Kiel schafft Windows ab: So läuft der Umstieg auf Open Source in der Verwaltung
Die Kieler Staatskanzlei arbeitet seit dem 19. September mit Linux, E-Mail und Bürosoftware liefen schon vorher ohne Microsoft. Schleswig-Holstein zeigt, was beim Wechsel auf Open Source funktioniert und wo Behörden trotzdem hängen bleiben.
Open-Source-Software steht für mehr digitale Souveränität, viele Unternehmen scheuen jedoch auch vor dem Einsatz zurück.
Foto: Smarterpix/anyaberkut
Die Kieler Staatskanzlei arbeitet seit dieser Woche weitgehend ohne Windows. Mehr als 200 Beschäftigte nutzen dort Linux, nur rund 20 Arbeitsplätze laufen wegen spezieller Fachverfahren vorerst weiter mit Microsoft. Digitalisierungsminister Dirk Schrödter gab die Umstellung am 19. September auf den Kieler Open Source und Linux Tagen bekannt. Es ist der bislang weitreichendste Schritt in Schleswig-Holsteins Abkehr von Microsoft: Im Oktober 2025 hatte das Land bereits mehr als 40.000 Postfächer von Exchange und Outlook auf Open-Xchange und Thunderbird umgezogen, davor die Bürosoftware auf LibreOffice. Der Mailumzug traf auch Justiz und Polizei, wo Gerichtspräsidenten und die Generalstaatsanwaltschaft vor Beeinträchtigungen ihrer Arbeit warnten.
Der Fall zeigt, wie konkret die Frage nach digitaler Eigenständigkeit für Behörden geworden ist und wie anspruchsvoll ein Umstieg im laufenden Betrieb sein kann. Auch Unternehmen beschäftigen sich damit. Stefan Fauser, Vertriebsleiter beim Münchner Internet- und IT-Dienstleister SpaceNet, beobachtet als Anbieter seit rund drei Jahren, dass Firmen aller Größen verstärkt auf Open Source setzen. Open Source ist dabei nicht gleich Open Source.
Inhaltsverzeichnis
Software für alle, aber nicht für jeden
Dirk Riehle, Professor für Informatik an der FAU Erlangen-Nürnberg, unterscheidet zwischen gemeinschaftsgetriebener Community Open Source, die er als klassische Open-Source-Projekte einordnet, und kommerziell motivierten Anwendungen mit Gewinnerzielungsabsicht. Bei den klassischen Projekten geht es grob gesagt darum, dass eine Gemeinschaft an einer Software arbeitet, die Rechte an ihr hält und sie unter einer Open-Source-Lizenz der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt. „Viel an existierender Open-Source-Software wurde von Geeks für Geeks entwickelt und war nicht für Endbenutzer geeignet.“ Sobald eine gemeinschaftsgetriebene Software an Bedeutung gewinnt, werde die Community üblicherweise von einer Foundation ersetzt oder unterstützt. Das sind rechtlich unabhängige Trägerorganisationen. „Damit steigt auch die User-Experience.“
Ein bekanntes Beispiel hierfür ist die Apache Software Foundation. Eine andere Organisationsform ist das Konsortium. Dabei entwickeln Unternehmen einer Branche gemeinsam eine Software, die allen zugutekommt. Hier sei beispielhaft die Open Logistics Foundation genannt. Sie entwickelte unter anderem eine Lösung für einen elektronischen Frachtbrief (eCMR).
Open Source belebt den Markt
Dann gibt es noch die kommerziellen Produkte. Riehle spricht hier von Open-Source-Lösungen. Er unterscheidet grob zwischen zwei Varianten: Unternehmen, die ihre Dienste auf Community-Open-Source-Software satteln und dann ein Modell mit Support und Sicherheitsupdates offerieren. Man spricht hier auch von Commercial Open Source Vendors. Bekannte Anbieter sind Suse und Red Hat, die eine Distribution des Linux-Betriebssystems anbieten. Die zweite Variante sind Unternehmen, die eine proprietäre Software entwickeln und aus strategischen Gründen eine Open-Source-Version anbieten, etwa um das Produkt bei Entwicklern bekannt zu machen oder um Vertrauen zu schaffen.
Nutzungsbedingungen, Lizenztyp und Preis lassen sich frei festlegen. Open Source bedeutet also nicht automatisch, dass man die volle digitale Souveränität behält. Und auch nicht, dass sie immer kostenlos ist.
