Chemiewerk 09.09.2026, 10:38 Uhr

Nach Rettung im April: Leuna Polyamid steht fünf Monate später vor dem Aus

Leuna Polyamid stellt Ende September die Produktion ein. Warum das Chemiewerk nicht einfach abgeschaltet werden kann und andere Firmen betroffen sind.

Ein Mitarbeiter von Domo Chemicals steht während des turnusmäßigen Turnarounds vor Silos.

Im April galt Leuna Polyamid als gerettet. Fünf Monate später endet die Produktion. Was das für Beschäftigte, Anlagen und den Chemiepark bedeutet.

Foto: picture alliance/dpa | Jan Woitas

Im April schien das Chemiewerk in Leuna gerettet. Nun ist die Investorensuche endgültig gescheitert. Ende September soll die Produktion auslaufen. Damit beginnt eine technisch aufwendige Stilllegung – und für andere Unternehmen im Chemiepark stellt sich die Frage, was mit gemeinsam genutzten Stoffströmen und der Ammoniakversorgung passiert.

Update vom 9. September 2026: Die im April gemeldete Rettung von Leuna Polyamid hat nicht gehalten. Die Auffanggesellschaft ist inzwischen selbst insolvent. Nachdem auch die Suche nach einem neuen Investor gescheitert ist, wird die Produktion Ende September eingestellt.

Noch vor fünf Monaten sah es nach einem Neustart aus. Die neu gegründete Leuna Polyamid GmbH hatte zum 1. April wesentliche Vermögenswerte der insolventen Domo Caproleuna übernommen. Mehr als 430 Arbeitsplätze blieben zunächst erhalten. Hinter der Auffanggesellschaft stehen InfraLeuna und Leuna-Harze. Ihr erklärtes Ziel war es, nicht nur die Produktion, sondern auch den Stoffverbund am Standort zu erhalten.

Nun ist klar: Eine dauerhafte Lösung ist daraus nicht geworden.

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Bis Ende September wird noch produziert

Die Anlagen sollen nicht sofort abgeschaltet werden. Nach Angaben von Geschäftsführer Martin Naundorf läuft die Produktion noch bis Ende September, um bestehende Aufträge abzuarbeiten. Anfang Oktober wird die Eröffnung des Insolvenzverfahrens erwartet. Danach sollen die Anlagen innerhalb von etwa 15 bis 20 Tagen kontrolliert heruntergefahren werden.

Damit ist das Werk allerdings noch längst nicht stillgelegt. In Rohrleitungen, Reaktoren und Lagertanks befinden sich weiterhin Chemikalien. Einzelne Prozesse benötigen auch während des Abfahrens Strom oder Wärme. Leitungen müssen entleert, Anlagen gereinigt und Katalysatoren entfernt oder gesichert werden. Erst danach lassen sich Versorgungsanschlüsse schrittweise trennen.

Naundorf rechnet deshalb mit monatelangen Arbeiten. Sollte anschließend ein vollständiger Rückbau notwendig werden, könnte sich dieser über Jahre ziehen. Ein großer Teil der Belegschaft dürfte zunächst weiterhin gebraucht werden, weil gerade beim Herunterfahren das Wissen über Anlagen, Stoffe und Betriebszustände wichtig ist.

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Dass eine Chemieanlage nicht beliebig schnell abgeschaltet werden kann, zeigte sich bereits nach der ersten Domo-Insolvenz. Damals finanzierte Sachsen-Anhalt aus Gründen der Gefahrenabwehr einen Notbetrieb für rund 79,5 Mio. €. Ein geordnetes Herunterfahren war nach damaligen Gutachten erst bei neun bis 18 Tagen mit Temperaturen über 6 °C möglich. Ziel der staatlichen Maßnahme war ausdrücklich die Sicherheit von Menschen und Umwelt – nicht die Finanzierung einer langfristigen Weiterproduktion.

Was in Leuna eigentlich produziert wird

Die häufig verwendete Beschreibung, das Werk produziere „Kunststoff und Dünger“, greift zu kurz. Am Standort läuft eine ganze Kette chemischer Prozesse. Sie reicht unter anderem von Benzol und Cumol über Phenol und Cyclohexanon bis zu Caprolactam. Caprolactam ist noch kein Kunststoff, sondern ein wichtiger Ausgangsstoff für Polyamid 6. Durch Polymerisation entsteht daraus das Material, das beispielsweise für technische Kunststoffe und Fasern eingesetzt wird.

Daneben entstehen beziehungsweise entstanden in den Anlagen unter anderem Aceton, Schwefelsäure und Ammoniumsulfat. Letzteres wird als Düngemittel eingesetzt. Gerade diese Vielzahl an Produkten und Zwischenprodukten erklärt, warum das Produktionsende nicht nur Leuna Polyamid betrifft.

Warum das Aus andere Unternehmen im Chemiepark berührt

Chemieparks sind besonders effizient, wenn Unternehmen ihre Stoff- und Energieströme miteinander verknüpfen. Was bei einem Betrieb als Zwischenprodukt entsteht, kann beim nächsten Betrieb zum Rohstoff werden. Hinzu kommen gemeinsam genutzte Pipelines, Energieversorgung, Tanklager und technische Gase.

Wie stark solche Chemieparks von gemeinsamer Infrastruktur und Pipeline-Netzen profitieren, zeigt auch der ingenieur.de-Beitrag „Die größten Chemieparks der Welt“.

