Fahrrad und E-Bike 03.02.2026, 12:10 Uhr

Gegen den Trend: Urwahn wächst, mit Titanrahmen aus Magdeburg

Während viele Fahrradhersteller kämpfen, wächst Urwahn weiter. Wie Titanrahmen, 3D-Druck und lokale Lieferketten den Unterschied machen.

Fahrradrahmen aus Titan

Einstieg in die Produktion von Fahrrädern aus Titan: Urwahn Bikes kündigt mit seinem Modell Softride Ti64 einen Technologiesprung an. 3D-gedruckte Elemente werden in solchen Gestellen miteinander verschweißt.

Foto: Urwahn

Während andere Hersteller von Fahrrädern und E-Bikes über wirtschaftliche Probleme klagen und teilweise Insolvenz anmelden müssen, sieht es bei Urwahn aus Magdeburg anders aus. Das Unternehmen blickt nach eigenen Angaben entgegen der gegenwärtigen Konsolidierung auf ein „sehr stabiles und aussichtsreiches Geschäftsjahr“ 2025 zurück und hat gerade eine Titan-Variante seines Softride-Rahmens auf den Markt gebracht. Möglich macht das auch eine durchdachte Produktionsstrategie des Gründers und CEOs Sebastian Meinecke.

„Wir haben das letzte Jahr mit Abstand unser bestes Geschäftsjahr hingelegt“, berichtet Meinecke gegenüber VDI nachrichten, ohne konkrete Zahlen zu nennen. Er macht das unter anderem daran fest, dass sein Unternehmen eine Nische in der Nische besetzt und während der Coronapandemie antizyklisch vorgegangen ist. „Schon vor Covid war der E-Bike-Absatz auf einem Peek. Die Pandemie hat dann das Fass zum Überlaufen gebracht“, sagt er.

Fahrrad von der Produktionsseite her konzipiert

Auch Urwahn habe in der Zeit eine hohe Nachfrage erlebt, sich aber zunächst auf die Produktionsseite seines Ökosystems konzentriert. „Wir haben zunächst unsere Prozesse digitalisiert“, verdeutlicht Meinecke. Beispielsweise erfolge die Lagerverwaltung digitalisiert und sei ständig im Fluss. „Material verweilt dort maximal vier bis sechs Wochen“, berichtet er stolz. Er nennt es „Quick Response Manufacturing“. Möglich ist das, weil er sowohl beim Rahmen als auch bei den Anbauteilen auf Lieferanten aus Fernost verzichtet.

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Das Modell Softride Ti64 ist besonders leicht und vom Hersteller auf 50 Stück limitiert.

Foto: Urwahn

Antriebe kommen beispielsweise von Mahle und die Gangschaltung von Pinion. Sogar beim Pulver für den 3D-Druck hochbelasteter Rahmenteile aus Stahl und Titan setzt Urwahl auf einen Anbieter aus Magdeburg, die Firma MVP. Maschinenseitig gibt es eine enge Kooperation mit dem Laserspezialisten Trumpf. Sowohl beim Stahl- als auch beim Titan-Rahmen nutzt Urwahn eine Kombination aus Rohrprofilen, die zusammen mit einem deutschen Automobilzulieferer produziert werden, und selbst gefertigten 3D-Druck-Bauteilen.

Dabei sammeln die Magdeburger schon lange Erfahrungen mit sehr unterschiedlichen Fügeverfahren. Großes Potenzial sieht man in der Klebetechnik, die seit 2016 zusammen mit einem deutschen Konzern weiterentwickelt wird. Nachdem die Teile anfangs verlötet wurden, setzt die Firma aber aktuell auf Schweißprozesse. Das passiert momentan manuell. Aber mit Roboteranbietern würden bereits Versuche gefahren, die Tätigkeit zu automatisieren.

Urwahn setzt auf Prozessoptimierung und eigene IT-Lösung

Generell trimmt der Fahrradhersteller aus Magdeburg seine Produktion kontinuierlich auf Effizienz, um konkurrenzfähig zu hochwertigen Rahmen aus Fernost zu sein. „Wir sind Prozessnerds. Bei uns wird Kaizen-Philosophie sehr stark gelebt. Wir optimieren kontinuierlich unsere Produktionsprozesse und verbessern die Geschäftsabläufe“, hebt Meinecke hervor. Sogar sein ERP-System habe Urwahn auf Basis der Open-Source-Lösung Odoo selbst entwickelt.

Urwahn ist nach eigener Aussage inzwischen auch stark in der IT. Der CEO drückt das so aus: „Wir sind kein Fahrradhersteller, sondern wir sind Technologievorreiter. Unser Ökosystem bringt verschiedene Prozesse zusammen und kombiniert die smart und lean.“ Die IT-Expertise teilt das Unternehmen, so habe Meinecke inzwischen auch kaufmännische Consulting-Mandate bei anderen Unternehmen.

