Lohnt sich das? 09.02.2026, 18:29 Uhr

Kleinwindkraftanlagen im Fokus: Physik schlägt Idealismus

Warum Kleinwindkraftanlagen im Wohnumfeld selten funktionieren. Physik, Turbulenzen, Kapazitätsfaktor – und die wenigen Fälle, in denen es klappt.

Kleinwindkraftanlage auf einem Dach eines Schrebergartenhauses in Düsseldorf

Kleinwindkraftanlage auf einem Dach eines Schrebergartenhauses in Düsseldorf.

Foto: picture alliance / imageBROKER | Robert Poorten

Das Wichtigste in Kürze
  • Entscheidend ist nicht die Nennleistung, sondern der Kapazitätsfaktor. Typisch sind 5–15 %.
  • Die nutzbare Windleistung skaliert mit v³. Kleine Unterschiede in der mittleren Windgeschwindigkeit wirken massiv.
  • Turbulenzen sind der zentrale Ertrags- und Lebensdauerkiller bei Kleinwind.
  • Höhe ist der dominierende Hebel. Zehn Meter mehr können den Jahresertrag nahezu verdoppeln.
  • Wirtschaftlich relevant wird Kleinwind fast ausschließlich im Eigenverbrauch und im Hybridbetrieb.
  • Im dichten Wohnumfeld ist Kleinwind technisch meist ungünstig – unabhängig vom Turbinentyp.

Kleinwindkraftanlagen gelten als logische Ergänzung zur Photovoltaik. Strom im Winter, nachts, bei schlechtem Wetter. Das Versprechen klingt plausibel. In der technischen Praxis scheitern viele Projekte dennoch. Nicht aus regulatorischen Gründen, sondern aus physikalischen.

Dieser Beitrag ordnet Kleinwind aus technischer Perspektive ein. Er zeigt, unter welchen Bedingungen kleine Windenergieanlagen funktionieren können und warum sie im typischen Wohnumfeld meist strukturell benachteiligt sind.

Einordnung: Was unter „Kleinwind“ tatsächlich fällt

Der Begriff Kleinwindkraftanlage umfasst eine große Bandbreite. Formal gelten Anlagen bis 50 kW als Kleinwind. In der Praxis dominieren Systeme zwischen 1 und 10 kW. Genau hier entstehen viele Fehlannahmen.

Ein 5-kW-Typenschild suggeriert Vergleichbarkeit mit einer 5-kW-PV-Anlage. Das ist technisch falsch. Die zugrunde liegenden Ertragsmechanismen unterscheiden sich fundamental. Während PV mit relativ stabilen Einstrahlungsstatistiken arbeitet, ist Wind lokal hochvariabel, dreidimensional und stark störanfällig.

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Windleistung: Die kubische Realität

Die physikalische Grundlage ist bekannt, wird aber in der Praxis regelmäßig unterschätzt:

Die Windgeschwindigkeit geht mit der dritten Potenz ein. Daraus folgt: Ein Standort mit 5 m/s mittlerer Windgeschwindigkeit liefert mehr als das Vierfache der Energie eines Standorts mit 3 m/s.

Zur Einordnung:

mittlere Windgeschwindigkeit relative Energie
3 m/s 1
4 m/s 2,4
5 m/s 4,6
6 m/s 8

Hinweis: Die in der Tabelle angegebene relative Energie ist ein dimensionsloser Vergleichswert (normiert auf 3 m/s = 1) und zeigt, wie stark die nutzbare Windenergie mit der dritten Potenz der Windgeschwindigkeit zunimmt.

Nennleistung ist kein Betriebswert

In der Praxis entscheidend ist nicht die Nennleistung, sondern der Kapazitätsfaktor – also das Verhältnis von real erzeugter Energie zur theoretischen Volllast.

