10.000 t pro Jahr: Salzgitter wird Großkunde für Emdens Wasserstoff-Giganten
In Emden baut EWE Deutschlands größten Elektrolyseur. Nun steht auch der erste Großabnehmer fest. Was der Vertrag bedeutet – und welche Lücke er offen lässt.
Unterzeichnung in Berlin: Gitta Connemann (BMWE), Stefan Dohler (EWE), Gunnar Groebler (Salzgitter AG) und Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (v.l.n.r.) besiegeln den ersten Großabnahmevertrag für grünen Wasserstoff in Deutschland.
Foto: Gerd Markert Fotografie
UPDATE: 09. Juni 2026
Darauf hat die Wasserstoffwirtschaft lange gewartet: EWE und Salzgitter haben einen langfristigen Liefervertrag über grünen Wasserstoff vereinbart. Ab 2030 soll der im Bau befindliche 320-MW-Elektrolyseur in Emden jährlich rund 10.000 t grünen Wasserstoff an Salzgitter liefern, mit einer Option auf spätere Aufstockung auf bis zu 30.000 t. Die Vertragslaufzeit beträgt zunächst sieben Jahre.
Es ist der erste Großabnahmevertrag für grünen Wasserstoff aus Deutschland. Damit löst sich an einer Stelle der Henne-Ei-Knoten, der den Wasserstoffhochlauf seit Jahren bremst: kein Abnehmer ohne Erzeuger, kein Erzeuger ohne Abnehmer.
Allerdings deckt der Vertrag nur rund 6,5 % des Wasserstoffbedarfs, den das Salzgitter-Transformationsprogramm Salcos in seiner letzten Stufe hat. Zudem steht er unter dem Vorbehalt einer RFNBO-Zertifizierung, deren Kriterien gerade geprüft werden.
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Der Vertrag im Detail
Vereinbart wurden zunächst rund 10.000 t pro Jahr ab 2030, transportiert über das Wasserstoff-Kernnetz von Emden nach Salzgitter. Zudem gibt es laut den Unternehmen die Option, auf bis zu 30.000 t aufzustocken. „Wieder einmal haben wir ein Henne-Ei-Dilemma aufgelöst und eine unternehmerisch bedeutende Entscheidung getroffen“, erklärte Salzgitter-Vorstandschef Gunnar Groebler in Berlin. „Ohne erste Lieferverträge wird sich keine deutsche Wasserstoffwirtschaft entwickeln.“
Der Wasserstoff soll in der neuen Direktreduktionsanlage von Salzgitter zum Einsatz kommen, die ab Mitte 2027 auf dem Hüttengelände in Betrieb gehen soll. Anstelle der herkömmlichen Hochofen-Route mit Kohle und Koks reduziert sie das Eisenerz mit Erdgas und schrittweise mit Wasserstoff – statt CO₂ entsteht Wasser.
EWE-CEO Stefan Dohler bezeichnete den Vertrag als „Meilenstein, aber noch nicht das Ziel“: „Er zeigt, dass Angebot und Nachfrage für grünen Wasserstoff zusammenfinden können. Jetzt müssen wir dieses Momentum nutzen, weitere industrielle Partnerschaften auf den Weg bringen und den Markt Schritt für Schritt aufbauen.“

Salcos braucht 150.000 t pro Jahr
So viel Erleichterung der Vertrag auch auslöst: Alleine das Stahlprogramm von Salzgitter braucht im Vollausbau bis zu 150.000 t Wasserstoff pro Jahr. EWE liefert rund 10.000 t, eine eigene 100-MW-Elektrolyseanlage auf dem Hüttengelände soll weitere 9.000 t erzeugen. Gemeinsam decken die beiden Quellen also nur rund 13 % des Bedarfs. Selbst bei Ausschöpfung der Option auf 30.000 t wären es nur 26 %.
Woher die übrigen rund 110.000 t kommen sollen, adressieren weder die Salzgitter AG noch EWE öffentlich. Möglich wären:
- Lieferungen aus weiteren deutschen Großelektrolyseuren
- Wasserstoffimporte über Pipelines aus Nord– oder Südeuropa (insbesondere Spanien)
- Schiffstransporte von Flüssigwasserstoff oder Wasserstoff-Derivaten aus Übersee.
