So baute Otto Intze Deutschlands erste Talsperren
Otto Intze prägte den Talsperrenbau in Deutschland. Wie seine Bauweise funktioniert und warum viele Staumauern bis heute in Betrieb sind.
Staumauer der Urfttalsperre in der Eifel: Massive Bruchstein-Gewichtsstaumauer nach dem Intze-Prinzip, errichtet Anfang des 20. Jahrhunderts zur Wasserregulierung und Energiegewinnung.
Foto: picture alliance / Jochen Tack | Jochen Tack
Die moderne Wasserwirtschaft in Deutschland trägt an vielen Stellen die Handschrift von Otto Intze. Er prägte den Talsperrenbau wie kaum ein anderer Ingenieur seiner Zeit. Mit seiner Arbeit verschob sich der Wasserbau von einer erfahrungsbasierten Praxis hin zu einer Disziplin, die rechnen, prüfen und systematisch planen konnte. Intze dachte nicht nur in einzelnen Bauwerken, sondern in Prinzipien.
Als Professor in Aachen und zugleich als planender Ingenieur wirkte er an großen Talsperren mit, die Wasserstände regelten, Hochwasser dämpften und die Versorgung von Städten und Industrie absicherten. Gleichzeitig stärkte er den Ingenieurberuf fachlich und gesellschaftlich, unter anderem durch seine Arbeit im Verein Deutscher Ingenieure (VDI). Wer sich heute mit der Geschichte des Wasserbaus beschäftigt, kommt an Intze kaum vorbei.
Inhaltsverzeichnis
- Ein Ingenieur zwischen Hörsaal und Baustelle
- Der Weg über den Behälterbau
- Die Eschbachtalsperre widerlegt ein Vorurteil
- Wie eine Intze-Mauer aufgebaut ist
- Die Urfttalsperre setzt neue Maßstäbe
- Die Möhnetalsperre als Fortführung des Prinzips
- Technik und politischer Einfluss
- Seine Rolle im VDI
- Die Statik hinter der Mauer
- Ein Erbe, das weiter wirkt
Ein Ingenieur zwischen Hörsaal und Baustelle
Otto Adolf Ludwig Intze wurde am 17. Mai 1843 in Laage geboren. Sein Werdegang steht exemplarisch für den technischen Aufbruch des 19. Jahrhunderts. Zunächst ließ er sich zum Zeichner im Eisenbahnbau ausbilden, anschließend studierte er in Hannover Bauingenieurwesen, Maschinenbau und Architektur. Diese Breite prägte sein späteres Arbeiten. Intze dachte nicht in engen Disziplingrenzen, sondern verband Entwurf, Berechnung und Bauausführung.
Früh sammelte er Erfahrung im Ausland. Besonders prägend war seine Tätigkeit für eine englische Firma in Russland. Beim Eisenbahnbau stellte sich dort eine ganz praktische Frage: Wie lässt sich Wasser zuverlässig für Dampflokomotiven bereitstellen? Aus solchen Problemen entwickelte sich sein Interesse an der Behälterstatik. Intze ging häufig vom konkreten Bedarf aus und suchte dafür eine tragfähige Lösung.

1870 erhielt er mit nur 26 Jahren einen Ruf an die damalige Polytechnische Schule in Aachen. Dort übernahm er den Lehrstuhl für Baukonstruktion und Wasserbau. Mehr als drei Jahrzehnte lang prägte er die Entwicklung des Fachs. Von 1895 bis 1898 leitete er die Hochschule als Rektor.
Sein Ansatz blieb dabei konsequent: Technisches Wissen muss sich am Bauwerk bewähren. Dass er parallel zur Professur als beratender Ingenieur arbeiten durfte, war kein Nebenpunkt, sondern Teil dieses Verständnisses.
Wichtige Stationen im Leben von Otto Intze
| Zeitraum | Ereignis / Funktion | Bedeutung |
| 17.05.1843 | Geburt in Laage | Beginn der Biografie |
| ca. 1860er | Studium in Hannover | Fundament in Architektur und Ingenieurwesen |
| vor 1870 | Tätigkeit in Russland | Praxis im Eisenbahn- und Wasserbau |
| ab 1870 | Professur in Aachen | Wissenschaftliche Verankerung |
| 1895–1898 | Rektor der TH Aachen | Leitung der Hochschule |
| 1898 | Mitglied Preußisches Herrenhaus | Politischer Einfluss |
| um 1900 | Geheimer Baurat | Staatliche Anerkennung |
| 28.12.1904 | Tod in Aachen | Ende seines Wirkens |
Der Weg über den Behälterbau
Bevor Intze mit Talsperren hervortrat, machte er sich mit Wasserbehältern und Gasometern einen Namen. Dabei ging es um ein zentrales Problem der damaligen Infrastruktur: Große Wassermengen sollten möglichst hoch gespeichert werden, ohne dass die Konstruktion durch seitliche Kräfte überlastet wird.