Fahrradbau mit Fokus auf lokale Lieferketten und Partnernetzwerke

Das ist für den Unternehmer ein weiteres Differenzierungsmerkmal gegenüber der Fahrradbranche, in der er viel Ellbogenmentalität erlebt hat. Sein Credo lautet dabei: „Wir müssen nicht allein wertschöpfen, im Gegenteil. Wir haben einen Verbund aufgebaut. Wir können eigentlich nur existieren, weil wir so starke Partner an unserer Seite haben.“

Damit reduziert er auch Abhängigkeiten gegenüber branchenüblichen Lieferketten. „Lass mal Fernost wirklich wegbrechen“, mahnt er. Dann drohten vielen Herstellern Produktionsstillstände.

Titan für den Leichtbau der Fahrradrahmen

Mit dem Titanrahmen begibt sich Urwahn nun in ein neues Segment, das auch schon der Hersteller Möve Bikes aus Mühlhausen erobern wollte – den Leichtbau. Doch die ebenfalls ambitionierten Thüringer mussten im September 2025 Insolvenz anmelden. Trotz ähnlicher Ansätze sieht Meinecke sein Unternehmen aufgrund der optimierten Prozesse und der Erfahrung, insbesondere im 3D-Druck, für die Zukunft gut gerüstet.

Dabei weiß auch der Firmenchef aus Magdeburg, dass sich die additive Fertigung von Stahlbauteilen nicht 1:1 auf Titan übertragen lässt. „Mit dem Werkstoff Titan haben wir andere Möglichkeiten. Der Prozess ist aber auch anspruchsvoller. Beispielsweise sind die Voraussetzungen zum Schweißen anspruchsvoller. Außerdem braucht das Personal eine entsprechende Expertise“, lässt er durchblicken.

Titan statt Carbon: Auch beim Titan-Rahmen von Urwahn Bikes gehören 3D-gedruckte Verbindungselemente zu den zentralen Bauelementen. Dazu kommen Profile, die zusammen mit einem deutschen Automobilzulieferer gefertigt werden.

Foto: Urwahn

Den höheren Materialpreisen gegenüber Stahl stünden Vorteile in der Verarbeitung gegenüber. „Titan ist beim 3D-Druck potenter. Ich kann doppelte Schichtdicken fahren.“ Im Preiswettbewerb mit Rahmen aus Fernost ist Urwahn laut Meinecke konkurrenzfähig, insbesondere durch die höhere Flexibilität durch die Modularität beim Bau von E-Bike-Rahmen.

Fahrradrahmen aus Titan wiegt 1,45 kg

Doch warum wagt sich das Start-up in der allgemein schwierigen Marktsituation an ein neues Material und begibt sich damit in ein höheres Preissegment? Der Geschäftsführer nennt Anwenderbedürfnisse als Grund. „Wir verkaufen unsere Fahrräder zu 75 % direkt und bekommen dadurch wertvolles Feedback“, erklärt er. Immer öfter würden hochwertige Fahrräder und insbesondere E-Bikes mit in die Wohnung genommen. Hier spiele ein geringeres Gewicht eine große Rolle, wenn das Rad über mehrere Stufen durch teilweise enge Flure getragen werde. Bei E-Bikes gilt das umso mehr.

Urwahn nutzt die Titanlegierung Ti64 und erzielt dabei nach eigenen Angaben ein Rahmengewicht von unter 1,45 kg. Damit bewegt sich der Softride-Ti64-Rahmen in einer Klasse, die bislang überwiegend von Carbonkonstruktionen dominiert wurde. Dazu komme der sportive Aspekt. Die bisherigen Modelle der Magdeburger sind besonders für den urbanen Einsatz konzipiert. Doch auch Urwahn spürt den Bedarf an vielseitigen Gravel-Bikes. Das sind alltagstaugliche Fahrräder, mit denen sich auch mal Schotterpisten überwinden lassen. „Wir kriegen gerade ein großes Momentum im Gravel-Bereich“, freut sich der Firmenchef.

Gerade in dem Bereich sieht er Vorzüge von Titan gegenüber Carbon-Rahmen: „Carbon ist sehr steif.“ Der Softride-Rahmen sorge dagegen für höheren Fahrkomfort, ohne die Steifigkeit an Tretlager und Radaufhängung zu vernachlässigen. Darüber hinaus lasse sich Titan einfacher reparieren und recyceln. Weitere materialtypische Vorteile von Titan sind nach Angaben des Herstellers eine hohe Lebensdauer, Korrosionsbeständigkeit und die strukturelle Integrität über lange Nutzungszeiträume.

Ein Beitrag von:

  • Martin Ciupek

    Martin Ciupek ist Ingenieur und Technikjournalist mit den Schwerpunkten Maschinenbau, Robotik und Automatisierungstechnik.

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