Sanieren ohne Fassadeneingriff 12.01.2026, 15:30 Uhr

Innendämmung im Denkmal: Wie ein DDR-Ambulatorium KfW-100 erreicht

Denkmalgeschützter Altbau, Innendämmung, KfW-100: Ein DDR-Ambulatorium zeigt, worauf es bauphysikalisch ankommt.

Landambulatorium in Vellahn

Neues Leben für das alte Landambulatorium in Vellahn: Durch die Innendämmmaßnahme konnte die regionaltypische Ziegelsteinfassade originalgetreu erhalten werden.

Foto: UdiDämmsysteme

Das Wichtigste in Kürze
  • Denkmalgeschützter Ziegelbau, Baujahr Ende der 1950er-Jahre
  • Keine Außendämmung möglich – Innendämmung alternativlos
  • Entscheidung nach bauphysikalischer Untersuchung
  • Holzfaserdämmung wegen Feuchtemanagement bevorzugt
  • Erreichter U-Wert der Außenwand: 0,318 W/(m²·K)
  • Energiestandard: KfW-Effizienzhaus 100

Ein langgestreckter Ziegelbau, Mittelgang, links und rechts Behandlungsräume. In Vellahn, einem Ort mit rund 2700 Einwohner in Mecklenburg-Vorpommern, entstand Ende der 1950er-Jahre ein typisches DDR-Ambulatorium. Solche Gebäude waren funktional, robust – und energetisch aus heutiger Sicht problematisch. Mehr als 350 dieser Zentren prägten einst die medizinische Versorgung im ländlichen Raum.

Heute dient das Gebäude einem völlig anderen Zweck. Hinter der original erhaltenen Ziegelfassade befinden sich neun moderne Wohnungen. Energetisch entspricht der Bau dem Standard eines KfW-Effizienzhauses 100. Von außen ist davon nichts zu sehen. Genau das war die zentrale Vorgabe: Denkmalschutz ja – aber ohne Verzicht auf zeitgemäßen Wohnkomfort.

Sanieren ohne Fassadeneingriff

Die größte Hürde war schnell klar. Eine Außendämmung schied aus. Die Fassade steht unter Denkmalschutz, Eingriffe in Erscheinungsbild und Materialität waren ausgeschlossen. Übrig blieb nur eine Lösung: Innendämmung.

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Doch genau hier beginnen die bauphysikalischen Fallstricke. Ziegelmauerwerk aus der Nachkriegszeit ist diffusionsoffen, aber oft ungleichmäßig gemauert. Hinzu kommen wechselnde Feuchtebelastungen, insbesondere durch Schlagregen. Vor allem der Nordgiebel des Gebäudes ist davon regelmäßig betroffen.

Um Risiken zu minimieren, beauftragte der Bauherr ein Energiebüro mit einer unabhängigen Untersuchung. Zur Debatte standen zwei klassische Systeme der Innendämmung: Calciumsilikat und Holzfaser.

Holzfaser statt Calciumsilikat – warum?

Die Entscheidung fiel zugunsten einer Holzfaserdämmung. Ausschlaggebend war weniger der rechnerische U-Wert als das Feuchteverhalten.

Holzfasern können Wasserdampf aufnehmen, zwischenspeichern und wieder abgeben. Bei wechselnden Klimabedingungen wirkt das System als Puffer. Gerade bei Bestandsmauerwerk mit unklarer Feuchtehistorie ist das ein entscheidender Vorteil.

Calciumsilikatplatten sind ebenfalls diffusionsoffen, reagieren aber deutlich empfindlicher auf Ausführungsfehler. Sie benötigen einen sehr ebenen Untergrund und reagieren schneller mit Tauwasserausfall, wenn Randbedingungen nicht exakt eingehalten werden.

Innendämmung im Vergleich

Holzfaser
+ Gute Feuchtepufferung
+ Toleranter gegenüber Unebenheiten
+ Angenehmes Raumklima
– Größere Dämmstärken nötig

Calciumsilikat
+ Hohe Alkalität (Schimmelschutz)
+ Geringere Aufbauhöhe möglich
– Empfindlich bei Verarbeitung
– Geringere Speicherfähigkeit für Feuchte

 

Konstruktion und Ausführung

Insgesamt wurden rund 500 m² Dämmplatten mit einer Stärke von 10 cm verbaut. Die Außenwände sind 36,5 cm stark. Vorarbeiten beschränkten sich auf das Entfernen von Tapeten und losem Putz sowie das grobe Ausgleichen von Schäden im Mauerwerk.

Ein Vorteil des Systems liegt in der elastischen Wandseite der Platten. Unebenheiten von bis zu zwei Zentimetern lassen sich ausgleichen, ohne dass Hohlräume entstehen. Die Befestigung erfolgt mechanisch. Widerhaken im Dämmstoff sorgen für eine kraftschlüssige Verbindung zur Wand. So werden Kältebrücken minimiert.

