1-GWh-Projekt 24.06.2026, 12:30 Uhr

Rost gegen die Dunkelflaute: Hier entsteht Europas größte Eisen-Luft-Batterie

Für lange Dunkelflauten sind Lithium-Batterien zu teuer. Ein niederländischer Versorger setzt deshalb im großen Stil auf eine Eisen-Luft-Batterie. 1 GWh hat er bestellt, die erste Stufe soll 2028 ans Netz gehen. Was steckt hinter dem neuen Hoffnungsträger unter den Speichertechnologien?

Batteriecontainer vor Windpark

So könnte der Eisen-Luft-Großspeicher aussehen: Ore Energy reiht für die geplante Anlage standardisierte 40-Fuß-Container aneinander, im Hintergrund liefern Windräder den Strom, der eingelagert werden soll. Visualisierung: Ore Energy

Foto: Ore Energy

Eine Batterie, die rostet und genau deshalb funktioniert: In den Niederlanden hat sich erstmals ein großer Energieversorger auf diese Technik festgelegt. Der Stromanbieter Budget Thuis, mit über 1 Mio. Kunden einer der größten des Landes, hat laut einer Mitteilung vom 22. Juni 1 GWh sogenannter Eisen-Luft-Batteriekapazität beim Amsterdamer Start-up Ore Energy bestellt. Laut Ore Energy ist es der größte Auftrag für diese Technologie auf dem europäischen Festland und der erste mit einem europäischen Energieversorger.

Damit rückt die Eisen-Luft-Batterie als weitere Alternative zur Überbrückung von Dunkelflauten, also Phasen ohne Wind- oder Sonne, in den Blick. Diese teils mehrtägigen Lücken können klassische Lithium-Batterien nicht wirtschaftlich überbrücken. Die Bundesregierung will sie primär über wasserstofffähige Gaskraftwerke decken, aber auch weitere Alternativen werden diskutiert. Die Rostbatterie soll dieselbe Lücke füllen – nur mit Eisen, Wasser und Luft anstelle von seltenen Rohstoffen. Wird sie damit zur Konkurrenz für Wasserstoff & Co.?

Europas größte Eisen-Luft-Batterie

Die erste Ausbaustufe des 1-GWh-Großspeichers soll 2028 in das niederländische Netz eingebunden werden und 400 MWh bieten. Das entspricht in etwa dem täglichen Stromverbrauch von 40.000 Haushalten oder 5500 E-Autos. Zu den Kosten haben sich die Unternehmen bislang nicht geäußert. Ore Energy nutzt für die Speicherung standardisierte 40-Fuß-Container, die sich je nach Bedarf für Speicherdauern zwischen 24 und 100 Stunden konfigurieren lassen.

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Für Ore-Energy-Mitgründer und Geschäftsführer Aytaç Yilmaz markiert der Auftrag den Schritt vom Versuch zur kommerziellen Nutzung: In einer Pressemitteilung nennt er eine „relevante Menge, an ein echtes Projekt gebunden, mit einem Versorger, der versteht, was Mehrtagesspeicher für sein Geschäft bedeuten“. Langfristig werde die Eisen-Luft-Batterie für die Windkraft so wichtig werden, wie es Lithium-Ionen-Batterien heute für die Solarenergie sind.

Im Februar dieses Jahres hatte Ore Energy den Abschluss eines EU-geförderten Pilotprojekts beim französischen Versorger EDF gemeldet; der Test selbst lief von August bis November 2025. Laut Unternehmen war es der erste Eisen-Luft-Langzeitspeicher-Pilot in Europa. Dabei habe man bewiesen, dass das System über bis zu vier Tage Energie speichern und wieder abgeben könne. Zuvor hatte das Start-up bereits eine Anlage im niederländischen Delft installiert, um die Einbindung in bestehende Stromverteilnetze zu testen.

