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„Wir wollen das erste kommerzielle Fusionskraftwerk der Welt in Deutschland errichten“

30. Juni 2026

Dorothee Bär, Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt.
Dorothee Bär (CSU) ist seit Mai 2025 Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt. Zuvor war sie unter anderem Digitalstaatsministerin unter Angela Merkel. Foto: Bundesregierung/Steffen Kugler
Deutschland will das erste Fusionskraftwerk der Welt bauen – und investiert dafür Milliarden. Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) erklärt im Interview, wie der Zeitplan aussieht und warum es ohne privates Kapital nicht gelingt.
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Kernfusion ist für die Bundesregierung längst keine Zukunftsmusik mehr, sondern Industriepolitik mit Milliardenbudget. 2,4 Mrd. € will der Bund bis 2029 investieren, um das erste Fusionskraftwerk der Welt nach Deutschland zu holen. Ingenieur.de und VDI nachrichten haben dazu ein schriftliches Interview mit Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) geführt.

Inhaltsverzeichnis

Zunächst technologieoffen

Die „Fusion Science & Technology Roadmap“ des US-Energieministeriums vom Oktober 2025 nennt die Mitte der 2030er-Jahre als Ziel für Netzeinspeisung. Deutschland peilt ein Demonstrationskraftwerk erst Ende der 2030er an. Sind wir mit dieser Zeitskala international wettbewerbsfähig, und wenn ja, warum?

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Die Dynamik, die die Fusion in den letzten Jahren entwickelt hat, ist beachtlich. Weltweit konkurrieren viele Akteure um staatliche Förderung und private Investitionen, die trotz enormer Steigerungen letztlich begrenzt sind. Da gehört Klappern zum Handwerk und unterschiedliche Unternehmen benennen unterschiedliche Zeitpunkte, zu denen sie marktreife Entwicklungen vorlegen wollen.

Angesichts der noch immer bestehenden technologischen Herausforderungen halte ich die in der „Hightech Agenda Deutschland“ (HTAD) benannten Ziele für realistisch: Wir wollen bis zum Ende der 2030er-Jahre ein Demonstrationskraftwerk in Betrieb nehmen und in den 2040er-Jahren das erste kommerzielle Fusionskraftwerk der Welt in Deutschland errichten. Und ja, ich halte Deutschland für international wettbewerbsfähig, wir haben eine im weltweiten Vergleich sehr starke Ausgangsposition.

Bei der Photovoltaik und der Batteriezelle kam die Grundlagenforschung aus Europa, die industrielle Wertschöpfung findet in Asien statt. Wie stellt die Bundesregierung sicher, dass sich dieses Muster bei der Fusion nicht wiederholt?

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Die Maßnahmen der Bundesregierung, wie sie in der HTAD beschrieben sind, legen den Fokus ganz klar auf die Kooperation zwischen Wissenschaft und Industrie. Damit stellen wir sicher, dass der Transfer von der Forschung in die Anwendung von Beginn an stattfindet. Zudem haben die Maßnahmen den Aufbau eines Fusionsökosystems zum Ziel.

Schon jetzt arbeiten wir daran, dass die Rahmenbedingungen, derer es für den Bau und den Betrieb von Fusionskraftwerken dann bedarf, lange im Voraus geschaffen sein werden. Dazu gehören beispielsweise die regulatorischen Rahmenbedingungen, die Ausbildung von Fachkräften und Lieferketten.

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Warum setzt Deutschland auf zwei Technologiepfade gleichzeitig – Laser- und Magnetfusion –, statt die begrenzten Mittel zu fokussieren?

Wenn man nur die Fusion selbst betrachtet, liegen die deutschen Stärken dank jahrzehntelanger institutioneller Förderung natürlich eher im Bereich der Magnetfusion. Wir dürfen aber auch nicht außer Acht lassen, dass einige grundlegende Bereiche der Laserfusion, wie die Laser selbst oder die Optik, zu den besonderen Stärken der deutschen Wirtschaft und Wissenschaft gehören. Deshalb ist es sinnvoll, zunächst technologieoffen zu bleiben.