Alle drei Routen sind heute aber noch im Aufbau. Groebler verbindet den Vertragsschluss denn auch mit einem Appell: Es bedürfe „nach wie vor umfassender Maßnahmen, um die Kostenlücke zu schließen und unternehmerische Risiken zu minimieren. Ansonsten bleibt dieser Vertrag eine Ausnahme.“

1,2 Mrd. € Förderung
Möglich wurde der Vertragsabschluss durch öffentliche Gelder in erheblicher Höhe. Der Bund fördert den Umbau der Stahlproduktion bei Salzgitter mit 925 Mio. € und die Wasserstofferzeugung in Emden mit 267 Mio. €. Hinzu kommen Mittel aus dem europäischen IPCEI-Programm (Important Project of Common European Interest).
Der Deutsche Wasserstoff-Verband (DWV) wertet den Vertrag als wichtiges Signal. Der Vorstandsvorsiteznde Andreas Kuhlmann erklärte: „Genau daraus wächst Marktwirtschaft: Produzenten finden Abnehmer, Abnehmer schaffen Nachfrage, Infrastruktur bekommt Auslastung.“ Sowohl EWE als auch Salzgitter sind Mitglieder im DWV.
Im Bundeswirtschaftsministerium dürfte Katherina Reiche (CDU) den Vorgang aufmerksam verfolgen. Sie war bis zu ihrem Amtsantritt Vorsitzende des Nationalen Wasserstoffrates (NWR) und kennt die Sorgen der Branche aus erster Hand. Ob sie auf europäischer Ebene Mehrheiten für eine Reform der strengen RFNBO-Kriterien für grünen Wasserstoff organisieren kann, ist die offene Frage des Jahres.

Wer die Anlage baut
Am 12. Mai hatte der Oldenburger Energieversorger die letzte große Vergabe für den Emden-Elektrolyseur unterzeichnet: Der Anlagenbauer Bilfinger übernimmt Planung, Lieferung, Installation und Inbetriebnahme der Balance-of-Plant-Komponenten – also alles, was die Elektrolysestacks und Verdichter zu einer funktionierenden Anlage verbindet. Dazu zählen Stahlbau, Wasseraufbereitung, Kühlsysteme, Gasaufbereitung, Leittechnik sowie mehrere Kilometer an Rohrleitungen.
Wer übernimmt die weiteren Gewerke des Großprojektes? Ein Überblick:
- Elektrolyse (Siemens Energy)
- Verdichter (Neuman & Esser)
- Tief- und Hochbau (ARGE Ludwig Freytag, Gebrüder Neumann und MBN)
Zum Vergleich: Der aktuell größte in Betrieb befindliche Elektrolyseur Deutschlands steht bei BASF in Ludwigshafen und kommt auf 54 MW Leistung. Mit 320 MW und rund 26.000 t jährlicher Produktion spielt Emden in einer anderen Liga.
Die Inbetriebnahme ist für Ende 2027 geplant. Allerdings stehen noch wichtige Genehmigungen aus, unter anderem nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz und wasserrechtliche Erlaubnisse.
Clean Hydrogen Coastline: EWEs Masterplan
Der Elektrolyseur ist Teil des Großvorhabens „Clean Hydrogen Coastline“. Die Idee: Wasserstoff nicht nur erzeugen, sondern auch speichern und transportieren. So soll ein geschlossenes System entstehen, das die typischen Henne-Ei-Probleme des Markthochlaufs umgeht.
- Elektrolyse Ostfriesland: 320-MW-Elektrolyseur in Emden, Inbetriebnahme Ende 2027
- Speicher Huntorf: Umrüstung einer Salzkaverne zur großtechnischen Wasserstoffspeicherung
- H2-Pipeline-Infrastruktur Nordwest: Anbindung an das deutsche und europäische Wasserstoffkernnetz
Insgesamt investiert EWE bis zu 1 Mrd. € in Clean Hydrogen Coastline. Mit 37 Salzkavernen verwaltet das Unternehmen außerdem über 15 % der deutschen Erdgas-Kavernenspeicher – sie alle eignen sich potenziell zur Wasserstoffspeicherung.
