Anzeige

Kuh-Halsband ersetzt Elektrozaun: Wie ein KI-Start-up Herden überwachen will

15. Mai 2026

Mehrere Kühe auf einer sehr großen Weide in Neuseeland.
Keine Zäune: Ein Start-up will Kuhherden wie hier in Neuseeland über ein smartes Halsband überwachen. Das spart Kosten für Zäune. Deutsche Tierschützer sind skeptisch. Foto: picture alliance / Westend61 | Michael Runkel
Ein Start-up aus Neuseeland macht Kühe mittels eines solarbetriebenen GPS-Halsbands „smart“. Die Technik ermöglicht die „Fernsteuerung“ ganzer Herden.
Anzeige
Anzeige


Die „Smartifizierung“ macht auch vor der Landwirtschaft nicht halt: Ein solarbetriebenes Halsband, ein Netzwerk aus Niederfrequenz-Sendemasten und eine Smartphone-App können mittlerweile ganze Kuhherden überwachen und steuern. Ein neuseeländisches Start-up bietet die Technik dazu an, und die verbreitet sich derzeit rasant auf Kuhhöfen in Neuseeland, Australien und den USA.

Inhaltsverzeichnis

Gerade hat die Firma Halter eine neue Finanzierungsrunde abgeschlossen. Das neuseeländische Start-up erhielt im März 2026 eine Investition von rund 220 Mio. $. Zu den Investoren gehört unter anderem der VC Founders Fund von Peter Thiel. Der Unternehmenswert steigt somit auf 2 Mrd. $. Doch ist diese Technik sicher und vor allem: tiergerecht?

Anzeige
Anzeige

Ein GPS-gestütztes Halsband mit eingebautem Solarpanel informiert den Landwirt nicht nur darüber, wo jede einzelne Kuh ist. Dank Tonsignal und Vibration „erkennt“ die Kuh auch, wie weit sie gehen darf. Nähert sich das Tier einer virtuellen Grenze, gibt das Halsband auf einer Seite einen Richtungston ab. Das bedeutet für sie: Sie soll umdrehen. Tut sie das nicht, gibt das Halsband einen leichten Stromimpuls ab. Dieser habe jedoch nur ein Zehntel der Stromstärke eines typischen Elektrozauns, teilt der Hersteller mit. Jedes Tier muss zunächst auf die Signale trainiert werden. Das sei meistens nach zwei Tagen der Fall.

Virtueller Zaun flexibilisiert die Tierhaltung auf großen Weideflächen

Hinter dem „virtuellen Zaun“ steht das Start-up namens „Halter“. Der englische Name bedeutet „Halfter“, ein gebissloses Kopfstück, das bei Pferden und anderen Tieren zum Führen und Anbinden genutzt wird. Mittlerweile sei bereits die fünfte Generation der Geräte im Einsatz, sagt der 30-jährige Gründer und CEO, Craig Piggott. Seit neun Jahren arbeitet er an einer Lösung zum virtuellen „Geo Fencing“ für Kühe, sagte er in einem Interview mit dem Magazin Techcrunch.

Piggott selbst wuchs auf einem Milchviehbetrieb in Waikato, Neuseeland, auf. Er studierte Ingenieurwesen und arbeitete eine Zeit lang bei Rocket Lab, einem Raumfahrtunternehmen, das 2006 in Neuseeland gegründet wurde. Das sitzt mittlerweile in Los Angeles, doch noch heute betreibt es einen Raketenstartplatz in Neuseeland. Hier habe er wichtige Erfahrungen gesammelt, die ihm bei der Gründung seines Start-ups halfen, sagt Piggott. Er verließ 2016 Rocket Lab und gründete Halter im Alter von 21 Jahren. Sein ehemaliger Chef wurde erstes Vorstandsmitglied der neuen Firma.

Anzeige
Anzeige

Das Halsband macht klassischen Stacheldraht- oder Elektrozaun überflüssig. Wenn es Zeit ist, auf eine neue Weide zu wechseln, vibriert das Halsband, um der Kuh zu signalisieren, dass frisches Futter verfügbar ist. Wildtiere würden nicht mehr durch Zäune gestört, stellt der Hersteller heraus. Ebenso könnten Touristen und Wanderer künftig über Weidevieh in der Umgebung benachrichtigt werden.