Erst später wird sich zeigen, welche der beiden Technologien das Rennen machen wird. Auch andere Länder gehen übrigens diesen Weg. Klar ist aber auch, dass wir uns innerhalb der Magnetfusion auf die Stellaratortechnologie konzentrieren, denn neben ganz allgemeinen Vorteilen, die sie im Vergleich zum Tokamak mit Blick auf den Kraftwerksbetrieb hat, verfügt Deutschland mit Wendelstein 7-X über den weltweit modernsten Reaktor dieses Typs und damit über einen Wissensvorsprung, den es zu nutzen gilt.

„Ohne staatliche Förderung geht es derzeit noch nicht“

Die Roadmap sichert 2,4 Mrd. € zu, stellt sie aber unter einen generellen Haushaltsvorbehalt. Gleichzeitig verlangt die Strategie von der Industrie, sich auf Jahrzehnte zu committen. Wie wollen Sie das nötige Vertrauen bei privaten Investoren aufbauen?

Ohne staatliche Förderung geht es derzeit noch nicht. Bereits jetzt ist aber zu sehen, dass der gewaltige Markt, den die Fusion in absehbarer Zukunft darstellt, der Industrie wirtschaftliche Möglichkeiten bieten wird, die diese schlichtweg nicht ignorieren kann. Weltweit steigen die Summen an privat in die Fusion investiertem Kapital stark an und auch die deutschen Fusions-Start-ups hatten bereits beachtliche Finanzierungsrunden. Unter den Kapitalgebern sind auch etablierte Konzerne. Das zeigt, dass das Vertrauen wächst.

Laut Meilenstein FE-Ü1 soll die Fusion noch 2026 explizit im Strahlenschutzgesetz verankert werden. Wann ist mit dem Kabinettsbeschluss zu rechnen?

Der Referentenentwurf des zuständigen Bundesumweltministeriums liegt vor. Zurzeit findet die Länder- und Verbändeanhörung dazu statt. Ich bin zuversichtlich, dass der Zeitplan gehalten werden kann.

16 Meilensteine

Deutschland beteiligt sich über Euratom weiter am chronisch verzögerten ITER-Projekt. Wie verhält sich die nationale Fusionsstrategie zur ITER-Beteiligung? Könnte es zu einer Konkurrenz um Mittel und Fachkräfte kommen?

Die Verzögerungen, mit denen ITER zu kämpfen hat, liegen in der Projektstruktur begründet, nicht in der Fusion selbst. ITER stellt aus Sicht der Bundesregierung auch weiterhin einen wichtigen Baustein auf dem Weg zum Kraftwerk dar. Das gilt zum einen durch das schon beim Bau gewonnene Wissen, von dem die Fusionscommunity bereits seit Langem profitiert.

Zum anderen liegt die Bedeutung von ITER im frühzeitigen Aufbau von Lieferketten, ohne die der Schritt zur kommerziellen Nutzung der Fusion viel langsamer vonstattengehen würde. Angesichts der rasant wachsenden Fusionslandschaft wird ITER aber auch zunehmend zu einem Baustein unter vielen werden. Anstatt zur Konkurrenz wird das Projekt immer mehr zur sinnvollen Ergänzung nationaler Strategien.

An welchen Kriterien/Daten wird das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt am Ende der Legislaturperiode messen, ob die Fusionsstrategie auf Kurs ist?

In der Technologie-Roadmap Fusion der HTAD sind 16 Meilensteine genannt, die auf dem Weg zum Kraftwerk erreicht werden müssen. Elf dieser Meilensteine haben einen Zielpunkt, der noch innerhalb der laufenden Legislaturperiode liegt. Wir werden 2029 also einen guten Eindruck davon haben, wie weit wir auf dem Weg hin zum Fusionskraftwerk gekommen sind.

Vielen Dank für das Gespräch!



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