Ingenieurpsychologie studieren: Damit die Technik zum Menschen passt
Technik wird immer leistungsfähiger, aber nicht automatisch leichter nutzbar. An dieser Schnittstelle setzt die Ingenieurpsychologie an: Wie müssen Produkte, Systeme und Interfaces gestaltet sein, damit Menschen sie sicher, effizient und gern nutzen?
Ingenieurpsychologie: Wie Produkte und Systeme an den Menschen angepasst werden.
Foto: Smarterpix/Gorodenkoff
Wie sich konkrete Antworten finden lassen, lernen Studierende der Ingenieurpsychologie – eine interdisziplinäre Fachrichtung der angewandten Psychologie.
Inhaltsverzeichnis
- Was ist Ingenieurpsychologie?
- Wo wird Ingenieurpsychologie praktisch angewendet?
- Wo lässt sich Ingenieurpsychologie studieren?
- Welche Studieninhalte werden in der Ingenieurpsychologie vermittelt?
- Für wen ist das Studium etwas – und welche Fähigkeiten sollten Studierende mitbringen?
- Wie sind die Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt?
Was ist Ingenieurpsychologie?
Der Begriff weckt mitunter falsche Assoziationen. Die Disziplin befasst sich weder mit „Psychologie im Ingenieurbüro“ noch mit dem Seelenheil gestresster Technikberufe. „Das sind tatsächlich Vorstellungen, gegen die unser Fach ankämpft,“ weiß auch Dr. Stefan Pfeffer, Studiendekan für den Studiengang Ingenieurpsychologie an der Hochschule Furtwangen.
Im Zentrum dieser Disziplin steht der Mensch an sich – und zwar dort, wo er mit der Technik interagiert. Kurz gesagt: Ingenieurpsychologen bewerten, gestalten und verbessern Technik in Nutzungssituationen. Ein wichtiges Grundprinzip lautet: Nicht der Mensch soll sich der Maschine anpassen, sondern die Maschine dem Menschen. Hierfür nehmen sie diese Wechselbeziehung genau in den Blick.
„Wenn Ingenieur*innen Problemlöser sind, dann sind Ingenieurpsycholog*innen die Problemversteher. Ohne dieses Verstehen lässt sich die richtige Lösung oft gar nicht bauen“, unterstreicht Stefan Pfeffer die Bedeutung.
Wo wird Ingenieurpsychologie praktisch angewendet?
Ingenieurpsychologie ist branchenoffen. In der Praxis wird sie dort wichtig, wo das Nutzerverhalten- und erleben über den Erfolg eines Produkts entscheidet – oder wo Bedienfehler teuer oder sogar gefährlich werden können. Der Studiendekan Pfeffer unterscheidet zwei Bereiche: die physische und kognitive Interaktion.
Die physische Interaktion umfasst alles, was sich am Produkt anfassen lässt, also die Hardware, vom kleinen Bedienelement bis zum großen Flugzeugcockpit. Pfeffer, einst selbst in der Medizintechnik tätig, nennt ein Beispiel aus dem Curriculum: „In Übungen befassen sich die Studierenden mit der Ergonomie von Handgriffen für chirurgische Instrumente. Wie müssen Griffe geformt sein, damit der Kraftaufwand gering bleibt und das Instrument auch über längere OPs komfortabel geführt werden kann? Wie lässt sich ein Design für unterschiedliche Handgrößen entwickeln?“
Die kognitive Interaktion betrifft die Software sowie die Interaktionslogik dahinter. Nutzerführung in Apps oder die Usability von Websites sind selten Zufall, sondern bauen auf Erkenntnissen auf, wie Menschen Informationen wahrnehmen, verarbeiten und Entscheidungen treffen. Ein Anwendungsfeld ist der Automobilsektor: Fahrzeug-Interfaces, die sich per Touch, Gesten oder künftig womöglich mit Blicksteuerung bedienen lassen. Entscheidend ist, dass die Hauptaufgabe – das Fahren – nicht durch unklare Anzeigenkonzepte oder umständliche Interaktion gefährdet wird.
Zudem öffnet sich eine neue Ebene der Mensch-Maschine-Interaktion: der Umgang mit KI. „Human-Centered AI“ ist hier ein zentrales Stichwort, das Pfeffer am Beispiel von Chatbots in sensiblen Kontexten wie Notfall-Hotlines veranschaulicht: Wie müssen KI-Stimmen gestaltet sein, wenn Menschen mit echten Sorgen auf diese Technik treffen? Müssen sie so etwas wie Empathie simulieren? Solche Interaktionen berühren nicht nur Designfragen, sondern auch juristisch-ethische Aspekte.
Wo lässt sich Ingenieurpsychologie studieren?
Wer nach „Ingenieurpsychologie“ sucht, stößt auf Studiengänge mit dem Label „Human Factors“. Beide Begriffe bewegen sich im Feld der Mensch-Technik-Interaktion und werden oft synonym gebraucht. Der feine Unterschied liegt im Zuschnitt zwischen Psychologie, Ingenieurwissenschaft, Informatik und Design.
Im Bachelor lässt sich Ingenieurpsychologie an der Hochschule Landshut und eben an der Hochschule Furtwangen (HFU) studieren. An der HFU schließt ein konsekutiver Master Human Factors an. Weitere Masterangebote gibt es unter anderem an der TU Berlin, der TU Chemnitz und der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.
Daneben gibt es Studiengänge, die nicht ausdrücklich „Ingenieurpsychologie“ heißen, aber ähnliche Schnittstellen abdecken – zum Beispiel:
- Psychologie mit Schwerpunkt Arbeits- und Organisationspsychologie & Verkehrs- und Ingenieurpsychologie (TU Braunschweig, M.Sc.)
