Statt Erdgas 14.08.2026, 11:30 Uhr

Chemiewende in Krefeld: Wie Lanxess ohne Elektrolyseur auf Wasserstoff umstellt

In Krefeld-Uerdingen befeuert Lanxess erstmals eine Großanlage mit Wasserstoff statt Erdgas. Dabei kann das Unternehmen dank einer Kooperation mit seinem Nachbarn auf eine eigene Elektrolyse verzichten.

Zwei Chemieingenieure vor Pipeline

Die neue Leitung bringt Wasserstoff aus Covestros Chlorelektrolyse zum Lanxess-Sprühtrockner nebenan. Michael Ertl (Lanxess, l.) und Rob Eek (Covestro, r.) vor der Verbindung.

Foto: Lanxess

Ob er rote Asphalt vor dem Buckingham Palace oder die Fassade des Soccer-City-Stadions in Johannesburg: Die Farbe darin stammt oft aus Krefeld-Uerdingen. Seit 1926 werden dort Eisenoxidpigmente produziert; mit rund 300.000 t Jahreskapazität bezeichnet sich Lanxess heute als Weltmarktführer. Am Ende des Prozesses müssen die Pigmente getrocknet werden, und das erledigt ein Sprühtrockner, dessen Brenner bislang mit Erdgas lief. Seit wenigen Tagen brennt dort Wasserstoff.

Wie der Spezialchemiekonzern am 11. August mitteilte, ist der Sprühtrockner damit nach eigener Einschätzung eine der ersten großtechnischen Industrieanlagen in Deutschland, die Wasserstoff im Dauerbetrieb als Brennstoff nutzen. Rund 6000 t CO₂ pro Jahr will Lanxess so einsparen.

Das Besondere: Der Konzern hat dafür weder einen Elektrolyseur gebaut noch grünen Wasserstoff am Markt eingekauft. Das Gas fällt nebenan quasi als Abfallprodukt an, in der Chlorproduktion von Covestro.

Top Stellenangebote

Zur Jobbörse
Spritz-Plast GmbH-Firmenlogo
Bauingenieur (m/w/d) Spritz-Plast GmbH
Laufenburg (Baden) Zum Job 
Schmoll Maschinen GmbH-Firmenlogo
Support-Techniker/-Ingenieur (m/w/d) LED-Lithographieanlagen Schmoll Maschinen GmbH
Rödermark Zum Job 
WipflerPLAN Planungsgesellschaft mbH-Firmenlogo
Planungsleiter / Projektleiter (m/w/d) für Kläranlagen mit Schwerpunkt Ingenieurbau WipflerPLAN Planungsgesellschaft mbH
verschiedene Einsatzorte Zum Job 
WipflerPLAN Planungsgesellschaft mbH-Firmenlogo
Planungsleiter / Projektleiter (m/w/d) für Kläranlagen mit Schwerpunkt Verfahrenstechnik WipflerPLAN Planungsgesellschaft mbH
verschiedene Einsatzorte Zum Job 
Hochschule Reutlingen-Firmenlogo
W2-Professur (m/w/x) Energiewirtschaft und Energienetze Hochschule Reutlingen
Reutlingen Zum Job 
OST  Ostschweizer Fachhochschule-Firmenlogo
Professor/in für Integrierte Digitale Systeme OST Ostschweizer Fachhochschule
Rapperswil Zum Job 
Clariant Produkte (Deutschland) GmbH-Firmenlogo
Projektmanager (M/W/D) - Engineering & Process Technology Clariant Produkte (Deutschland) GmbH
Burgkirchen an der Alz Zum Job 
Thüringer Landgesellschaft mbH-Firmenlogo
Leiter Geschäftsbereich Planung / Bau (m/w/d) Thüringer Landgesellschaft mbH
DMT-Gesellschaft für Lehre und Bildung mbH-Firmenlogo
Professur (m/w/d) für Mess-, Steuerungs- und Regelungstechnik DMT-Gesellschaft für Lehre und Bildung mbH
HUESKER Synthetic GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Bau- oder Umweltingenieur (m/w/d) HUESKER Synthetic GmbH & Co. KG
Gescher Zum Job 
Bergische Universität Wuppertal-Firmenlogo
Wissenschaftliche*r Mitarbeiter*in (Doktorand*in) Lehrstuhl für Werkstoffe für die Additive Fertigung Bergische Universität Wuppertal
Wuppertal Zum Job 
Dekra Automobil GmbH-Firmenlogo
Sachkundiger Prüfmittelüberwachung / Kalibriertechniker (m/w/d) Dekra Automobil GmbH
Dortmund Zum Job 
Dekra Automobil GmbH-Firmenlogo
Prüfingenieur Fahrzeuge / Kfz Sachverständiger (m/w/d) Dekra Automobil GmbH
Dortmund Zum Job 
Dekra Automobil GmbH-Firmenlogo
(Ausbildung) Sachverständiger Anlagensicherheit AwSV (m/w/d) Dekra Automobil GmbH
Dortmund Zum Job 
Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr-Firmenlogo
Ingenieurin / Ingenieur mit Bachelor - Beamten - Ausbildung (m/w/d) Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr
deutschlandweit Zum Job 
Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr-Firmenlogo
Ingenieurin / Ingenieur mit Bachelor in Informatik / Elektrotechnik - Beamten - Ausbildung (m/w/d) Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr
deutschlandweit Zum Job 
BJ Automotive GmbH-Firmenlogo
Senior Konstrukteur Automotive - Baugruppenentwicklung (m/w/d) - Hoher Reiseanteil nach China BJ Automotive GmbH
Kirchardt Zum Job 
Tadano Demag GmbH-Firmenlogo
Produktionstechniker (m/w/d) - Welding Technology Tadano Demag GmbH
Zweibrücken Zum Job 
Wirtgen GmbH-Firmenlogo
Product Safety & Compliance Engineer (m/w/d) - R&D Wirtgen GmbH
Windhagen Zum Job 
Hochschule Düsseldorf-Firmenlogo
Vertretungsprofessur "Haus-, Energie- und Anlagentechnik" Hochschule Düsseldorf
Düsseldorf Zum Job 

