Kommt Bauschutt-Recycling mit Hilfe von KI endlich in die Gänge?
Millionen Tonnen Bauschutt landen auf Deponien. Ein KI-System aus Tübingen will das ändern – mit Qualitätskontrolle in Echtzeit.
Ein Bagger reißt ein Gebäude ab. Beim Rückbau fallen große Mengen Bauschutt an, die mit KI-gestützter Sortierung künftig gezielter recycelt und wiederverwertet werden sollen.
Foto: Smarterpix/mc.atolye
Jedes Jahr fallen in Deutschland enorme Mengen an Bauschutt an. Nach Angaben des Umweltbundesamt summiert sich das auf rund 86 Millionen Tonnen. Ein großer Teil landet noch immer auf Deponien. Das ist teuer, verbraucht Fläche und verschwendet Rohstoffe. Gleichzeitig wächst der Druck, Baustoffe klimafreundlicher zu nutzen. Genau hier setzt ein Ansatz aus Tübingen an: künstliche Intelligenz soll Ordnung in den Schutt bringen.
Inhaltsverzeichnis
Warum Recycling im Bau bisher stockt
Recycling-Beton gilt seit Jahren als Hoffnungsträger. Technisch ist vieles möglich, praktisch hakt es oft an der Qualität. Bauschutt ist kein homogener Rohstoff. Betonreste, Ziegel, Asphalt, Holz oder Störstoffe wie Gips kommen in wechselnden Mischungen an.
In vielen Anlagen verlassen sich Beschäftigte deshalb auf Sichtprüfungen und Erfahrungswerte. Die Qualität der recycelten Gesteinskörnungen schwankt entsprechend. Für Betonhersteller ist das ein Risiko. Sie greifen lieber auf Primärrohstoffe zurück.
KI soll Qualität messbar machen
Das Startup Optocycle GmbH will diesen Engpass auflösen. Das Unternehmen entwickelt ein KI-gestütztes System, das Bauschutt direkt im laufenden Betrieb analysiert. Optische Sensoren erfassen Materialströme auf dem Förderband. Algorithmen ordnen die Partikel automatisch zu und bewerten ihre Qualität in Echtzeit.
Unterstützt wird das Projekt von der Deutsche Bundesstiftung Umwelt. Sie fördert die Entwicklung eines Prototyps mit rund 170.000 Euro. Für DBU-Generalsekretär Alexander Bonde ist klar, dass der Blick nicht beim Neubau enden darf. Er sagt: „Die Errichtung neuer Gebäude folgt bereits klaren Vorgaben für mehr Effizienz und Nachhaltigkeit. Gleiches muss künftig auch nach dem Abriss von Häusern und Bauwerken beachtet werden.“
Weg von Bauchgefühl und Stichproben
Optocycle-Mitgründer Max-Frederick Gerken kritisiert den Status quo in der Branche. „Aktuell basiert in der Branche der Aufbereitungsprozess von Bauschutt meist auf subjektiven Schätzungen.“ Hinzu kommen Laboranalysen, die nur Stichproben erfassen und zeitlich verzögert vorliegen.
Das neue System soll diesen Medienbruch vermeiden. Gerken betont: „Mit dem Optocycle-System ist ein Echtzeitmonitoring von Recycling-Gesteinskörnungen möglich. Somit können die Qualität der Körnung verbessert und mehr Material in die Beton-Produktion überführt werden.“
Mehr verwertbares Material, weniger Deponie
Nach Berechnungen des Startups könnte die Technologie den Anteil hochwertiger Recycling-Körnungen um etwa 20 % steigern. Gleichzeitig sollen rund 15 % weniger Reststoffe anfallen, die sonst entsorgt würden. Entscheidend ist dabei die durchgängige Kontrolle: vom Eingang des Bauschutts bis zum fertigen Granulat. Kooperationspartner ist die Heinrich Feeß GmbH, ein Unternehmen mit langjähriger Erfahrung im Baustoffrecycling.
Gerken sieht darin mehr als eine Insellösung. „Die Technologie leistet einen Beitrag für Kreislaufwirtschaft im Bauwesen. Wir helfen dabei, die Qualität von Sekundärrohstoffen zu verbessern, die aus dem Bauschutt gewonnen werden. Diese Lösung lässt sich zudem perspektivisch auf alle Abfallströme übertragen.“
Nachrüsten statt neu bauen
Ein wichtiger Punkt für die Praxis: Das System lässt sich in bestehende Recyclinganlagen integrieren. Laut Optocycle wird die Technik direkt über dem Förderband installiert. Aufwendige Umbauten sind nicht nötig.
Das senkt Investitionskosten und erleichtert die Einführung. Gerken bringt es auf einen einfachen Nenner: „Denn nur wenn das Recycling finanziell machbar ist, kann die Kreislaufwirtschaft in der Baubranche Erfolg haben.“
Klimaschutz durch bessere Stoffkreisläufe
Auch aus Klimasicht ist der Ansatz relevant. DBU-Referent Dr. Volker Berding verweist auf den hohen CO₂-Fußabdruck von Beton. „Die Produktion von immer neuem Beton sorgt für hohen Ausstoß von klimaschädlichen Treibhausgasen.“
Studien des WWF zeigen, dass die Zementherstellung für rund 8 % der globalen Emissionen verantwortlich ist. Berding sagt: „Alles, was zur einer Emissionsreduzierung beiträgt, hat also bereits einen großen Effekt für den Klimaschutz.“
Einordnung: Kein Selbstläufer, aber ein Hebel
KI allein löst das Bauschutt-Problem nicht. Normen, Ausschreibungen und Akzeptanz bei Bauunternehmen spielen weiterhin eine große Rolle. Doch präzise, nachvollziehbare Qualitätsdaten könnten ein entscheidender Hebel sein. Wenn Recyclingmaterial verlässlich messbar wird, verliert es den Ruf des unsicheren Ersatzes. Dann könnte KI tatsächlich helfen, aus Abfall wieder Baustoff zu machen.
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