Der norwegische Konzern Statkraft hatte 2025 seine beiden Emder Elektrolyseur-Projekte auf Eis gelegt und sucht nun nach Investoren. EWE ist damit der einzige Wasserstoffproduzent am Nordsee-Standort. Der Vorteil: Hier fällt häufig Windstrom aus Offshore-Feldern an, den das Netz nicht aufnehmen kann. Diesen Überschussstrom in grünen Wasserstoff umzuwandeln, ist ein Eckpfeiler in EWEs Kalkül. Allerdings gibt es an der Stelle auch einen Haken.
50 % Mehrkosten und der RFNBO-Vorbehalt
Das Hauptrisiko des Vertrags steht in einem Nebensatz der Pressemitteilung: Die Lieferung steht unter dem Vorbehalt einer RFNBO-Zertifizierung. Die EU-Regeln zur Zusätzlichkeit (Additionalität) und Zeitgleichheit (Korrelation) beim Strombezug für grünen Wasserstoff (sogenannte RFNBO-Kriterien) schreiben vor, dass Elektrolyseure ihren Strom aus neuen Erneuerbare-Energien-Anlagen beziehen und die Produktion stündlich mit der Stromerzeugung abgleichen müssen. Ein flexibler, preisoptimierter Betrieb ist damit kaum möglich.
EWE-Vorstandschef Dohler hatte schon 2025 dem Fachportal H2News vorgerechnet, dass die Kriterien die Produktionskosten in Emden um etwa 88 % erhöhen würden – pro Kilogramm Wasserstoff seien das über 50 % Mehrkosten. Die Anlage in Emden profitiert allerdings noch bis 2030 vom Bestandsschutz. Erst danach greifen die strengeren Vorgaben – doch genau dann soll die Salzgitter-Lieferung beginnen.
Beide Unternehmen fordern, die Übergangsfristen bei der Zusätzlichkeit zu verlängern und die stündlichen Stromvorgaben flexibler zu gestalten. Und tatsächlich plant die EU-Kommission laut einem im April 2026 öffentlich gewordenen Aktionsplan eine Überprüfung ihrer RFNBO-Kriterien ab dem zweiten Quartal 2026, rund zwei Jahre früher als ursprünglich vorgesehen.
Was sich laut Industrie ändern muss
Neben der RFNBO-Reform fordern EWE und Salzgitter:
- wettbewerbsfähige Strompreise für Elektrolyseure
- eine frühzeitige Verlängerung der Strompreiskompensation
- politische Instrumente, die die Wasserstoffnachfrage ankurbeln, etwa Quoten für grünen Stahl und weitere Industrieprodukte mit reduziertem CO₂-Fußabdruck.
EWE-Chef Dohler formuliert es so: „Wenn wir wollen, dass aus einzelnen Projekten ein Markt wird, brauchen wir sinnvolle Strombezugskriterien, funktionierende Leitmärkte und Investitionssicherheit für großtechnische Speicher.“
DWV-Vorstand Kuhlmann ergänzt die Liste um den termingerechten Aufbau des Wasserstoff-Kernnetzes – ohne das Netz nützt der Vertrag wenig, weil dann die Lieferung von Emden nach Salzgitter physisch nicht möglich ist. „Der Liefervertrag zeigt, was möglich ist. Jetzt kommt es darauf an, aus solchen Leuchttürmen eine breite industrielle Bewegung zu machen“, so Kuhlmann.
Bis dahin bleibt der Vertrag zwischen EWE und Salzgitter, was er ist: ein wichtiges erstes Signal. Aber eines, das ohne Nachfolger einsam aussehen würde.
Der Aufbau einer industriellen Wasserstoffwirtschaft ist eine der zentralen Aufgaben für die Zukunftsfähigkeit des Technologiestandorts Deutschland. Die VDI-Initiative „Zukunft Deutschland 2050″ begleitet diese Transformation mit faktenbasierten Analysen und Handlungsempfehlungen für Politik und Wirtschaft.

Mehr zur Initiative erfahren Sie hier: https://www.vdi.de/themen/zukunft-deutschland-2050
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