Auf der raumseitigen Oberfläche kam ein Kalkfeinputz zum Einsatz. Er bleibt diffusionsoffen und unterstützt das Feuchtemanagement des Gesamtsystems.

Das Ergebnis der Sanierungsmaßnahmen: Der U-Wert der gedämmten Wand liegt bei 0,318 W/(m²·K). Für einen Ziegelaltbau ist das ein sehr guter Wert, nahe an heutigen Neubauanforderungen.

Holzfaser-Innendämmung

Insgesamt wurden circa 500 m² Holzfaser-Innendämmplatten in einer Stärke von zehn Zentimetern entlang der 36,5 Zentimeter dicken Außenwände verbaut.

Foto: UdiDämmsysteme

Energieversorgung: robust statt exotisch

Zum Gesamtkonzept gehört eine Holzpelletanlage für Heizung und Warmwasser. Die Wärme wird über eine Fußbodenheizung verteilt, raumweise regelbar. Das passt zum niedrigen Vorlauftemperaturniveau und verbessert die Effizienz.

Die historischen Einscheibenfenster wurden durch Dreifachverglasung ersetzt. Die Sprossenteilung blieb erhalten, selbst bei den aufwendig gestalteten vierflügeligen Fenstern im Erdgeschoss. Technisch neu, optisch unverändert – ein klassischer Kompromiss im Denkmalschutz.

Was außen sichtbar bleibt und was nicht

Von der Umnutzung ist außen kaum etwas zu erkennen. Lediglich an der Rückseite des Gebäudes wurden Schwebebalkone ergänzt. Einige Fensteröffnungen wurden zu Balkontüren erweitert. Im Erdgeschoss führen sie in kleine Gärten. Die Straßenfassade hingegen blieb vollständig unangetastet.

Wann Innendämmung im Denkmal problematisch wird

Diese Punkte entscheiden darüber, ob ein Projekt funktioniert – oder später Schäden produziert:

  1. Feuchtebelastung der Außenwand ungeklärt
  • Schlagregenbeanspruchung nicht bewertet
  • Keine Analyse zu aufsteigender Feuchte
  • Salze im Mauerwerk ignoriert
    → Risiko: Tauwasser, Abplatzungen, Schimmel
  1. Ungeeigneter Wandaufbau
  • Hohlblockziegel, Mischmauerwerk oder stark wechselnde Wandstärken
  • Fehlende Kenntnis über Fugenqualität und Mörteltyp
    → Risiko: ungleichmäßige Temperatur- und Feuchteverteilung
  1. Falsches Dämmsystem gewählt
  • Fokus ausschließlich auf U-Wert
  • Diffusionsoffenheit und Speicherfähigkeit nicht betrachtet
    → Risiko: Kondensat hinter der Dämmung
  1. Mangelhafte Untergrundvorbereitung
  • Lose Putze nicht vollständig entfernt
  • Größere Unebenheiten nicht ausgeglichen
    → Risiko: Hohlräume, Konvektion, lokale Wärmebrücken
  1. Fehlende luftdichte Anschlüsse
  • Übergänge zu Decken, Innenwänden und Fensterlaibungen nicht sauber geplant
  • Keine Detailplanung für Anschlusspunkte
    → Risiko: Feuchteeintrag durch Luftströmung
  1. Ungeeignete Innenbeschichtung
  • Dichte Farben oder Gipsputze auf diffusionsoffener Dämmung
    → Risiko: Feuchtestau an der Grenzfläche
  1. Kein abgestimmtes Lüftungskonzept
  • Nutzungsverhalten der Bewohner*innen nicht berücksichtigt
  • Keine kontrollierte Lüftung bei hoher Dämmwirkung
    → Risiko: erhöhte Raumluftfeuchte, Schimmelbildung
Landambulatorium-Vellahn

Zum Energiekonzept gehören neben dreifach verglasten Fenstern auch eine Holzpellet-Anlage für Heizung und Warmwasser sowie eine raumweise steuerbare Fußbodenheizung.

Foto: UdiDämmsysteme

Bautechnische Einordnung

Das Projekt zeigt exemplarisch, was im Bestand möglich ist, wenn Planung und Bauphysik zusammen gedacht werden. Innendämmung ist kein Allheilmittel. Sie erfordert Analyse, saubere Ausführung und ein System, das Fehler verzeiht.

Der erreichte KfW-100-Standard ist kein Zufall, sondern Ergebnis klarer Prioritäten: Feuchtesicherheit vor Maximaldämmung, robuste Technik vor experimentellen Lösungen. Für viele denkmalgeschützte Ziegelbauten aus der Nachkriegszeit ist das ein realistischer Weg.

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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