„Open Source hat den Wettbewerb belebt und in vielen Fällen zu günstigeren Preisen geführt“, meint dazu Dirk Gernhardt, Open-Source-Beauftragter der Stadt München. Er rät jedoch, auf Nachhaltigkeit zu achten. „Wer sich für gemeinschaftlich entwickelte Software entscheidet, sollte prüfen, ob dahinter eine tatsächlich aktive Entwicklergemeinschaft steht.“ Ansonsten bestehe das Risiko, dass die Software veraltet.
Warum München Linux wieder abschaffte
Laut einem Stadtratsantrag von 2020 sollen solche Lösungen priorisiert werden, wenn sie wirtschaftlich und technologisch oder strategisch sinnvoll sind. Es ist die zweite strategische Open-Source-Ausrichtung der Stadt. Zwischen 2006 und 2017 wurden ca. 80 % der 24.000 Arbeitsplätze auf ein Linux-Betriebssystem migriert und laut Gernhardt erfolgreich betrieben. 2017 beschloss München die Rückkehr zu Windows. Die Ablösung von Linux war für 2021 und 2022 geplant. Grundlage war ein Gutachten, das der damalige Oberbürgermeister Dieter Reiter bei Accenture in Auftrag gab. Accenture gilt in der Branche als eng mit Microsoft verbunden.
In der IT-Community wurde damals kontrovers diskutiert, ob der Kurswechsel eher politisch motiviert war oder auf tatsächliche technische Defizite zurückging. Fairerweise muss man dazu sagen, dass der von der Stadt verfolgte Ganz-oder-gar-nicht-Ansatz Accenture Argumente für seine Bewertung lieferte. Heute verfolgt München eine modulare und hybride Open-Source-Strategie, die beide Systemwelten berücksichtigt. Neue Komponenten werden zunächst in Pilotbereichen erprobt und dann schrittweise auf die Gesamtorganisation ausgerollt.
Mit freier Software zu mehr Souveränität
Mittlerweile hat auch der Bund das Thema Open Source auf dem Radar und unterstützt die Entwicklung aktiv. So hat er unter anderem mit dem ZenDiS ein eigenes Service- und Kompetenzzentrum für digitale Souveränität für die öffentliche Verwaltung ins Leben gerufen. „Als ZenDiS haben wir auch den politischen Auftrag, systematisch den Einsatz von Open-Source-Software in der öffentlichen IT zu stärken“, so ZenDiS-Sprecher Lutz Niemeyer. Ein ZenDiS-Angebot ist die openCode-Plattform, über die Behörden föderal übergreifend die freie Software gemeinsam entwickeln, bereitstellen und beziehen können.
Vereinfachte Beschaffung durch EVB-IT
Im Bereich der Vergabe wird es für die öffentliche Hand ebenfalls einfacher, die entsprechenden Lösungen zu beziehen. „Die EVB-IT sind standardisierte Vertragsbedingungen für die Beschaffung von Software, Hardware und IT-Leistungen durch die öffentliche Hand“, so Niemeyer. Diese hätten Open-Source-Lösungen bisher nicht berücksichtigt. „Seit einer am 20. März 2026 veröffentlichten Überarbeitung, die vom Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS), dem Digitalverband Bitkom und dem IT-Planungsrat angeleitet wurde, ist Open-Source-Software jetzt fester Bestandteil von acht EVB-ITs.“
Mit Schnittstellen und Standards gegen Stückwerk
Gernhardt begrüßt die Einführung von ZenDiS. Er merkt jedoch an, dass die Digitalisierung im öffentlichen Dienst nicht ganzheitlich gesehen wird. Stattdessen gebe es unterschiedliche Initiativen und Puzzlestücke. Er hegt große Hoffnungen für das neu gegründete BMDS. „Die bloße Bereitstellung von Software greift zu kurz.“ Dafür sei die Verwaltungslandschaft zu heterogen. Der Bund sollte stattdessen Vorgaben für Schnittstellen und Standards schaffen, die den Datenaustausch und den Betrieb von Fachanwendungen vereinfachen. „Damit würden wir digital tatsächlich sehr viel souveräner werden.“
Schleswig-Holstein macht derweil weiter. Nach der Staatskanzlei sollen die übrigen Ministerien und Landesbehörden auf Linux wechseln, den Support übernehmen der öffentliche IT-Dienstleister Dataport und der Open-Source-Spezialist Gonicus. Als Nächstes stehen die Kollaborationsplattform Nextcloud, ein neuer Verzeichnisdienst und eine quelloffene Telefonie an. Ob das Land damit den Weg zeigt, den München vor 20 Jahren begann und wieder verließ, wird sich an einer Stelle entscheiden, die in Kiel bislang noch offen ist: an den rund 20 Arbeitsplätzen mit Fachverfahren, für die es keine Alternative gibt. Solche Anwendungen brachten München einst zurück zu Windows.
Ein Beitrag von: