Stammzelltherapie 01.07.2011, 12:09 Uhr

Stammzellen regenerieren Gewebe nach Herzinfarkt

Herzinfarktpatienten könnte eine Behandlung mit Stammzellen aus dem Knochenmark helfen. Mehrere Studien, an denen sich auch die Krankenkassen beteiligten, belegen das. Damit die Therapie bald in Kliniken kommen kann, entwickeln Forscher standardisierte Verfahren für die Qualitätssicherung.

Ein buchstäblich beherzter Eingriff an der Universitätsklinik Düsseldorf lieferte vor zehn Jahren viel Stoff für hitzige Debatten. Weltweit erstmals hatte man einen Herzinfarktpatient mit körpereigenen Stammzellen behandelt. Die Zellen wurden dem damals 46-Jährigen aus dem Knochenmark seines Beckens entnommen und ins vom Absterben bedrohte Herzgewebe gespritzt.

Womit der verantwortliche Kardiologe Bodo Eckehard Strauer gerechnet hatte, die Regeneration des geschädigten Herzmuskels, erschien der Fachwelt wie ein kleines Wunder. Von vielen Kollegen wurde die Methode als „German dream“ abgetan. Inzwischen ist die Vision auf dem Weg in die Klinik.

„Stammzellen können den Organismus dazu anregen, sich selbst zu regenerieren. Herkömmliche Medikamente sind dazu meist nicht in der Lage, sie lindern lediglich die Symptome“, sagte Gustav Steinhoff, Direktor am Referenz- und Translationszentrum für kardiale Stammzelltherapie (RTC) der Universität Rostock, den VDI nachrichten.

Stammzelltherapie bewirkt 10 % bessere Herzfunktion

Der Herzspezialist hatte fast zeitgleich mit Strauer ein Verfahren zur Stammzelltherapie für Infarktpatienten entwickelt. Damit wurden in Rostock seither über 140 Patienten im Rahmen einer klinischen Studie behandelt. Regelmäßig hatte man alle Studienteilnehmer zur Nachsorge eingeladen. Die so gewonnenen Daten wurden mit einer konventionell behandelten Kontrollgruppe verglichen und in einem kardialen Stammzellregister systematisch erfasst.

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Das Ergebnis der Auswertung: „Im Schnitt haben Myokard-Patienten mit einer Stammzelltherapie eine um 10 % bessere Herzfunktion entwickelt als die Kontrollgruppe“, erklärte Steinhoff.

Gestützt wird die Untersuchung durch die sogenannte Repair-Ami-Studie vom Kardiozentrum der Universitätsklinik Frankfurt/Main. Dort wurden 204 Infarktpatienten behandelt. Der einen Hälfte wurden nach dem Infarkt körpereigene Stammzellen aus dem Knochenmark in die lädierte Herzregion injiziert, die andere Hälfte erhielt ein Placebo.

Zwei Jahre lang wurden alle Studienteilnehmer medizinisch überwacht. Dabei zeigte sich, dass in dieser Zeit keiner der mit Stammzellen behandelten Patienten einen erneuten Infarkt erlitten hatte. In der Placebogruppe waren es dagegen sieben. „In der Kombination der harten Endpunkte Tod, erneuter Herzinfarkt und Wiedereinlieferung ins Krankenhaus sind die Ergebnisse hoch signifikant“, so Stefanie Dimmeler, Direktorin des Instituts für kardiovaskuläre Regeneration der Frankfurter Uniklinik.

Krankenkassen genehmigen Stammzelltherapie in speziellen Fällen

Die ermutigenden Ergebnisse überzeugen immer mehr Krankenkassen. In speziellen Fällen erkennen sie die Stammzelltherapie deshalb bereits an – allerdings unter hohen Auflagen. So dürfen nur zertifizierte Kliniken den Eingriff vornehmen. Jeder einzelne Fall werde vom Medizinischen Dienst der Kassen begutachtet, so Steinhoff.

„Die Studie ist wichtig zum einen für die Erteilung der behördliche Genehmigung als standardisierte und qualitätsgesicherte Therapie, zum anderen für die generelle Erstattungsfähigkeit durch die gesetzlichen Krankenkassen“, erläuterte Steinhoff. Die RTC-Forscher arbeiten mit der Klinik und Poliklinik für Herzchirurgie, dem Deutschen Herzzentrum in Berlin und der Medizinischen Hochschule Hannover zusammen.

Nach Abschluss der Studie soll die kardiale Stammzelltherapie so weit standardisiert sein, dass sie europaweit Einsatz finden kann. Ab kommendem Jahr müssen Kliniken, die die Stammzelltherapie anbieten, eine Zulassung von der europäischen Arzneimittelbehörde vorweisen. Das soll auch unseriösen Anbietern das Handwerk legen.

„Wir wissen noch nicht genau, was für den Erfolg der Stammzelltherapie am Herzen verantwortlich ist“

Noch sind viele Fragen offen. „Wir wissen noch nicht genau, was für den Erfolg der Stammzelltherapie am Herzen verantwortlich ist: die Fähigkeit der Stammzellen, neue Gefäße und Herzmuskelzellen zu bilden und so das kranke Gewebe zu regenerieren oder noch unbekannte Vorgänge, die von den Zellen angestoßen werden“, so Steinhoff.

Einer Spur sind die Rostocker Forscher im Tierexperiment und an Zellkulturen nachgegangen. Sie prüften, ob Stammzellen aus Nabelschnurblut in gleichem Umfang geeignet sind. „Stammzellen aus Nabelschnurblut produzieren weniger Schlüsselenzyme, die die Blutgefäßbildung anregen und das Absterben von erkranktem Gewebe aufhalten, als Stammzellen aus Knochenmark oder Fettgewebe“, stellte Steinhoff fest.

Sein Fazit: „Bevor Stammzelltherapien, besonders mit Zellen aus Nabelschnurblut am Menschen angewendet werden, muss die therapeutische Wirkung der Zellen noch gründlich untersucht werden.“

Ein Beitrag von:

  • Silvia von der Weiden

    Silvia von der Weiden hat Astronomie, Physik und Molekularbiologie studiert und danach eine Ausbildung zur Wissenschaftsjournalistin absolviert. Für die VDI-Nachrichten schreibt sie seit vielen Jahren regelmäßig über aktuelle Themen aus Forschung und Technik.

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