- Sensorik und kognitive Psychologie (TU Chemnitz, B.Sc./M.Sc.)
- Psychologie: Arbeit, Technik, Organisation (TU Darmstadt, M.Sc.)
- Psychology: Human Performance in Socio-Technical Systems (HPSTS) (TU Dresden, M.Sc.)
- Menschzentrierte Informatik und Psychologie (MIPsy) (Universität Duisburg-Essen, B.Sc./M.Sc.)
- Psychologie – Cognitive Systems (Universität zu Lübeck, M.Sc.)
- Mensch-Technik-Interaktion (Hochschule Ruhr West, B.Sc./M.Sc.)
- Applied Cognitive Science (Profil im Psychologie-Master) sowie Cognitive Systems (beide Universität Ulm, M.Sc.)
Welche Studieninhalte werden in der Ingenieurpsychologie vermittelt?
So irreführend der Name der Ingenieurpsychologie hinsichtlich ihres Gegenstands wirken mag, inhaltlich ist er Programm: Das Studium verbindet Psychologie und Ingenieurwesen.
Auf der technischen Seite stehen Fächer wie Konstruktionstechnik, Programmieren, Fertigungs- und Werkstofftechnik sowie Elektrotechnik; hinzu kommen mathematische und methodische Basisinhalte.
Daneben erwerben Studierende psychologische und biologische Grundlagen, um Verhalten zu „lesen“ – nicht aus dem Bauch heraus, sondern anhand handfester Parameter. Hier kommt wieder Technik zum Einsatz, etwa wenn Stressreaktionen oder Herzraten gemessen oder Bewegungsabläufe via Motion Capturing sichtbar gemacht werden. Aber auch klassische Methodik: Statistiken und Studien wollen gelesen und verstanden werden.
Ziel ist es, die Studierenden an der Schnittstelle der Disziplinen fit zu machen. „Man erlernt die Sprache der Ingenieur*innen, der Software-Engineers und der Psycholog*innen“, so Pfeffer.
Sind die Grundlagen gelegt, warten die Anwendungsfächer. Dazu zählen etwa Arbeitsorganisationspsychologie, Produktergonomie, Produktdesign, User-Centered Design, Usability-Evaluation und Mensch-Maschine-Interaktion.
Praktische Erfahrungen spielen eine wichtige Rolle. Häufig pflegen die Hochschulen Netzwerke mit Unternehmen in der Region; teils bestehen enge Verbindungen zu bestimmten Branchen. Das erleichtert die Suche nach Partnern für Praxissemester oder Abschlussarbeiten.
Für den HFU-Standort Tuttlingen verweist Pfeffer auf ein „Campusmodell“. Ein wichtiger Baustein ist ein Förderverein, der sich aus der örtlichen Industrie, der Stadt sowie dem Landkreis Tuttlingen zusammensetzt. Zugleich profitiere der Standort von einer Laborlandschaft für praktische Übungen – etwa für Prototyping, VR-Setups oder die Arbeit mit Cobots.
Für wen ist das Studium etwas – und welche Fähigkeiten sollten Studierende mitbringen?
Ingenieurpsychologie ist eine vielfältige Wissenschaft. Interessierte sollten Lust haben, zwischen den Disziplinen zu wandeln. „Ein interdisziplinäres Mindset kann man erlernen“, sagt Dr. Stefan Pfeffer, „allerdings ist es von Vorteil, wenn man grundsätzlich offen und neugierig ist.“
Wer Technik aus der Perspektive der Nutzenden betrachtet, sich für Psychologie in technischen Kontexten interessiert oder gestaltungsaffin ist, für den könnte der Studiengang passen. Ingenieurpsychologen treibt der Anspruch an, Systeme und Komponenten besser – und ein Stück weit „menschlicher“ – zu machen.
Auch ohne herausragende Noten in Mathematik oder ausgeprägte Programmier-Skills ist ein erfolgreicher Einstieg möglich. „Die wichtigsten Grundlagen vermitteln wir in Basiskursen.“ Heißt im Umkehrschluss: Auch darauf sollten Interessierte Lust haben.
Wie sind die Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt?
Grundsätzlich ist das Kompetenzpaket von Ingenieurpsychologen gefragt. Allerdings taucht das Profil nicht immer in den Überschriften von Stellenausschreibungen auf. „Hier müssen Ingenieurpsycholog*innen zwischen den Zeilen lesen“, so Pfeffer. Stichworte, bei denen Suchende hellhörig werden können, sind etwa „Produktmanagement“, „Requirements Engineering“, „Human Factors“, „Usability“ oder „UX-Design“.
Ingenieurpsychologen sind in vielen Branchen tätig – auch wenn die Nachfrage schwanken kann. In der Medizintechnik etwa gebe es einen „regulatorischen Rückenwind“: Unternehmen müssten die Gebrauchstauglichkeit ihrer Produkte nachweisen. Auch die Automobilbranche mit ihrem Fokus auf das „Fahrerlebnis“ ist ein beliebtes Einsatzfeld. Gleichzeitig spiegle sich die schwierige wirtschaftliche Lage in der Besetzung von Entwicklungs- und Forschungsabteilungen wider.
„Vom Start-up über Forschungseinrichtungen und Berufsgenossenschaften bis hin zum Konzern – von unseren Absolvent*innen wissen wir, dass sie vielseitig unterkommen“, fasst Dr. Stefan Pfeffer zusammen.
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