Was Lanxess umgebaut hat

Den Wasserstoffbrenner hat Lanxess nach eigenen Angaben Ende 2025 installiert und seitdem schrittweise hochgefahren. Die Anlage sei so ausgelegt, dass sie vollständig mit Wasserstoff laufen könne. Zum Umbau gehörten eine eigene Wasserstoffleitung von Covestro herüber, angepasste Brenner- und Messregeltechnik sowie zusätzliche Sicherheits- und Steuerungssysteme.

„Der Schritt vom Erdgas- zum Wasserstoffbrenner markiert für uns einen technologischen Meilenstein hin zu treibhausgasarmen Prozessen“, so Michael Ertl, Leiter des Geschäftsbereichs Inorganic Pigments bei Lanxess. „Wir zeigen damit, dass die Dekarbonisierung der Industrie nicht nur in Modellprojekten funktioniert, sondern im laufenden Betrieb großer Produktionsanlagen.“

Was der Umbau gekostet hat, nennt der Konzern nicht. Auch zur Größe des Trockners macht er keine Angaben: weder Brennerleistung noch Durchsatz, und auch nicht, wie viel Wasserstoff die Anlage verbraucht. Nach eigener Rechnung lässt sich Letzteres abschätzen: 6000 t CO₂ entsprechen knapp 30 GWh Erdgas, energetisch ersetzt der Trockner damit in der Größenordnung von 900 t Wasserstoff pro Jahr.

Lesen Sie auch:

Chemiewende anderswo

Wie neu das Ganze ist, lässt sich von außen schwer beurteilen. Der Glaskonzern Schott schmolz im März 2024 in Mainz erstmals optisches Glas in einer komplett wasserstoffbeheizten Schmelzwanne, allerdings über drei Tage und mit grauem Wasserstoff, wie das Unternehmen selbst mitteilte. Der Kesselhersteller Bosch Industriekessel wiederum beschreibt die Wasserstoffnutzung in Kesselanlagen als geläufige Technologie in Branchen, in denen das Gas als Nebenprodukt chemischer Prozesse anfällt, und verweist auf ausgelieferte Anlagen für Chemie- und Pharmakunden.

Der von Lanxess kommunizierte Superlativ bezieht sich also auf eine enge Prozesskategorie. Eine belastbare Übersicht, wer sonst noch dazugehört, existiert nicht.

Warum ein Erdgasbrenner nicht einfach Wasserstoff verbrennen kann

Warum musste Lanxess für die Umstellung Brenner, Regelungs- und Sicherheitstechnik tauschen? Wasserstoff verbrennt anders als Erdgas.

  • Bosch Industriekessel nennt in einem Fachbericht die wesentlichen Punkte: Die Flamme ist mit rund 2000 °C heißer, was die Bildung von Stickoxiden begünstigt und abgasseitige Gegenmaßnahmen wie eine Abgasrezirkulation erfordert.
  • Das Gas zündet und brennt schneller, weshalb Feuerungsanlagen eine Flammenrückschlagsicherung brauchen, damit die Flamme nicht in die Brennstoffleitung zurückläuft.
  • Ein Kubikmeter Wasserstoff liefert nur etwa ein Drittel des Energieinhalts von Erdgas, daher muss die Anlage das dreifache Gasvolumen bereitstellen, was Leitungen, Düsen und Brennergebläse betrifft.
  • Wasserstoff diffundiert durch viele Werkstoffe. Der Brennstoffwechsel erfordert daher nicht nur einen Ventiltausch, sondern den Umbau des Feuerungssystems.

Woher der Wasserstoff kommt

Covestro betreibt in Krefeld-Uerdingen eine Chlor-Alkali-Elektrolyse (CAE). Dabei leitet man Gleichstrom durch eine Salzlösung. Heraus kommen drei Produkte: Chlor, Natronlauge und Wasserstoff. Pro Tonne Chlor fallen in der Regel etwa 28 kg Wasserstoff in einer Reinheit von über 99,5 % an.

