Kreislaufwirtschaft 23.07.2026, 14:30 Uhr

533.000 t Altreifen pro Jahr: Wie vier Konzerne daraus neue Reifen kochen wollen

Alte Reifen werden bislang kaum zu neuen recycelt. Pyrum, BASF, Synthos und Pirelli wollen das ändern: Eine Kette aus vier Stationen soll Alt- in Hochleistungsreifen verwandeln. Wie das funktionieren soll und wo das Konzept Fragen aufwirft.

Gestapelte Altreifen in Gitterboxen

Rohstofflager statt Abfallhalde: Rund 533.000 t Altreifen fallen jährlich in Deutschland an. Bislang endet der Großteil im Zementwerk oder als Granulat.

Foto: picture alliance / Snowfield Photography | D. Kerlekin/Snowfield Photography

Jedes Jahr fallen in Deutschland gewaltige Mengen ausgedienter Reifen an: Rund 533.000 t waren es 2024 nach Angaben des Wirtschaftsverbands der deutschen Kautschukindustrie (wdk). Weltweit summieren sich die Altreifen nach Angaben des Fraunhofer UMSICHT auf etwa 1,5 Mrd. Stück pro Jahr. Auf die Deponie dürfen sie in der EU seit mehr als 20 Jahren nicht mehr, denn Reifengummi verrottet nicht. Stattdessen wandert ein großer Teil als Ersatzbrennstoff in Zementwerke, ein weiterer wird zu Granulat und Gummimehl vermahlen – Material für Spielplatzböden, Sportbahnen oder Bauprodukte. Downcycling nennt die Branche das in Abgrenzung zum Recycling, bei dem aus einem verbrauchten Produkt wieder ein gleichwertiges Pendant wird.

Doch in neue Reifen wird das Altmaterial bislang kaum umgewandelt. Unter Federführung des italienischen Herstellers Pirelli haben sich aber jetzt der Pyrolysespezialist Pyrum, der Chemiekonzern BASF und der Kautschukhersteller Synthos zum Projekt „Tyre-to-Tyre“ zusammengeschlossen, wie die Partner am 22. Juli 2026 mitteilten. Alt- und Ausschussreifen sollen darin zu Ruß, Öl und schließlich zu neuem Synthesekautschuk verarbeitet werden, der wiederum in neuen Reifen steckt; zertifiziert nach dem Nachhaltigkeitsstandard ISCC PLUS. Wie effizient kann das sein?

1: Pyrolyse zerlegt Reifen in Ruß und Öl

Den ersten Verarbeitungsschritt übernimmt die Pyrum Innovations AG im saarländischen Dillingen. Dort landen Altreifen, die deutschlandweit gesammelt werden – unter anderem in Filialen der Pirelli-Handelskette Driver und bei Motorsportveranstaltungen – sowie Ausschussreifen aus dem Pirelli-Werk im hessischen Breuberg, wie die Partner mitteilen.

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Pyrum zerlegt die Reifen per Pyrolyse, also thermische Zersetzung bei hohen Temperaturen unter Ausschluss von Sauerstoff. Dabei entstehen zwei Sekundärrohstoffe:

  • wiedergewonnener Ruß, im Fachjargon recovered Carbon Black (rCB)
  • Reifenpyrolyseöl (TPO)

Den Ruß bereitet Pyrum qualitativ auf und liefert ihn direkt in die europäische Pirelli-Produktion, wo er einen Teil des Industrierußes ersetzen soll. Dass dieses Verfahren gegenüber der Verbrennung CO₂ einsparen kann, hat das Fraunhofer-Institut UMSICHT 2023 untersucht: Demnach spart die pyrolytische Verwertung netto 703 kg CO₂-Äquivalent pro Tonne Altreifen. In Deutschland engagiert sich etwa das AZuR-Netzwerk seit 2020 für diese Art des Recyclings.

Schema Reifenrecycling-Kreislauf
echs Stationen, ein Kreis: Vom gesammelten Altreifen über Pyrolyse, Chemie und Kautschuksynthese zurück ins Reifenwerk. Foto: Pirelli

2: Aus Pyrolyseöl werden Basischemikalien

Während das rCB direkt wieder in die Produktion wandert, geht das Pyrolyseöl an den Ludwigshafener Chemieriesen BASF rund 140 km weiter östlich. Dort fließt es zusammen mit fossilen Rohstoffen in die Produktion von Grundchemikalien wie Butadien und Styrol ein. Diese sind wichtige Bausteine für Synthesekautschuk.

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Weil sich die recycelten und die fossilen Moleküle im fertigen Verbundsystem physisch nicht mehr trennen lassen, arbeitet BASF mit einem Massenbilanzansatz. Der Recyclinganteil wird den erzeugten Chemikalien, den sogenannten Ccycled-Produkten, also rechnerisch zugeordnet. Vergleichen lässt sich das mit der Bilanzierung von Ökostrom im Stromnetz. Die Zertifizierung nach dem Nachhaltigkeitsstandard ISCC PLUS soll das Verfahren kontrollieren.

