Flugdrachen statt Windrad: Wann wird daraus Strom?
Windkraft ohne Turm: Flugdrachen könnten Strom aus 300 m Höhe liefern. Doch zwischen Testanlage und Markt liegen noch Hürden.
Drache statt Windrad: Flugwindenergie spart Material und nutzt starke Höhenwinde. Warum der kommerzielle Einsatz noch auf sich warten lässt.
Foto: picture alliance / dpa | Christian Charisius
Der Gedanke ist einfach. Wenn Sie einen Drachen steigen lassen, merken Sie schnell: In der Höhe weht der Wind meist kräftiger und gleichmäßiger als am Boden. Genau diese Beobachtung wollen Ingenieurinnen und Ingenieure für die Stromerzeugung nutzen.
Die Idee der Flugwindenergie ist deshalb naheliegend. Statt riesige Türme mit Rotoren zu bauen, schicken solche Anlagen einen Drachen oder Flügel an einem Seil in den Himmel. Die Zugkraft treibt am Boden eine Winde an, ein Generator erzeugt Strom.
Seit mehr als einem Jahrzehnt arbeiten Unternehmen und Forschungseinrichtungen an dieser Technologie. Immer wieder gibt es neue Tests, neue Prototypen und neue Versprechen. Doch große kommerzielle Anlagen sieht man bisher kaum.
Die Situation hat sich inzwischen verändert. Flugwindenergie steht 2026 nicht mehr am Anfang. Sie steckt aber auch noch nicht im echten Markt. Die Technik befindet sich in einer Übergangsphase: vom Forschungsprojekt zum industriellen Produkt.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr, ob Flugdrachen Strom erzeugen können. Das ist längst gezeigt worden. Entscheidend ist heute: Wann reicht die Technik für den regulären Einsatz?
Inhaltsverzeichnis
- Warum Wind in großer Höhe so interessant ist
- So erzeugen Flugdrachen überhaupt Strom
- Ein Blick zurück: Die ersten Tests
- Was sich seit 2023 verändert hat
- Ein Rückschlag für die Branche
- Ein wachsender Markt – zumindest auf dem Papier
- Wo Flugwindkraft zuerst eingesetzt werden könnte
- Die größte Hürde: Regeln für den Luftraum
- Auch die Technik hat noch offene Fragen
- Braucht die Energiewende diese Technik überhaupt?
- Wann Flugdrachen wirklich Strom liefern könnten
Warum Wind in großer Höhe so interessant ist
Windkraft lebt von der Windgeschwindigkeit. Und die steigt mit der Höhe deutlich an. Sarah Barber, Leiterin des Fachbereichs Windenergie an der Ostschweizer Fachhochschule, erklärte diesen Zusammenhang gegenüber der Süddeutschen Zeitung: „Die Leistung wächst mit der Geschwindigkeit in Dreierpotenz. Eine doppelte Windgeschwindigkeit bedeutet also achtfache Leistung. Deshalb ist es bei der Windenergie generell wichtig, in die Höhe zu gehen.“
Genau hier liegt der Vorteil der Flugwindenergie. Klassische Windräder erreichen heute Nabenhöhen von etwa 100 bis 160 m. Flugdrachen können deutlich höher fliegen. Typische Einsatzbereiche liegen zwischen 200 und 500 m. Manche Konzepte gehen sogar bis etwa 800 m.
In diesen Höhen ist der Wind nicht nur stärker. Er weht auch gleichmäßiger. Das erhöht die möglichen Betriebsstunden pro Jahr. Gleichzeitig sparen Flugwindanlagen Material. Ein konventionelles Windrad benötigt große Mengen Stahl und Beton für Turm und Fundament. Bei Flugdrachen entfällt dieser massive Aufbau. Stattdessen besteht die Anlage hauptsächlich aus einem Flugkörper, einem Seil und einer Bodenstation mit Generator.
Studien gehen deshalb davon aus, dass der Materialeinsatz gegenüber klassischen Windrädern um bis zu 90 % sinken könnte. Auch der CO₂-Fußabdruck der Anlagen wäre dadurch kleiner.
So erzeugen Flugdrachen überhaupt Strom
Das technische Prinzip wirkt auf den ersten Blick ungewöhnlich, ist aber relativ leicht zu verstehen. Die meisten Systeme arbeiten mit einem sogenannten Pumping-Cycle. Dabei durchläuft der Drachen zwei Phasen.
- Zunächst steigt der Flugkörper an seinem Seil auf und fliegt quer zum Wind. Häufig bewegt er sich dabei in einer großen Acht. Durch diese Bewegung entsteht eine hohe Zugkraft. Das Seil wird von einer Winde am Boden herausgezogen. Dabei treibt die Trommel einen Generator an, der Strom erzeugt.
