Trendwende 12.01.2026, 14:00 Uhr

Wohnungen schrumpfen wieder: Was wir daraus lernen

Wohnungen werden erstmals seit Jahrzehnten wieder kleiner. Der Trend verändert Planung, Bau und Energieverbrauch und zwingt Ingenieure zum Umdenken.

Wohnzimmer

Erstmals seit Jahrzehnten schrumpfen die Wohnungen. Das hat verschiedene Ursachen.

Foto: Smarterpix / aaphotograph

Das Wichtigste in Kürze
  • Neubauwohnungen werden seit ca. 2005 wieder kleiner
  • Durchschnittliche Wohnungsgröße sinkt bis 2050 voraussichtlich auf 88,5 m²
  • Haupttreiber: kleinere Haushalte, steigende Preise, städtische Verdichtung
  • Wohnfläche pro Kopf ist der stärkste Hebel beim Energieverbrauch
  • Umbau und Nachverdichtung gewinnen gegenüber Neubau an Bedeutung

Jahrzehntelang folgte der Wohnungsbau in Deutschland einer klaren Logik: steigender Wohlstand, mehr Platz, größere Wohnungen. Diese Entwicklung ist nun gebrochen. Erstmals seit den frühen 2000er-Jahren schrumpft die durchschnittliche Größe neu gebauter Wohnungen – und der Trend dürfte sich fortsetzen. Das zeigen aktuelle Auswertungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Ein Blick auf die Zahlen zeigt die Zäsur

Seit den 1950er-Jahren wuchs die Wohnfläche pro Person in Deutschland nahezu kontinuierlich. 1956 standen jeder Person im Schnitt 18,4 m² zur Verfügung, 2024 waren es bereits 49,2 m². Gleichzeitig stieg die durchschnittliche Wohnungsgröße auf rund 94 m². Dieser Aufwärtstrend galt lange als Indikator für steigende Lebensqualität.

Doch seit etwa 2005 kehrt sich die Entwicklung im Neubau um. Neue Wohnungen werden wieder kleiner. Bleiben Bauzahlen, Abrissraten und aktuelle Trends unverändert, sinkt die durchschnittliche Wohnungsgröße bis 2050 auf rund 88,5 m². Der Effekt ist moderat, aber eindeutig – und erstmals seit Jahrzehnten nicht mehr nach oben gerichtet.

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Wichtig ist die Einordnung: Der Wohnungsbestand schrumpft nicht abrupt. Gebäude sind langlebig, über 87 % der Wohnungen wurden vor dem Jahr 2000 errichtet. Die Trendwende zeigt sich zunächst im Neubau – der Bestand folgt zeitverzögert.

Drei Treiber hinter dem Schrumpftrend

  1. Demografie schlägt Grundrisslogik

Die durchschnittliche Haushaltsgröße in Deutschland ist von 2,9 Personen im Jahr 1961 auf rund zwei Personen gesunken. Der Anteil der Einpersonenhaushalte liegt heute bundesweit bei 41 %, in Großstädten wie Berlin, Hamburg oder München sogar bei rund 50 %.

Dem steht ein Wohnungsbestand gegenüber, der überwiegend aus großen Einheiten besteht. Die meisten Wohnungen verfügen über vier oder mehr Räume, während die meisten Haushalte aus ein oder zwei Personen bestehen. Diese strukturelle Fehlanpassung lässt sich nicht kurzfristig beheben – sie prägt aber die Anforderungen an den Neubau.

  1. Preise erzwingen Flächeneffizienz

Seit 2010 sind Immobilienpreise und Mieten stark gestiegen. Größere Wohnungen werden damit für viele Haushalte schlicht unerschwinglich. Gleichzeitig bevorzugen Investoren kleinere Einheiten, da sie pro Quadratmeter oder pro Raum höhere Erlöse erzielen.