So funktioniert die Rostbatterie

Das Prinzip lässt sich in zwei Worten zusammenfassen: kontrolliertes Rosten. Die Eisen-Luft-Batterie gehört zur Familie der Metall-Luft-Batterien, zu der etwa auch die Zink-Luft-Zelle zählt. Vereinfacht läuft die Stromspeicherung hier so ab:

  • Entladen: Das Eisen reagiert mit Sauerstoff aus der Luft zu Rost. Dabei wird Strom frei – die Zelle „atmet ein“.
  • Laden: Zugeführter Strom verwandelt den Rost zurück in metallisches Eisen, der Sauerstoff wird wieder abgegeben – die Zelle „atmet aus“.

Mehr braucht es nicht. Eisen, Wasser, Luft; kein Lithium, kein Kobalt. Zudem ist die Zelle wie etwa wasserbasierte Zink-Batterien nicht brennbar. Der große Nachteil ist ihr Tempo: Ein voller Zyklus dauert bis zu 100 Stunden statt weniger Stunden. Doch genau hier liegt das Geschäftsmodell – Eisen-Luft-Batterien dienen der Lang- statt Kurzzeitspeicherung.

Diesen Vorteil hebt auch Budget Thuis hervor. Eisen-Luft sei „besonders überzeugend, weil es für die Langzeit-Einsätze ausgelegt ist, die herkömmliche Batterien nicht abdecken“, so Unternehmenschefin Annemarie Buitelaar. Die Technik biete eine „Kostenstruktur“, die zur mehrtägigen Speicherung passe. So lasse sich sauberer Strom einlagern, wenn er im Überfluss vorhanden ist – zum Beispiel während einer sogenannten Hellbrise – und abgeben, wenn er am wertvollsten ist.

Der Vergleich: Lithium, Eisen-Luft, Wasserstoff

Warum überhaupt drei Technologien gegeneinander abwägen? Weil die Lücke, die sie füllen sollen, in Deutschland real und teuer ist. Mehrtägige Dunkelflauten treten hierzulande mehrfach im Jahr auf und können sich im Einzelfall über bis zu zehn Tage ziehen. Zugleich wurde laut der Bundesnetzagentur 2025 sauberer Strom im Umfang von 9,4 TWh abgeregelt, weil das Netz ihn nicht aufnehmen konnte – was wiederum rund 433 Mio. € Entschädigung kostete. Speicher, die diese Energie über Tage konservieren, könnten beides entschärfen.

Die drei Kandidaten dafür rechnen sich auf unterschiedlichen Zeitskalen: Lithium deckt Stunden ab, Eisen-Luft Tage, Wasserstoff Wochen bis Monate.

Kriterium Lithium-Ionen Eisen-Luft Wasserstoff (Rückverstromung)
Speicherdauer 1 – 4 Stunden 24 – 100 Stunden (bis ~4 Tage) Wochen bis saisonal
Wirkungsgrad rund 85 % – 90 % rund 40 % – 70 % rund 30 % – 40 %
Brandgefahr Ja (organischer Elektrolyt) Nein (wässriger Elektrolyt) Brennbares Gas, aufwendige Sicherheitstechnik
Kritische Rohstoffe Lithium, Kobalt, Nickel Keine kritischen (Eisen, Wasser, Luft) je nach Elektrolyseur teils Edelmetalle
Marktreife Kommerziell (Massenmarkt) Pilotbetrieb Speicherung ausgereift, Rückverstromung im Aufbau
Beste Rolle Stundenausgleich, Frequenzstützung mehrtägige Dunkelflaute saisonale Reserve und Rohstoff
Quellen: Wissenschaftliche Dienste des Bundestags, „Energiespeichertechnologien“ (2024), energy-storage.news. Werte gerundet. Der Wirkungsgrad der Eisen-Luft-Batterie kann je nach Hersteller und Bauweise abweichen. Der Wasserstoff-Wert beschreibt den kompletten Weg vom Strom zurück zum Strom, also wie viel Energie übrig bleibt, nachdem man sie erst in Wasserstoff umgewandelt und später wieder verstromt hat.