- Ist die maximale Seillänge erreicht, beginnt die zweite Phase. Der Drachen wird so gesteuert, dass er möglichst wenig Widerstand erzeugt. Das Seil wird anschließend wieder eingezogen.
Dieser Rückholvorgang verbraucht Energie, aber deutlich weniger als zuvor erzeugt wurde. Typischerweise liegt der Energiebedarf bei etwa 10 bis 20 % der vorher gewonnenen Energie.
Danach beginnt der Zyklus erneut. Auf diese Weise produziert die Anlage kontinuierlich Strom.
Ein Blick zurück: Die ersten Tests
Schon vor mehr als zehn Jahren sorgte die Idee für Aufmerksamkeit. 2013 ließ das Unternehmen EnerKíte einen großen Flugdrachen über dem Tempelhofer Feld in Berlin aufsteigen.
Das Konzept war damals bereits klar formuliert. Statt massiver Türme sollte ein Seil die Verbindung zwischen Flugkörper und Generator herstellen. Die Entwickler versprachen hohe Volllaststunden und deutlich weniger Materialeinsatz.
Auch andere Unternehmen griffen das Konzept auf. In Nordfriesland testeten zwischen 2019 und 2021 mehrere Partner eine Flugwindanlage im Projekt SkyPower100. Ziel war es, die Stromproduktion zu messen und die Zuverlässigkeit der Technik zu überprüfen.
Solche Projekte zeigten: Die Anlagen funktionieren grundsätzlich. Doch der Weg von der Versuchsanlage zum Serienprodukt ist lang.
Was sich seit 2023 verändert hat
Dieser Beitrag stammt ursprünglich aus dem Jahr 2023. In den vergangenen Jahren ist Bewegung in die Branche gekommen. Das Brandenburger Unternehmen EnerKíte meldete im November 2025 den Erstflug seines Systems EK100-10P. Die Anlage arbeitet mit einem starren Carbonflügel. Ein rotierender Mast erleichtert Start und Landung des Systems.
Langfristig will das Unternehmen Anlagen mit Leistungen im Megawattbereich entwickeln. Zunächst konzentriert man sich jedoch auf Systeme mit etwa 100 kW Leistung. Solche Anlagen könnten etwa abgelegene Regionen oder mobile Anwendungen mit Strom versorgen. EnerKíte sieht hier einen ersten Markt.
Auch andere Akteure treiben die Entwicklung voran. In Irland testet RWE gemeinsam mit dem niederländischen Unternehmen Kitepower eine Flugwindanlage. Der Drachen hängt dabei an einem hochfesten Seil aus modernen Faserwerkstoffen. Das Material besitzt eine ähnliche Festigkeit wie Stahl, wiegt aber nur einen Bruchteil davon.
Die Anlage erzeugt Strom während der sogenannten „Reel-Out-Phase“, also wenn das Seil aus der Winde gezogen wird. Anschließend folgt eine kurze Einrollphase. Solche Tests sollen zeigen, wie zuverlässig die Technik unter realen Bedingungen arbeitet.
Ein Rückschlag für die Branche
Trotz aller Fortschritte zeigt sich aber auch, wie schwierig der Weg zum Markt ist. Der Hamburger Flugwindpionier SkySails Power musste Ende 2025 Insolvenz anmelden. Eine geplante Finanzierungsrunde war gescheitert. Zum 1. März 2026 stellte das Unternehmen den operativen Betrieb ein. Rund 115 Beschäftigte verloren ihre Arbeitsplätze.
SkySails galt lange als einer der wichtigsten Vertreter der Branche. Das Unternehmen hatte zuvor unter anderem eine Testanlage im nordfriesischen Klixbüll betrieben. Firmengründer Stephan Wrage erklärte dennoch: „Wir sehen weiterhin eine gute Chance, dass es weitergeht.“ Die Patente liegen weiterhin bei der SkySails-Holding. Gespräche mit Investoren laufen weiter. Der Fall zeigt jedoch, wie schwierig der Schritt von der Forschung zum Geschäftsmodell ist.
Ein wachsender Markt – zumindest auf dem Papier
Trotz solcher Rückschläge wächst das Interesse an Flugwindenergie. Marktanalysen schätzen das globale Marktvolumen der Branche für 2025 auf rund 1,1 Milliarden US-Dollar. Bis 2035 könnte der Markt auf mehr als 2,5 Milliarden US-Dollar wachsen.
Auch für Deutschland sehen Studien wirtschaftliche Chancen. Eine Analyse von DIW Econ kommt zu dem Ergebnis, dass eine heimische Flugwindindustrie in den kommenden zehn Jahren eine Wertschöpfung von bis zu 10,5 Milliarden € erzeugen könnte.
