Angriff bei Jänschwalde: Sprengvorrichtungen an wichtigem Stromnetz-Knoten
Angriff auf das Umspannwerk Preilack: Sprengvorrichtungen beschädigen Leitungen. Warum der 380-kV-Knoten für das Stromnetz wichtig ist.
Das Braunkohlekraftwerk Jänschwalde in Brandenburg. Wenige Kilometer entfernt liegt das 380-kV-Umspannwerk Preilack, an dem mehrere Sprengvorrichtungen entdeckt wurden.
Foto: picture alliance/dpa | Frank Hammerschmidt
Am Umspannwerk Preilack in Brandenburg sind mehrere Sprengvorrichtungen gefunden worden. Ein Teil davon soll bereits explodiert sein. Netzbetreiber 50Hertz bestätigt eine kurzzeitige Unterbrechung an einer Leitung. Inzwischen seien alle Leitungen wieder in Betrieb. Warum der Vorfall dennoch einen sensiblen Punkt des deutschen Stromnetzes trifft.
Am Umspannwerk Preilack im Landkreis Spree-Neiße ermittelt das Landeskriminalamt nach einem möglichen Anschlag. Im Umfeld der Anlage wurden am Dienstag mehrere Sprengvorrichtungen entdeckt. Nach Angaben der Polizei war ein Teil bereits explodiert. Entschärfungskräfte untersuchen weitere Vorrichtungen. Eine Gefahr für die Bevölkerung bestehe nicht.
Das Umspannwerk liegt in Turnow-Preilack, wenige Kilometer vom Braunkohlekraftwerk Jänschwalde entfernt. Die Polizei stellte Beschädigungen an Leitungen fest. Der Netzbetreiber 50Hertz bestätigte inzwischen ebenfalls Schäden: Bislang unbekannte Täter hätten Sachbeschädigungen an mehreren Leitungen im Übertragungsnetz begangen.
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50Hertz meldet kurzzeitige Leitungsunterbrechung
Der Vorfall hatte offenbar direkte technische Auswirkungen. Nach Angaben von 50Hertz kam es zu einer „kurzzeitigen Leitungsunterbrechung“. Mittlerweile seien jedoch alle Leitungen wieder in Betrieb. Die allgemeine Stromversorgung sei nicht beeinträchtigt.
Das ist eine wichtige Unterscheidung: Wird eine Höchstspannungsleitung unterbrochen oder abgeschaltet, bedeutet das nicht automatisch, dass Verbraucher keinen Strom mehr bekommen. Das Übertragungsnetz besteht aus vielen miteinander verbundenen Leitungen und Umspannwerken. Strom kann deshalb in bestimmten Grenzen über andere Wege transportiert werden.
50Hertz rief die Bevölkerung im gesamten Netzgebiet dennoch zu erhöhter Aufmerksamkeit auf. Verdächtige Personen und ungewöhnliche Vorgänge an Anlagen sollten der Polizei gemeldet werden.
Waren es tatsächlich Raketen?
Die „Märkische Allgemeine Zeitung“ (MAZ), die zuerst ausführlich über den Vorfall berichtete, geht noch weiter. Nach Informationen der Zeitung sollen mehrere mit Sprengstoff bestückte Vorrichtungen eingesetzt worden sein. Das Umspannwerk sei mehrmals getroffen worden. Der Zeitung liege zudem ein Foto einer mutmaßlich selbstgebauten Vorrichtung vor.
Von einem Beschuss mit „Raketen“ zu sprechen, geht derzeit allerdings über die öffentlich bestätigten Angaben der Polizei hinaus. Deshalb lässt sich noch nicht zuverlässig sagen, wie die Vorrichtungen konstruiert waren und wie sie zur Anlage gelangten.
Auch wer hinter dem Vorfall steckt und welches Motiv die Täter hatten, ist offen. Das Landeskriminalamt hat die Ermittlungen übernommen.
Warum Preilack für das Stromnetz wichtig ist
Preilack ist keine kleine Verteilstation für die umliegenden Orte. Das Umspannwerk gehört zum Höchstspannungsnetz von 50Hertz.