Für den Neubau bedeutet das: Fläche wird zur zentralen Kostengröße. Jeder zusätzliche Quadratmeter erhöht nicht nur Bau-, sondern auch Boden- und Energiekosten. Die Folge sind kompaktere Grundrisse und eine stärkere Standardisierung.

  1. Städtebau und Regulierung fördern Verdichtung

Zahlreiche Kommunen schränken den Neubau von Einfamilienhäusern ein oder setzen gezielt auf Nachverdichtung. Mehrfamilienhäuser benötigen weniger Fläche pro Wohneinheit, verteilen Bodenkosten effizienter und passen besser zu urbanen Klimazielen.

Der Anteil neu gebauter Wohnungen in Mehrfamilienhäusern ist in Deutschland von rund 34 % im Jahr 2001 auf fast 60 % im Jahr 2022 gestiegen. Gleichzeitig nimmt die Zahl der Wohnungen pro Gebäude zu, während die einzelne Wohnung kleiner wird.

Technische Folgen für Planung und Bau

Der Trend zu kleineren Wohnungen ist kein rein architektonisches Thema. Er verändert zentrale technische Anforderungen:

  • Tragwerksplanung: höhere Gebäudedichten, größere Spannweiten, effizientere Lastabtragung
  • Haustechnik: mehr Wohneinheiten pro Gebäude, höhere Anforderungen an Schallschutz, Lüftung und Verteilung
  • Brandschutz: komplexere Flucht- und Rettungskonzepte bei dichter Nutzung
  • Flexibilität: Grundrisse müssen teil- und umnutzbar bleiben, um demografische Veränderungen abzufedern

Kurz: Weniger Quadratmeter pro Wohnung erhöhen die planerische Komplexität pro Quadratmeter.

Kleinere Wohnungen aus Ingenieur- und Bausicht

Aspekt Vorteil Nachteil
Energiebedarf Geringere Heizlast, weniger beheizte Fläche Höhere technische Dichte pro m²
Baukosten Weniger Fläche pro Einheit Komplexere Haustechnik, höhere Planungskosten
Städtebau Effizientere Flächennutzung, höhere Dichte Mehr Konflikte bei Lärm, Brandschutz
Grundriss Kürzere Leitungswege, kompakte Erschließung Weniger Flexibilität bei Nutzungsänderungen
Bestand Teilung großer Wohnungen möglich Umbau statisch und brandschutztechnisch anspruchsvoll
Sozialstruktur Passender für kleine Haushalte Familienbedarf wird schwieriger abzudecken

Umbau wird wichtiger als Neubau

Der Neubau allein kann die strukturelle Schieflage nicht korrigieren. Der Wohnungsbestand ist träge, Abriss und Ersatz erfolgen langsam. Deshalb gewinnt der Umbau bestehender Gebäude an Bedeutung: Teilung großer Wohnungen, Nachverdichtung, Umnutzung von Büro- oder Bestandsflächen.

Für Ingenieur*innen verlagert sich der Fokus zunehmend vom reinen Neubau hin zur Transformation des Bestands – technisch anspruchsvoll, regulatorisch komplex, aber unvermeidlich.

Energie: Fläche ist der stärkste Hebel

Ein zentraler Befund der Studie ist für die Energiedebatte besonders relevant: Die Wohnfläche pro Kopf ist der wichtigste Einflussfaktor auf den Energieverbrauch von Wohngebäuden. Nicht Heiztechnik oder Dämmstandard allein entscheiden über den Verbrauch, sondern vor allem die beheizte Fläche.

Kleinere Wohnungen bedeuten:

  • geringere Heizlast
  • weniger Materialeinsatz
  • niedrigeren Betriebsenergiebedarf

Downsizing wirkt damit unmittelbarer als viele technische Einzelmaßnahmen – ein Aspekt, der in der energiepolitischen Diskussion oft unterschätzt wird.

Hier geht es zur DIW-Studie

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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