Smartes Halsband erkennt auch Krankheit und Fruchtbarkeitszyklus

Der Landwirt muss dank des Halsbands von Halter nicht einmal mehr zur Herde gehen, die Steuerung erfolgt per Smartphone von zu Hause aus. Bei Schwierigkeiten muss er nicht kilometerweit nach verirrten Tieren suchen. Seinen unsichtbaren Zaun zeichnet er in Form einer Linie in der App. Weil Drahtzäune nicht mehr errichtet werden müssen, spart das Kosten durch Material und Arbeitskräfte.

Anzeige
Anzeige

Dafür sind Funkmasten nötig. Sie kommunizieren per LoRaWAN mit den Halsbändern, auch diese sind solarbetrieben. Die Reichweite eines Funkmastes beträgt laut Halter 8 km. Der Lithium-Ionen-Polymer-Akku im Halsband des neuesten Modells („P5“) habe eine Kapazität von 3000 mAh bei 3,7 V, teilte Halter auf Nachfrage mit. Laut Homepage reicht das Tageslicht auf der Weide aus, um die Halsbänder für den täglichen 24-Stunden-Dauerbetrieb permanent nachzuladen.

Zur Intensität des elektrischen Impulses heißt es, das Halsband ermögliche verschiedene Stärken: Die niedrigste liegt unter 0,1 J (Joule). Je nach Jahreszeit erhalten etwa 80 % bis 98 % der Weidekühe Impulse von unter 0,2 J. Ein kleiner Teil der Tiere ist gegenüber dieser Stärke resistent und benötigt stärkere Energieimpulse bis maximal 0,45 J, um sicher fixiert zu werden – je nach Jahreszeit. Die maximale Stärke des Impulses beträgt somit weniger als ein Zehntel der erlaubten maximalen Energie eines Elektrozaunschocks (5,0 J).

Anhand der Bewegungsdaten kann die Software Rückschlüsse auf die Gesundheit des Tieres ziehen. Kranke Kühe können mit der App vom Rest der Herde getrennt werden, ferngesteuert. Das Halsband zeichnet zudem die Körpertemperatur auf, daraus kann der Fruchtbarkeitszyklus der Tiere abgelesen werden.

Rotationsprinzip auf der Weide steigert Effizienz

Der Aufbau des Funkmastes kostet umgerechnet etwa 3800 €. Hinzu kommen Abo-Gebühren von 4,90 € pro Monat und Halsband. Die Preise variieren für unterschiedliche Größen des Betriebs. Das Start-up rechnet vor: Die meisten Rinderbetriebe setzen auf Dauerweide, bei der die Herde die gesamte Weidesaison über Zugang zur selben Weide hat. Laut Studien könnten aber bei einer Weide mit Rotationsprinzip, bei dem Rinder regelmäßig auf verschiedene Weideflächen getrieben werden, 30 % bis 40 % mehr Rinder auf derselben Fläche gehalten werden. Gleichzeitig könnte man so die Kosten für Heu um bis zu 80 % senken.

Das Umtreiben der Rinder verbessert laut Halter die Energiereserven und das Wurzelsystem der Pflanzen. Denn ruhendes Gras bildet stärkere Wurzeln, wächst schneller nach und produziert im Laufe der Saison mehr, zeigten Studien. Das nachwachsende Gras sei demnach hochwertigeres Futter mit einem höheren Protein- und Energiegehalt im Gegensatz zu den Stängeln und kurzen Stoppeln. Dies könne zu einer gleichmäßigeren Gewichtszunahme der Kühe führen, so Halter.

Außerdem sorge die Rotation für eine bessere Verteilung des Dungs als Nährstoffquelle für den Boden. Alles zusammengenommen könne die Produktivität der Weideflächen um 20 % steigen, so Piggott. „In manchen Fällen verdoppeln unsere Kunden ihren Ertrag sogar“, so der Erfinder des smarten Kuh-Halsbandes.