Europas Chlorfabriken erzeugen nach jüngsten Daten die gewaltige Menge von rund 224.000 t Wasserstoff pro Jahr, ihre Kapazität beziffert der Branchenverband Euro Chlor auf etwa 270.000 t. Das ist etwa fünfmal so viel wie alle Wasserelektrolyseure des Kontinents zusammen produzieren. Ein Teil davon bleibt sogar ungenutzt, laut Euro Chlor waren es zuletzt 13,2 % oder rund 30.000 t. Die CAE lässt sich daher als Europas größte unerschlossene Wasserstoffquelle bezeichnen.

In Krefeld sind die Wege für den Transport dieses Nebenprodukts kurz. Lanxess und Covestro arbeiten seit Langem am selben Standort zusammen. So liefert Covestro Nitrobenzol für die Pigmentproduktion, Lanxess schickt das dabei entstehende Anilin als Kunststoffrohstoff zurück. Der Wasserstoff erweitert diesen Kreislauf nun um eine klimarelevante Komponente. „Das Projekt zeigt, dass Industriepartner in einem Verbundstandort den Wandel hin zu einer klimaschonenden Produktion besonders erfolgreich gestalten können“, sagt Rob Eek, Produktionsleiter von Covestro in Krefeld-Uerdingen.

Wie klimafreundlich ist das wirklich?

Die 6000 t Einsparung beziehen sich auf das ersetzte Erdgas: Bei der Verbrennung von Wasserstoff entsteht kein CO₂. Wie klimafreundlich das Gas selbst ist, hängt allerdings am Strom, mit dem Covestros Elektrolyse läuft. Zu dessen Herkunft macht die Mitteilung keine Angaben, von „grünem“ Wasserstoff im regulatorischen Sinn ist dort auch nicht die Rede.

Ein Teilbild liefern frühere Mitteilungen beider Konzerne: Seit Anfang 2023 bezieht Lanxess Chlor, Natronlauge und Wasserstoff aus ISCC-PLUS-zertifizierten Covestro-Standorten, darunter Krefeld-Uerdingen. Rund ein Drittel dieser Liefermenge stellt Covestro nach eigenen Angaben mit Strom aus Wasserkraft auf Basis von Herkunftsnachweisen her. Ob diese Vereinbarung auch das Gas für den Sprühtrockner abdeckt, sagen die Unternehmen nicht; die Kooperation von 2023 zielte auf Rohstoffe für die Produktion, nicht auf Brennstoff. Und ISCC PLUS ist ein Massenbilanzstandard für die Rückverfolgbarkeit, der nicht mit der RFNBO-Einstufung der EU gleichzusetzen ist.

Relevant ist das Projekt trotzdem, denn es zielt auf die größte Baustelle der Industrie. Rund zwei Drittel ihres Endenergiebedarfs setzt die deutsche Industrie für Prozesswärme ein, gut 70 % davon werden bis heute aus Kohle, Gas und Öl gedeckt, wie NRW.Energy4Climate auf Basis von Zahlen der AG Energiebilanzen ausweist. Die Chemie ist dabei der größte Einzelverbraucher: Auf sie entfallen 27,9 % des industriellen Energiebedarfs in Deutschland.

Ein pragmatischer Ansatz

Dass der Umstieg auch scheitern kann, zeigt der Fall Kelheim Fibres. Der bayerische Viskosefaserhersteller plante den Wechsel von Erdgas auf grünen Wasserstoff; das bayerische Wirtschaftsministerium sprach 2023 von einer Signalwirkung für andere Betriebe. Ende Januar 2026 teilte das Unternehmen mit, den Geschäftsbetrieb zum 31. März einzustellen. In einer Erklärung zu Beginn des Insolvenzverfahren hatte es stark gestiegene Energiepreise und den zunehmenden Wettbewerbsdruck durch preisgünstige Produkte aus Asien als Gründe genannt.

Vor diesem Hintergrund wirkt der Krefelder Ansatz pragmatisch: Er kommt ohne neuen Elektrolyseur und ohne Wette auf künftige Wasserstoffpreise aus. Es genügte eine Leitung zwischen zwei Werkszäunen. Den regulatorischen Weg geht der niederländische Chlorhersteller Nobian, der seinen CAE-Wasserstoff in Rotterdam und Frankfurt als erneuerbar nach den RFNBO-Kriterien der EU zertifizieren ließ. Beide Fälle zeigen: Die Chemiebranche beginnt, ihr Nebenprodukt als Wertstoff zu begreifen. Für die Dekarbonisierung der Prozesswärme ist das ein seltener Fall niedrig hängender Früchte, die nur darauf warten, gepflückt zu werden.

Ein Beitrag von:

  • Magnus Schwarz

    Magnus Schwarz schreibt zu den Themen Wasserstoff, Energie und Industrie. Nach dem Studium in Aachen absolvierte er ein Volontariat und war mehrere Jahre als Fachredakteur in der Energiebranche tätig. Seit Oktober 2025 ist er beim VDI Verlag.

Themen im Artikel

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.