Wissen gegen Klicks: Die Schattenseite digitaler Influencer“
Digitalisierung: Digitale Plattformen sind für viele zur wichtigsten Wissensquelle geworden. Was dort als Information erscheint, folgt jedoch oft eigenen Regeln und Interessen.
Gesa Schölgens, Projektleiterin „Verbraucherschutz im Health-Style-Markt“ (Faktencheck Gesundheitswerbung) Verbraucherzentrale.
Foto: Verbraucherzentrale
In den sozialen Medien wachsen neue Influencer-Gruppen heran, die das Gesundheitswissen digital verbreiten – die sogenannten Medfluencer. Sie unterscheiden sich von klassischen Influencern vor allem durch ihr Themenfeld: „Medfluencer haben die Besonderheit, dass sie Dinge aus dem Gesundheitsbereich anpreisen“, erklärt Gesa Schölgens, Projektleiterin bei der Verbraucherzentrale. „Das kann von Coachings bis hin zu medizinischen Selbstzahlerleistungen wie Schönheitsbehandlungen reichen.“
Medfluencer zwischen Aufklärung und Kommerz
Medfluencer lassen sich grob in zwei Kategorien einteilen: diejenigen, die rein aufklären wollen, und jene, die kommerzielle Interessen verfolgen. „Manche Medfluencer informieren erst mal über Schlafprobleme oder Ernährung, aber wenn man genauer hinschaut, sehen wir: Sie verkaufen auch Produkte wie Schlafmasken oder Melatoninkapseln“, so Schölgens. Das Vertrauen in medizinisches Fachwissen werde oft bewusst genutzt, um Produkte zu vermarkten, die nicht unbedingt wirken: „Das ist sehr problematisch, weil das Vertrauen gegenüber Ärztinnen und Ärzten sehr groß ist und dann missbraucht wird, um ein Geschäft zu machen.“
Besonders riskant wird es, wenn Pseudomediziner oder sogar Menschen ohne medizinische Qualifikation medizinische Produkte bewerben. Schölgens berichtet von Fällen, in denen „Darmkuren für Kinder, Parasitenkuren oder Hypnose gegen ADHS“ angeboten wurden – alles ohne wissenschaftliche Grundlage. Auch die Herkunft und Zusammensetzung solcher Produkte seien oft unklar:
„Man weiß manchmal gar nicht, was da überhaupt drin ist, ob es vielleicht schädlich ist oder falsche Dosierungen enthält“.
Für Verbraucher ist es schwer, Seriosität zu erkennen
Für Verbraucher ist es schwierig, seriöse von unseriösen Angeboten zu unterscheiden. Schölgens rät: „Ich würde von Medfluencer-Kanälen die Finger lassen, wo Sachen verkauft werden. Ich würde mich nur auf Kanäle verlassen, die ein reines Informationsinteresse haben.“ Beispiele für seriöse Aufklärungsarbeit gibt es allerdings: „Es gibt den Stoffwechsel-Doc oder Kinderärzte, die nebenberuflich aufklären – die haben kein kommerzielles Interesse und räumen auf mit Mythen und Irrtümern.“
Die Reichweite der Medfluencer ist enorm. Schölgens schildert drastische Beispiele: „Ein Fitness-Influencer mit über 200.000 Followern leugnet psychische Erkrankungen und bietet Coaching an – das ist extrem gefährlich.“ Gegen solche Fälle vorzugehen, gestaltet sich schwierig, vor allem wenn die Personen im Ausland sitzen: „Wenn so jemand in Dubai sitzt, hast du als Verbraucherzentrale eigentlich keine Chance, ihn abzumahnen oder vor Gericht zu ziehen.“
Trusted-Flagger-Verfahren: Wie gegen problematische Medfluencer vorgegangen wird
Ein neuer Ansatz ist das Trusted-Flagger-Verfahren der Bundesnetzagentur, bei dem rechtliche Verstöße auf Social-Media-Plattformen priorisiert geprüft werden: „Wenn wir als Verbraucherzentrale Inhalte melden, müssen Instagram & Co. das priorisiert behandeln und gegebenenfalls entfernen.“ Dennoch bleibt der Prozess langwierig und aufwendig: „Das Trusted-Flagging kann Wochen dauern, bis ein Fall gelöst ist, aber wenn wir vor Gericht gehen, weil ein Medfluencer nicht auf eine Abmahnung reagiert – zum Beispiel keine Unterlassungserklärung unterschreibt–, kann es sich wirklich Jahre hinziehen.“
Trotz der Risiken erkennt Schölgens die Vorteile seriöser Aufklärung: „Es gibt auch Kanäle, die von echten Ärztinnen und Ärzten gemacht werden, die dem Pseudomedizin-Bereich etwas entgegensetzen wollen. Das ist fast schon wie ein Ehrenamt.“ Das Bedürfnis nach verlässlicher Information ist groß, gerade in Zeiten, in denen Termine bei Fachärzten schwer zu bekommen sind: „Das ist auch eine Lücke, in die manche Medfluencer stoßen.“
Die Zunahme von Medfluencern ist eine direkte Folge der Digitalisierung: „Vor 20 Jahren gab es das noch nicht in diesem Maße. Auf Tiktok, Youtube, Instagram ist das explodiert – seit Projektstart im August 2023 haben wir über 3000 Beschwerden erhalten.“ Schölgens warnt: „Die Algorithmen der Plattformen wissen genau, was die Interessen der Nutzer sind, und verstärken diese Inhalte. Man kann direkt auf den Link klicken und kaufen – Hemmschwellen fallen komplett weg.“
Medfluencer und Finfluencer
Die Herausforderung bleibt: Wie können Verbraucher verlässliche von kommerziellen Angeboten unterscheiden? Gesa Schölgens: „Das Problembewusstsein ist da, aber es fehlen Kapazitäten. Gegen Medfluencer ohne ärztliche Zulassung vorzugehen, ist kompliziert – aber wir setzen uns dafür ein, dass Handlungsempfehlungen an Politik und zuständige Stellen herangetragen werden.