Die smarten Kuh-Halsbänder sind bereits in Neuseeland, Australien und den USA im Einsatz

Nach eigenen Angaben hat Halter bereits 1 Mio. Halsbänder an über 2000 Betriebe in Neuseeland, Australien und den USA verkauft. In den USA begann das Start-up im August 2024 mit dem Vertrieb, dort soll es nun bereits 100.000 km virtueller Zäune angelegt haben. Mittlerweile werde das Halsband von Farmern in 22 US-Bundesstaaten eingesetzt. Gegen Ende des Jahres will Halter nach Großbritannien und Irland expandieren. Auch Südamerika und weitere europäische Länder hat das Unternehmen als mögliche Märkte im Blick.

Die Firma Halter ist aber nicht der einzige Anbieter, der dieses Potenzial erkannt hat. Der Pharmariese Merck stellt bereits ein eigenes virtuelles Zaunsystem für Rinder her, genannt „Vence“, und auch andere Unternehmen drängen auf den Markt. Kürzlich präsentierte außerdem das Start-up Grazemate seine Vision für das Hüten von Rindern mit autonomen Drohnen. Diese sollen Tiere aus der Luft überwachen, Gesundheitsdaten erfassen und Herden zusammentreiben können. Erprobt wird das Drohnenkonzept z. B. in Australien.

Erste europäische Länder wollen virtuelle Zäune zulassen

Ob virtuelle Zäune überhaupt in europäischen Staaten zugelassen werden können, ist noch unklar. Es gibt derzeit noch keine einheitliche EU-Verordnung dazu. Die Entscheidung liegt meist bei den nationalen Tierschutzbehörden. Schweden hat seine Tierschutzverordnung zum 1. Januar 2026 gezielt geändert, um virtuelle Zäune für Rinder und Schafe zuzulassen. In Dänemark hat die Veterinär- und Lebensmittelbehörde seit Ende 2025 die Möglichkeit geschaffen, Ausnahmegenehmigungen für GPS-Halsbänder zu erteilen. Auch ökologische Betriebe können diese nun nutzen.

Der Deutsche Tierschutzbund sieht den Einsatz von virtuellen Zäunen für Weidetiere „äußerst kritisch“. Auf Anfrage teilte der Verein mit Sitz in Bonn mit, eine Konditionierung mittels Schmerzreizen sei aus ethischer und ethologischer Sicht „sehr bedenklich“. Und das nicht einmal wegen des Schmerzes beim elektrischen Impuls. Die Folgen des Schlags seien eher Angst und Panik als ein Lerneffekt. Wegen eines panischen Fluchtverhaltens der Tiere könne es zu Verkehrsunfällen kommen. Der Stromschlag müsse für das Tier „unwillkürlich“ und unberechenbar erscheinen.

Deutsche Tierschützer sehen Einsatz smarter Halsbänder kritisch

„Eine optische Grenze wird von den Tieren deutlich besser wahrgenommen und verstanden“, heißt es aus Bonn. Ein weiteres Problem sieht der Tierschutzbund bei unsichtbaren Zäunen darin, dass sie Wanderer oder andere unbefugte Personen dazu einladen könnten, Weideflächen zu betreten, und womöglich Tiere zu füttern. „Normale, physisch sichtbare Zäune halten Wanderer, Hunde usw. von den Tieren fern“, teilte der Tierschutzbund mit.

Die Tierschützer resümieren: „Die Technik der virtuellen Zäune ist nicht mit dem deutschen Tierschutzgesetz (TierSchG) vereinbar. So ist es nach §3 Nr. 11 TierSchG verboten, ‚ein Gerät zu verwenden, das durch direkte Stromeinwirkung das artgemäße Verhalten eines Tieres, insbesondere seine Bewegung, erheblich einschränkt oder es zur Bewegung zwingt und dem Tier dadurch nicht unerhebliche Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügt‘.“ Es gebe gute und wirksame Alternative: Zäune sowie Hüte- oder Herdenschutzhunde. „Darüber hinaus ersetzen virtuelle Zäune nicht die Verantwortung des Halters, die Tiere mindestens einmal täglich in Augenschein zu nehmen und auf mögliche gesundheitliche Probleme zu überprüfen.“

Dass „smart“ auch in der Landwirtschaft nicht immer sicher ist, zeigt ein Fall von 2024 in der Schweiz, bei dem Cyberkriminelle einen Melkroboter lahmlegten. Das führte zum Tod des Tieres. Ein Hacker hatte den Rechner deaktiviert, der die Daten an den Roboter schickte, um den Bauern zu erpressen. Der hatte deswegen nicht mitbekommen, dass eine seiner Kühe trächtig war. Das Kalb starb im Leib der Kuh, diese musste daraufhin eingeschläfert werden. Nicht auszudenken, was passieren kann, wenn Unbefugte die Steuerung der „ferngesteuerten“ Kühe in die Finger bekommen sollten und so ganze Viehherden in Bewegung setzen. IT-Sicherheitsrisiken wären bei vernetzten Agrarsystemen also grundsätzlich relevant.