Typische Größenordnungen:

  • Kleinwind: 5–15 %
  • Photovoltaik: 10–12 %
  • Großwind Onshore: 20–35 %

Ein realistisches Beispiel:

  • Nennleistung: 5 kW
  • mittlere Windgeschwindigkeit: 4 m/s
  • typische elektrische Leistung im Betrieb: 400–800 W

Über das Jahr resultieren daraus im Binnenland meist 1500–3000 kWh.

Turbulenzen: Das unterschätzte Kernproblem

Der limitierende Faktor für Kleinwindkraftanlagen ist selten der Rotor, sondern der Zustand des anströmenden Winds.

In Wohngebieten liegen typische Turbulence Intensities (TI) bei 20–40 %. Zum Vergleich: Freifeldstandorte erreichen oft unter 10 %. Hohe Turbulenz führt zu:

  • reduziertem Leistungsbeiwert (Cp)
  • stark schwankenden Lasten
  • erhöhtem Lager- und Materialverschleiß
  • frühzeitiger Leistungsbegrenzung aus Schallschutzgründen

Die Folge ist ein doppelter Effekt: weniger Ertrag bei gleichzeitig geringerer Lebensdauer.

Bauformen im Vergleich: HAWT vs. VAWT

Zwei Konzepte dominieren den Markt.

Horizontale Anlagen (HAWT)

  • Auftriebsbasierte Rotoren
  • realistische Cp-Werte: 0,3–0,45
  • hoher Ertrag bei sauberer Anströmung
  • stark empfindlich gegenüber Turbulenzen

Vertikale Anlagen (VAWT)

  • kein Nachführsystem nötig
  • toleranter gegenüber wechselnden Windrichtungen
  • Cp häufig < 0,2
  • hohe zyklische Strukturbelastungen

Der häufig beworbene Vorteil der „urbanen Tauglichkeit“ vertikaler Anlagen ist aerodynamisch nur eingeschränkt haltbar. In turbulenter Umgebung laufen sie zwar an, liefern aber meist wenig nutzbare Energie.

Konzepte von Kleinwindkraftanlagen

HAWT vs. VAWT: Die verschiedenen Konzepte von Kleinwindkraftanlagen

Foto: picture alliance/dpa/dpa-infografik GmbH/dpa-Themendienst | dpa-infografik GmbH

Höhe schlägt Technik

Der mit Abstand wirksamste Ertragshebel ist die Nabenhöhe. Ein typischer Effekt:

  • 10 m Höhe: Ø 3,5 m/s
  • 20 m Höhe: Ø 4,5 m/s

Energetisch bedeutet das nahezu eine Verdopplung des Jahresertrags. Genau hier kollidieren technische Notwendigkeit und baurechtliche Realität. Niedrige Masten sind bequem, aber aerodynamisch meist die schlechteste Lösung.

Dachmontage: konstruktiv problematisch

Die Montage auf Gebäuden wirkt platzsparend, ist aber technisch ungünstig:

  • starke Verwirbelungen an Dachkanten
  • Körperschallübertragung ins Gebäude
  • reduzierte effektive Windgeschwindigkeit

Freistehende Masten mit ausreichendem Abstand zu Hindernissen sind aus ingenieurtechnischer Sicht fast immer überlegen.

Windatlas und Standortbewertung

Öffentliche Windatlanten liefern Mittelwerte in Höhen, die für Großwind relevant sind. Für Kleinwind im Bereich unter 20 m taugen sie nur zur groben Einordnung.

Eine belastbare Planung erfordert:

  • standortspezifische Abschätzung der Rauigkeit
  • konservative Annahmen zur Turbulenz
  • idealerweise Messdaten über mehrere Monate

Ohne Messung bleibt Kleinwind ein Projekt mit hoher Unsicherheit. Schauen wir uns genauer an, was da passiert.

Warum ohne Windfeldmessung keine seriöse Aussage möglich ist

Ob eine Kleinwindkraftanlage funktioniert, entscheidet sich nicht auf der Landkarte, sondern am Mast. Windatlanten, DWD-Daten oder Online-Rechner liefern eine erste Orientierung. Mehr aber auch nicht. Sie zeigen, wie der Wind theoretisch weht – meist in zehn Metern Höhe über freiem Gelände.