“Was sich im Gesundheitsbereich beobachten lässt, zeigt sich auffallend ähnlich auch auf einem anderen Feld: bei Geld, Altersvorsorge und Vermögensaufbau. In beiden Fällen treffen komplexe, erklärungsbedürftige Themen auf digitale Plattformen, die einfache Lösungen, schnelle Erfolge und persönliche Nähe versprechen. Wo ärztliche Termine fehlen oder überfordern, springen Medfluencer ein – wo Finanzberatung teuer, unverständlich oder schwer zugänglich ist, übernehmen Finfluencer und Trading-Apps. Das Muster ist dasselbe: Informationslücken werden nicht systematisch geschlossen, sondern von Akteuren besetzt, die Aufmerksamkeit, Vertrauen und oft auch Kaufentscheidungen monetarisieren.
Wie Apps junge Erwachsene zum Sparen motivieren
Es wirkt wie ein Spiel: Ein paar Hundert Euro hier, ein paar dort – alles per App aufs Smartphone. Man empfiehlt, früh für die Rente zu sparen, schon kleine Beträge würden über die Jahre ein solides Alterseinkommen sichern. Viele junge Erwachsene hören auf diesen Rat. Laut der „MetallRente Jugendstudie 2025“ spart über die Hälfte der 17– bis 27-Jährigen für die Altersvorsorge, vor allem in Aktien und Fonds. Digitale Neobroker wie Trade Republic oder Scalable Capital machen das besonders einfach und günstig. Laut dem „Online Brokerage Monitor 2025“ sind sie bei Anlegerinnen und Anlegern unter 50 Jahren besonders beliebt, Trade Republic gilt inzwischen als das wertvollste Start-up Deutschlands.
Finanzwissen fehlt oft: Risiken beim Investieren junger Erwachsener
Dass junge Menschen investieren, ist grundsätzlich positiv, doch oft fehlt ihnen das nötige Finanzwissen. Laut dem OECD-Bericht „Finanzbildung Deutschland“ 2024 steigert ein solides Verständnis die Wahrscheinlichkeit, dass Privatpersonen sinnvoll am Aktienmarkt teilnehmen und so ihre Altersvorsorge stärken – gleichzeitig sinkt das Risiko von Altersarmut.
Wirtschaftspädagogin Carmela Aprea warnt jedoch, viele hätten nicht die Wissensbasis dafür: Nur etwas mehr als die Hälfte der 17- bis 27-Jährigen weiß, dass Einzelaktien riskanter sind als breit gestreute Fonds oder dass hohe Renditen fast immer mit hohem Risiko verbunden sind. Ähnlich dürftig sei das Verständnis der gesetzlichen Rentenversicherung.
Wie Risiken beim Investieren verschleiert werden
Fehlendes Wissen trifft dabei auf Apps, die zum ständigen Handeln verführen. Push-Benachrichtigungen, Gamification-Elemente wie Konfetti-Animationen bei Gewinnen oder verführerische Werbung lassen Risiken schnell in den Hintergrund rücken. Verbraucherzentrale-Experte Volker Schmidtke warnt, dass viele dadurch dauerhaft traden – häufig auf risikoreichere Produkte statt auf ETFs setzen – und dabei nicht nur Geld, sondern auch Zeit verlieren.
Die fehlende Aufklärung und bestehende Bildungslücken machen den Erfolg von Finfluencern oder Medfluencern nachvollziehbar: Junge Menschen suchen Orientierung und finden sie auf Social Media. Doch digitales Wissen ist kein neutraler Raum. Es folgt Aufmerksamkeitslogiken, belohnt Zuspitzung und verschleiert wirtschaftliche Interessen. Häufig handelt es sich um Geschäftsmodelle, bei denen kaum transparent wird, ob Inhalte unabhängig oder bezahlt sind. Bildungssystem und Staat müssten deutlich stärker gegensteuern, um junge Menschen für diese Mechanismen zu sensibilisieren.
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