Intze löste das nicht durch mehr Material, sondern durch eine andere Formgebung. Der Behälterboden wurde so gestaltet, dass Kräfte gezielt umgelenkt werden. Belastungen konzentrierten sich nicht mehr unkontrolliert, sondern ließen sich konstruktiv beherrschen. Dadurch konnten Konstruktionen leichter und wirtschaftlicher ausgeführt werden.
Diese Denkweise wurde später für den Talsperrenbau entscheidend. Auch dort stand nicht die Masse im Vordergrund, sondern die Frage, wie Kräfte im Bauwerk verlaufen.
Die Eschbachtalsperre widerlegt ein Vorurteil
Ende des 19. Jahrhunderts stand die Industrie im Bergischen Land unter Druck. Im Sommer fehlte Wasser, bei starken Regenfällen drohten Überschwemmungen. Große Talsperren galten dennoch als technisch unsicher.
Intze stellte diese Einschätzung infrage. Er setzte auf massive Gewichtsstaumauern aus Bruchstein. Gemeinsam mit dem Bauunternehmer Albert Schmidt plante er die Eschbachtalsperre bei Remscheid. Die Anlage wurde zwischen 1889 und 1891 errichtet und ging 1892 in Betrieb. Sie gilt als erste Trinkwassertalsperre Deutschlands.
Der entscheidende Unterschied lag in der Herangehensweise. Die Mauer wurde nicht mehr allein nach Erfahrung dimensioniert, sondern auf Grundlage statischer Überlegungen. Ihr Eigengewicht sollte den Wasserdruck sicher aufnehmen. Der gebogene Grundriss verbesserte zusätzlich das Tragverhalten. Damit wurde die Anlage zum Beleg dafür, dass große Talsperren technisch beherrschbar sind.
Eckdaten der Eschbachtalsperre
- Bauzeit: 1889–1891
- Inbetriebnahme: 1892
- Zweck: Trinkwasser, Hochwasserschutz, Niedrigwasserregulierung
- Typ: Gebogene Gewichtsstaumauer aus Bruchstein
- Stauraum: 1,12 Mio. m³
- Modernisierung: 1991–1994

Wie eine Intze-Mauer aufgebaut ist
Das Intze-Prinzip ergibt sich aus mehreren konstruktiven Entscheidungen, die zusammenwirken. Der Querschnitt der Mauer ist annähernd dreieckig. Unten sorgt die große Breite für Stabilität, nach oben wird die Konstruktion schlanker. Diese Geometrie sorgt dafür, dass der Schwerpunkt günstig liegt und Druckkräfte sicher aufgenommen werden können.
Hinzu kommt der gebogene Grundriss. Die Mauer folgt also nicht einfach einer geraden Linie. Die Krümmung trägt dazu bei, Lasten teilweise in die Talflanken abzuleiten. Dieser Effekt ist begrenzt, verbessert aber das Gesamtverhalten der Konstruktion.
Keil aus Lehm als Abdichtung
Ein auffälliges Element ist der sogenannte Intze-Keil, eine Lehmschüttung am wasserseitigen Fuß der Mauer. Er sollte den Anschluss an den Untergrund abdichten, den Mauerfuß schützen und die Sicherheit gegen Gleiten erhöhen. Aus heutiger Sicht wird dieser Ansatz kritisch bewertet. Die Abdichtungswirkung erwies sich langfristig nicht immer als ausreichend, weshalb viele Anlagen später nachgerüstet wurden.
Auch bei den Materialien setzte Intze auf bewährte Lösungen. Bruchstein und Trassmörtel ließen sich gut verarbeiten und erfüllten die Anforderungen an Dauerhaftigkeit. Ergänzt wurde das System durch Drainagen, die Sickerwasser ableiten. Denn entscheidend ist nicht nur, wie viel Wasser eine Mauer zurückhält, sondern auch, wie sie mit eindringendem Wasser umgeht.
Die Urfttalsperre setzt neue Maßstäbe
Mit der Urfttalsperre in der Eifel erreichte der Talsperrenbau eine neue Größenordnung. Die Anlage entstand zwischen 1900 und 1905 und galt bei ihrer Fertigstellung als größte Talsperre Europas.