Ein Beitrag von:

Anzeige
Anzeige

Top Stellenanzeigen

Junior Projektingenieur Papierverarbeitung (m/w/d)
Fripa Papierfabrik Albert Friedrich KG

03.10.2026
Miltenberg
Teamleiter (m/w/d) Vertrieb und Kalkulation TGA
LIST AG

03.10.2026
Düsseldorf
Ingenieur:in Explosionsschutz als Fachleiter:in
TÜV NORD CERT GmbH

03.10.2026
Essen
Bauüberwacher (m/w/d) Straßenverkehrsanlagen
Bundesagentur für Arbeit - Vössing Ingenieurgesellschaft mbH

03.10.2026
Stuttgart
Bauingenieur/-in (m/w/d)
Bundesagentur für Arbeit - Landeshauptstadt Stuttgart

03.10.2026
Stuttgart
Technische/r Projektmitarbeiter/in (m/w/d) – Bauwesen / Projektkoordination
Bundesagentur für Arbeit - Dr. Kerner GmbH & Co. KG

03.10.2026
Stuttgart
Junior Bauüberwacher:in Oberbau / Konstruktiver Ingenieurbau (w/m/d)
DB InfraGO AG

03.10.2026
Köln
Senior Ingenieur:in Leit- und Sicherungstechnik im Großprojekt Rhein-Ruhr-Express (w/m/d)
DB InfraGO AG

03.10.2026
Duisburg
Junior Bauingenieur:in als Bezirksleiter:in Fahrbahn (w/m/d)
DB InfraGO AG

03.10.2026
Aachen, Bonn, Köln, Troisdorf
Projektleiter (m/w/d) Industriebau
MEGGLE GmbH & Co. KG

03.10.2026
Wasserburg
Projektingenieur Elektrotechnik (w/m/d)
Infraserv GmbH & Co. Höchst KG

03.10.2026
Frankfurt am Main
Teamleiter (m/w/d) Vertrieb und Kalkulation TGA
LIST Ingenieure GmbH & Co. KG

04.10.2026
Bielefeld
Senior Projektingenieur (m/w/d) – EMSR-Technik – Projektmanagement
REUTERS INGENIEUR GmbH

04.10.2026
Hofheim
Technische*r Angestellte*r (Techniker*in oder Ingenieur*in) Werkstofftechnik, Physiktechnik, Maschinenbau
Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP)

04.10.2026
Garching
Ingenieurin (m/w/d) / Techniker (m/w/d) der Mess- und Regelungstechnik für Gebäudeautomation
Gebäudemanagement Schleswig-Holstein (GMSH)

04.10.2026
Eutin, Lübeck
Leitung Entwicklung (w/m/d) Mechatronische Systeme / Industrielle Sicherheits- und Automatisierungstechnik
Bernstein AG

04.10.2026
Porta Westfalica
Planungsingenieur (w/m/d) und Projektsteuerung – Verkehrsinfrastruktur und Gleisplanung
Ruhrbahn GmbH

04.10.2026
Essen
Gruppenleiter:in Automatisierungstechnik
TraveNetz GmbH

04.10.2026
Lübeck
Bauleiter (m/w/d) Rohrsanierung / Kanalsanierung
Max Bögl Bauservice GmbH & Co. KG

04.10.2026
München, Neumarkt in der Oberpfalz, Nürnberg, Regensburg
Vertriebsingenieur / Projektingenieur (m/w/d) im Außendienst – Südbayern
DEPRAG SCHULZ GMBH u. CO. KG

04.10.2026
verschiedene Einsatzorte

Weitere Artikel



Firmenprofile

Anzeige
Anzeige