3: Aus Basischemikalien wird Synthesekautschuk

Die ‚zirkulären‘ Vorprodukte gehen weiter an Synthos. Der Konzern mit Hauptsitz im polnischen Oświęcim ist nach eigenen Angaben Europas größter Hersteller von Synthesekautschuk und produziert an sechs Standorten in fünf europäischen Ländern; in Deutschland im sachsen-anhaltinischen Schkopau auf dem traditionsreichen Buna-Gelände.

Aus den von BASF gelieferten Grundchemikalien erzeugt Synthos jenen Kautschuktyp, der in modernen Pkw-Reifen vor allem in der Lauffläche steckt. Er soll sich ausdrücklich für Hochleistungsreifen eignen, was insofern interessant ist, als gerade hier die strengsten Anforderungen an Grip, Abrieb und Rollwiderstand gelten.

4: Aus Synthesekautschuk werden neue Reifen

Am Ende der Kette steht der Mailänder Konzern Pirelli, über dessen Handelskette „Driver“ auch ein Teil der Altreifen zusammenkommt und der das Projekt koordiniert. In der Produktion laufen beide Stoffströme zusammen: der wiedergewonnene Ruß von Pyrum, der neuen Industrieruß teilweise ersetzt, und der zertifizierte Synthesekautschuk von Synthos. So werden aus Altreifen wieder Neureifen – nach Angaben der Partner ohne Abstriche bei den üblichen Qualitäts- und Performance-Standards.

Für den italienischen Hersteller, der sich als einer der wenigen globalen Konzerne ausschließlich auf das Consumer-Geschäft mit Pkw-, Motorrad- und Fahrradreifen konzentriert, ist das Projekt Teil seiner Positionierung im High-Value-Segment. Eine gewisse Symbolik steckt auch drin: Die Altreifen sollen teils aus dem Motorsport stammen, wo Pirelli seit 2011 alleiniger Reifenlieferant der Formel 1 ist. Ausgediente Rennreifen könnten also bald ein neues Leben in der Serienproduktion bekommen.

Die Branche baut um, aber noch im Pilotmaßstab

Ist der Ansatz der vier Unternehmen neu? Jein. Der deutsche Hersteller Continental kooperiert bereits seit 2022 mit Pyrum und hat 2024 einen Zehn-Jahres-Abnahmevertrag für rCB geschlossen. Im Reifenwerk Korbach enthalten nach Unternehmensangaben bereits alle neu produzierten Gabelstaplerreifen den wiedergewonnenen Ruß von Pyrum.

Die Franzosen von Michelin verfolgen ein ähnliches Modell mit anderen Partnern: Ein Joint Venture mit dem Infrastrukturinvestor Antin und dem schwedischen Pyrolysespezialisten Enviro hat im schwedischen Uddevalla eine Anlage für zunächst 35.000 t Altreifen pro Jahr errichtet; langfristig will das Gespann europaweit 1 Mio. t jährlich verwerten. Und Bridgestone plant in Japan eine Demonstrationsanlage, die 2027 in Betrieb gehen soll.

Die Besonderheit liegt also weniger in der Technik als im Zusammenschluss der vier verschiedenen Akteure. „Dass es jetzt zu einer so klaren Kooperation gekommen ist, ist neu“, bestätigt Christina Guth, Koordinatorin des Branchennetzwerks AZuR, dem auch Pyrum und Synthos angehören. Das Projekt zeige, „dass sich Kreislaufwirtschaft selbst von großen Unternehmen nicht im Alleingang bewerkstelligen lässt.“

Wie viel kann das ausrichten?

Grundsätzlich ist das Potenzial hoch, denn den 533.000 t Altreifen allein in Deutschland stehen bislang Pyrolysekapazitäten im niedrigen fünfstelligen Tonnenbereich gegenüber. Auch der Anteil recycelter Rohstoffe im einzelnen Reifen ist bislang überschaubar – Ruß macht bei einem Pkw-Reifen nach Angaben von Continental je nach Modell 15 % bis 20 % aus, und beim Kautschuk ist der zirkuläre Anteil vom Massenbilanzansatz abhängig, der recycelte Moleküle nur rechnerisch zuordnet.

Die deutsch-italienisch-polnische Kette könnte also durchaus einen bedeutsamen Teil der heute downge- statt recycelten Reifen wieder auf die Straße bringen. Entscheidend dafür ist, wie schnell die Pyrolysekapazitäten wachsen und ob die recycelten Rohstoffe preislich mit fossilen konkurrieren können. „Am Ende muss die Wirtschaftlichkeit überzeugen‘, sagt Guth. ‚Tut sie das, lassen sich diese Konzepte auch skalieren.“

Ein Beitrag von:

  • Magnus Schwarz

    Magnus Schwarz schreibt zu den Themen Wasserstoff, Energie und Industrie. Nach dem Studium in Aachen absolvierte er ein Volontariat und war mehrere Jahre als Fachredakteur in der Energiebranche tätig. Seit Oktober 2025 ist er beim VDI Verlag.

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