen Stroms und 0,5 % des Gases und gehören damit zu den zehn größten Stromeinkäufern des Landes.“
Wie sich hohe Energiepreise auf Chemieunternehmen auswirken
Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) mahnt schon seit Langem an, sich mit den zu hohen Energiepreisen für die Branche am Standort Deutschland zu beschäftigen. Angesichts der Debatte um den Industriestrompreis kommentierte Ende November letzten Jahres VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup: „Ziel der deutschen Wirtschaftspolitik kann aktuell nur sein: Entlasten, entlasten, entlasten – und zwar sofort! Der Industriestrompreis ist ein nützlicher Baustein, ersetzt aber keine echte Standortoffensive.“ Aktuell sehe der Verband, wie sich die Situation in den Unternehmen jeden Tag weiter zuspitze. Da hatte Wacker gerade im Monat zuvor sein Sparprogramm Pace bekanntgegeben.
Im Endeffekt wirken Energiekosten bei den Unternehmen als struktureller Wettbewerbsnachteil mit massiven finanziellen Auswirkungen: Steigt der Strompreis um 1 Cent/kWh, würden die deutschen Chemieunternehmen mit 460 Mio. € Mehrkosten belastet, hatte André Thess, Professor für Energiespeicherung an der Universität Stuttgart einmal für die Gesellschaft der Deutschen Chemiker vorgerechnet. Jeder Cent Preiserhöhung pro Kilwattstunde schlage bei der Beschaffung von Primärenergieträgern mit 1,54 Mrd. € zu Buche.
Konkrete Rolle der Energiepreise bei der Wacker-Krise
Die hohen Energiekosten in Deutschland spielen daher seit Längerem eine wichtige Rolle bei den Zahlen der Wacker Chemie AG. Bereits im Geschäftsbericht 2024 nennt das Unternehmen explizit „die weiterhin hohen Energiekosten in Deutschland“ als einen der drei Hauptgründe für den Ergebnisrückgang.
Bereits der Risikobericht des Unternehmens aus 2023 warnte: „Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass auch 2024 die Energiepreise erheblich über ihrem langjährigen Durchschnittsniveau liegen“. Sollte es nicht gelingen, die hohen Energiekosten zumindest teilweise über höhere Verkaufspreise weiterzugeben, „so könnte es zu großen Ergebnisauswirkungen kommen“. Genau diese Konstellation trat in den Geschäftsjahren 2024/2025 ein – mit deutlicheren Auswirkungen und 800 Mio. € Miese im vergangenen Jahr.
Ob der von Brüssel jetzt freigegebene Industriestrompreis Wacker wirklich hilft, dürfte auch davon abhängen, wie er ausgestaltet ist. Bedingung ist nämlich, dass die Unternehmen Dekarbonisierungsanstrengungen umsetzen. Da ist vor allem gut dran, wer bisher eher wenig getan hat. Wacker aber hatte bereits 2021 ein ambitioniertes Klimaziel ausgerufen: Bis 2030 sollen die absoluten Treibhausgasemissionen um die Hälfte gegenüber dem Ausgangswert verringert werden, 2045 soll Klimaneutralität erreicht.
Der Konzern mit Sitz in München war danach nicht müßig. Er besorgte grünes Silzium in Norwegen, kauft seit 2022 über den österreichischen Energiekonzern Verbund jede Menge Grünstrom und erhöhte über die Jahre die Wärmerückgewinnungsquote von 62 % auf 70 %. Im März 2021 stellte Wacker mit Linde einen Förderantrag für das Projekt Rhyme Bavaria zur Herstellung von grünem Wasserstoff und erneuerbarem Methanol. Fragt sich also, welche „Schätze“ für Wacker bei diesem Industriestrompreis noch zu heben sind.
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