45.000 Fußballplätze und jeder könnte Wärme liefern
Gas ersetzen mit Geothermie: Unter 45.000 Fußballfeldern steckt genug Energie für ganze Quartiere. In Berlin startet ein Vorzeigeprojekt.
Wärme unter dem Rasen: Ein Berliner Projekt zeigt, welches Potenzial in 45.000 Fußballplätzen für die Wärmewende steckt.
Foto: Technocare
Am Maikäferpfad in Berlin entsteht ein Projekt, das Sie so auf einem Fußballplatz nicht erwarten würden. Unter dem Rasen installiert der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf derzeit eine großflächige Erdwärmeanlage. Künftig versorgt sie drei Schulgebäude und eine Turnhalle mit erneuerbarer Wärme. Gasheizungen werden überflüssig.
Die Idee ist technisch naheliegend, politisch jedoch lange unterschätzt worden: Große, unbebaute Flächen speichern im Sommer erhebliche Mengen Umweltwärme im Boden. Warum diese Energie nicht systematisch nutzen?
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Wärme aus 1,5 m Tiefe
In 1,5 m Tiefe verlegt das beauftragte Unternehmen 8800 horizontale Hochleistungs-Erdkollektoren. Sie liegen unter dem Spielfeld und entziehen dem Erdreich gespeicherte Wärme. Im Herbst misst der Boden dort typischerweise 12 bis 15 °C. Das reicht aus, um mit Wärmepumpen effizient zu arbeiten.
Die Anlage speist ein sogenanntes kaltes Nahwärmenetz. „Kalt“ bedeutet: Das Netz transportiert Niedertemperaturwärme. Erst in den Gebäuden heben Wärmepumpen das Temperaturniveau auf Heizniveau an. Vier Geräte mit jeweils 100 bis 150 kW Leistung übernehmen diese Aufgabe.
Die installierte Entzugsleistung liegt bei 477 kW. Pro Jahr ersetzt das System rund 118.000 m³ Erdgas. Das entspricht etwa 1,23 GWh und spart rund 180 t CO₂ ein.
Dipl.-Ing. Michael Roos vom Planungsbüro TechnoCare sagt: „Dieses Leuchtturmprojekt macht sichtbar, welches Potenzial in großflächiger, intelligent geplanter Erdwärmenutzung für öffentliche Gebäude steckt. Und das in einem dicht besiedelten Innenstadtgebiet wie Berlin.“
Warum Sportplätze besonders geeignet sind
Ein Fußballfeld misst rund 7000 m². In Deutschland gibt es etwa 45.000 Fußball- und Bolzplätze, dazu rund 44.000 Tennisplätze. Selbst wenn nur 10 % dieser Flächen erschlossen würden, ergäbe sich eine relevante Wärmequelle für Kommunen.
Sportflächen bieten mehrere Vorteile:
- Sie sind groß, eben und meist frei von tiefen Fundamenten.
- Sie werden regelmäßig saniert – Naturrasen alle 5 bis 15 Jahre.
- Bei Kunstrasen steigt der Sanierungsdruck zusätzlich durch das EU-Mikroplastikverbot ab 2031.
Wenn ohnehin Erdarbeiten anstehen, lassen sich Kollektoren mit geringem Zusatzaufwand integrieren. Der Sportbetrieb bleibt langfristig erhalten. Oberirdisch ist die Technik unsichtbar.
Technisch setzen die Planer auf horizontale Flächenkollektoren. Anders als vertikale Erdsonden konkurrieren sie nicht um denselben Untergrund. Es gibt keine „Kannibalisierung“ durch benachbarte Bohrungen. Im Sommer regeneriert sich das Erdreich vollständig.
1,1 GWh pro Jahr und Platz
Je nach Auslegung liefert ein einzelner Platz etwa 1,1 GWh pro Jahr bei einlagiger Verlegung. Bei zweilagiger Anordnung sind bis zu 2,0 GWh möglich. Das reicht für 50 bis 80 Einfamilienhäuser oder mehrere öffentliche Gebäude.
Volkmar Frotscher, Fachberater für regenerative Energiesysteme, erläutert: „Ein einzelner Fußballplatz kann – je nach Auslegung – genug Wärme liefern, um 50 bis 80 Einfamilienhäuser oder mehrere öffentliche Gebäude wie Schulen, Kitas oder Sporthallen zu versorgen. In Kombination mit kalten Nahwärmenetzen lassen sich dabei hohe Effizienzwerte erzielen, insbesondere im Gebäudebestand.“
Die Jahresarbeitszahl (JAZ) liegt im kalten Nahwärmenetz typischerweise zwischen 4 und 5. Das heißt: Aus 1 kWh Strom entstehen 4 bis 5 kWh Wärme. Bei Hochtemperatur-Fernwärme mit 90 °C sinkt die Effizienz auf etwa 2.
Wirtschaftlichkeit entscheidet
Die Investitionskosten für eine vergleichbare einlagige Anlage inklusive Wärmepumpen und Leitungsnetz liegen bei rund 2,7 Mio. €. Förderprogramme wie BEG oder BEW ermöglichen Zuschüsse von bis zu 50 %.
Mit 50 % Förderung rechnet sich das Modell je nach Energiepreisentwicklung in etwa 10 bis 16 Jahren. Steigende Gaspreise verkürzen die Amortisationszeit deutlich. Gleichzeitig bleiben die Wärmegestehungskosten langfristig stabil, da der Energieträger – Umweltwärme – nichts kostet.
Die Kollektoren selbst sind auf eine Lebensdauer von bis zu 100 Jahren ausgelegt. Das verschiebt die Betrachtung weg von kurzfristigen Investitionen hin zu langfristiger Infrastruktur.
Baustein für die kommunale Wärmeplanung
Die kommunale Wärmeplanung zwingt Städte derzeit, ihre Energiequellen systematisch zu analysieren. Dichte Innenstadtquartiere gelten als schwierig, weil Flächen knapp sind. Das Projekt in Berlin zeigt, dass bestehende Infrastrukturen nutzbar sind.
Das Wärmenetz am Maikäferpfad ist rund 2 km lang und arbeitet mit ungedämmten Leitungen. Das ist möglich, weil die Temperaturen niedrig sind. Wärmeverluste spielen hier eine untergeordnete Rolle.
Die Anlage wurde bewusst als übertragbares Modell konzipiert. Die Technik ist standardisiert. Die Planung folgt klaren Prinzipien. Ob Großstadt oder Mittelzentrum, die Voraussetzungen sind oft ähnlich.
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