In die Liste der Speichertechnologien reiht sich die Rostbatterie als Brücke für mehrere Tage ein. Darin ist sie nicht allein. Ernst zu nehmen ist vor allem die Redox-Flow- oder Flussbatterie, die ihre Energie in zwei flüssigen Elektrolyten in getrennten Tanks speichert und ebenfalls nicht brennbar ist. Kommerziell ist sie teils weiter als Eisen-Luft: Das Frankfurter Start-up CMBlue erreichte nach einer Finanzierungsrunde eine Bewertung von über 1 Mrd. € und schloss mit Kraftwerksbetreiber Uniper einen Praxistest in Kundenumgebung ab. In der Schweiz will CMBlue bis 2029 die mit 1,6 GWh größte Flussbatterie der Welt errichten.

Rost oder Wasserstoff?

Noch spannender ist der direkte Vergleich der Eisen-Luft-Technik mit Wasserstoff. Für die mehrtägige Lücke ist die Rostbatterie im Wirkungsgrad sogar überlegen, denn wer Strom erst in Wasserstoff umwandelt, speichert und später wieder verstromt, verliert unterm Strich mehr Energie. Zwei Trümpfe behält der Wasserstoff trotzdem:

  • Er lässt sich über Wochen und Monate lagern
  • Er ist zugleich Rohstoff für Industrie und Verkehr.

Die Antwort auf die Titelfrage lautet deshalb wohl: weniger Konkurrenz als Arbeitsteilung. Eisen-Luft für die kürzeren Dunkelflauten, Wasserstoff für die längeren.

Eine Speicheroption für Deutschland?

In Deutschland ist die Diskussion um das Thema im vollen Gange. Das Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätengesetz (StromVKG) – am 13. Mai im Kabinett beschlossen, an diesem 24. Juni im Bundestagsausschuss angehört – soll den Aufbau steuerbarer Back-up-Leistung für Dunkelflauten regeln. Das Rückgrat sollen wasserstofffähige Gaskraftwerke bilden; technologieoffene Ausschreibungen ab 2027 stehen aber auch Batteriespeichern und flexiblen Lasten offen. Gesicherte Leistung soll ab 2031 bereitstehen.

Batteriespeicher sind ausdrücklich Teil der Lösung. „Zur Absicherung von Dunkelflauten brauchen wir steuerbare, wasserstofffähige Gaskraftwerke, genauso wie Batteriespeicher, Sektorkopplung sowie Flexibilitäten auf Verbrauchsseite“, sagt BDEW-Hauptgeschäftsführerin Kerstin Andreae. Speicherbetreiber kritisieren dabei das sogenannte 10-1-10-Kriterium des WIrtschaftsministeriums, demnach eine Anlage nach einer Stunde Vorlauf für mindestens 10 Stunden Strom liefern müsse. Dieses sei auf Gaskraftwerke zugeschnitten und vernachlässige Batterien.

Damit schließt sich der Kreis zur Wirtschaftlichkeit. Noch rechnet sich Eisen-Luft nicht, wie Ore-Energy-Manager Bas Kil gegenüber dem pv magazine einräumte. Es brauche einen staatlichen Anreiz wie eine Kapazitätsprämie. Genau so ein Mechanismus könnte im StromVKG entstehen. Perspektivisch könnte die Rostbatterie aber in die Lücke zwischen Kurzzeitspeicher und Wasserstoffkraftwerk stoßen, wenn Kosten und Skalierung stimmen und der gesetzliche Rahmen sie überhaupt einlässt. In den Niederlanden ist dieser Schritt schon getan.

Ein Beitrag von:

  • Magnus Schwarz

    Magnus Schwarz schreibt zu den Themen Wasserstoff, Energie und Industrie. Nach dem Studium in Aachen absolvierte er ein Volontariat und war mehrere Jahre als Fachredakteur in der Energiebranche tätig. Seit Oktober 2025 ist er beim VDI Verlag.

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