Vom Kraftwerk Jänschwalde führt eine 380-kV-Freileitung zum Umspannwerk Preilack. Eine weitere 380-kV-Verbindung führt von dort über rund 120 km bis nach Streumen in Sachsen. Sie wurde bereits 1987 in Betrieb genommen. Damit liegt Preilack an einer wichtigen Achse des ostdeutschen Übertragungsnetzes.
380 kV ist die höchste im deutschen Wechselstrom-Übertragungsnetz übliche Spannungsebene. Solche Leitungen transportieren große elektrische Leistungen über weite Entfernungen. Umspannwerke verbinden dabei Leitungen miteinander und koppeln das Übertragungsnetz mit darunterliegenden Netzebenen.
Bei 50Hertz umfasst dieses Höchstspannungsnetz rund 10.600 km Stromkreislänge und versorgt ein Gebiet mit rund 18 Mio. Einwohnerinnen und Einwohnern.
Warum eine beschädigte Leitung nicht gleich zum Blackout führt
Ein zentraler Grund für die Robustheit des Übertragungsnetzes ist das sogenannte (n-1)-Kriterium. Dahinter steckt ein vergleichsweise einfaches Prinzip: Fällt eine einzelne wichtige Komponente aus, soll das Netz trotzdem weiter funktionieren.
50Hertz beschreibt es so: Das Übertragungsnetz muss so betrieben werden, dass der Ausfall einer elektrischen Verbindung zwischen zwei Netzknoten nicht zum Ausfall der Stromversorgung führt. Andere Leitungen und Anlagen übernehmen dann zumindest vorübergehend die Aufgabe.
Das erklärt grundsätzlich, warum eine beschädigte Höchstspannungsleitung nicht automatisch einen großflächigen Stromausfall auslöst. Daraus lässt sich allerdings nicht ableiten, dass das (n-1)-Prinzip im konkreten Fall Preilack den Ausfall verhindert hat. Dafür wären genauere Angaben von 50Hertz zu den betroffenen Leitungen und den vorgenommenen Schaltungen notwendig.
Der Vorfall zeigt zugleich eine Grenze des Prinzips: Das (n-1)-Kriterium ist für den Ausfall eines einzelnen Betriebsmittels ausgelegt. Werden mehrere Leitungen oder Komponenten gleichzeitig beschädigt, kann die Situation erheblich schwieriger werden.
Umspannwerke konzentrieren wichtige Technik auf engem Raum
Genau deshalb sind Umspannwerke sensible Punkte der Energieinfrastruktur. Während sich Freileitungen über viele Kilometer verteilen, laufen dort mehrere Leitungen, Schaltfelder, Sammelschienen und teilweise Transformatoren auf relativ engem Raum zusammen.
Leistungsschalter können beschädigte Netzteile innerhalb kürzester Zeit elektrisch abtrennen. Gleichzeitig bedeutet die räumliche Konzentration aber auch, dass gezielte Beschädigungen mehrere Komponenten treffen können.
Wie schwer sich solche Anlagen vollständig schützen lassen, ist spätestens seit mehreren Sabotagefällen Gegenstand einer breiten Diskussion. ingenieur.de hat bereits untersucht, wie sich Strommasten besser vor Sabotage schützen lassen. Ein weiterer Fachbeitrag beschäftigt sich mit der Frage, wie Energieinfrastruktur grundsätzlich widerstandsfähiger aufgebaut werden kann.
Im Fall Preilack bleibt zunächst offen, wie groß der materielle Schaden ist und was genau hinter dem Vorfall steckt. Fest steht bislang: Die Leitungen sind nach Angaben von 50Hertz wieder in Betrieb, die Stromversorgung ist nicht beeinträchtigt – und das LKA versucht zu klären, wer die Sprengvorrichtungen eingesetzt hat.
Quellen
- rbb24: Sprengvorrichtungen an Umspannwerk bei Jänschwalde gefunden
- Lausitzer Rundschau: LKA ermittelt nach möglichem Anschlag bei Jänschwalde
- 50Hertz: 380-kV-Freileitung Preilack–Streumen
- 50Hertz: Netzführung und (n-1)-Kriterium
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