Strom aus Vibrationen 19.03.2026, 06:39 Uhr

Fünffache Leistung: Neue Piezo-Schicht bringt autarke Sensoren voran

Neue bleifreie Piezo-Schicht steigert Energieausbeute um Faktor fünf und bringt autarke Sensoren ohne Batterie näher an die Praxis.

Mithilfe einer in der Halbleiterfertigung weit verbreiteten Sputtertechnik entwickelten Forschende hochwertige, bleifreie piezoelektrische Einkristall-Dünnschichten direkt auf handelsüblichen Siliziumwafern

Mithilfe einer in der Halbleiterfertigung weit verbreiteten Sputtertechnik entwickelten Forschende hochwertige, bleifreie piezoelektrische Einkristall-Dünnschichten direkt auf handelsüblichen Siliziumwafern.

Foto: Osaka Metropolitan University

Sensoren, die sich selbst mit Energie versorgen, gelten als ein zentrales Bauteil für das Internet der Dinge. In der Praxis scheitert das oft an der Stromversorgung. Batterien müssen gewartet oder ersetzt werden – genau das will man eigentlich vermeiden. Ein Forschungsteam aus Osaka zeigt jetzt, wie sich dieses Problem zumindest technisch entschärfen lässt.

Die Forschenden haben eine piezoelektrische Dünnschicht entwickelt, die mechanische Schwingungen deutlich effizienter in elektrische Energie umwandelt als bisherige bleifreie Materialien. Entscheidend: Das Ganze funktioniert direkt auf handelsüblichen Siliziumwafern.

Piezo ja – aber bitte ohne Blei

Piezoelektrische Materialien erzeugen elektrische Spannung, wenn sie mechanisch verformt werden. Das Prinzip ist etabliert und steckt in vielen Anwendungen – von Sensoren bis zu Aktoren. In der Mikroelektronik spielen solche Materialien vor allem in MEMS eine Rolle.

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Das Problem ist seit Jahren bekannt: Die leistungsstärksten Systeme basieren meist auf bleihaltigen Materialien wie PZT. Technisch funktionieren sie gut, ökologisch und regulatorisch sind sie schwierig.

„Obwohl piezoelektrische Materialien bereits überall um uns herum zu finden sind, basieren die leistungsstärksten davon immer noch auf Blei“, sagt Studienleiter Takeshi Yoshimura. Bleifreie Alternativen wie Bismutferrit (BiFeO₃) sind zwar verfügbar, liefern aber bislang weniger Leistung und zeigen unerwünschte Leckströme.

Spannung wird zum Werkzeug

Der Ansatz der Forschenden dreht ein bekanntes Problem um. Wenn Bismutferrit auf Silizium abgeschieden wird, entstehen beim Abkühlen Zugspannungen. Diese verschlechtern normalerweise die piezoelektrischen Eigenschaften. Das Team nutzt genau diese Spannung gezielt aus.

„Anstatt zu versuchen, Zugbeanspruchung zu vermeiden, haben wir versucht, sie zu unserem Vorteil zu nutzen“, so Yoshimura.

Durch eine gezielte Dotierung mit Mangan und eine präzise Prozessführung erzwingen die Forschenden einen Phasenwechsel im Kristall. Die Struktur kippt von einer rhomboedrischen in eine monokline Phase. Das klingt abstrakt, hat aber eine klare Wirkung: Die Kopplung zwischen mechanischer Bewegung und elektrischer Ladung wird stärker.

Messbar wird das am piezoelektrischen Koeffizienten. Der erreicht Werte von bis zu –6,0 C/m² – ein Spitzenwert für dieses Materialsystem.

Mit Standard-Silizium kompatibel

Viele Materialansätze scheitern daran, dass sie sich nicht in bestehende Prozesse integrieren lassen. Hier sieht es anders aus.

Die Dünnschichten entstehen vollständig per Sputtern, also mit einem Verfahren, das in der Halbleiterfertigung etabliert ist. Die Forschenden variieren dabei Zusammensetzung und Temperatur direkt über den Wafer hinweg. So lassen sich optimale Bedingungen deutlich schneller finden als mit klassischen Einzelversuchen. Laut Forschungsteam ist das Ergebnis grundsätzlich mit Standard-Silizium kompatibel.

Die wichtigsten Kennzahlen

Entscheidend ist, was am Ende im System passiert. Deshalb hat das Team die Schichten direkt in MEMS-Energie-Harvester integriert.

Die wichtigsten Kennzahlen:

  • elektromechanischer Kopplungsfaktor K²: etwa 0,5 %
  • mechanischer Gütefaktor Qm: rund 536
  • kombinierte Kennzahl K²Qm: 2,7

Damit liegt die Kopplung etwa fünfmal höher als bei vergleichbaren Bismutferrit-Systemen.  Gleichzeitig erreichen die Bauteile mehr als 90 % der theoretisch möglichen Leistung.

Zum Vergleich: Klassische PZT-Schichten liefern weiterhin höhere absolute Piezo-Werte, sind aber bleihaltig. Aluminium-Nitrid-Systeme sind robust, erreichen aber meist geringere Kopplungseffekte. Die neue Schicht positioniert sich genau dazwischen.

Nicht nur für ideale Schwingungen

Viele Energy-Harvester funktionieren am besten bei einer festen Frequenz. Das passt selten zur Realität. Maschinen vibrieren unregelmäßig, Stöße treten sporadisch auf.

Hier zeigt die neue Schicht ihre Stärke. Sie reagiert stabil auf kontinuierliche Schwingungen und auf kurze Impulse. Gleichzeitig klingt das System schneller ab. Das bedeutet: Es ist schneller wieder bereit, neue Energie aufzunehmen.

Wo das konkret helfen kann

Die neue Piezo-Schicht kann überall dort zum Einsatz kommen, wo Sensoren sich selbst versorgen sollen.

Typische Szenarien sind:

  • Industrieanlagen, bei denen Sensoren schwer zugänglich sind
  • verteilte IoT-Systeme ohne Wartungszugang
  • Wearables mit sehr niedrigem Energiebedarf

„Wir wollen die Anwendungsmöglichkeiten auf intelligente Sensoren und autarke Geräte ausweiten“, sagt Yoshimura.

Ganz ohne Einschränkungen kommt der Ansatz nicht aus. Die absoluten Leistungswerte liegen weiterhin unter klassischen bleihaltigen Systemen. Und auch die Prozessstabilität in der Großserie muss sich erst noch zeigen.

Hier geht es zur Originalpublikation

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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