Bambus statt Stahl: China testet ungewöhnliche Solarplattform
China setzt bei einer schwimmenden 100-kW-Solaranlage auf Bambusverbund statt Stahl. Der eigentliche Härtetest für den Werkstoff beginnt jetzt.
Die schwimmende Photovoltaikplattform „Jilin No. 2“ vor Yantai: Die 100-kW-Anlage nutzt Bambus- und Holzverbundrohre als zentrale Schwimm- und Tragelemente. In der Meeresumgebung soll sich nun zeigen, wie dauerhaft der Werkstoff Salz, UV-Strahlung und Wellenbelastung standhält.
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Bambus und Salzwasser passen auf den ersten Blick nicht besonders gut zusammen. Feuchtigkeit, Salz, UV-Strahlung und ständig wechselnde Belastungen durch Wind und Wellen stellen selbst bewährte Offshore-Werkstoffe vor Probleme. Trotzdem schwimmt seit Anfang August vor der chinesischen Küste eine Photovoltaikplattform, deren tragende Struktur teilweise auf Bambus basiert.
Die „Jilin No. 2“ wurde am 24. Juli 2026 in Yantai in der Provinz Shandong fertiggestellt. Am 1. August war die 100-kW-Anlage nach Angaben der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua auf dem dortigen Offshore-PV-Testgelände vollständig installiert. Bamboo-Wound Tubes und sogenannte Sea Bamboo Pipes dienen als zentrale Stütz- und Schwimmelemente. Mit gewöhnlichen Bambusrohren hat das allerdings wenig zu tun.
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So wird aus Bambus ein Offshore-Bauteil
Das sogenannte Sea Bamboo Pipe wurde an der Beijing Forestry University entwickelt. Mit einem einfachen Bambusrohr hat es allerdings wenig gemeinsam. Es handelt sich um einen technisch hergestellten Verbundwerkstoff, bei dem Holz und Bambus die tragende Basis bilden.
Die behandelten Holz- und Bambuselemente werden verklebt und anschließend mit Fasern umwickelt. Zusätzliche Faserlagen sollen die Rohre steifer und belastbarer machen. Außen schützen Dicht- und Schutzschichten den Verbund vor Wasser und der aggressiven Meeresumgebung. Auf der Solarplattform erfüllen die Rohre gleich mehrere Aufgaben: Sie sorgen für Auftrieb, nehmen Lasten auf und stabilisieren die Konstruktion.
Die Entwickler nennen folgende Materialwerte:
- Dichte: rund 1,0 g/cm³
- Biegefestigkeit: mehr als 160 MPa
- Zugmodul: mehr als 20 GPa
Die Zahlen zeigen, dass es sich um einen ernst zu nehmenden Konstruktionswerkstoff handelt. Ein direkter Vergleich mit Stahl wäre trotzdem wenig sinnvoll. Aufbau und Materialverhalten unterscheiden sich grundlegend, einzelne Festigkeitswerte sagen zudem noch wenig darüber aus, wie sich eine komplette Konstruktion im Meer bewährt.
Dort zählen andere Eigenschaften mindestens ebenso stark: Nimmt der Verbund mit der Zeit Wasser auf? Wie reagieren Verbindungen und Schutzschichten auf die ständige Bewegung durch Wellen? Und wie verändert sich das Material nach Jahren unter Salz, Feuchtigkeit und UV-Strahlung? Diese Fragen soll „Jilin No. 2“ nun unter realen Bedingungen beantworten.
CIMC testet Bambusverbund bereits seit 2023
„Jilin No. 2“ ist nicht der erste Versuch der chinesischen Entwickler. Bereits im Oktober 2023 brachte CIMC gemeinsam mit der China Forestry Group den Vorgänger „Jilin No. 1“ zu Wasser. Die Plattform wurde nach Angaben des Unternehmens geschleppt, vor Yantai installiert und anschließend unter realen Bedingungen erprobt. Ihre PV-Leistung betrug lediglich 10 kW.
Mit der neuen Anlage steigt die Leistung auf 100 kW. Für ein Solarkraftwerk ist auch das wenig. Technisch interessanter ist der Sprung zu einer deutlich größeren Teststruktur. Dabei bleibt allerdings eine wichtige Frage unbeantwortet: Was haben die Tests mit „Jilin No. 1“ seit 2023 ergeben?
In den aktuellen Projektmitteilungen veröffentlicht CIMC keine quantifizierten Daten zu Wasseraufnahme, Materialalterung, Ermüdung, Schäden oder Reparaturen des Vorgängers. Gerade solche Werte wären hilfreich, um beurteilen zu können, wie gut sich die Konstruktion bislang bewährt hat.

