Start-up 01.07.2011, 12:09 Uhr

Medtech-Gründer brauchen Ausdauer

Medtech-Gründer agieren auf einem innovativen Markt. Jedes dritte Produkt ist hier jünger als drei Jahre. Neben Innovation bestimmt Regulierung das Geschäft. Behördliche Produktzulassung und zertifiziertes Qualitätsmanagement der Betriebe sind ein Muss. Das treibt den Kapitalbedarf in die Höhe. Dennoch beteiligen sich immer mehr Medtech-Teams an Businessplan-Wettbewerben.

Reglos liegt ein Radfahrer am Wegesrand. Ein Unfall? Ist er beim Sport kollabiert? Auf Ansprache reagiert er nicht. Atmung und Puls sind kaum feststellbar. Oder fühlt sich das in der aufsteigenden Panik nur so an?

Marc Jäger hat ein kleines Gerät entwickelt, das in solchen Fällen sofort Klarheit schafft. „Sensoren messen kurz unterhalb des Kehlkopfs Pulswellen und Atembewegung“, erklärt der Gründer der Neocor GmbH aus dem badischen Gondelsheim. Das münzgroße Gerät stelle zweifelsfrei fest, ob noch Blut Richtung Gehirn fließt und die Person atmet, oder ob Ersthelfer Wiederbelebungsmaßnahmen ergreifen müssen.

Eigentlich gehört das Gerät in jede Verbandsbox. Doch 199 € Kaufpreis wollen nur wenige dafür ausgeben. Vorerst bestellen es vor allem Betriebe und semiprofessionelle Retter. „Wir brauchen höhere Stückzahlen, um einen zweistelligen Preis zu realisieren“, so Jäger, der sich mit seiner am Karlsruher Institut für Technologie entwickelten Idee vor drei Jahren selbstständig gemacht hat.

Medtech-Gründer müssen durchschnittlich 11 Monate auf die Zulassung warten

Seitdem hat er weitere Entwicklungen und die im Medizinproduktegesetz vorgeschriebene Zulassung für sein Produkt vorangetrieben. „Obwohl der Sensor außen auf den Hals gelegt wird, hat es sechs Monate gedauert, bis wir die Genehmigung zur Tierstudie hatten. Erst danach durften wir den klinischen Test mit 60 Probanden durchführen“, berichtet er. Allein die vorgeschriebene Probandenversicherung und Genehmigung zur Studie bei der zuständigen Bundesoberbehörde hätten über 20 000 € gekostet. Insgesamt dauerte das Zulassungsverfahren ein Jahr.

Neben den üblichen Entwicklungskosten müssen Medtech-Gründer Budgets für Zulassung, Patentierung und die in der Branche obligatorische Qualitätszertifizierung nach den Normen DIN EN ISO 13485 und DIN EN ISO 9001 einplanen. Zwar geht die Zulassung hierzulande mit durchschnittlich elf Monaten weit schneller als in den USA, wo es im Mittel 54 Monate dauert. Doch wenn sich Gründer der Branche mit „normalen“ Technologiegründern vergleichen, kommt zuweilen Neid auf.

Neben der Regulierung ist auch der Marktzugang schwieriger als anderswo. Die eigentlichen Kunden ihrer Produkte – die Patienten – bezahlen und bestellen sie nicht. Der Weg führt über Ärzte und Kliniken, die wiederum von den Krankenkassen bezahlt werden. Für die Gründer eine komplizierte Situation, die volatile gesundheitspolitische Rahmenbedingungen und international uneinheitliche Regelungen weiter erschweren.

Medtech-Gründer reagieren mit Kooperationen auf erschwerten Marktzugang

Viele der Medtech-Start-ups reagieren darauf mit Kooperationen. Auch Jäger oder die Gründer der Berliner Scopis GmbH (s. Porträt unten) arbeiten mit etablierten Medizintechnik-Unternehmen zusammen, lassen bei ihnen Komponenten produzieren und nutzen deren Vertriebsnetze. Jäger hat seine Neocor GmbH so ausgerichtet, dass sie sich auf Entwicklung, Marketing und den Vertrieb an Endkunden konzentriert. Die Produktion erledigt ein etabliertes Unternehmen, das alle dafür benötigten Zertifikate und obendrein ein internationales Vertriebsnetz hat. Auch Scopis dockt mit seiner Navigationstechnik für Endoskope an einen renommierten Endoskophersteller und dessen Vertriebsstrukturen an.

Als schlanke, hoch innovative Unternehmen sind Neocor und Scopis typische Vertreter ihrer Spezies. Auf die Frage, warum sie sich trotz dräuenden Fachkräftemangels der Branche den Aufwand einer Gründung mit allen beschriebenen Schwierigkeiten antun, antworten beide: die Chance, kranken Menschen mit intelligenten Produkten zu helfen, treibt sie an. Dass sie in einen global stark wachsenden Markt starten, nehmen sie dabei gern in Kauf.

Nach Beobachtung von Gary Gelsing, Sprecher des Gründerwettbewerbs Medizinwirtschaft der Startbahn MedEcon Ruhr GmbH, lebt das Gründergeschehen in der Medizintechnik derzeit auf. „Bei den Gründerzahlen und bei der Qualität der eingereichten Geschäftspläne ist ein klarer Aufwärtstrend zu erkennen.“ Nahmen in den ersten fünf Wettbewerben jeweils um die 70 Teams teil, waren es 2010 über 100 und in der ersten Stufe des aktuellen Wettbewerbs über 90 Teams. Letztes Jahr hätten alle eingereichten Pläne den Begutachtungen der Jury standgehalten und ein entsprechendes Zertifikat erhalten. Dieses Jahr seien die Punktzahlen in der ersten Runde abermals gestiegen. „Die Teams gehen ihrer Pläne mit großer Ernsthaftigkeit und Professionalität an“, berichtet Gelsing.

Immer mehr Medtech-Gründer nehmen an Businessplanwettbewerben teil

Mit seiner Lagebeschreibung ist er nicht allein. Auch die Businessplanwettbewerbe München, Berlin, der schwäbische Cyber.One, Start2grow aus Dortmund oder das Netzwerk Nordbayern bestätigen auf Nachfrage die von Gelsing beobachteten Trends. Auch in ihren Wettbewerben nahmen zuletzt immer mehr Medtech-Gründer teil. Und obwohl sie meist nur 10 % bis 15 % aller Teams stellen, mischen sie am Ende oft ganz vorne mit.

Ihre Finanzierungschancen sind vergleichsweise gut: Schon über 12 % der Unternehmen im Portfolio des Hightech-Gründerfonds stammt aus dem Medtech-Bereich. Und bei den privaten Wagnisfinanzierern wächst die Attraktivität der Branche stetig – laut Business Angels Panel halten inzwischen 81 % der informellen Geldgeber die Branche für attraktiv.   

Von Peter Trechow/Stefan Asche Tags:

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