In der Praxis steht eine Kleinwindanlage ganz woanders. Meist höher. Fast nie frei. Häuser, Bäume, Hecken oder Geländekanten verändern das Windfeld. Der Wind wird langsamer, unruhiger, böiger. Was auf der Karte nach brauchbarem Standort aussieht, kann am realen Aufstellort deutlich schwächer sein. Und umgekehrt. Der Unterschied schlägt direkt auf den Ertrag durch – nicht um ein paar Prozent, sondern schnell um den Faktor zwei.

Deshalb empfehlen seriöse Planungsleitfäden eine Windfeldmessung. Nicht als akademische Übung, sondern als Entscheidungsgrundlage. Üblich sind Messzeiträume von sechs bis zwölf Monaten, möglichst in der späteren Nabenhöhe. Erfasst werden nicht nur Mittelwerte, sondern auch Böen und Turbulenzen. Erst diese Daten zeigen, womit die Anlage im Alltag wirklich umgehen muss.

Einordnung über Windklassen: was die Normen wirklich sagen

Die gemessenen Werte lassen sich anschließend in Windklassen einordnen. Maßgeblich ist hier die Norm für Kleinwindanlagen der IEC (IEC 61400-2). Sie unterscheidet Standorte nach der mittleren Jahreswindgeschwindigkeit:

IEC-Klasse mittlere Jahreswindgeschwindigkeit
I 10,0 m/s
II 8,5 m/s
III 7,5 m/s
IV 6,0 m/s

Diese Tabelle wird häufig falsch gelesen. Klasse IV steht nicht für einen „guten“ Windstandort. Sie markiert die untere Grenze, für die Anlagen überhaupt ausgelegt werden. Viele Standorte im deutschen Binnenland liegen darunter – selbst in 20 oder 30 Metern Höhe. In solchen Fällen wird es wirtschaftlich eng, ganz unabhängig davon, was das Typenschild verspricht.

In Deutschland kommt noch das Deutsches Institut für Bautechnik ins Spiel. Das DiBT schaut nicht nur auf den Mittelwind, sondern auch auf Böen und Turbulenzbelastung. Eine Anlage kann zugelassen sein und trotzdem am konkreten Standort überfordert sein – etwa weil der Wind dort stark verwirbelt ankommt.

Wirtschaftliche Einordnung

Ein vereinfachtes Rechenbeispiel:

  • Investition: 30.000 €
  • Jahresertrag: 2000 kWh
  • Lebensdauer: 20 Jahre

→ Stromgestehungskosten: ≈ 0,75 €/kWh

Damit ist klar: Einspeisung ist wirtschaftlich irrelevant. Kleinwind kann sich nur rechnen, wenn der Strom direkt genutzt wird.

Systemisch sinnvoll nur im Verbund

Technisch sinnvoll wird Kleinwind vor allem:

  • im Außenbereich
  • bei Landwirtschaft und Gewerbe
  • bei Nacht- und Winterlasten
  • in Hybrid-Systemen mit PV, Speicher und Lastmanagement

Hier kann Wind zeitlich ergänzen, was PV nicht liefert. Als Einzelanlage bleibt Kleinwind meist ineffizient.

Warum Kleinwind ein Nischenmarkt bleibt

Der begrenzte Markterfolg von Kleinwind ist eine Konsequenz aus:

  • ungünstiger Aerodynamik im bebauten Raum
  • fehlenden Skaleneffekten
  • hohen spezifischen Kosten
  • komplexer Genehmigungs- und Schallschutzthematik

Große Windenergie funktioniert, weil sie Höhe, Freifeld und konstante Strömung nutzt. Kleinwind fehlt genau das. Das sollten Sie immer im Hinterkopf behalten, wenn Sie von einem Windrad im eigenen Garten träumen.

Verwendete Quellen & Normen: 

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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