Sie erfüllte mehrere Aufgaben gleichzeitig. Sie schützte vor Hochwasser, stellte Wasser bereit und diente der Energiegewinnung. Über einen rund 2,7 km langen Stollen wurde Wasser zum Kraftwerk Heimbach geführt, wo ein Gefälle von etwa 110 m zur Stromerzeugung genutzt wurde. Damit wurde deutlich, wie eng Wasserbau und Energieversorgung inzwischen zusammenhingen.
Auch organisatorisch war das Projekt anspruchsvoll. Mehrere hundert Arbeitskräfte waren auf der Baustelle tätig, viele davon aus dem Ausland. Planung, Materialtransport und Bauausführung mussten unter schwierigen Bedingungen koordiniert werden. Solche Projekte verlangten mehr als statische Berechnungen. Sie erforderten ein Verständnis für Abläufe und Zusammenhänge im Bauprozess.
Die Urfttalsperre in Zahlen
| Kennzahl | Wert |
| Höhe der Mauer | 58,5 m |
| Stauraum | 45,5 Mio. m³ |
| Energieerzeugung | ca. 26 GWh pro Jahr |
| Mauerwerk | ca. 135.000 m³ |
Die Möhnetalsperre als Fortführung des Prinzips
Die Möhnetalsperre entstand erst nach Intzes Tod, steht jedoch klar in der Tradition seines Bauprinzips. Sie zeigt, wie stark seine Ansätze den Talsperrenbau im frühen 20. Jahrhundert geprägt haben.
Mit ihrem großen Stauraum gewann sie zentrale Bedeutung für die Regulierung der Ruhr und die Wasserversorgung im Ruhrgebiet. Sie steht damit für den Übergang vom Einzelbauwerk hin zu einer überregionalen Wasserbewirtschaftung.
Die Zerstörung im Jahr 1943 und der anschließende Wiederaufbau zeigen zugleich, wie tragfähig die Bauweise grundsätzlich war. Auch wenn solche Ereignisse nicht rein technisch betrachtet werden sollten, lässt sich daran ablesen, wie robust diese Konstruktionen ausgelegt waren.
Technik und politischer Einfluss
Intze bewegte sich sicher zwischen Technik und Politik. Nach schweren Hochwassern in Schlesien entwickelte er umfassende Schutzkonzepte und arbeitete eng mit staatlichen Stellen zusammen.
Seine Stärke lag darin, technische Lösungen verständlich zu machen und ihren Nutzen klar zu benennen. Er argumentierte nicht nur mit Berechnungen, sondern auch mit Versorgungssicherheit, wirtschaftlicher Entwicklung und öffentlichem Schutz. Das verschaffte ihm Einfluss über die Fachwelt hinaus.
Seine Rolle im VDI
Im VDI trug Intze dazu bei, den Wasserbau als eigenständige Ingenieurdisziplin zu etablieren. Er veröffentlichte Berechnungen und erläuterte seine Bauprinzipien. Dadurch wurde aus Erfahrungswissen schrittweise ein systematisches Regelwerk.
1894 erhielt er die Grashof-Denkmünze. Diese Auszeichnung steht auch dafür, dass der Wasserbau inzwischen als wissenschaftlich fundiertes Feld anerkannt war.
Die Statik hinter der Mauer
Die Grundidee seiner Bauwerke ist einfach formuliert, auch wenn ihre Umsetzung komplex ist. Die resultierende Kraft aus Eigengewicht und Wasserdruck muss innerhalb der Mauersohle verlaufen. Nur dann entstehen keine Zugspannungen, die das Mauerwerk gefährden.
Intze berücksichtigte dabei nicht nur das Kippen oder Gleiten der Mauer, sondern auch Spannungsverteilungen und den Einfluss von Wasser im Untergrund. Eine Staumauer ist nur dann dauerhaft sicher, wenn Bauwerk und Baugrund gemeinsam betrachtet werden.
Ein Erbe, das weiter wirkt
Intze dachte bereits in größeren Zusammenhängen. Seine Talsperren waren Teil eines Systems, das Wasser als Ressource, Schutzfaktor und Energiequelle nutzte.
Heute fällt die Bewertung differenzierter aus. Die ökologischen Folgen solcher Eingriffe werden stärker berücksichtigt als zu seiner Zeit. Auch einzelne technische Lösungen mussten korrigiert werden.
Dennoch haben sich viele seiner Bauwerke bewährt. Seit den 1990er Jahren wurden zahlreiche Anlagen modernisiert und an heutige Anforderungen angepasst. Die Grundsubstanz erwies sich dabei oft als erstaunlich langlebig.
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