In Leuna gehört die Caprolactamproduktion zusammen mit der TotalEnergies-Raffinerie, der Erzeugung technischer Gase durch Linde und weiteren Unternehmen zum Kern des Stoffverbunds. InfraLeuna führt in seinem eigenen Schema unter anderem Verbindungen für Benzol, Propylen, Wasserstoff und Ammoniak auf.

Fällt Leuna Polyamid aus diesem Geflecht heraus, müssen einzelne Stoffströme neu organisiert werden. So bezieht das Werk nach Angaben von Naundorf Lieferungen von der benachbarten TotalEnergies-Raffinerie. Für diese Mengen müssten künftig andere Abnehmer gefunden werden. Auch der Bedarf an technischen Gasen verändert sich.

Welche wirtschaftlichen Folgen das konkret für einzelne Unternehmen haben wird, lässt sich bislang nicht belastbar beziffern.

Besonders kritisch ist die Ammoniak-Infrastruktur

Ein konkreter Punkt ist bereits bekannt: Leuna Polyamid betreibt Anlagen zur Entladung und Drucklagerung von flüssigem Ammoniak sowie dessen Verteilung am Standort. Dazu gehören nach Angaben des Unternehmens ein Tanklager und ein kleines Pipeline-Netz. Diese Infrastruktur nutzen auch andere Unternehmen.

Ammoniak wird in der chemischen Industrie beispielsweise als Rohstoff oder Hilfsstoff eingesetzt. Auch Anlagen zur Rauchgasreinigung können darauf angewiesen sein. Für den Raffineriekraftwerksbereich in Leuna ist etwa eine Ammoniakversorgung dokumentiert, über die Ammoniak zur Stickoxidminderung an DeNOx-Katalysatoren eingesetzt wird.

Deshalb geht es bei der Stilllegung nicht nur darum, ob Reaktoren und Produktionslinien von Leuna Polyamid weiterbetrieben werden. Es muss auch geklärt werden, was mit Infrastruktur geschieht, die andere Betriebe benötigen.

Nach Angaben von Naundorf wird derzeit geprüft, ob Entladung, Tanklager und Pipeline-Netz für Ammoniak unabhängig von der übrigen Produktion erhalten werden können. Welche Folgen eine Stilllegung dieser Anlagen tatsächlich für andere Unternehmen hätte, ist bislang offen.

Warum scheiterte der Neustart so schnell?

Leuna Polyamid war erst am 1. April gestartet. Bereits am 17. Juni beantragte die Gesellschaft ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung.

Damals verwies das Unternehmen vor allem auf stark gestiegene Rohstoffpreise. Hinzu kamen Vorkasseforderungen wichtiger Lieferanten. Dadurch erhöhte sich der kurzfristige Liquiditätsbedarf erheblich. Die IGBCE sprach im Juni von 439 Beschäftigten und warnte bereits vor einem möglichen Dominoeffekt im mitteldeutschen Industrieverbund.

Die Investorensuche sollte die Finanzierung langfristig stabilisieren. Doch die gesetzte Frist verstrich ohne verbindliches Angebot. Die letzten noch beteiligten Interessenten sagten ab. Als zusätzliche Belastungen wurden steigende Beschaffungskosten und eine schwache Nachfrage genannt.

Damit trifft das Aus einen Standort, der ohnehin unter Druck steht. VDI nachrichten hat die wirtschaftliche Lage im mitteldeutschen Chemiedreieck bereits im Juli ausführlich analysiert. Auch Dow will Produktionsanlagen in Schkopau und Böhlen Ende 2027 schließen.

Welche Rolle spielt Konkurrenz aus China?

Geschäftsführer Naundorf macht darüber hinaus starken Preisdruck durch chinesische Anbieter für die schwierige Lage verantwortlich. Er spricht von gedumptem Material auf dem europäischen Markt.

Dass Dumping bei bestimmten Polyamidprodukten tatsächlich ein Thema ist, hat die EU-Kommission inzwischen bestätigt. Sie verhängte Ende Juli endgültige Antidumpingzölle von 60 bis 67,6 % auf bestimmte Garne aus Polyamiden aus China. Die Untersuchung hatte ergeben, dass diese Produkte zu Dumpingpreisen in die EU gelangten und europäische Hersteller schädigten.

Für Leuna lässt sich daraus allerdings keine direkte Rettungswirkung ableiten. Die bestehenden Zölle betreffen Polyamidgarne und damit eine klar abgegrenzte Produktgruppe. Sie schützen nicht automatisch sämtliche Produkte und Zwischenprodukte der Leunaer Produktionskette.

Naundorf verweist auf mögliche weitere Handelsmaßnahmen. Ob daraus tatsächlich zusätzliche Antidumpingzölle entstehen, für welche Produkte sie gelten würden und wann sie kämen, ist derzeit offen.

Für Leuna Polyamid kommt diese Diskussion ohnehin zu spät. Nach der gescheiterten Investorensuche liegt der Fokus jetzt darauf, die komplexen Anlagen sicher herunterzufahren – und Teile der Infrastruktur zu erhalten, die der restliche Chemiepark weiterhin benötigt. (mit Material der dpa)

Quellen

Ein Beitrag von:

  • Alexandra Ilina

    Alexandra Ilina ist Diplom-Journalistin (TU-Dortmund) und Diplom-Übersetzerin (SHU Smolensk) mit mehr als 20 Jahren Berufserfahrung im Journalismus, in der Kommunikation und im digitalen Content-Management. Sie schreibt über Karriere und Technik.

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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