Im Meer beginnt der eigentliche Materialtest
Bei „Jilin No. 2“ beginnt jetzt der eigentliche Härtetest. Im Meer wirken mehrere Belastungen gleichzeitig auf die Konstruktion:
- Salzwasser und Feuchtigkeit,
- UV-Strahlung,
- Wind und Wellen,
- ständig wiederkehrende Bewegungen und Lastwechsel.
Die Beijing Forestry University will deshalb vor allem drei Punkte untersuchen: Langzeitbeständigkeit, Ermüdungsverhalten und die Eignung des Verbunds für die Meeresumgebung.
Erst diese Daten werden zeigen, ob sich Bambusverbund über viele Jahre auf dem Meer bewährt. „Jilin No. 2“ ist deshalb noch kein Nachweis für eine dauerhaft funktionierende Offshore-Konstruktion, sondern ein großmaßstäblicher Praxistest.
Dass die Anforderungen hoch sind, zeigt auch der neue DNV-Standard DNV-ST-C108 für Floating-PV. Er gilt seit April 2026 und verlangt unter anderem Prüfungen zur Materialeignung, zu möglichen Versagensmechanismen und zum Langzeitverhalten nichtmetallischer Bauteile.
Wie Floating-PV grundsätzlich funktioniert und welche Einsatzmöglichkeiten es gibt, zeigt unser Überblick „Schwimmende Photovoltaik: Mehr Platz für saubere Energie“. Schwimmende Photovoltaik: Mehr Platz für saubere Energie. Eine ganz andere Konstruktion wird derzeit auf einem Baggersee in Bayern erprobt. Dort stehen die Solarmodule senkrecht auf dem Wasser: Bayern: So funktioniert die erste vertikale Floating-PV der Welt
Für Bambusverbund entsteht erst jetzt eine Norm
Auch bei der Standardisierung des Werkstoffs steht die Entwicklung noch am Anfang. Die Internationale Organisation für Normung arbeitet derzeit an ISO 25983 „Bamboo winding composite pipe“. Der Standard befindet sich noch im Entwurfsstadium und soll Anforderungen sowie Prüfverfahren für Bambus-Wickelverbundrohre festlegen.
Allerdings geht es dabei um Rohre für Wasser-, kommunale und industrielle Anwendungen. Eine spezielle Norm für Bambusverbund als tragendes Bauteil schwimmender Offshore-PV-Anlagen gibt es bislang nicht.
Ist Bambus wirklich umweltfreundlicher als Stahl?
CIMC sieht im Bambusverbund auch ökologische Vorteile gegenüber Stahl oder HDPE. Belegen lässt sich das für „Jilin No. 2“ bislang jedoch nicht.
Eine vollständige Ökobilanz hat das Unternehmen nicht veröffentlicht. Dabei besteht die Konstruktion nicht nur aus Bambus und Holz, sondern auch aus Harzen, Fasern sowie Dicht- und Schutzschichten. Ob der Bambusverbund unterm Strich tatsächlich umweltfreundlicher ist, bleibt deshalb offen.
Solarstrom soll auch Wasserstoffprojekt versorgen
Der Strom von „Jilin No. 2“ soll nach Angaben von CIMC für ein Demonstrationsprojekt rund um Wasserstoff, Ammoniak und Methanol genutzt werden. Konkrete Angaben zur Größe oder geplanten Produktion dieser Anlage nennt das Unternehmen nicht.
Für die schwimmende Plattform steht ohnehin die technische Erprobung im Vordergrund. Die Entwickler wollen herausfinden, ob sich der Bambusverbund industriell herstellen, auf dem Meer montieren und dort dauerhaft betreiben lässt. Bei 100 kW soll es deshalb nicht bleiben. CIMC, China Forestry Group und Beijing Forestry University kündigen bereits eine Pilotanlage im Megawattbereich an.
Quellen
- CIMC Raffles: World’s First 100kW Bamboo-Based Offshore Floating Photovoltaic Platform Completed
- Xinhua: Installation von „Jilin No. 2“ am Offshore-PV-Testgelände in Yantai
- China Science Daily / ScienceNet: Technische Angaben zum Sea Bamboo Pipe
- CIMC: Angaben zum Vorgänger „Jilin No. 1“ von 2023
- DNV: DNV-ST-C108 – Structural design of floats for floating photovoltaic systems
- ISO: ISO/WD 25983 – Bamboo winding composite pipe
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