Die Technologie passt zu mehreren bestehenden Industriezweigen. Maschinenbau, Luftfahrttechnik und textile Hochleistungsfasern spielen dabei eine wichtige Rolle.
Wo Flugwindkraft zuerst eingesetzt werden könnte
Die Technik muss sich allerdings nicht sofort mit großen Windparks messen. Ihr Vorteil liegt vor allem in speziellen Anwendungen.
Flugwindanlagen sind relativ leicht zu transportieren. Viele Systeme passen in Container. Dadurch können sie auch an Orten eingesetzt werden, die für große Windräder ungeeignet sind.
Dazu gehören beispielsweise:
- abgelegene Regionen
- Inseln
- Baustellen
- Bergbauprojekte
- Katastrophengebiete
In solchen Situationen wird Strom oft mit Dieselgeneratoren erzeugt. Die Kosten können dort deutlich über 200 €/MWh liegen. Flugwindanlagen könnten diese Generatoren zumindest teilweise ersetzen.
Die größte Hürde: Regeln für den Luftraum
Neben technischen Fragen spielt ein anderer Punkt eine wichtige Rolle: der Luftraum. Flugwindanlagen bewegen sich mehrere hundert Meter über dem Boden. Sie müssen deshalb sicher in den Luftverkehr integriert werden.
In Deutschland fehlten dafür lange klare Regelungen. Ein Beispiel ist die Kennzeichnung von Seilen. Nach bisherigem Recht müssten gefesselte Flugkörper regelmäßig mit Flaggen oder Lichtern markiert werden. Bei Flugwindanlagen würde das jedoch die Aerodynamik und Haltbarkeit des Seils beeinträchtigen.
Der Bundesrat hat deshalb Ende 2025 eine Initiative gestartet, um die luftrechtlichen Regeln anzupassen. Die Branche schlägt stattdessen technische Lösungen vor. Dazu gehören etwa Transponder, die Flugwindanlagen für andere Fluggeräte sichtbar machen. Solche Fragen müssen geklärt werden, bevor größere Anlagenparks entstehen können.
Auch die Technik hat noch offene Fragen
Neben der Regulierung stehen Entwickler vor weiteren Herausforderungen. Flugwindanlagen sind komplexe Systeme. Der Drachen muss permanent automatisch gesteuert werden. Böen, Windrichtungsänderungen und Start- und Landemanöver erfordern schnelle Regelalgorithmen.
Hinzu kommen mechanische Belastungen. Seile, Winden und Flügel sind ständig wechselnden Kräften ausgesetzt. Besonders das Seil muss enorme Zugkräfte aushalten und gleichzeitig leicht bleiben. Die Haltbarkeit dieser Komponenten entscheidet darüber, wie wirtschaftlich die Anlagen am Ende arbeiten.
Braucht die Energiewende diese Technik überhaupt?
Klassische Windkraft und Solarenergie liefern bereits heute große Mengen günstigen Stroms. Weltweit deckt Windenergie inzwischen etwa 12 % des Strombedarfs. Flugwindanlagen müssen deshalb nicht beweisen, dass Windenergie sinnvoll ist. Sie müssen zeigen, dass sie an bestimmten Standorten Vorteile bieten.
Ein möglicher Vorteil ist der Zugang zu stärkeren Höhenwinden. Einige Konzepte gehen von bis zu 6000 Volllaststunden pro Jahr aus. Ein weiterer Punkt ist die Akzeptanz. Da keine hohen Türme benötigt werden, wirken Flugwindanlagen in der Landschaft weniger dominant. Ob diese Vorteile ausreichen, entscheidet letztlich der Preis pro Kilowattstunde.
Wann Flugdrachen wirklich Strom liefern könnten
Die ehrliche Antwort lautet: teilweise schon heute – aber noch nicht im großen Stil. Pilotanlagen laufen bereits. Demonstrationsprojekte entstehen in mehreren Ländern. Erste Kunden testen mobile Systeme. Für einen breiten kommerziellen Einsatz ist es jedoch noch zu früh.
In den kommenden Jahren wird sich zeigen, ob Systeme im Bereich von etwa 100 kW zuverlässig arbeiten und wirtschaftlich betrieben werden können. Gelingt das, könnten erste Nischenmärkte entstehen. Dazu gehören Off-Grid-Anwendungen oder mobile Stromversorgung.
Ein größerer Einsatz im Stromsystem dürfte erst später folgen. Realistisch erscheint ein Zeitraum gegen Ende dieses Jahrzehnts oder in den frühen 2030er Jahren.
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